Journal für Psychologie (Neuen Gesellschaft für Psychologie - NGfP)
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This Is Me? Dreaming and Unconscious Identities
Die Traumdeutung stellt nicht nur ein Kernstück der Psychoanalyse von Sigmund Freud dar, sondern wirkt neben zahlreichen Einflüssen in Kunst und Kultur auch als Ausgangspunkt für viele weitere Entwicklungen in der psychoanalytischen Theorie und Technik. Freud hat die Wunscherfüllung und die Verarbeitung von Tagesresten als wichtige Absicht der Traumproduktion verstanden, die es zu deuten gilt. Ein wenig beachteter Aspekt der Traumdeutung ist die Frage der Identität der im Traum agierenden Personen. Freud selbst beschreibt in der Traumdeutung bereits Identifizierungsfiguren und Mischpersonen, und C.G. Jung hält eine Subjektvon einer Objektstufe auseinander. Die Objektbeziehungstheorie, insbesondere von Otto Kernberg, unterscheidet zwischen Subjektund Objektrepräsentanzen und den dazugehörigen Affekten als Bauteilen des Selbst. Welche Identität der Träumer selber einnimmt oder seine Traumfiguren einnehmen lässt, bringt unbewusste Aspekte des Träumers und seiner Identitäten zutage. Diese helfen ihm nicht bloß in seiner Selbstfindung und Entwicklung, sondern erweitern das Verständnis der Identität.The interpretation of dreams not only represents a core part of Sigmund Freud’s psychoanalysis, but also acts as a starting point for many further developments in psychoanalytic theory and technique itself, in addition to numerous influences in art and culture. Freud understood wish fulfillment and the processing of the day’s leftovers as an important intention of dream production that needs to be interpreted. One aspect of dream interpretation that has received little attention is the question of the identity of the persons acting in the dream. Freud himself already describes identification figures and mixed persons in his interpretation of dreams, and C.G. Jung distinguishes a subject level from an object level. The object relation theory, especially by Otto Kernberg, distinguishes between subject and object representations and the corresponding affects as components of the self. Which identity the dreamer assumes or lets his dream figures assume brings unconscious aspects of the dreamer and his identities to light. These not only help him in his self-exploration and development but let the understanding of the identity be further grasped
Constructed Dreams: Considering Depth-Psychological Research on the Impact of Arts
Traum und Kunst sind psychische Gebilde, die wenig zur unmittelbaren Alltagsbewältigung beizutragen scheinen. Sigmund Freud gaben sie gerade deshalb wertvollen Aufschluss über das Wirken des Unbewussten in der menschlichen Lebenswelt. Freud orientierte sich in seiner Rekonstruktionsarbeit an der These der vollständigen Sinndeterminierung aller seelischen Erscheinungen und bezog Träume und Kunstwerke auf Motive aus der Lebensgeschichte der Träumenden und Kunstschaffenden. Durch die Beschäftigung mit Dichtung und bildender Kunst, insbesondere mit der Gradiva-Erzählung von Wilhelm Jensen und dem Moses des Michelangelo, geriet er darüber hinaus an die Wirkungsfrage, die er aber nicht weiterverfolgte. Wie auf der Grundlage des tiefenpsychologischen Ansatzes systematische Wirkungsforschung mit Kunstwerken möglich ist, wird mit Blick auf ein derzeit in Mailand umgesetztes Projekt mit Anselm Kiefers Sieben Himmelspalästen beispielhaft vorgestellt.Dreams and art are psychological structures that seem to contribute little to coping with everyday life. For Sigmund Freud, that is especially why they provide valuable information about how the unconscious affects the human mind. In his reconstruction work, Freud was guided by the thesis of the complete determination of the meaning of all mental phenomena and related dreams and artefacts to motifs from the life stories of the dreamers and artists. Through his involvement with poetry and visual art, particularly the Gradiva novel by Wilhelm Jensen and Michelangelo’s Moses sculpture, he came across the question of impact, which he did not pursue further. The possibility of systematic research on the impact of works of art on the basis of a depth psychological approach is presented by taking into account a project currently being implemented in Milan including Anselm Kiefer’s Seven Heavenly Palaces
The Quiet Power of Shame: Racism, Social Class, and the (Re-)Production of Social Inequality
Scham lässt sich als Scharnier zwischen individuellen Erfahrungen und gesellschaftlichen Bedingungen begreifen. Im Rahmen unseres Beitrags stellen wir uns die Frage, wie Scham in Machtverhältnissen wirksam wird und fokussieren dabei, in Rückgriff auf Bourdieus herrschaftskritische Soziologie, exemplarisch auf zwei verschiedene, wenn auch miteinander verwobene symbolische Gewaltverhältnisse: Klasse und Rassismus. Wie vermitteln sich Rassismus und Klasse in, durch und mit Scham? Welche Bedeutung kommt Scham in diesen Verhältnissen zu? Und wie lassen sich die Modi dieser Vermittlung systematisieren? Zur Bearbeitung dieser Fragen beziehen wir uns auf zwei interdisziplinäre Forschungsprojekte: Eine qualitativ-empirische Studie zu Bildungsaufsteiger*innen und eine konzeptionell-theoretische Studie über den Umgang mit Scham in der politischen Bildung. Darauf aufbauend rekonstruieren wir drei Facetten von Scham im Kontext symbolischer Gewaltverhältnisse: Scham als Scharnier der (Re-)Produktion (1), Scham als inhärent gekoppelt an Schamabwehr (2) und Scham in der Qualität einer Stimmung (3). Der Beitrag endet mit einem Ausblick auf weiterführende Fragen hinsichtlich der politisch-sozialen Situierung von Scham.Shame can be understood as a mediator between individual feelings and societal conditions. In our contribution, we pose the question of how shame becomes effective in power relations and, drawing on Bourdieu’s critical sociology of power, focus on two different, albeit intertwined, symbolic power relations: class and racism. How are racism and class mediated in, through and with shame? What is the role of shame in these relations? To address these questions, we refer to two interdisciplinary research projects: A qualitative-empirical study on social and educational upward mobility and a theoretical study on dealing with shame in civic education. Building on this, we reconstruct three facets of shame in the context of symbolic relations of violence: Shame as a hinge of (re)production (1), shame as inherently linked with shame defense mechanisms (2) and shame as a quality of attunement (3). The article ends with an outlook on further questions regarding the political-social situation of shame
The influence of shame and shaming on subjective agency in the context of poverty: A socio-phenomenological study
Der Beitrag untersucht den Zusammenhang zwischen Armut und subjektiver Handlungsfähigkeit. Es wird argumentiert, dass Missachtungserfahrungen hierfür eine entscheidende Rolle spielen. Menschen in Armut erleben oft Beschämungen, die ihr Selbstund Weltbild beeinträchtigen. Sie beginnen, ihre eigene Lage abzuwerten und bilden eine schamhafte Selbstverachtung aus. Diese Scham führt zu Resignation, Demoralisierung und Passivität. Der Beitrag beleuchtet die theoretischen Hintergründe für diese Argumentation und verknüpft sie mit empirischen Fallbeispielen. Es wird gezeigt, dass Armut nicht allein den Eindruck einer blockierten Zukunft hinterlässt, sondern auch das Gefühl mit sich bringt, ausgeschlossen zu sein und keinen Anschluss mehr zu finden. Diesbezüglich wird die Bedeutung sozialer Anerkennung und deren Einfluss auf die Konstitution des Erfahrungssubjekts betont. Gleichzeitig verdeutlichen die Ergebnisse auch, dass Schamerfahrungen in Armut nicht zwangsläufig zu Selbstverachtung führen sondern auch zu Auflehnung und Widerstand führen können.The article examines the relationship between poverty and subjective agency. It argues that experiences of disregard play a crucial role in this. People in poverty often undergo humiliations that undermine their self-conception and worldview. They begin to devalue their own situation and develop a sense of shameful self-contempt. This shame leads to resignation, demoralization, and passivity. The article elucidates the theoretical underpinnings of this argument and connects them with empirical cases. It is demonstrated that poverty not only leaves the impression of a blocked future but also brings with it a sense of social exclusion and detachment. In this context, the significance of social recognition and its influence on the constitution of the experiencing subject is emphasized. At the same time, the results also highlight that experiences of shame in poverty do not necessarily lead to self-contempt but can also lead to rebellion and resistance
The emotion of shame at schools: Shameful school situations from the perspective of former students
Obwohl die Emotion Scham menschliches Verhalten stark beeinflussen und destruktive Verhaltensweisen auslösen kann, wird ihr in der pädagogischen Praxis und Forschung noch zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Der vorliegende Artikel fokussiert sich deshalb auf Schamerleben in der Schule und legt dabei ein besonderes Augenmerk auf schulische Schamsituationen aus Schüler:innenperspektive. Neben einem Einblick in Theorie und Forschungsstand zu Scham in der Schule wird eine Pilotstudie vorgestellt, in der Studierende (n = 108) schulische Schamsituationen schriftlich rekonstruieren. Es zeigt sich, dass die Sichtbarwerdung leistungsbezogener Makel (bspw. Fehler machen) und nicht-leistungsbezogener Makel (z.B. das eigene Aussehen) mit Schamerleben bei Schüler:innen in Verbindung steht. Diese Makel werden zudem von Mitschüler:innen und Lehrkräften genutzt, um Schüler:innen zu diskreditieren. Des Weiteren kann es mit Scham verbunden sein, ungewollt im Fokus zu stehen oder zu viel Nähe oder Distanz (in Form von Ausgrenzung) zu anderen wahrzunehmen.Although the emotion of shame can strongly influence human behavior and trigger destructive behaviors, it still receives too little attention in educational practice and research. This article therefore focuses on the experience of shame at school, with special attention to situations of shame at school from the perspective of university students. In addition to an insight into theory and the state of research on shame in school, a pilot study is presented in which students (n = 108) reconstruct school shame situations by writing them down. It is shown that the visibility of performance-related flaws (e.g., making mistakes) and non-performance-related flaws (e.g., one’s own appearance) is associated with shame experiences among students. These flaws are also used by classmates and teachers to discredit students. Furthermore, being the unwanted focus of attention or perceiving too much closeness or distance (in the form of being excluded by classmates) to others can be associated with shame
#seggs without shame? An objectiv-hermeneutic analysis of shame management strategies in sex education videos on TikTok
Der Artikel widmet sich Umgangsweisen mit Scham im Kontext von Sexualaufklärung auf der Social-Media-Plattform TikTok. Hierfür wird ein Video eines weitreichenstarken Sexualaufklärungskanals zum Thema weibliche Ejakulation/Squirting objektiv-hermeneutisch rekonstruiert. Als Strukturmoment wird die Ambiguität der Selbstdarstellung der Sexualaufklärerin herausgearbeitet, die unauffällig und auffällig, persönlich und unpersönlich, infantil und erwachsen, spielerisch und ernst, professionell und unprofessionell sowie wissenschaftlich und unwissenschaftlich erscheint. Im Umgang mit Sexualscham lässt sich ein spezifisches Verhältnis von Thematisierung und Dethematisierung rekonstruieren. Die Entschämung der weiblichen Ejakulation bzw. des Squirtens wird unter anderem durch Referenz auf statistische Normalität, das Bereitstellen einer wissenschaftlichen Sprache und eine vereinfachte Abgrenzung vom Urin bewirkt. Dabei bleibt die Ejakulation/das Squirten als eher passives Geschehen gerahmt, was die intendierte Aufwertung als Potenz unterläuft. Zudem zeigte sich hinter der manifesten Entlastung das Motiv eines latenten Zwangs zur Schamfreiheit.The article is dedicated to ways of dealing with shame in the context of sex education on the social media platform TikTok. For this purpose, a video of a far-reaching sex education channel on the topic of female ejaculation/squirting is reconstructed with the method of objective hermeneutics. As a structural moment, the ambiguity of the sexual educator’s self-presentation is worked out, which appears inconspicuous and conspicuous, personal and impersonal, infantile and adult, playful and serious, professional and unprofessional as well as scientific and unscientific. In dealing with sexual shame, a specific relationship between thematization and dethematization can be reconstructed. The de-shaming of female ejaculation or squirting is achieved, among other things, through reference to statistical normality, the provision of scientific language and a simplified differentiation from urine. At the same time ejaculation/squirting remains framed as a rather passive event, which undermines the intended valorization as potency. In addition, behind the manifest relief, the motif of a latent compulsion for freedom from shame was revealed
Shame - (not) a topic for men*counseling
Im Kontext der Praxis und Theoriebildung zur Männer*beratung erfährt die Verbindung von Scham und Männlichkeit(en) bislang nur unzureichend Berücksichtigung, wenngleich die emotionstheoretische Potenz von Scham und Beschämung für die Aufrechterhaltung und Durchsetzung von (hegemonialen) Männlichkeitsvorstellungen, aber auch das Transformationspotenzial derselben, eine hohe Relevanz aufzuweisen scheinen. Der vorliegende Text möchte hierauf aufmerksam machen und diesbezüglich Impulse für die Theorie und Praxis der Männer*beratung liefern. Hierzu werden kurz der Diskurs zu Scham sowie ein Verständnis von Männer*beratung skizziert. Daran anschließend werden sowohl Zusammenhänge zwischen männlicher* Sozialisation, Subjektivierung und deren Bewältigung, sowie Anrufungen an Männlichkeit(en) im Kontext von Scham und Beschämung, als auch deren Verarbeitung diskutiert. Darauf basierend erfolgt die Betrachtung beraterischer Implikationen, Potenziale, aber auch Sperrungen für Berater*innen und Klienten* sowie die Inblicknahme von Reflexionsaspekten zur beraterischen Schamsensibilität und -kompetenz.In the context of the practice of and development of theories for men’s counseling, the relationship between shame and masculinity(s) has not been adequately recognized so far, although the emotion-theoretical potency of shame and embarrassment for maintaining and enforcing (hegemonic) notions of masculinity, but also their transformation potential, appear to be highly relevant. This text would like to draw attention to this and provide impulse for the theory and practice of men’s counseling. For this purpose, the discourse on shame and an understanding of men’s counseling will be briefly outlined. Following this, the link between male* socialization, subjectification and its management as well as invocations of masculinity(s) in the context of shame and embarrassment as well as their processing will be discussed. Based on this, the implications on counseling, the potential but also the barriers for counselors and clients, as well as reflection aspects for counselor’ shame awareness and expertise will be analyzed
Dream narration and ego identity
In diesem Artikel geht es um die Frage, inwiefern Traumnarrationen eine besondere Schlüsselfunktion bei der Entwicklung der Ich-Identität einnehmen. Die Beantwortung dieser Frage basiert zunächst auf der Verknüpfung von kulturhistorisch-psycholinguistischen und psychoanalytischen Perspektiven. Dann wird der Stellenwert von Narrationen für die Bildung der Ich-Identität erörtert. Dabei wird die Schnittstelle betont, die Narrationen sowohl zwischen äußeren, kommunikativen und inneren, an sich selbst gerichteten sprachlichen Prozessen als auch im Übergang von unbewussten zu bewussten Prozessen bilden. Anschließend werden Traumnarrationen und ihr besonderer Zugang zum Unbewussten beleuchtet. In der Erörterung der Besonderheiten von Traumnarrationen, Narrationen von tatsächlich Erlebtem und Narrationen von Gedanken wird ein Kontinuum von unterschiedlichen Narrationsqualitäten abgeleitet. Es wird deutlich, dass Traumnarrationen durch ihren direkteren Bezug zum Unbewussten eine besondere Bedeutung für die Entwicklung der Ich-Identität erhalten.This article examines the extent to which dream narratives have a special function in the formation of ego identity. The answer to this question is based on a connection of cultural-historical psycholinguistic and psychoanalytical perspectives. To begin with, the importance of narratives for the formation of ego identity is discussed by pointing out that narratives form an interface between external, communicative and internal, self-directed speech processes as well as in the transition from unconscious to conscious processes. Dream narration and their unique access to the unconscious are examined. The special nature of dream narration in relation to narratives of real experiences and narratives of thoughts result in a continuum of different narrative qualities. Dream narratives, due to their more direct access to the unconscious, have their own significance for the formation of ego identity
Sexuality, sex positivity and shame
Scham tritt in sehr unterschiedlichen Situationen auf: wenn Normen und Werte verletzt werden, wenn Menschen gesehen werden, wie sie nicht gesehen werden wollen, aber auch bei Nacktheit und Sexualität. Wenn Sexualität mit strengen Moralvorstellungen belegt ist, überschneiden sich diese Schamfelder. Doch empfinden auch Menschen, die Sexualität grundsätzlich positiv bewerten, Scham in Bezug auf ihre Sexualität, und wenn ja wofür? Um diese Frage zu beantworten, wurden sieben Interviews mit Menschen aus sexpositiven Communities geführt, die mittels Thematischer Analyse nach Braun und Clark ausgewertet wurden. Dabei wurden sieben Themen herausgearbeitet: Bewertung, eigene moralische Maßstäbe, Körperscham, Sichtbarkeit von Sexualität, Ekel, Konstruktion und Dekonstruktion von Scham und Schamüberwindung. Es lässt sich eine Verschiebung von Normen identifizieren, grundsätzlich bleibt der sexuelle Akt, wenn er von unbeteiligten Personen wahrgenommen wird, aber schambehaftet. Es wird diskutiert, inwiefern der potenzielle Ekel der anderen hierbei eine zentrale Rolle spielt und inwiefern der sexuelle Akt selbst eine Möglichkeit zur Überwindung von Ekel und Scham bietet.Shame occurs in diverse situations: when norms and values are suffocated, when individuals are seen as they don’t want to be seen, but also in the context of the naked body und sexuality. If sexuality is guarded by rigid moral norms, those fields overlap. But do people who value sex as something positive also experience shame and if so in which regard? To answer this question, seven interviews with people from sex-positive communities were conducted and analyzed via Thematic Analysis. Seven topics were worked out: evaluation, moral standards, body shame, sexuality being visible, disgust, construction and deconstruction of shame and elevation of shame. A shift of moral values in this community can be observed, however, the sexual act itself, if noticed by uninvolved others, is still experienced as shameful. I discuss if potential disgust of the other plays a role and if sexuality itself is a way to overcome shame und disgust