Journal für Psychologie (Neuen Gesellschaft für Psychologie - NGfP)
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You are where I am not, and I am where you are not: Artistic manifestations in experiencing the absence of another
Dieser Artikel reflektiert einen vierjährigen künstlerischen Forschungsprozess zwischen uns, den Choreografinnen Sabrina Huth und Ilana Reynolds. Im Rahmen unseres Projekts Imagined Choreographies kreisen wir um die Frage, wie man einem physisch abwesenden Körper begegnen kann. Was sind die Bedingungen und Modalitäten eines solchen Miteinander-Seins? Und welche Auswirkungen könnte es auf die Art und Weise haben, wie wir heutzutage Beziehungen gestalten? Am Beispiel von drei verschiedenen künstlerischen Manifestationen im Bereich Tanz und Choreografie stellt der Artikel die kreativen Strategien und künstlerischen Forschungsmethoden vor, die wir entwickelt haben, um uns den Fragen anzunähern, wie die Inszenierung alternativer Raum-Zeit-Gefüge und das Erweitern physischer Präsenz über verschiedene Medien und Platzhalter. Unsere Forschungsmethodik konzentriert sich dabei auf das verkörperte Wissen, das aus den Handlungen unserer künstlerischen Praxis hervorgeht, und die Dokumentation dieser Handlungen. Wir haben eine Reihe von Performance-Events inszeniert, ohne je zur gleichen Zeit und am gleichen Ort zusammenzukommen, und ausführliche schriftliche Reflexionen/Beobachtungen angefertigt, die den Arbeitsprozess und die performativen Arrangements begleiten. Unsere künstlerische Forschung im Bereich des zeitgenössischen Tanzes und der Choreografie zielt auf das kreative Potenzial körperlicher Abwesenheit und auf die Frage, wie dies die Imagination und die Fiktion des*der abwesenden Anderen stimulieren und potenziell neue Formen des Miteinanders erzeugen kann. Wir glauben, dass wir mit dieser Arbeit neue Perspektiven auf Diskurse über »körperliche Nähe« nicht nur im künstlerischen Bereich, sondern auch in den Sozialwissenschaften eröffnen können.This article reflects a four-year artistic research process between us, choreographers Sabrina Huth and Ilana Reynolds. In the frame of our artistic research project Imagined Choreographies we circulate around questions of how to encounter a body that is physically absent. What are the conditions and modalities of such a being-with? And what might be its implications for the way we build and shape relationships nowadays? By presenting three different artistic manifestations in the field of dance and choreography, the article articulates the creative strategies and artistic research methods we have developed to address these questions; such as alternative space-time structures and material traces as intermediaries to the absent other. The methodology behind our research strongly focuses on the »act« within our practice, the embodied knowledge produced from those actions, and the documentation of those actions. For example: setting up shared performance events without coming together at the same time and place, developing extensive written reflections/observations and documentation towards the working process and performative setups. As artistic practitioners positioning ourselves in dance and choreography, our research aims to build creative potential for the mind and body to explore layers of imagination, the fiction of another person, and potentially new forms of togetherness. Through this work, we believe to offer new perspectives on discourses around »bodily closeness« within not only the artistic realm but also the social sciences
On the Critique of Psychology: Thomas Slunecko and Gerhard Benetka in Conversation
Anlässlich des 30-jährigen Bestandsjubiläums des Journals für Psychologie thematisieren wir die uns aus heutiger Sicht wesentlichen und bleibenden Momente des seit der Wissenschaftskritik der Studentenbewegung schwelenden Diskurses der Psychologie-Kritik. Im Zentrum steht dabei die Frage, warum diese Kritik den Hauptstrom psychologischen Forschens und Lehrens nur wenig beeinflusst hat und worin sich der nachhaltige Erfolg der von dieser Kritik nur wenig berührten Psychologie begründet. Im Kontext der gegenwärtig die Praxis universitärer Wissenschaft prägenden Maßnahmen zur Qualitätssicherung erweist sich »erfolgreich« allerdings als ambivalenter Begriff. Dies gilt etwa in Hinblick auf Strategien der Dissemination, der Forschungsdokumentation und der öffentlichen Darstellung wissenschaftlicher Erkenntnisse. Im Gespräch über die im Grunde restriktiven Bedingungen von Forschung und Lehre an der Universität wird zumindest in Ansätzen auch auf mögliche Nischen und Alternativen hingewiesen.In celebration of the 30th anniversary of the existence of the Journal of Psychology, we address the essential and persisting factors of the critique of psychology that has been smouldering since the criticism of science of the student movement. The central questions are why this critique has had little influence on the mainstream of psychological research and teaching and what the lasting success of mainstream psychology, which has been only slightly touched by this critique, grounds on. Within the context of the measures for quality assurance of science that currently shape the practice of academic research, »success« proves to be an ambivalent term. This holds true for strategies of dissemination, research documentation and public presentation of research outcomes. While discussing the currently restrictive conditions of research and teaching at the university, we also point out, to some extent, possible niches and alternatives
»We don’t do shit!«: Harald Welzer and Günter Mey in Conversation
In dem von Günter Mey geführten Interview lotet Harald Welzer angesichts der Debatten um gesellschaftlichen Wandel und Zukunftsfragen infolge der Klimakrise die Herausforderungen einer akademischen Psychologie aus. Dabei kartiert er Möglichkeiten und Grenzen sozialwissenschaftlicher Forschung, sowohl mit Blick auf die Wissenschaftsorganisation als auch hinsichtlich der Wissenschaftskommunikation, inklusive einer Einschätzung der Potenziale des Ansatzes der performativen Sozialwissenschaft. Harald Welzer plädiert mit seinen Ausführungen dafür, dass sich Universitäten und akademische Einrichtungen ungeachtet aller Versuchungen populärer Wissenschaftsauffassungen auf ihr Kerngeschäft eines auf der Freiheitsmaxime basierenden Forschungshabitus besinnen.In the interview conducted by Günter Mey, Harald Welzer explores the challenges of academic psychology in light of current social debates and maps the possibilities and limits of science and research, both in terms of organization and science communication, including an assessment of the potential of the performative social science approach. Harald Welzer argues that universities and academic institutions should return to their core business of a research habitus based on the maxim of freedom, regardless of the temptations of popular views of science
Physical Touch in Psychotherapy: Taboo - Necessity - Risk?
Der Beitrag beleuchtet körperliche Berührung als Intervention im psychotherapeutischen Prozess. Es gibt hierzu wenige empirische Daten, die meisten stammen aus den 1990er Jahren. Grundlage des vorliegenden Artikels ist die Master-These (MT) zum Thema Berührung von Bernhard Siller aus dem Jahre 2021. Die Datenerhebung erfolgte als Leitfadeninterviews mit fünf Expert_innen. Die Daten wurden zuerst im Rahmen der MT mittels qualitativer Inhaltsanalyse ausgewertet und für diesen Artikel von einer weiteren Autorin davon unabhängig einer kritisch-hermeneutischen Analyse unterzogen. Als Ergebnis zeigt sich, dass die Expert_innen eine Vielzahl von Einsatzmöglichkeiten für Berührung beschreiben, die als eine wirkungsvolle, einzigartige Intervention mit entsprechenden Indikationen und Kontraindikationen bewertet wird. Auf das mögliche Triggerund Re-Traumatisierungspotenzial und der daraus resultierenden Notwendigkeit, das Prinzip »informed consent« besonders zu beachten, wird hingewiesen. Der in der MT nicht thematisierte Machtaspekt in der therapeutischen Beziehung wird in der kritisch-hermeneutischen Analyse aufgegriffen. Um ein genaueres Bild von den tatsächlichen Benefits und Risiken von leiblicher Berührung zu erhalten, wären aktuelle Befragungen mit Patient_innen notwendig.The article examines physical touch as an intervention in the psychotherapeutic process. There is little empirical data on this, most of which dates back to the 1990s. This article is based on Bernhard Siller’s master’s thesis (MT) on the subject of touch from 2021. The MT data was collected using guided interviews with five experts. The data was evaluated as part of the MT using qualitative content analysis and independently subjected to a critical-hermeneutic analysis for this article by another author. The result is that the experts describe a variety of possible uses for touch, which is evaluated as an effective, unique intervention with corresponding indications and contraindications. The possible trigger and re-traumatization potential and the resulting need to pay particular attention to the principle of »informed consent« are pointed out. The aspect of power in the therapeutic relationship, which is not discussed in the MT, is taken up in the critical-hermeneutic analysis. In order to get a more accurate picture of the actual benefits and risks of physical contact, current surveys with patients would be necessary
Doing Digital Biography: Closeness and ageing in pandemic times
Die Veränderlichkeit und Endlichkeit von Körpern im lebenslangen Alterungsprozess und die gesellschaftlichen Verhältnisse, die diese prädisponieren, adressiert der vorliegende Artikel mit einem Fokus auf Nähebeziehungen im pandemischen Kontext. Materialbasis sind virtuell geführte Gruppendiskussionen mit Menschen zwischen 60 und 80 Jahren. Dabei bildete der virtuelle Raum einen medial vermittelten Begegnungsraum, um Körper retrospektiv (neu) zu lesen. Die erzählten »Körperbiografien« stellen dabei Aushandlungen des alternden Subjekts im Kontext der pandemischen Situiertheit und Handlungsfähigkeit dar. Die Einschränkungen durch die Reglementierungen und Lockdowns, die Konstruktion als Risikogruppe und die daraus resultierende Wahrnehmung von Körperlichkeit wurde von den Teilnehmer*innen in ihrer Ambivalenz reflektiert. Nähebeziehungen werden dabei in besonderer Weise adressiert – durch die Abwesenheit körperlicher Nähe, die Erfahrung von Nähe in virtuellen Räumen und in Form von reflexiven, biografischen (Selbst-)Begegnungen, die sich zwischen Selbstversicherung und transformativen Selbstbildungsprozessen aufspannen.The paper deals with the transformation and finitude of bodies in the lifelong aging process and the social conditions that predispose them focussing on close relationships in a pandemic context. The material was generated during virtually conducted group discussions with people between the ages of 60 and 80. The virtual space formed both a boundary and a space of possibility to (re)read bodies retrospectively. The narrated »body biographies« represent negotiations of the subject in the context of the pandemic situatedness and agency. Participants reflected on the ambivalence of the restrictions imposed by regulations and lockdowns, the construction as a risk group, and the resulting perception of corporeality. The data points to the lack of physical closeness relationships and the possibilities of closeness in virtual spaces. The reflexive, intra-biographical encounters oscillate between self-assurance and transformative processes of self-formation
The soul is the principle of life …«: Karl Bühler’s contribution to anthropological thought
In den 1920er und 1930er Jahren hat sich Karl Bühler ausführlich mit einer Axiomatik der Psychologie und der Sprachtheorie auseinandergesetzt, aber auch implizit mit Fragen nach dem Menschen. Ein Überblick über die Quellen Bühlers – nicht nur wissenschaftliche Artikel oder Bücher von Zeitgenossen, sondern auch der Briefwechsel mit Kollegen aus den unterschiedlichsten Disziplinen – bezeugt sein großes Interesse an weit auseinanderliegenden Wissenschaftsgebieten. Auch Vertreter der Anfang des 20. Jahrhunderts aufkommenden philosophischen Anthropologie, wie die Zeitgenossen Max Scheler, Hans Driesch oder Helmuth Plessner und viele andere »Anthropologen«, die in Handbüchern der philosophischen Anthropologie angeführt werden (wie Aristoteles oder Husserl), werden von Bühler diskutiert. Umgekehrt nehmen zeitgenössische Autoren ihrerseits Gedanken von Bühler in ihren Werken auf. Auf diese Beziehungen soll vor dem Hintergrund einer Rekonstruktion der philosophisch-anthropologischen Grundgedanken Bühlers eingegangen werden.In the 1920s and 1930s, Karl Bühler has contributed to an axiomatics of psychology and to the theory of language, but implicitly also to questions concerning man. An overview of the sources Bühler uses – not only scientific articles or books, but his correspondence with colleagues from all sorts of disciplines as well – shows a genuine interest in a broad range of scientific domains. Representatives of the emerging science of philosophical anthropology at the beginning of the 20th century like Max Scheler, Hans Driesch or Helmuth Plessner and many other »anthropologists« appearing in handbooks of philosophical anthropology (e.g., Aristotle, Husserl) are discussed in Bühler’s work. On the other hand, contemporary authors have dealt with Bühler’s thoughts in their own works, published in the 1920s and 1930s. Such relationships in Bühler’s philosophical-anthropological fundamental thoughts will be reconstructed and discussed in this contribution
The dynamics between the sensorial and symbolic aspects in language: An articulation through Karl Bühler, Lev Jakubinskij, and Lev Vygotsky
In Die Krise der Psychologie (1927) strebt Bühler eine Klärung des Konzepts von Psychologie an. Die drei hierfür unentbehrlichen Aspekte umfassen einen Lebenszusammenhang mindestens zweier Partner. Damit eröffnet Bühler einen Raum theoretischen Fragens pragmatischer Stoßrichtung und macht von hier aus das Phänomen der Sprache zum Paradigma der Untersuchung der Aspekte (Sprachtheorie, 1934). Ein wesentliches Theorieelement ist die Zweifelderlehre mit Zeigund Symbolfeld. Ist das Zeigfeld im Sinnlichen verankert, so führt das Symbolfeld in unanschauliche Sphären – ein qualitativer Ordnungswechsel. Es ist bemerkenswert, dass Bühler einerseits die beiden Felder scharf voneinander abgrenzt, andererseits ihren Zusammenhang nicht zerreißt, sodass eine Dynamik zwischen Sinnlichem und Symbolischem in der Sprache sichtbar wird. Der Beitrag folgt dieser Idee des sinnlich-symbolischen Moments in den zeitgenössischen Arbeiten des Linguisten Jakubinskij und des Psychologen Vygotskij. Der Zusammenhang von Sprache, Körper und Andere/r wird Grundlage der Funktionsweise sprachlicher Symbole. Die Leistung des sprachlichen Symbols wird realisiert, ohne sie dem unkörperlichen und individuellen Denken zuzurechnen und aus der gesellschaftlichen Tätigkeit herauszunehmen.In The Crisis of Psychology (1927), Bühler aims at clarifying the notion of psychology. The three indispensable aspects for that clarification encompass the life context of at least two partners. Therewith, Bühler opens a space of pragmatic questioning which he further pursues in his Theory of Language (1934) where he confers language a pivotal role in his investigation of these aspects. An essential element here is the two-field theory with its deictic and symbolic field. Whereas the deictic field is anchored in the sensorial, the symbolic field leads into abstract, invisible spheres; a qualitative shift from one field to the other. It is remarkable that Bühler distinguishes sharply the two fields, but is not tearing them apart so that a dynamic at play between the sensorial and the symbolic becomes visible. The contribution follows the idea of the sensorial-symbolic moment in the work of two contemporaries of Bühler: the linguist Jakubinskij and the psychologist Vygotsky. The encompassing connections between language, body, and other is shown as basis for the functioning of language symbols. The power of language symbols is realized without attributing them to bodyless, individual thinking and without separating them from societal activity
»I am somewhat saddened that my esteemed colleague could misunderstand me in such a way«: The struggle for Karl Bühler’s theory of color constancy
Karl Bühlers Arbeiten auf dem Gebiet der Farbwahrnehmung spielen in der heutigen Rezeption seines Werkes nur eine untergeordnete Rolle. In diesem Beitrag werden Gründe für diese Situation erörtert. Anhand der lebhaften Kontroverse zwischen Bühler und Bühlers Mitarbeitern auf der einen und David Katz auf der anderen Seite kommen die Schwächen seiner Theorie der Farbenkonstanz und deren wichtige Impulse für die moderne Wahrnehmungspsychologie zur Sprache.Karl Bühler’s work in the field of color perception plays only a minor role in the reception of his work today. This paper discusses reasons for this situation. On the basis of the lively controversy between Bühler and Bühler’s collaborators on the one hand and David Katz on the other hand, the weaknesses of his theory of color constancy and its important impulses for modern perceptual psychology will be discussed
»Experience« that comes to language: Notes on the method of introspection in the school of Würzburg and in microphenomenology
Der vorliegende Text geht davon aus, dass ein großer Teil des Forschungsmaterials der Psychologie auf Daten basiert, die aus der Perspektive der zweiten Person gewonnen sind, das heißt aus der Interaktion zweier oder mehrerer Personen resultieren. Dies wird in Bezug auf die Introspektion anhand von zwei Herangehensweisen thematisiert, die jeweils für sich in Anspruch nehmen, Erleben in einem wissenschaftlich kontrollierten Setting zur Sprache zu bringen. Am Beispiel der Würzburger Schule wird zunächst gezeigt, dass der Prozess des Protokollierens durch den Versuchsleiter in einem dialogischen Aushandeln von Bedeutungen mit der Versuchsperson besteht. Dem methodischen Vorgehen der Würzburger Schule wird hiernach das Setting der Mikrophänomenologie gegenübergestellt. Anders als in der Bühler’schen Denkpsychologie wird hier nicht die Erinnerung an vergangenes Erleben, sondern – dem Anspruch nach – aktuelles bzw. aktualisiertes Erleben untersucht.This essay starts from the assumption that a good part of psychological research material is based on data obtained from the perspective of the second person, i.e., data that results from the interaction of two or more persons. We develop this assumption by means of two »introspective« approaches that both claim to facilitate the transfer of experience into language in a scientifically controlled setting: For the school of Würzburg we demonstrate that the process of protocolling amounts to a dialogical negotiation of meaning between experimenter and subject. We contrast this methodological approach with that of microphenomenology. Different to Bühler’s psychology of thinking, the latter’s ambition is not to recall a fixed past experience, but rather to actualize and unfold it. To take the dialogical moment into account helps us to avoid the confusion of »experience« and »account of experience«. In this light, the term »introspective« seems inappropriate both for the school of Würzburg and for microphenomenology. Regarding both approaches we critically object that they presume a »natural« relation between experience and its expression in language. It is due to this presumption that both have an inherent tendency to misunderstand a class specific way of articulating inner experience as a »natural« expression of this experience or of the phenomena in question, respectively