Journal für Psychologie (Neuen Gesellschaft für Psychologie - NGfP)
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Current Transformations of Teaching and Learning Qualitative Research: A Discussion
Auf kursorische Bemerkungen zu den in den letzten 20 Jahren zu beobachtenden Veränderungen der Thematisierung von Lehren und Lernen qualitativer Forschung folgen von allen Diskussionsteilnehmenden zunächst kurze Erfahrungsberichte, um einige Herausforderungen in und mit der Lehre qualitativer Forschung zu pointieren. Im Anschluss werden nicht nur einige Besonderheiten der qualitativen Forschung aufgrund ihrer Essentials (Offenheit, Kommunikativität, Reflexivität) herausgestellt, sondern vor dem Hintergrund der zunehmenden Didaktisierung und Digitalisierung auch Anforderungen einer erfahrungsbasierten Lehre konkretisiert. Darüber hinaus werden auch Ansprüche dahingehend formuliert, in welcher Weise die Methodenausbildung zu reformieren ist, die nicht nur weit über den Ausbau der hochschulischen Strukturen hinausweisen, sondern auch ein grundsätzlich anderes Verständnis der Gestaltung der Lehr-Lern-Arrangements bedeuten.After remarks on the changes in the discussion about teaching and learning of qualitative research over the last 20 years, all panelists report their experiences to point out some challenges in and with teaching in this field. Subsequently, some unique features of teaching and learning qualitative research are discussed due to its essentials (openness, communication, reflexivity). Regarding the increasing didactization and digitalization, the panelists concretize the requirements of experience-based teaching. They also bring forward affordances for reforming learning and teaching methods, which go far beyond the expansion of university structures and entail a fundamentally different understanding of the design of arrangements for teaching and learning
What Can Phenomenological Psychology Contribute to the Problem of Subject Matter in Psychology?
Was ist der Gegenstand der Psychologie? Mit dieser Frage, der Gegenstandsfrage, ist die vielleicht grundlegendste Frage der theoretischen Psychologie bezeichnet. Der Beitrag der phänomenologischen Psychologie für ihre Untersuchung besteht angesichts des gegenwärtigen Forschungsstandes in der Erhellung der diskursiven Bedingungen, unter denen die Beantwortung der Gegenstandsfrage möglich wird. Zur wissenschaftstheoretischen Erörterung ihres Stellenwertes ist zunächst zu klären, ob die Standarddefinition der Psychologie als der Wissenschaft vom Erleben und Verhalten mit der Vorstellung eines einheitlichen Gegenstandes vereinbar ist. Innerhalb des psychologischen Diskurses sprach man primär über die Notwendigkeit einer Gegenstandsbestimmung und der hierfür geeigneten Grundlagendisziplin. Die methodologische Implikation der Behandlung der Gegenstandsfrage ist die Forderung nach Gegenstandsangemessenheit, welche die Ebene der Modellbildung betrifft. Es wird eine duale Konzeption der Gegenstandsangemessenheit vorgeschlagen, die eine Subjektund eine Objektorientierung in der Funktionsund Erscheinungspsychologie unterscheidet. Diese wird anhand der Forschungsdimensionen der methodischen Strenge, der ontologischen Voraussetzungen und der Ethik der Forschung expliziert. Es ergibt sich eine phänomenologische Fehlertheorie, die auf den gesamten logischen Raum möglicher Antworten auf die Gegenstandsfrage angewandt werden kann.What is the object of psychology? The problem of subject matter in psychology (Gegenstandsfrage), is perhaps the most fundamental question of theoretical psychology. In view of the current state of research, the contribution of phenomenological psychology to its investigation consists primarily in illuminating the discursive conditions under which an answer to the question of psychology’s subject matter becomes possible. In order to discuss its significance in terms of theory of science, it is first necessary to clarify whether the standard definition of psychology as the science of experience and behavior is compatible with the idea of a uniform object. Within psychological discourse, the questions of the necessity of a definition of the subject matter as such and of the appropriate basic discipline for psychology were discussed above all. The methodological implications of the question of the subject matter become tenable in the treatment of the adequacy of the object (Gegenstandsangemessenheit), which concerns the level of modelling. A dual conception of adecquacy of the object is proposed that differentiates a subjectand an object-orientation for the psychology of appearances (Erscheinungspsychologie) and that of functions (Funktionspsychologie). This conception is explicated by discussing the research dimensions of methodical rigor, ontological presuppositions and research ethics. This results in a phenomenological error theory that can be applied to the entire logical space of possible answers to the question of psychology’s subject matter
Transactional Moods and Processes of Individuation
Der Beitrag entwirft in Auseinandersetzung mit aktuellen Debatten in der Stimmungsforschung eine transaktionale und prozesstheoretisch fundierte Perspektive auf Stimmungen als Übergangsphänomene. Zunächst werden einige der prominenten Ansätze in der psychologischen und phänomenologischen Erkundung von Stimmungen und verwandten Phänomenen kritisch diskutiert. Anschließend greift der Beitrag auf Gilbert Simondons Theorie der Individuation zurück und nutzt das dort entwickelte Begriffswerkzeug zu einer Neubetrachtung von Stimmungen. In der kontrastiven Gegenüberstellung von Stimmungsprozessen und Ressentiment wird das Spezifische von stimmungshaften Übergängen abschließend konkretisiert.Against the backdrop of contemporary debates in the field of mood research I develop a transactional and process theoretically informed perspective on mood as transitional phenomenon. I open with a critical discussion of prominent positions in the psychological and phenomenological investigation of moods and related phenomena. Then, I employ Gilbert Simondon’s theory of individuation to develop a conceptual framework that allows me to flesh out a new perspective on moods. By contrasting mood processes with ressentiment I aim to concretise the specifics of ›mooded‹ transitions
Teaching and Learning Reconstructive Research Methods Using Large Language Models in Hybrid Research Workshops? Theoretical and Empirical Findings
Vor dem Hintergrund der verstärkten Aufmerksamkeit für die Lehre qualitativer Methoden und dem darin fortschreitenden Einsatz von künstlicher Intelligenz (KI) geht es in diesem Beitrag um die Frage, inwiefern die Lehre von Verfahren rekonstruktiver Methoden, insbesondere der Dokumentarischen Methode, mittels generativer Sprachmodelle unterstützt werden kann. Der Beitrag beginnt mit einer Differenzierung von Interpretationseinstellungen, -orientierungen und -haltungen sowie der Unterscheidung von Methodenwissen und Methodenkönnen. Die Bedeutung von Forschungswerkstätten als Ort der Lehre von Methodenkönnen wird hervorgehoben und es werden kognitionswissenschaftliche Perspektiven in Bezug auf Forschungswerkstätten diskutiert. Nach einer Rekonstruktion der Möglichkeiten derzeitiger Sprachmodelle wie ChatGPT wird auf der Basis von Gruppendiskussionen zunächst der herkömmliche Workflow qualitativen Forschens empirisch beschrieben und dann eruiert, wie sich die Integration von KI in diese herkömmlichen Interpretationsabläufe gestalten könnte. Der Beitrag schließt mit einer Diskussion über die Potenziale und Herausforderungen der Integration von KI in die Lehre rekonstruktiver Methoden.Against the background of the increased attention to teaching qualitative methods and the progressing use of artificial intelligence (AI), this article deals with the question of to what extent the teaching of practices of reconstructive methods, especially the documentary method, can be supported using AI. The article begins with differentiating interpretive attitudes, orientations, and stances and the distinction between method knowledge and skills. The importance of research workshops as a site for teaching method skills is highlighted and cognitive science perspectives related to research workshops are discussed. After reconstructing the capabilities of current Large Language Models such as ChatGPT, the article first empirically describes the conventional workflow of qualitative research based on group discussions and then explores how AI integration into these conventional interpretive workflows might play out. The article concludes with a discussion of the potential and challenges of integrating AI into the teaching of reconstructive methods
Qualitative Research as an Approach to Orders of Inequality: Insights into the Work of a Research Workshop
In qualitativer Forschung wird die Nähe der Forscher*innen zu ihren Forschungsfeldern als zentral für die Untersuchung sozialer Phänomene veranschlagt. Für die Auseinandersetzung mit Fragen von Differenz und Ungleichheit im Kontext universitärer Lehrer*innenbildung erwachsen daraus Potenziale für eine Transformation des Lehrens und Lernens qualitativer Forschung, die Ungleichheit nicht als externen Gegenstand entwirft, sondern die eigene Involviertheit in machtvolle Ordnungen zum Gegenstand und Bezugspunkt reflexiver Professionalität erklärt. Über den Einblick in die Arbeit einer Forschungswerkstatt im Masterstudiengang Lehramt wird aufgezeigt, wie die Forscher*innen Ungleichheitsordnungen zunächst reproduzieren, es ihnen über reflexive Standortbestimmungen dann aber gelingt, diese offenzulegen und diskutierbar zu machen. Nachgezeichnet wird in diesem Beitrag nicht nur, wie sich ein solcher Perspektivwechsel vollzieht, sondern auch, welche Herausforderungen durch das universitäre Setting bestehen und wie diesen begegnet werden kann, um gesellschaftliche Machtverhältnisse thematisieren und ungleichheitskritische Professionalisierungsprozesse anregen zu können.In qualitative research, the proximity of researchers to their research fields is crucial for the investigation of social phenomena. For the examination of questions of difference and inequality in the context of university teacher education, this enables the potentials for a transformation of teaching and learning in qualitative research, which does not conceive of inequality as an external object, but declares its own involvement in powerful orders as the object and reference point of reflexive professionalism. By means of an insight into the work of a research workshop in a master’s program in teaching, it is shown how the researchers at first reproduce orders of inequality, but then succeed in revealing them and making them discussable using reflexive position-fixing. This article not only traces how such a change of perspective takes place, but also which challenges the university setting poses and how these can be met in order to address social power relations and to stimulate professionalization processes that are critical of inequality
Subjectivity as Critique: Kollektive Methodologie in Phänomenologie und Kritischer Psychologie
Der Begriff der Kritischen Phänomenologie wird in philosophischen Debatten derzeit verstärkt diskutiert. In der psychologischen Forschung verbleibt der kritische Impetus der Phänomenologie jedoch wenig beachtet. Der vorliegende Artikel untersucht daher kritische Potenziale der phänomenologischen Psychologie mithilfe der subjektwissenschaftlichen Kritischen Psychologie, welche die Phänomenologie als wichtige Inspirationsquelle heranzieht. Insbesondere das Insistieren auf den inneren Zusammenhang von Subjektivität, Intersubjektivität und Lebenswelt ebnet unseres Erachtens den Weg für eine selten hervorgehobene, gemeinsame kritische Reflexion der gesellschaftlich-historischen Zusammenhänge, welche konstitutiv für subjektive Erfahrungen sind. Der Modus der Je-Meinigkeit, dem wir uns durch Klaus Holzkamps Studium phänomenologischer Philosophen annähern, unterstreicht, wie letztere eine notwendigerweise kollektive Methodologie zur Erforschung von Subjektivität im Dialog einfordern. Dies veranschaulichen wir empirisch anhand zweier sozialpsychologischer Forschungsprojekte, welche die kritischen Potenziale der Phänomenologie nutzen, um die Erforschung von gemeinsam gelebter Welt zusammen mit ansonsten in der Wissensproduktion und der gesellschaftlichen Entwicklung marginalisierten Gruppen zu ermöglichen: Kleinkinder und Autisten.Recently, the notion of critical phenomenology has gained momentum in philosophical scholarship. Yet, in psychological research, phenomenology’s critical resources remain underdeveloped. In this article, we investigate the critical potential of phenomenological psychology by exploring how phenomenology has been an overlooked source of inspiration for the development of critical psychology. We argue that the phenomenological emphasis on the interrelatedness of subjectivity, intersubjectivity, and lifeworld enables a little acknowledged critical reflection on the role of societal-historical development in shaping subjective experience. Retracing the notion of Je-Meinigkeit through Klaus Holzkamp’s »phenomenological turn,« we find a basis for considering the dialogical processes of qualitative inquiry and recognizing phenomenology as a collective methodology. Finally, we develop these points in an empirical context by discussing two research projects that actualize the critical potential of phenomenology through collective research processes with young children and autistic persons respectively, each of whom remain marginalized in processes of knowledge production and societal development
Qualitative Analysis Methods in Digital Learning Environments: Implementation of an E-Learning Course
Im Rahmen eines Werkstattberichts reflektiere ich die Entwicklung, Umsetzung und Erprobung eines an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf im Jahr 2022 entstandenen Blended-Learning-Konzepts zu qualitativen Auswertungsmethoden der Sozialwissenschaften. Dieses besteht aus einem onlinebasierten Kurs, dessen Module in Präsenzseminare integriert werden, aber auch zur Begleitung eigenständiger Lernprozesse geeignet sind. Neben der Vermittlung qualitativer Auswertungsmethoden umfasst das Angebot erste Einblicke in und das Erproben von Auswertungspraxis durch die Studierenden. Vor dem Hintergrund erster Erfahrungen aus dem Praxiseinsatz werden Herausforderungen und Chancen der Lehre qualitativer Auswertungsmethoden in digitalen Lernumgebungen diskutiert.This article reflects on the development, implementation, and testing of a blended learning course on qualitative data analysis methods which are used in social sciences. The course was created and tested at Heinrich-Heine-University Düsseldorf in 2022. The e-learning offer is an online-based course whose modules can be integrated into face-to-face seminars but can also accompany independent learning processes by students. In addition to teaching qualitative data analysis methods, the course aims to provide students with first insights into the practice of qualitative data analysis. Summing up first experiences from the practical use of the e-learning offer, challenges and opportunities of teaching qualitative data analysis in digital learning environments are also discussed
Existential Phenomenological Research: Eine verstehend-geisteswissenschaftliche Alternative für die Psychologie
In diesem Artikel wird der dominante »naturwissenschaftliche« Ansatz der amerikanischen Psychologie dem »geisteswissenschaftlichen« Ansatz gegenübergestellt, welcher von Dilthey (1894) stammt. Dabei wird der Fokus unserer Disziplin und Kultur problematisiert, primär kausale Erklärungen für menschliches Verhalten zu suchen, da dieser einen Fokus auf die Bedeutung der menschlichen Entscheidung und Verantwortung marginalisiert oder verunmöglicht. Zuerst besprechen wir den historischen Kontext dieses gebräuchlichen Verständnisses der Psychologie. Anschließend begründen wir, dass es einer neuen »Wissenschaftstheorie« bedarf, die in der Lage ist, menschliche Freiheit mit einzubeziehen. Giorgis (1970) Pionierarbeit in der Entwicklung eines solchen »geisteswissenschaftlichen« Ansatzes in der Psychologie wird als Ausgangspunkt genutzt, um die existenzielle, phänomenologische Alternative der psychologischen Forschung zu präsentieren. Dabei wird die zentrale Rolle der Philosophie in diesem Forschungsparadigma mit Rückgriff auf Aristoteles, Brentano, Dilthey und Husserl besprochen. Das ontologische Fundament dieser »existenziellen« Herangehensweise an den Menschen wird mit Bezug auf Heidegger und Sartre dargestellt. Die Überlegungen des Textes werden anhand von Fallbeispielen aus Abschlussarbeiten von Studenten der Universität Dallas illustriert, welche von den beiden Ko-Autoren betreut wurden.The dominant »natural science« approach in American psychology is contrasted with the »human science« approach that hails back to Dilthey (1894). The emphasis both within our discipline and our culture on seeking causal explanations of human behavior is presented as problematic to the extent that it marginalizes and even precludes any focus on human choice and responsibility. We first review the historical context for this received view in psychology, and then proceed to develop the need for a new »theory of science« that is capable of embracing human freedom and transcendence. Giorgi’s (1970) pioneering work in developing the »human science« approach to psychology is used as a platform from which to present the existential phenomenological alternative to psychological research. The essential role of philosophy in this research paradigm is discussed, with reference to Aristotle, Brentano, Dilthey, and Husserl. The ontological foundations for the »existential« approach to the human person is presented through reference to Heidegger and Sartre. Illustrations are presented throughout, drawn from recent senior theses developed at the University of Dallas under the combined supervision of the two co-authors