Münchener Theologische Zeitschrift (Katholisch-Theologische Fakultät der LMU München)
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Von der Hoffnung Rechenschaft geben: Linien einer Theologie in Transformation im Gespräch mit den Beiträgen dieses Heftes
In dem Beitrag antwortet der Autor auf die vier Aufsätze, die Themen seiner theologischen Arbeit aufgreifen. Hieraus erklärt sich das besondere Genre der Überlegungen. Zunächst wird der Ansatz einer ‚Theologie in Transformation‘ umrissen, die ausgehend von den Krisen der Gegenwart in Dialog und interdisziplinärer Kooperation die Zeichen der Zeit zu deuten, mögliche Antworten zu entwickeln und Perspektiven der Hoffnung zu eröffnen sucht. Markus Riedenauers Kritik eines ‚Kybernetismus‘ auf greifend verweist er einerseits auf die politische Bedeutung von Dissens, Widerspruch und einer widerständigen kommunikativen Praxis; andererseits auf die Notwendigkeit eines relationalen Denkens, das über Anthropologien der Souveränität hinausweist. Mit Jakob Deibl weist dies auf Figuren einer messianischen Hoffnung, in denen sich der apokalyptische Bruch mit einer messianischen Antizipation von Rettung zu einer ‚schwachen‘, verletzlichen Denk- und Glaubensweise verbindet. Im Gespräch mit Dirk Ansorge und Anselm von Canterbury bezieht der Aufsatz solche Praxis auf den ‚je größeren‘ Gott, der in der Hingabe Jesu am Kreuz die Geschichte von innen her verwandelt und in eine entsprechende Nachfolgepraxis führt. Dem entspricht in Anknüpfung an Margit Eckholt eine performative und transformative, befreiende und interkulturell ausgerichtete Theologie, die in einer synodalen Welt-Kirche Gestalt gewinnt. Solche Theologie bleibt vorläufig und auf dem Weg, als eine widerständige messianische Hoffnung in apokalyptischer Zeit
Offenbarung und epistemologische Flexibilität
Paradoxien prägen die christliche Offenbarung. Eine „paradoxie-sensible Logik“ fordert epistemologische Flexibilität, damit die Materialobjekte der systematischen Theologie angemessen reflektiert und die vielfältigen theologischen Ansätze der Gegenwart ins Ge-spräch gebracht werden können. Diese epistemologische Flexibilität wird im Folgenden über Annäherungen an die Gott-Welt-Relation ausbuchstabiert
‚Sein aus Gott‘ und ‚Sein in Gott‘: Biblisch-theologische Denkimpulse zur relationsontischen Konstitution und narrativen Vermittlung menschlicher Identität
Seit den 1960er Jahren wird vermehrt eine Wirklichkeitskonzeption diskutiert, die da-von ausgeht, dass Relationen den Relata ontologisch vorgeordnet sind. Dieser Ansatz ‚relationaler Ontologie‘ lässt sich mit biblisch-theologischen Einsichten verbinden: Wirklichkeit im eigentlichen Sinne kommt nur dem in sich beziehungsreichen Dreiei-nen Gott zu – und seinen Geschöpfen, insoweit sie auf ihn ausgerichtet sind. An ihrer Bezogenheit auf den Dreieinen Gott hängen ihr Sein und ihre Identität. Vermittelt wird die ontisch wirksame Bezogenheit auf den Dreieinen Gott wesentlich narrativ: durch das promissionale Hineinerzählen in die Geschichte Jesu Christi in, mit und unter der geisterfüllten Verkündigung des Evangeliums, das die Wirklichkeit des Dreieinen Got-tes eröffnet
Patrick Ebert, Offenbarung und Entzug. Eine theologische Untersuchung zur Transzendenz aus phänomenologischer Perspektive, Tübingen: Mohr Siebeck 2020. 775 S., € 149,00. ISBN 978-3-16-159696-4.
Ein Leben im Dienst von Liturgie und Kirche: In memoriam Prof. Dr. Winfried Haunerland (1956–2023)
Am 2. August 2023 verstarb Prof. Dr. Winfried Haunerland nach schwerer Krankheit im Alter von 67 Jahren und wurde am 11. August 2023 auf dem Waldfriedhof in München beigesetzt – im Grab von Joseph Pascher (1893–1979), der zu seinen prägendsten Vorgängern als Münche-ner Liturgiewissenschaftler und Direktor des Herzoglichen Georgianums gehört und maßgeblich an der liturgischen Erneuerung der Kirche im 20. Jahrhundert mitgewirkt hat. Am 24. Oktober 2023 gedachte die Katholisch-Theologische Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität in ei-nem eigenen Requiem ihres verstorbenen Professors. Die daran anschließende Laudatio seines Nachfolgers enthielt die wesentlichen biographischen Daten dieses Beitrags
Strukturen der Sünde? Das Münchener Gutachten und die Frage nach den strukturellen Ursachen sexuellen Missbrauchs in der Kirche
Der Beitrag reflektiert die Frage, inwieweit strukturelle Faktoren sexuellen Missbrauch, sowie nicht-verantwortungsvollen Umgang damit, begünstigen. Es wird argumentiert, dass generelle Tendenzen von Institutionen (etwa der erschwerten Veränderbarkeit) durch theologische Motive und Narrative verstärkt werden. Als besonders gravierend erweist sich die theologische Verschleierung von Macht und der Klerikalismus. Es wird auch erörtert, ob in diesem Zusammenhang die Rede von „Strukturen der Sünde“ berechtigt ist. Leitend ist die Frage, wie Verantwortung strukturell besser verankert werden kann
Wer war schuld? Überlegungen zu Dimensionen der Rede von Schuld beim kirchlichen Missbrauch
In der Debatte um den kirchlichen Missbrauch wurde Schuld von Verantwortungsträgern zumeist bestritten. Der Beitrag geht der Frage nach, (1) ob man sich innerhalb von Organisationen auf die mangelnde Kenntnis relevanter Sachverhalte berufen kann, indem man sich auf Unwissenheit bei Verwaltungsvorgängen beruft, (2) ob man den Zeitgeist als Grund dafür anführen kann, nicht in der Lage gewesen zu sein, ein Unrecht als Unrecht zu erkennen, und (3) ob der Hinweis auf die Etablierung von Regeln ausreicht, um von Schuld freigesprochen werden zu können. Außerdem soll beleuchtet werden, (4) ob eine Organisation berechtigt ist, sich den Opfern gegenüber für das Unrecht, das ihnen entstanden ist, zu entschuldigen, ohne dass die Täter involviert werden. Im Ergebnis zeigt sich, dass die genannten Entschuldigungsstrategien unplausibel sind
„unsere Schuld reicht bis zum Himmel“ (Esra 9,6d): Kirche – Missbrauch – gottesdienstliche(s) Buße und Gedenken in ritualtheoretischer und liturgiewissenschaftlicher Sicht
Sexueller und geistlicher Missbrauch durch Amtsträger bzw. Verantwortliche der Kirche sowie die Strukturen, die ihn begünstigen bzw. mitverursachen, dürfen innerhalb der rituell-gottesdienstlichen Praxis nicht ausgeklammert werden, weil sie die gesamte Glaubensgemeinschaft kontaminieren. Der Beitrag beleuchtet in ritualtheoretischer Perspektive im Ausgang von sogenannten state apologies und in liturgietheologischer Sicht Herausforderungen, die sich daraus ergeben. Ein zentraler Aspekt dabei ist, wie entsprechende Feiern möglichst uneingeschränkt Resonanzräume für die Narrative der Betroffenen werden können
Sakrament und Sakrileg: Zum Gefährdungspotential des sakramentalen Amtes
Der Artikel untersucht die Funktionsweise des sakramentalen Codes in der katholischen Kirche unter einem besonderen Gesichtspunkt: Unter welchen Bedingungen wird sexueller und geistlicher Missbrauch in der Kirche möglich? Betroffen sind vor allem junge Menschen, aber auch Erwachsene, Männer wie Frauen. Nicht zuletzt sind Menschen betroffen, die sich der Kirche besonders verbunden fühlen oder in einem Abhängigkeitsverhältnis zu kirchlichen Oberen leben. Vor dem Hintergrund solcher Missbrauchsszenarien sind die Funktionsformen sakralisierter Macht offenzulegen: die systemische Verbindung von Wahrheit und sakramentaler Kirchenform