Journal für Psychologie (Neuen Gesellschaft für Psychologie - NGfP)
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Back to the roots?
Die Herausforderungen an Psychotherapie in der deutschen Migrationsgesellschaft werden nicht erst seit den aktuellen Migrations- und Fluchtbewegungen viel diskutiert. Für die Psychoanalyse stellt sich dabei unter anderem die Frage, welchen Nutzen klassische analytische Konzepte noch (oder wieder?) für eine Psychotherapie in der sich verändernden Migrationsgesellschaft haben. Diese müssen jedoch immer auch vor dem Hintergrund ihres gesellschaftlichen Entstehungskontextes analysiert und bewertet werden. Im folgenden Artikel wird deshalb das Archetypenkonzept Carl Gustav Jungs, das in seiner universellen Ausrichtung für eine Psychotherapie in der Migrationsgesellschaft zunächst vielversprechend erscheint, aus einer interdisziplinären, rassismus- und diskurskritischen Perspektive diskutiert und schließlich seine postmigrantischen Potenziale herausgearbeitet.In the German migration society, psychotherapy has been debated and challenged not only since recent migration movements. Concerning psychoanalysis it seems significant to question the benefit of classical analytical concepts for psychotherapy in changing migration society. At the same time these concepts have to be reviewed by particularly taking into account their societal genesis. Initially, the archetype model by Carl Gustav Jung in its universal orientation appears promising for psychotherapy in the German migration society. Nonetheless in this article the concept is reviewed from an interdisciplinary discourse and racism critical perspective, before illustrating its potential for a contemporary psychotherapy referring to »post-migration«
Erste Schritte auf dem Weg zur modernen Psychologie?
Seit den 1970er Jahren ist die Psychologie eine der am stärksten expandierenden wissenschaftlichen Disziplinen. Auch ist ihr Gegenstand, die Psyche, aus alltäglichen wie medienöffentlichen Diskursen nicht mehr wegzudenken. Doch wie kam dieser Gegenstand in die Welt? Ein genauerer Blick auf die Anfänge der sich Ende des 18. Jahrhunderts entwickelnden Psychologie zeigt, dass die wissenschaftliche Konstruktion der Seele einer Logik folgt, die bis heute erfolgreich zu sein scheint. Menschliches Handeln scheint darin nicht schlicht einem je konkreten Willensinhalt zu folgen, der sich Gründen und Zwecken verdankt, die sich das Individuum setzt. Vielmehr werden hinter allen willentlichen Akten zugleich ganz unwillentliche Prozesse vermutet und es wird versucht, ihnen als das Handeln leitende Kräfte auf die Spur zu kommen. So etabliert und selbstverständlich dieser Gedanke gerade heute scheinen mag, so weitreichend sind die ihm eigenen Implikationen und Konsequenzen für die theoretische Bestimmung der menschlichen Individualität. Diese Logik bloßzulegen nimmt sich der Artikel am Beispiel von Karl Philipp Moritz’ Erfahrungsseelenkunde vor
Ist pränatale Diagnostik diskriminierend?
Pränatale Diagnostik gilt unter behindertenpolitischen und feministischen Aktivist*innen und Wissenschaftler*innen als ableistisch und diskriminierend. Dieses Argument findet in ethischen und politischen Debatten große Aufmerksamkeit, weil die Schlechterbehandlung von Minderheiten in demokratischen Gesellschaften als illegitim gilt. Der Diskriminierungsvorwurf wird allerdings auch als ungerechtfertigt abgelehnt, vor allem von Soziolog*innen und Ethiker*innen. Obwohl sich das Argument explizit ausschließlich gegen pränatale Diagnostik (PND) richtet, scheint der Schwangerschaftsabbruch nach einer solchen Diagnose häufig der eigentliche Auslöser für die Kritik zu sein. In diesem Text will ich das etwas unübersichtliche Diskursfeld beleuchten und den verschiedenen Argumenten nachgehen. Dazu ist eine Reflexion über einen für die Fragestellung passenden Diskriminierungsbegriff genauso nötig wie eine Präzisierung des verwendeten Modells von Behinderung. Die hier dargestellten Überlegungen eröffnen weiterführende Fragestellungen und sollen eine Grundlage für die Debatte um die diskriminierenden Effekte der PND schaffen.Prenatal diagnosis is considered by disabled and feminist activists and scientists as ableist and discriminatory. This argument attracts a great deal of attention in ethical and political debates because the poorer treatment of minorities in democratic societies is considered illegitimate. However, the accusation of discrimination is also rejected as unjustified, especially by sociologists and ethicists. Although the argument is explicitly directed exclusively against prenatal diagnosis, abortion often seems to be the actual trigger for criticism after such a diagnosis. In this text I want to shed light on the somewhat confusing discourse and examine the various arguments. This requires a reflection on an adequate concept of discrimination as well as a clarification of the underlying model of disability. The considerations presented here open up further questions and a basis for the debate on the discriminatory effects of prenatal diagnosis
Partizipatorische pädagogische Diagnostik
Lehrpersonen haben im Rahmen der pädagogischen Diagnostik neben der Analyse von Lernvoraussetzungen und Lehr-Lernprozessen den Auftrag, »Zuweisung zu Lerngruppen oder zu individuellen Förderungsprogrammen [zu] ermöglichen« (Ingenkamp & Lissmann, 2008, S. 13). Den damit verbundenen Zuschreibungsprozessen, die einen »Ort der Macht« (Butler, 2009, S. 11) darstellen, wohnt ein identitätsstiftender und transformierender Charakter inne. Für SchülerInnen spielt pädagogische Diagnostik damit eine zentrale Rolle für ihr Selbstkonzept, ihre Bildungs- und infolge ihre Berufs- und Lebenschancen. Im Zentrum dieses Beitrags wird über ein Forschungsprojekt berichtet, das die Frage verfolgt, wie SchülerInnen erkennen und deutlich machen können, was sie brauchen, um zu werden, was sie werden können und wollen, und nicht durch das Zuschreiben oder Absprechen von Fähigkeiten beschränkt werden. Die konzipierte partizipatorische Diagnostik bietet ein Modell, mithilfe dessen Lehrpersonen alle SchülerInnen auf ihrer Entwicklung hin zu aktiven GestalterInnen ihrer Bildungsprozesse begleiten können, und dient auch dazu, vorhandene Barrieren, gesellschaftliche Normen und Normalitätsvorstellungen sowie wirkmächtige Diskurse und Machtverhältnisse sichtbar zu machen.Teachers play a significant role for their students’ educational careers. Besides analysis of conditions of learning and learning processes, the field of pedagogical diagnostics implies the allocation of students to groups of learners or to special support programs (Ingenkamp & Lissmann, 2008). Consequently, pedagogical diagnostics are crucial for the students’ self-concept, their prospective educational opportunities and thus also for their career and life opportunities. Therefore, the fact that students’ knowledge concerning their abilities and needs are hardly used in the process of diagnostics needs to be changed. This paper deals with the question how students themselves can recognise and make clear what they are able to do and what they need in order to become what they want to become and not be restricted by others’ attributions of (non-)ability. The presented approach of emancipatory and dialogic diagnostics enables all students to actively design their educational processes. Moreover, it helps to make existing barriers, social norms and normative notions of reality as well as efficacious discourses and power structures visible in order to contribute to their reduction
Das Verhältnis von Macht, Geschlecht und (Dis-)Ability in der Forschung
Partizipative Forschung wird im Kontext der Teilhabediskussion nach Ansicht der Autorinnen nicht konsequent diskutiert. Rechte nach dem Bundesteilhabegesetz kaschieren unsichtbare Machtdynamiken. Im Aktionsbündnis Teilhabeforschung engagieren sich Personen sowie Organisationen aus unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen und Forschungsgebieten, um das Ziel zu verfolgen, ein neues Forschungsfeld zu entfalten. Der Beitrag greift die Machtfrage auf, einerseits in ihrer Gewaltförmigkeit und andererseits als positiv konnotierte Gestaltungsmacht, die insbesondere gesellschaftlich benachteiligten Bürger_innen abgesprochen wird. Indem Ableism als Erklärungskonzept und explizit Frauen, Männer und Transmenschen mit Behinderung in den Blick genommen werden, wird die Konstruktion von Wirklichkeit und Wahrheit und deren Bedeutungszuschreibungen betrachtet. Dabei werden Macht, symbolische Gewalt und Geschlecht als bedeutsame Kategorien für die Analyse herausgestellt, um unsichtbare Strategien, Techniken und Versprechen sichtbar werden zu lassen. Eine Skizzierung der unterschiedlichen partizipativen Forschungszugänge soll einen Einstieg in die Auseinandersetzung des Einbezugs von Menschen mit Behinderung in Forschungsprozesse bieten. Zudem wird anhand exemplarischer Beispiele verdeutlicht, dass partizipative Forschung auf emanzipatorischen und empowernden Prozessen basiert und einer intersektionalen Betrachtungsweise bedarf.Participatory research is not consistently discussed in the context of the debate of participation in the authors’ opinion. Rights under the »Bundesteilhabegesetz« [The Social Security Code IX: Rehabiliation and Participation of Disabled People] conceal invisible power dynamics that may show up in a lack of recognition or appreciation. In the »Aktionsbündnis Teilhabeforschung« [Alliance of People: Participation research] individuals as well as organizations from different social sectors and research areas have committed themselves to pursue the goal of developing a new field of research. The contribution addresses the question of power, on the one hand in its acts of violence and on the other as positively connotated creative power, which is particularly denied to socially disadvantaged people. Looking at the conception of ableism and especially to women, men and transpersons with disabilities, the construction of reality and truth and their attributions of meaning are considered. Power, symbolic violence and gender are important categories for analysis to make invisible strategies, techniques and promises visible. A delineation of the different participatory research approaches should provide an introduction to the debate of an involvement of people with disabilities in research processes. It is illustrated by exemplary examples that participatory research is based on emancipatory and empowering processes and an intersectional approach is needed
General Psychology Walks Again
Dieser Artikel hat zwei Teile und erklärt die Rolle, Wichtigkeit und grundsätzliche Ordnung der Allgemeinen Psychologie. Der erste Teil wird wie eine Schauergeschichte erzählt; wir durchqueren die lange Geschichte der Allgemeinen Psychologie und ihre typische Abwesenheit, also die Krise der Psychologie. Auf der Basis der Theorien von George Henry Lewes, Herbert Spencer, Karl Bühler, und Lev Vygotsky und anderen werden Voraussetzungen genannt, die der Autor für Notwendig für eine Allgemeine Psychologie hält. Aufbauend auf Aristoteles Taxonomie der Bio-Psychen wird vorgeschlagen, Psychologie in vier Unterka--shy--tegorien zu unterteilen, die jeweils erklärungsbedürftig sind. In evolutionärer Rangfolge: Bewusstheit, die das psychologische Präsens bzw. das Jetzt setzt. Intentionalität, die die Zukunft erschafft. Gedächtnis (mind), das die Vergangenheit erschafft. Menschliches Bewusstsein, das den Blick von Außen ermöglicht. Intentionalität wird zum zweiten Hauptsatz der Thermodynamik in Beziehung gebracht. Gedächtnis wird mit REMS bei Säugetieren verbunden. Menschliches Bewusstsein wird mit einem neuen Verständnis der menschlichen Evolution in Beziehung gesetzt, in dem alle definitorischen Eigenschaften des Menschen – Gesellschaft, Bewusstsein und Sprache – zusammengefasst werden
»He who sows the sparks shall reap the fire«
Am 19. Februar 1915 hielt Oswald Külpe in München einen Vortrag über die »Ethik und der Krieg«. Diese, individuelles Leben missachtende, den Krieg rechtfertigende und teils verherrlichende Rede lässt sich nicht aus Külpes philosophischem oder psychologischem Werk erahnen. Er selbst sprach in diesem Zusammenhang von dem starken Bedürfnis, angesichts der Zeitereignisse »in ethischer Hinsicht umzulernen« (Külpe, 1915a, S. 41). Es soll deshalb in diesem Beitrag der Versuch unternommen werden, aus der Beschreibung von Külpes Persönlichkeit sowie des Nachvollziehens der Argumentationskette seiner Kriegsethik ein Verständnis für deren Genese zu entwickeln. Trotz des Auffindens einzelner, sein Handeln erklärender Charakterzüge kommt der Beitrag zu dem ernüchternden Fazit, dass auch ein so intelligenter Kopf wie Oswald Külpe ein willfähriges Opfer des Zeitgeists geworden war.On February 19, 1915, Oswald Külpe gave a speech on "Ethics and the War" in Munich. Nothing in Külpe\u27s philosophical and psychological oeuvre could have foreshadowed this speech, which disregarded individual life and which justified and partly glorified the war. In this context, Külpe himself spoke about the strong urge to "relearn regarding ethics", given the current events (Külpe, 1915a, p. 41). Therefore, this contribution attempts to develop an understanding for Külpe\u27s war-related ethics and its genesis by looking at a description of his personality and by comprehending his line of argument. Despite of the discovery of single character traits that explain his acting, the contribution concludes that even an intelligent man as Oswald Külpe had become a compliant victim of the zeitgeist
The American Psychological Association and the torture complex: A phenomenology of the banality and workings of bureaucracy
In 2015 Attorney David Hoffman and his colleagues published the results of an extensive independent review in which he concluded that the American Psychological Association (APA) interacted with the Central Intelligence Agency (CIA) and colluded with the Pentagon in an effort to curry favor with these agencies and to protect and expand the role of psychologists in the interrogation programs of the CIA and Department of Defense (DoD). As part of this collusion, the APA’s bureaucracy took great efforts to ensure that its ethics policies did not conflict with the policies of the Pentagon – even doing so in defiance of the will of its membership. Many members of the APA greeted the revelations of the Hoffman report with shock. While psychologists should be dismayed by the revelations of the Hoffman report, we argue that anyone familiar with the history of American psychology’s entanglement with the national security state should not be surprised to learn that psychologists were designing and legitimizing torture. In order to understand the APA-DoD collusion we turn to the historical roots of the torture crisis and the structure and culture of the APA. We explore the roots of disciplined psychology’s role in collaboration with the security apparatus; analyze the institutional structures, ideological formations and cultural norms within the APA that have enabled this collusion; and investigate and challenge, from a phenomenological and theoretical point of view, one of the biggest scandals that American psychology has faced