Journal für Psychologie (Neuen Gesellschaft für Psychologie - NGfP)
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Method and Subjectivity: A Consideration of the Renewal of Phenomenological Science of Subjectivity
In den letzten Jahrzehnten hat die Aufmerksamkeit für die phänomenologische Methode im Bereich der qualitativen Forschung zugenommen. Dieser Artikel befasst sich mit der Beziehung zwischen Phänomenologie und Psychologie und mit der Frage, wie Methodologie und Subjektivität in den Grundlagen der wissenschaftlichen Forschung miteinander verbunden sind. Der erste Teil des Beitrags diskutiert die Möglichkeit der Anwendung der Phänomenologie in qualitativen Forschungen, die Uneinheitlichkeit der Deutungen von phänomenologischen Beiträgen zur Wissenschaft und das Risiko der Inkompatibilität mit der objektiven Dimension der experimentellen Wissenschaft. Der zweite Teil untersucht die Beziehung zwischen Phänomenologie und Psychologie, insbesondere den Unterschied zwischen phänomenologischer Psychologie und transzendentaler Phänomenologie sowie die Bedeutung der Amsterdam-Vorlesungen zum Verständnis der Philosophie von Edmund Husserl. Der dritte Teil vertieft die epistemologische Kritik von Husserl und untersucht ihren Beitrag zur Entwicklung der phänomenologischen Psychologie als Wissenschaft, die auf einem subjektiven Apriori basiert. Die noetisch-noematischen Komponenten der Erfahrung, einschließlich des verkörperten Selbst als des Ich-Pols jedes intentionalen Phänomens, und die phänomenologische Psychologie als Grundlage für den Aufbau einer streng wissenschaftlichen Psychologie werden diskutiert. Zusammenfassend behandelt dieser Beitrag die Komplexität der Beziehung zwischen Phänomenologie und Psychologie sowie die Notwendigkeit eines sorgfältigen Verständnisses von Methodologie und Subjektivität in der phänomenologischen Forschung.In recent decades, attention to the phenomenological method in the field of qualitative research has increased. This article addresses the relationship between phenomenology and psychology and how methodology and subjectivity are interconnected in the foundations of scientific research. The first part of the article discusses the possibility of applying phenomenology in qualitative research, the lack of uniformity in the interpretations of phenomenological contributions to science, and the risk of incompatibility with the objective dimension of experimental science. The second part examines the relationship between phenomenology and psychology, specifically the difference between phenomenological psychology and transcendental phenomenology, as well as the importance of the Amsterdam lectures for understanding Husserl’s philosophy. The third part delves into Husserl’s epistemological critique and how this led to the development of phenomenological psychology as a science based on subjective apriori. The noetic and noematic components of experience, including the embodied self as the ego pole of every intentional phenomenon, are discussed, as well as how phenomenological psychology can serve as a basis for building a rigorously scientific psychology. In summary, this article addresses the complexity of the relationship between phenomenology and psychology, as well as the need for a careful understanding of methodology and subjectivity in phenomenological research
»Go back!«: Bodily Experiences of Physical Proximity and Vulnerability
Nähe ist ein Bestandteil sozialer Situationen, der im alltäglichen Erleben oftmals wenig explizite Aufmerksamkeit erfährt, aber während der COVID-19-Pandemie auf besondere Weise reflexiv wurde. Anhand von ethnografischen Daten lässt sich zeigen, wie sich das Herstellen und die Vermeidung von Nähe gestaltet, wenn Körper nicht nur als infektiös und damit vulnerabel kodiert werden, sondern darüber hinaus in dieser Verletzlichkeit erlebt werden. In Anlehnung an phänomenologische Konzepte von Maurice Merleau-Ponty und Hermann Schmitz wird diese Erlebensspur rekonstruiert, wobei der Leib im Zentrum der hermeneutischen Auslegungen steht. Das Feld der alltäglichen Transformationen durch die Pandemie dient aber auch einem allgemeineren Erkenntnisinteresse: Wie ist das Erfahren von Nähe in den leiblichen Zugang zur Welt eingebunden? Es wird ein verstehender Zugang zu diesem Erfahrungsaspekt vorgestellt. Mit der Verschränkung phänomenologischer Theorien und Beobachtungsdaten werden Leiblichkeit und Nähe aufeinander bezogen, um eine Perspektive auf soziale Situationen zu ermöglichen, die sich dem Erleben nachvollziehend annähert.Proximity is a component of social situations that often receives little explicit attention in everyday experience but becomes especially poignant during the COVID-19 pandemic. Ethnographic data allow us to demonstrate how proximity is produced and avoided when bodies are not only coded as infectious and thus vulnerable, but also experienced in this vulnerability. Following the phenomenological concepts of Maurice Merleau-Ponty and Hermann Schmitz, this path of experience will be reconstructed with the body at the centre of the hermeneutic interpretations. Furthermore, the field of everyday transformations through the pandemic will serve a more general interest: How is the experience of proximity integrated into the physical approach to the world? An insightful approach to this aspect of experience will be presented. Physicality and proximity are to be related by interweaving phenomenological theories and observational data in order to enable a perspective on social situations that approaches the experience in a comprehensible way
The Human or Posthuman in Psychology? Janina Loh and Ralph Sichler in Conversation
Transund posthumanistisches Denken hat in den letzten Jahrzehnten an Bedeutung gewonnen. Die damit verbundenen Ansätze sind sehr vielfältig, im Zentrum steht eine wie auch immer zu realisierende Transformation der Idee des Menschen und seines Bezugs zur Welt. Das vorliegende Gespräch zwischen Janina Loh und Ralph Sichler ist in diesem gedanklichen Umfeld angesiedelt, wobei Lohs Philosophie sich vor allem aus dem Umkreis des kritisch-posthumanistischen Denkens speist. Der Gedankenaustausch lotet verschiedene Lesarten der Überwindung des traditionellen humanistischen Menschenbilds aus und behandelt mögliche Konsequenzen für die Theorie und Praxis der Psychologie.Transand post-humanist thinking has gained significant weight in recent decades. The associated approaches are quite diverse, the focus is on a transformation of the idea of man and the associated relation to the world. The here presented conversation between Janina Loh und Ralph Sichler is located in this discourse, whereby Loh’s philosophy is nurtured primarily by critical-posthumanistic thinking. The exchange of ideas explores different ways of overcoming the traditional humanistic image of man and is concerned with conceivable consequences for the theory and practice of psychology
On the Phenomenological Orientation in Psychology: Alexandre Métraux in Conversation with Alexander NicolaiWendt
Welche Bedeutung hat phänomenologisches Denken in der Psychologie? Diese Frage lässt sich nicht ohne den Blick sowohl in die komplexe Geschichte der Psychologie als Disziplin als auch der phänomenologischen Bewegung beantworten. Das Gespräch versucht eine angemessene Perspektive zu finden, wobei die Hintergründe der sogenannten phänomenologischen Orientierung in der Psychologie zur Sprache kommen. Von der Geistesgeschichte geht das Gespräch zur grundsätzlicheren systematischen Frage über, welchen Beitrag die Phänomenologie leisten kann. Während die Beschreibung der Erfahrungswelt als ihre Stärke betont wird, bleibt sie ihrerseits ergänzungsbedürftig, denn Phänomenanalysen allein können den Gegenstandsbereich der Psychologie nicht vollständig erschließen. Das Gespräch endet mit dem Blick auf mögliche Ergänzungen der psychologischen Forschung. Die Ansätze der Phänomenologie, beispielsweise von Shaun Gallagher, erweisen sich als nicht unproblematisch. Als Alternative wird die Psychologik Jan Smedslunds angeführt, die die psychologische Theoriebildung auf ihre Redundanz mit lebensweltlichen Gewissheiten überprüft.What is the influence of phenomenological thinking in psychology? An answer to this question requires both considering the complex history of psychology as a discipline and the phenomenological movement. The dialogue tries to find an appropriate perspective, in which the background of the so-called phenomenological orientation in psychology is discussed. From intellectual history, the conversation moves to the more fundamental, systematic plain of the contribution phenomenology can make to psychology. It is emphasised that phenomenology provides an elaborated approach especially for the description of the world of experience. However, it needs to be supplemented because phenomenal analyses alone cannot fully meet the subject area of psychology. The conversation ends with a look at possible additions to psychological research. The approaches of phenomenology, for example, by Shaun Gallagher, prove to be not unproblematic. Jan Smedslund’s psycho-logic, which examines the redundancy of psychological theory formation with real-world certainties, is mentioned as an alternative
»But then we realized: There are these life stories«: Fritz Schütze in Conversation with Paul S. Ruppel and Pradeep Chakkarath
In diesem Interview mit Fritz Schütze liegt der Fokus auf seiner Arbeit in der qualitativen Forschung und der Entwicklung des autobiografisch-narrativen Interviews. Er beschreibt den Weg hin zur Analyse der Strukturen einer Lebensgeschichte und wie dieser Ansatz in der Soziologie aufgenommen wurde. Dabei schildert er, wie es ist, sich als Außenseiter in der eigenen Disziplin zu fühlen. Schütze erläutert, für wen das autobiografisch-narrative Interview geeignet ist, was es braucht, damit eine Lebensgeschichte erzählt werden kann und mit wem die Durchführung eines narrativen Interviews weniger Erfolg verspricht. Ein weiterer Schwerpunkt des Gesprächs ist die Elaboration der Nähe seiner Arbeit zur Psychologie. Worin er Gemeinsamkeiten und Unterschiede sieht, erklärt Schütze insbesondere auch im Hinblick auf die Psychoanalyse. Abschließend nennt er zukünftige Forschungsfelder, die er für das autobiografisch-narrative Interview als besonders relevant ansieht, und betont die soziopolitische Bedeutung autobiografischen Erzählens.This interview with Fritz Schütze focuses on his contribution to qualitative research and the development of the autobiographical narrative interview. He recounts the development of the method of analyzing the structures of a life story and its reception in the field of sociology. In doing so, he describes how it is to feel like an outsider in one’s own discipline. Schütze addresses for whom the autobiographical narrative interview is appropriate, what is required for a life story to be told, and with whom conducting a narrative interview is less likely to be successful. The interview also focuses on the closeness of his work to psychology, on the similarities and differences, especially regarding psychoanalysis. Finally, he specifies the future fields of research for which the autobiographical narrative interview will be particularly relevant and comments on the socio-political significance of autobiographical narrative
Working with disabilities: Negotiations of closeness and distance in a sheltered workshop during the Covid-19 pandemic
Die Abstandsund Hygieneregeln zur Eindämmung der Covid-19-Pandemie im Jahr 2020 führten für viele Menschen zu einem veränderten Arbeitsalltag – auch für Arbeitende mit Behinderungen. Behinderte Menschen gelten als besonders vulnerable Gruppe, die einen erhöhten Schutz vor der Ansteckung mit dem Corona-Virus benötigen; dies machen sowohl wissenschaftliche Studien als auch institutionelle Schutzprogramme deutlich. Der Beitrag beruht auf einer Ethnografie in einer Werkstatt für behinderte Menschen im September 2020. Mithilfe der Dispositivanalyse von Michel Foucault und Erving Goffmans Konzept der Territorien des Selbst werden die alltäglichen Aushandlungen von Nähe und Distanz analysiert. Die Forschungsergebnisse zu den pandemiebedingten Abstandsregeln zeigen auf, wie (schwer) sich eingeübte und verkörperte Alltagsroutinen verändern und es zu teilweise auch konfliktbeladenen Neuaushandlungen der Territorien des Selbst kommt.The regulations on distance and hygiene to contain the corona pandemic in 2020 changed daily work practices for many people – including workers with disabilities. Disabled people are considered particularly vulnerable and in need of increased protection against Covid-19 infection; both scientific studies and institutional protection programs made this clear. The article is based on an ethnography in a sheltered workshop in September 2020. Using Michel Foucault’s dispositif analysis and Erving Goffman’s concept of territories of the self, everyday negotiations of closeness and distance are analysed. The research results show how (difficult) it is for practiced and embodied everyday routines to change and how the territories of the self are being renegotiated, sometimes fraught with conflict
»No one asked me to cumulatively produce scientific miniatures in a standard format«: Jürgen Straub in Conversation with Aglaja Przyborski
Mit Entwicklungslinien der interpretativen Handlungsund Kulturpsychologie startet das Interview, das Aglaja Przyborski mit Jürgen Straub geführt hat: Anhand seines Werdegangs erläutert er Aspekte der Disziplin Psychologie im deutschsprachigen Raum. Straub identifiziert Nischen für Alternativen, aber auch Engführungen zugunsten der dominierenden, szientistisch-nomologischen Wissenschaftsauffassung und in den letzten Jahrzehnten eine Abwendung von benachbarten Disziplinen wie Soziologie, Ethnologie und Philosophie. Er stellt heraus, dass die stark biologisch-neurowissenschaftlich ausgerichtete Psychologie ebenso wenig an interdisziplinären Forschungsund Studienprogrammen der Sozialund Kulturwissenschaften beteiligt ist wie an Theorieund Methodenentwicklungen in der qualitativen Forschung – zum Nachteil des Faches. Im Gespräch wird für wirkliche Vielfalt in der Psychologie plädiert, die an genuin wissenschaftlichen Ansprüchen orientiert ist und sich damit gegen ökonomischen Druck, populistische Verwertungsund pseudo-demokratische »Mitmachprogramme für alle« behauptet. Abschließend werden die Bedeutung einer psychotherapeutisch-inspirierten Empirie sowie das Optimierungsbegehren in der Angewandten Psychologie thematisiert.Aglaja Przyborski’s interview with Jürgen Straub starts with the development of interpretative action and cultural psychology: Based on his career, he explains aspects of the discipline of psychology in the German-speaking world. Straub identifies niches for alternatives, but also a narrowing in favor of the dominant, scientistic-nomological view of science and, in recent decades, a turning away from neighboring disciplines such as sociology, ethnology and philosophy. He emphasizes that psychology, which has a strong biological-neuroscientific orientation, is no more involved in interdisciplinary research and study programs in the social and cultural sciences than it is in theory and method developments in qualitative research – to the detriment of the discipline. In the conversation, a plea is made for real diversity in psychology, oriented towards genuinely scientific claims and thus asserting itself against economic pressure, populist exploitation and pseudo-democratic »participation programs for all«. Finally, the importance of a psychotherapeutic empiricism as well as the desire for optimization in applied psychology are discussed
Going the distance when communicating about the voice: Digital singing lessons during the COVID-19 pandemic
Dieser Beitrag beschäftigt sich mit der Rolle von Nähe und Distanz in der gemeinsamen Koordination musikalischer Praktiken, genauer: in der intersubjektiven Kommunikation über die Stimme im Kontext professionellen Gesangs. Dazu wird vor dem Hintergrund einer phänomenologischen Betrachtung der Stimme, insbesondere ihrem Spannungsfeld von Nähe und Distanz, ein empirischer Blick auf Interaktionsformen in klassischen Gesangsstunden geworfen und im Hinblick auf die (pandemiebedingte) Durchführung von Online-Formaten kontextualisiert. Im Mittelpunkt steht dabei die Analyse der Bedingungen einer weitgehend auf körperlich-leiblicher Nähe konstituierten Interaktionsform, deren Möglichkeiten und Grenzen, die den beteiligten Akteur/innen im Online-Unterricht geboten sind – und die sie zugleich durch die kommunikative Abstimmung ihres Handelns gestalten. Die Ausführungen dieses Beitrags stützen sich, der Idee einer methodischen Triangulation (Flick 2004) folgend, sowohl auf die teilnehmende Beobachtung und Videoaufzeichnungen von Gesangsstunden als auch auf Experteninterviews mit professionellen Opernsänger/innen und Dozent/innen an Musikhochschulen und Konservatorien (in Deutschland, Italien und Österreich), die im Rahmen einer qualitativen Untersuchung über kommunikative Praktiken im Kontext der musikalischen Verwendung der Stimme erhoben und analysiert wurden.This article examines the role of proximity and distance in the joint coordination of musical practices, more precisely: in intersubjective communication about vocal practices in professional singing classes. For this purpose, a phenomenological perspective on the voice, its relation to proximity and distance, will be broadened by an empirical view on forms of interaction in classical singing classes with the implementation of online lessons during the pandemic. The article analyses the conditions of a form of interaction largely based on physical proximity, its possibilities, and limits which the actors involved encounter – and which they change through communication. Following the idea of a triangulation of research methods (Flick 2004), different types of data have been combined to form a multi-perspective approach. This includes Participant observation and video recordings of singing lessons as well as expert interviews with professional opera singers, répétiteurs and teachers at conservatories in Germany, Italy and Austria, which have been collected and analysed in the context of a qualitative study of communicative practices about the musical use of the voice