Journal für Psychologie (Neuen Gesellschaft für Psychologie - NGfP)
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Ethnographic Methods to Analyze Children’s Appropriation of Media Within the Kindergarten
Der Alltag von Kindern ist von Kommunikationsmedien durchdrungen: Bücher, Telefon, Fernseher oder auch Computer mit Programmen zur Frühförderung, die immer häufiger in Kindertagesstätten einziehen. So findet ein Großteil der kindlichen Auseinandersetzung mit Medien(inhalten) und deren Bedeutungen in der sozialen Aushandlung in der Kindertagesstätte statt. Hier agieren Kinder in vielfältigen Referenzrahmen – sowohl mit Gleichaltrigen als auch mit Erwachsenen. Um der kindlichen Alltagswelt gerecht zu werden und sie angemessen untersuchen zu können, empfiehlt der Artikel deshalb eine medienethnographische Studie in der Kindertagesstätte.Die Medienaneignung von Kindern ist als Untersuchungsgegenstand eine nicht zu unterschätzende methodologische und methodische Herausforderung: Deshalb legt der Artikel nah, bereits existierende Methoden, die auf die Forschung mit Erwachsenen ausgerichtet sind, für die spezifische Forschungssituation mit Kindern anzupassen. In diesem Rahmen werden die medienethnographische Methodentriangulation vorgestellt und verschiedene Erhebungs- sowie Auswertungsmethoden im Hinblick auf Handhabung und Anwendbarkeit für die Forschung in Kindertagesstätten anhand einiger empirischer Beispiele diskutiert.Communication media are omnipresent in children’s everyday lives. The children are surrounded by books, telephones, television and computers. Even computers with special software for early learning are increasingly finding their way into kindergarten and playschool. Therefore, a large amount of children’s engagements with media, their formats and their contents, as well as children’s social negotiation of media-related meaning takes place within the kindergarten. In kindergarten children interact within multiple frames of reference – both with peers and with adults. The article therefore proposes an ethnographic approach focussing on media in order to understand and study the children’s everyday world and the meanings they attribute to specific media, their formats and contents.The study of children’s appropriation of media is a methodological challenge that should not be underestimated. Therefore the article suggests adapting existing methods, which are usually employed when researching adults, to the specific research context with children. The article shows why media ethnographic studies that use methodological triangulation are particularly suitable for the research field of the kindergarten and for a range of research topics in preschool children’s media appropriation. Further, different methods of data collection, processing and evaluation are presented. Their usefulness in the research field kindergarten is discussed in relation to some empirical examples
Process theory of parenthood. Basics for the reflection and disclosure of parenthood concepts in research and professional practice
Bislang verfügen Forschung und Berufspraxis über kein expliziertes Elternschaftskonzept, sondern können lediglich auf unhinterfragte Vorstellungen von Elternschaft zurückgreifen, diese hilfsweise systematisieren und durch theoretische Fragmente ergänzen. Statt die Orientierung in Hinblick auf Elternschaft zu verbessern, wird so die Normativität der Diskurse über Elternschaft ungewollt fortgeschrieben. Dieser Beitrag skizziert eine theoretische Beschreibung von Elternschaft, basierend auf der Prozesstheorie von Norbert Elias. Elternschaft wird darin nicht nur als psycho-soziales Prozessphänomen von Individuen verstanden, sondern zugleich als langfristiger psycho-sozialer Metaprozess von Gesellschaften, den Menschen über ihre Beziehungsgeflechte sozialhistorisch miteinander bilden. Über diesen unverzichtbaren Kernprozess der Elternschaft gewährleisten Gesellschaften ihre Generativität und prägen damit jeweils Kanon, zugehörige Ideale und Habitus der Elternschaft.Up to now research and professional practice do not have any consistent theoretical concept of parenthood. Therefore they can only fall back on unquestioned ideas which they try to systemize and amend with theoretical fragments. Instead of improving a theoretical perspective they unwillingly fuel the normative discourse on parenthood. This paper now lines out a theoretical approach to parenthood, based on the process theory by Norbert Elias. Parenthood is not only understood as a psycho-social process of individuals but at the same time as a long-term psycho-social process of societies, in which individuals are socio-historically embedded via their networks. Through this indispensable core-process of parenthood societies ensure generativity and mold standards, ideals and habitus of parenthood
New fathers, old mothers? Parenthood between equality and difference
Im vorliegenden Artikel werden die aktuellen Diskussionen um die Revision des Sorgerechts und des Kindesunterhalts in der Schweiz diskurspsychologisch untersucht. Konkret lassen sich in den untersuchten Dokumenten vier interpretative Repertoires identifizieren: Egalität, Kindeswohl, Ungleichheit von Mutter und Vater und individuelle familiäre Lösungen. Zwischen diesen Repertoires lassen sich deutlich ideologische Dilemmata erkennen: Egalität der Eltern und Ungleichheit zwischen Vater und Mutter widersprechen sich, und die Nichteinmischung des Staates in die familiale Privatsphäre wird durch die hohe Gewichtung des Kindeswohls tangiert. Die Diskursanalyse zeigt, dass sich die ausführlich diskutierte Vorstellung von der Egalität der Eltern nicht durchsetzen kann gegen den verborgenen, nie thematisierten Subtext des Unterschieds zwischen Mutter und Vater. Gelöst wird das Dilemma, indem die diskutierten Ideale und Leitbilder als individuell zu realisierende erklärt werden. Mutter und Kind werden hier in essentialistischer Weise miteinander verknüpft und Veränderungen höchstens in marginaler Weise am Vaterbild zugelassen.This article presents a discourse analysis of recent legislative changes in the fields of child custody and child support in Switzerland. We identified four interpretative repertoires in these documents: Equality of women and men, child’s welfare, inequality of mothers and fathers and individual familial solutions. Between these repertoires, we identified several ideological dilemmas: Equality of women and men directly contradicts the inequality of mothers and fathers, while the principle of governmental non-intervention into the private sphere of the family is being questioned by the high importance attributed to the child’s welfare. This discourse analysis shows that the widely discussed ideal of the equality of women and men does not hold up against the hidden subtext of the inequality of mothers and fathers. The dilemma is solved by declaring the implementation of the ideal of equality as an individual problem. In this reading, mother and child are still connected in an essentialist way, while the image of the father undergoes marginal changes only
Children’s Perspectives: Participation in Social Practice
Der Artikel befasst sich mit der Frage, wie das alltägliche Leben von Kindern mit seinen Problemen, Situationen und Bedingungen aus der Perspektive der Kinder erforscht werden kann. Auf der Grundlage empirischen Materials wird dabei gezeigt, dass zur Untersuchung von Kinderperspektiven deren Partizipation in sozio-materieller Praxis beleuchtet werden muss. Vor diesem Hintergrund werden die alltägliche Lebensführung von Kindern, deren Lernprozesse im Alltag, aber auch Ausgrenzungsprozesse diskutiert. Das empirische Material zeigt, wie auf Kinderperspektiven aufbauende Erkenntnis zu einem Verständnis nicht beabsichtigter Konsequenzen der professionellen Unterstützung von Kindern beitragen kann. Ein solcher Ansatz hinterfragt das herkömmliche Konzept universeller Erkenntnis und verweist auf die Wichtigkeit einer situierten Neugierde auf die Bedeutung des konkreten Zusammenspiels, wenn wir aus der Sicht des Kindes in die soziale Welt blicken.This article takes its point of reference in the challenge of investigating situations, dilemmas or new conditions for being a child from the perspectives of children. The aim is to unfold a theoretical discussion of this problem informed by empirical material from the everyday life of children. Through this it will be argued that to investigate children’s perspectives we must explore and analyze children’s participation in social practice. In this way the article will touch on children’s conduct of life, learning processes related to everyday life and processes of segregation. The empirical material illustrates that knowledge from the perspectives of the children can illuminate how efforts in relation to supporting children may have unintended consequences for the children. This challenges a traditional concept of universal knowledge and points to a situated curiosity about the meanings of concrete interplay when we look “from the child and out in the social world”
Rethinking Children and Society – Children’s concepts of society and socialisation today
Mit Blick auf die aktuell vorherrschende Tendenz der gesellschaftlichen Vereinnahmung von Kindern lassen sich die neuen Forschungsergebnisse als Antwort auf Vergesellschaftungsprozesse von Kindern lesen, die eine andere Qualität der Auseinandersetzung mit der sie umgebenden Welt erfordern. Grundlegend für eine solche Argumentation ist eine Sichtweise, die den Kind-Weltzusammenhang nicht ausblendet und Kinder als Menschen ernst nimmt, die ähnlich den Erwachsenen von der Gesellschaft betroffen sind, an ihr teilhaben und sich mit ihr auseinandersetzen müssen.
Dies eröffnet Möglichkeiten, das Thema Kinder aus bestehenden Beschränkungen zu lösen und den Blick auf die gesellschaftlichen Bedeutungskonstellationen zu richten, die das Leben für Kinder und Erwachsene erschweren. Damit verbunden ist ein Perspektivwechsel in Bezug auf die Möglichkeiten von Kindern der Teilhabe an und Selbstverfügung über ihre/n Lebensbedingungen.This article is based on the question, how research findings on children’s understanding of society can be perceived and integrated with the development of children’s subjectivity against the background of social transformation processes. Scientific examination on this topic lacks most of all an examination of children’s sociality and their subjective development on different levels such as subjective experience, parental position and the constellation of societal conditions.
In view of the currently prevailing tendency to socially monopolize children, the new research results can be read as an answer to socialisation processes of children requiring a new quality of confrontation with the environment. Such an argumentation is based on a point of view that does not ignore the relation between child and world, taking children seriously as human beings affected by, participating in and having to deal with society.
This allows for possibilities to free the subject of children from existing constraints and to focus on the constellations of societal relevance causing problems for children and adults. At the same time it includes a change of perspective concerning opportunities for children to participate in and take responsibility for their living conditions
How do children and juveniles understand the law? Six phases of the development of legal thinking
Der Beitrag richtet sich auf die Entwicklung von Rechtsvorstellungen, einen bislang wenig untersuchten Bereich gesellschaftlichen Denkens. Zunächst werden theoretische Grundlagen zur Konzeption rechtlichen Denkens und zur Beziehung von Recht und Moral diskutiert. Vorgestellt werden dann die Ergebnisse zweier Forschungsprojekte zur Entwicklung des vorrechtlichen und rechtlichen Verständnisses. Insgesamt wurden 170 Kinder und Jugendliche im Alter von 1,5 bis 23 Jahren untersucht. Es lassen sich sechs Phasen rekonstruieren, die von dem Verständnis einseitiger Besitzregeln in der frühen Kindheit bis zu einem prinzipienorientierten Verständnis des Rechts im frühen Erwachsenenalter reichen. Abschließend werden die theoretische Konzeption des Modells sowie seine Grenzen und pädagogische Implikationen diskutiert.The present article is directed towards the development of legal thinking, a domain of societal understanding that has not been explored in depth until now. First, theoretical assumptions with regard to the conception of legal thinking and to the relationship of law and morality are discussed, followed by a presentation of the findings of two research projects that investigated the development of pre-legal and legal understanding. Overall 170 children and juveniles aged 1.5 to 23 years were examined. Six phases were reconstructed that range from the understanding of unilateral possession-rules in early childhood to a principle-based understanding of the law in early adulthood. Finally, the theoretical conception of the model, its limits and its educational implications are discussed
»Mir ging und geht es um eine Anwendung psychologischen Wissens, um die Handlungsrelevanz psychologischer Forschung im Sinne von Campbells ›reform experiments‹.«
Ali Wacker hat hierzulande frühzeitig zur Entwicklung des Gesellschaftsverständnisses gearbeitet. Im vorliegenden Interview rekapituliert er seine wissenschaftliche Biografie von den Studientagen in Köln, Berlin und Bochum bis zu seiner Tätigkeit als Professor der Psychologie an der Universität Hannover. Dabei wird deutlich, wie sein Interesse am Gesellschaftsverständnis von Kindern entstanden ist und welche Verbindungen es zu seiner langjährigen Beschäftigung mit einer Psychologie der Arbeitslosigkeit gibt, gerade auch in Form von Dokumentationen zu einem ihrer Klassiker – der „Marienthalstudie“. Von offenkundig großer Bedeutung waren die 68er Bewegung und die damit verknüpften wissenschaftlichen und praktischen Versuche, eine emanzipatorische Psychologie zu schaffen. Breiten Raum nimmt der Rückblick auf Wackers einschlägigen Sammelband „Die Entwicklung des Gesellschaftsverständnisses bei Kindern“ aus dem Jahre 1976 ein. Das Interview stellt nicht zuletzt ein Dokument zur Geschichte der bundesrepublikanischen Psychologie der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts dar.Ali Wacker has worked early on the ontogenesis of societal understanding in Germany. In the present interview he recapitulates his scientific biography from his student’s days in Cologne, Berlin and Bochum up to his activity as a professor of psychology at the University of Hannover. It becomes clear how his interest in the societal understanding of children developed and which connections exist to his longtime engagement with a psychology of unemployment, in particular also in form of documentations on one of its classics – the study on Marienthal. Evidently the 68 revolt and the scientific and practical efforts linked with it to create an emancipatory psychology were of great importance. Much space is given to a retrospect on Wacker’s relevant anthology “Die Entwicklung des Gesellschaftsverständnisses bei Kindern” (“The development of children’s societal understanding”) from the year 1976. The interview is not least a document on the history of psychology in West Germany in the second half of the 20th century
Self and Other in the Psychological Study of Technology
Der Artikel untersucht den Stellenwert der Ersten-Person-Perspektive für das konzeptuelle Verständnis menschlicher Subjektivität und Intersubjektivität in der psychologischen Technikforschung. In einem ersten Schritt wird das mechanistische Wirkungsdenken und die verbreitete Ausblendung der subjektiven Dimension menschlicher Lebenspraxis in der heutigen Psychologie beschrieben und gezeigt, warum die damit einhergehende Forschung die Bedeutung der Technik für die Lebensführung der Menschen nur unzureichend untersuchen kann. Daraufhin wird begründet, warum ein präzisiertes konzeptuelles Verständnis des Ichs und des Anderen den Einbezug der Ersten-Person-Perspektive erfordert, und zudem werden Grundprinzipien einer dialektischen Technikforschung vom Standpunkt des Subjekts ausskizziert.The article explores the significance of the first-person perspective for the conceptual understanding of self and other in the psychological study of technology. Starting with a critical discussion of the deterministic effect thinking and disregard of the subjective disposition of human life in psychology today, it is elucidated how research implied in such an approach falls short to explore the implications of technology in humans’ conducts of life. Thereupon, it is substantiated why a refined conceptual understanding of self and other presupposes the first-person perspective; finally an outline of basic principles of the dialectical study of technology from the standpoint of the subject is presented
Right-wing extremism of young people: Failed political socialization?
Im Diskurs zum Rechtsextremismus und seinen Ursachen werden einige, scheinbar unerschütterliche Grundannahmen beständig reproduziert: Rechtsextremismus wird als ein bedrohliches aber auch marginales Phänomen verortet, welches mit der demokratischen Mitte der Gesellschaft wenig zu tun hat. Damit im Einklang werden Menschen mit rechtsextremen Überzeugungen ebenfalls an den Rand der Gesellschaft projiziert, die Ursachensuche verlässt selten die Ebene individualistischer Schuldzuweisungen. Diese Annahmen prägen auch die Ansätze zur Prävention von Rechtsextremismus: Insbesondere die Annahme, Rechtsextremist/innen seien hinsichtlich historischer oder politischer Zusammenhänge nicht gebildet oder aufgeklärt genug, liegt den Inhalten solcher Maßnahmen zu Grunde. Daher sollen Jugendliche die »richtige« Denkweise bezüglich gesellschaftlicher Strukturen, Zusammenhänge und Prozesse erlernen, um die Entwicklungsaufgabe der politischen Sozialisation erfolgreich bewältigen und gegenüber rechtsextremen Parolen widerständig sein zu können. Unter anderem auf der Basis von biografischen Interviews mit rechtsextremen Straftäter/innen wird in diesem Beitrag diskutiert, ob Rechtsextremist/innen wirklich nicht »richtig« denken können und was gesellschaftliches Denken eigentlich mit Rechtsextremismus zu tun hat.The discourse on right wing extremism and its origins entails some presumptions that have been reproduced for many years. Following these assumptions right wing extremism is a phenomenon of the margins which threatens the democratic centre of society. According to the discourse this democratic centre has nothing to do with right wing ideas. People who hold such ideas are constructed as individuals with problems or weaknesses and are thereby placed at the periphery as well. This specific view on right wing extremism and its protagonists influences the work of prevention too: especially the idea that young people with right wing ideas just need to be more educated on democratic principles shapes the contents of many prevention programs. Therefore young people should be trained in democratic thinking and supported to fulfill the developmental task of political socialization. Based on a biographical study with young right wing extremists this article discusses questions such as: Is right wing extremism a failed political socialization? And where is the connection between right wing extremism and society