Journal für Psychologie (Neuen Gesellschaft für Psychologie - NGfP)
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Secondary analysis of qualitative interview data (in Germany) – problems and open issues of a new research strategy
Qualitative Daten stellen eine reichhaltige und oft unausgeschöpfte Quelle von Forschungsmaterial dar. Trotzdem werden sie selten einer erneuten Analyse unterzogen. Die Analyse einer deutschlandweiten Befragung qualitativer Forscher/innen zeigt, dass mit dieser neuen, noch unvertrauten Forschungsstrategie Sekundäranalyse einige Probleme und offene Fragen verbunden werden. Auf der methodologischen Ebene werden die Spezifität sowie die Kontextgebundenheit qualitativer Forschung als Einwände gegen die Sekundäranalyse vorgebracht. Auf der forschungsethischen Ebene wird eine Gefährdung der sich im Interview konstituierenden vertraulichen Beziehung zum Forschungssubjekt befürchtet. Des Weiteren spielen auch Konkurrenzüberlegungen eine Rolle, wenn es darum geht, eigene Daten für eine Sekundäranalyse bereitzustellen. Der Beitrag leistet einen ersten Schritt für die Diskussion über die qualitative Sekundäranalyse, indem er anhand der geführten Experteninterviews die kritischen Aspekte der Sekundäranalyse aufzeigt. Sekundäranalytische Erfahrungen der befragten Forscher zeigen aber auch, dass diese Probleme keine unlösbaren Einwände gegen die Sekundäranalyse darstellen müssen.Qualitative data are a rich and often not fully exploited source of research material. Nonetheless they are seldom reanalysed. The analysis of a nationwide German survey of qualitative researchers shows that there are some concerns and open issues associated with this new and unfamiliar research strategy secondary analysis. On the methodological side specificity and context sensitivity of qualitative research are raised as objections against secondary analysis. On the ethical side concerns relate to an assumed breach of the confidential relationship to the research subject constituted within an interview. Furthermore, considerations concerning competition play also a role when researchers are asked to provide their data for reuse by others. This article provides a first step for a discussion about qualitative secondary analysis (in Germany), by pointing out the critical aspects of secondary analysis based on the conducted expert interviews. But experiences of the interviewed researchers with secondary analysis show as well that these problems do not necessarily constitute unsolvable obstacles
Researcher\u27s reflexivity and qualitative methods in psychology
In der akademischen Psychologie im deutschen Sprachraum wird qualitativ-sozialwissenschaftlicher Methodik heutzutage eine untergeordnete Position zugewiesen. Es lässt sich dort eine zunehmende Hinwendung zu einem naturwissenschaftlich-experimentellen Erkenntnisideal und eine Favorisierung mathematisch-statistischer Auswertungsverfahren beobachten – zugespitzt: eine quantitative Methoden-Orientierung. Qualitativ-sozialwissenschaftliche Methodik steht demgegenüber häufig in epistemologischen Traditionen, in denen forscherseitigen Erkenntnisvoraussetzungen erhöhte Aufmerksamkeit gewidmet wird. Ferner liegt dort ein Interessenschwerpunkt auf subjektiven Auffassungen, Deutungen und Handlungsmustern der Forschungs-»Objekte«, der untersuchten Beteiligten in sozialen Feldern. Der Forscher ist/wird im Rahmen seiner Arbeit selbst Teil des untersuchten Feldes. Die Subjektivitäts- und Interaktionscharakteristik der Erkenntnissituation in den Humanwissenschaften mit ihren personalen und interpersonalen Effekten im epistemologischen System aus Subjekt, Objekt und Forschungsthema kann in der qualitativ-sozialwissenschaftlichen Methodik als Erkenntnisfenster nutzbar gemacht werden. Am Beispiel einer Forschungsarbeit, der teilnehmenden Beobachtung in Meditiations-Gruppen, werden illustrierend gewisse Paradoxien aufgezeigt, die sich auf das Verhältnis von personaler Feldteilnahme und Beobachtung beziehen und die Einfluss auf den Erkenntnisprozess nehmen. Zum anderen lässt sich an diesem Beispiel das Verhältnis der Auseinandersetzung mit einer wissenschaftlichen Fragestellung und deren Rückwirkung auf die eigene Lebenspraxis darstellen und reflektieren.Within academic psychology in the German-speaking countries qualitative methodology plays only a marginal role. Most researchers favour a quantitative methodological orientation with focus on experimental approaches and mathematical or statistical procedures of data analysis. Opposed to this orientation qualitative methodology often stands in epistemological traditions that pay attention to personal preconditions of the researcher and their influence on the research process. Of interest are subjective conceptions, interpretations and patterns of behaviour on the side of the research »objects« as participants in a social field. In the course of the research process the researcher becomes part of this social field as well. The subjective and interactive character of the research process in human sciences and its inter/-personal effects inside the epistemological system of subject, object, and research topic is seen as a source of knowledge in qualitative methodology. With the help of a research project on meditation groups we illustrate how the relationship of participation and parallel observation in a social field influences the course of knowledge production. We also demonstrate the effects of a research project on a researcher’s life
Psychotherapy under the auspices of invocated naturalization of mind
Die Rede von den leib-seelischen Wechselwirkungen ist gängige Münze. Es stellt indes einen gravierenden Mangel dar, dass diese umgangssprachliche Metapher überwiegend unreflektiert Eingang in den medizinischen bzw. psychologischen Sprachgebrauch gefunden hat und auch eine Einigung über die Bedeutung der Grundbegriffe »Natur«, »Materie« und »Geist« unterblieben ist. Selbst auf der elementarsten Ebene bleibt es Geschmacksache, ob »Geist« zur »Natur« gehörig oder als dieser gegenüberstehend betrachtet wird. In den Naturwissenschaften – die Biologie (»Lebenswissenschaften«) eingeschlossen – dominiert heute eine einseitig materialistisch-mechanistische Methodologie. Den Phänomenen des Lebendigen und des Geistigen lässt sich aber nur durch einen, aspektdualistischen Monismus Rechnung tragen. Geistiges wirkt auf Materielles, aber nicht qua Geistiges sondern – indirekt – als Materielles. Dieser Sachverhalt lässt sich allein aspektdualistisch begründen: Jedem geistigen (definitionsgemäß nur einmal gegebenen, unwiederholbaren) Zustand des Denkens, Fühlens, Vorstellen, Erinnerns etc. korrespondiert ein ganz bestimmter Hirnzustand. Die neuerdings von Neurowissenschaftlern unisono verlautbarte Forderung nach Erforschung jenes geheimnisvollen Codes, dessen sich die Natur bei der Transformation von Physischem in Psychisches und vice versa bedient, entpuppt sich unter dieser Prämisse als ein erkenntnistheoretischer Lapsus. Es handelt sich dabei um die unausweichliche Folge des wesensmäßig wissenschafts- und erkenntnisfeindlichen antimetaphysischen Empirismus, dem der Mensch als Maß aller Dinge gilt. Theorieabstinenz in Verbindung mit einer impliziten Berufung auf den »Gesunden Menschenverstand« steht einer gedeihlichen Entwicklung im Wege, ungeachtet der heute allgemein verfügbaren, hoch entwickelten Forschungstechnologie.The phrase of »mind-body interaction« is well established in colloquial speech. Bearing this in mind, one wonders how such a non-scientific every-day metaphor could slip – seemingly unnoticed – into medical and psychological terminology. Furthermore, one cannot help but deplore the highly variable meaning attached to such elementary terms as »nature«, »matter« and »mind«. It even remains a matter of taste whether one allocates »mind« into »nature« or in opposition to it.With the natural sciences – including biology (»life sciences«) materialistic physicalism is predominating. It does seemingly not matter that the phenomenology of life and of mind as well can not be accounted for thereby. Mind cannot act directly upon matter, i.e. not qua mind but only in an indirect manner. The causation is an indirect one (in the sense of Aristotelian Causa finalis), because every mental state (singular and unrepeatable by definition) goes along with a certain brain state. This provable fact is the essence of aspect-dualistic monism.Given this premise, the current programmatic demand from leading neuroscientists, to deciphering that mysterious code used by nature in transforming mind into matter (and vice versa), turns out to be nothing but a embarrassing epistemological fallacy. The present deadlock in neurosciences – of course unacknowledged or even emphatically disputed – represents the inevitable consequence of the doctrine of antimetaphysical empirisms, as it was already proclaimed 2500 years ago by ancient sophism, when man was regarded as measure of everything. A strong dedication to common sense thinking together with a reluctance against the primacy of theory in science seriously impedes any prosperous development. It is self-evident, that such a mental attitude cannot be compensated for by the marvellous technical research tools that have become available nowadays
Science and Story
Im Folgenden möchte ich mich unter anderem auf einen Aufsatz von Martin Heidegger mit dem Titel »Wissenschaft und Besinnung« (1953) beziehen und dabei argumentieren, dass die narrative Forschung den Weg ebnen kann für ein erweitertes und adäquateres Wissenschaftsverständnis, als man es in der Regel in den Sozialwissenschaften vorfindet. Auch Sigmund Freud sah sich schon früh in seiner Karriere mit der Notwendigkeit der Reformulierung des Wissenschaftsbegriffs konfrontiert. Früh erkannte er, dass seine Fallstudien vielmehr den Charakter von Kurzgeschichten annahmen und sie »des ernsten Gepräges der Wissenschaftlichkeit entbehr[t]en«. Beeindruckt davon, dass »die Natur des Gegenstandes« dafür verantwortlich zu sein schien und dass die Mittel der traditionelleren Wissenschaft »nicht zur Geltung« kamen, konzentrierte er seine Arbeit auf die Narration und erschuf und reformulierte die psychoanalytische Theorie. Freud stand vor einem Paradox: Obwohl seine Fallstudien aus der Sicht der damaligen wissenschaftlichen Methodik und Methodologie äußerst fragwürdig waren, brachten sie doch genau das angestrebte Verständnis hervor. Das herkömmliche Verständnis von Wissenschaft stellt sich aus dieser Perspektive auch heute noch als restriktiv und problematisch dar. Eine Umdeutung des Wissenschaftsbegriffs ist angezeigt, weg vom Ausschluss, hin zur Einbeziehung von Geschichten, die, wie uns die narrative Psychologie zeigt, so zentral sind in unseren Versuchen, menschliches Handeln und menschliches Leben im Allgemeinen zu verstehen und zu erklären.Drawing especially on an important essay by Martin Heidegger entitled »Science and Reflection« (1977), it is argued in the present essay that that narrative inquiry can pave the way toward a more expansive and indeed adequate understanding of science than is generally found in the social sciences. This issue was brought to the fore early on in Freud’s career upon his realization that his case studies read like short stories and that they lacked »the serious stamp of science.« Consoled by the fact that »the nature of the subject« was responsible for this and that more traditional scientific procedures «[led] nowhere,« he would continue with such narrative work and, through it, continue to fashion and re-fashion psychoanalytic theory. Freud therefore arrived at something of a paradox: even while by traditional standards his case studies seemed questionable in regard to their scientific utility, it was precisely these studies that yielded the desired understanding. This suggests that the meaning of »science,« as customarily conceived, is problematically restrictive and that it ought to be reconceived in such a way as to include, rather than exclude, the kinds of literary pursuits that narrative psychologists have found to be so central to their efforts to understand and explain the movement of human lives
Open Access: Information crisis … an opportunity for providing information?
Spätestens seit der medienwirksamen Unterzeichnung der »Berlin Declaration on Open Access to Knowledge in the Sciences and Humanities« durch führende Wissenschaftsorganisationen hat die Forderung nach Open Access, dem kostenfreien Zugang zu wissenschaftlichen Zeitschriftenartikeln, auch die deutschen Fachwissenschaften zu erreichen begonnen, so auch die Psychologie. Allerdings sind Erfahrungen mit elektronischem Publizieren im Allgemeinen und ist das Wissen um Open Access als Konzept und als Publikationspraxis im Besonderen immer noch gering. In diesem Beitrag zeichnen wir einige Stationen der Open-Access-Bewegung nach, um dann die Umsetzung der beiden Open-Access-Strategien – das Publizieren in Open-Access-Zeitschriften (der sogenannte »goldene Weg«) und die parallele oder nachträgliche Archivierung von in kostenpflichtigen Zeitschriften veröffentlichten Artikel auf Open-Access-Dokumentenservern (der sogenannte »grüne Weg«) – an einigen Beispielen zu veranschaulichen. Diese Beispiele stehen für einen – allerdings wichtigen – Anfang auf dem Weg, »Wissenschaft als öffentliches Gut« breit zugänglich zu machen.Since the »Berlin Declaration on Open Access to Knowledge in the Sciences and Humanities« was signed by numerous significant scientific organizations in 2003, Open Access – i.e. making publicly funded journal articles available for the public – has received a great deal of press attention and has begun to reach German scientists, as well. But still experiences are missing with electronic publishing in general and more specifically with Open-Access publishing. In this article we provide a brief overview of some important milestones in the Open-Access movement, before discussing the two main strategies of the Open-Access provision: publishing in an Open-Access journal (the so called »gold route«) or self-archiving articles in an open-access repository, possibly in parallel with or after publication in a conventional journal (the so called »green route«). The examples we are drawing on indicate that the process of making (social) sciences a public good is only getting started
You live to learn – (what) do we learn by experience? Subject scientific considerations on the relation between subjective experience and scientific generalization
Gegenüber dogmatischen Setzungen kommt der »Erfahrung« seit der neuzeitlichen Wissenschaft ein (ideologie-) kritisches Motiv zu. Der Bezug auf Erfahrung kann aber auch dazu dienen, Kritik an Praxis abzuwehren. Dieses Problem wird unter den Aspekten des Verhältnisses von Begriffen und Erfahrung und des Verhältnisses von Unmittelbarkeit und Vermitteltheit von Erfahrung diskutiert. Schließlich werden methodologische Aspekte eines subjektwissenschaftlichen Erfahrungsbegriffs erörtert, mit dem der Offizialdiskurs der nomothetischen Psychologie unterminiert und der Weltbezug von Leiden und Therapie unumgänglich wird.Since modern science and when compared to dogmatic assertions »experience« inheres a (ideology-) critical motive. But the reference to experience can also serve to discourage criticism of practice. This problem is discussed with respect to the relation between concepts and experience and to the relation between immediate und socially mediated aspects of experience. Finally, methodological aspects of a subject scientific concept of experience are discussed, with which the official discourse in nomothetic psychology is undermined and the connection of suffering and therapy to life conditions is inevitable