Journal für Psychoanalyse (Psychoanalytisches Seminar Zürich - PSZ)
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Geduld und Ungeduld. Komplementäre Haltungen in der (zeitbegrenzten) institutionellen psychoanalytischen Psychotherapie
Die stationäre wie auch teilstationäre Psychotherapie steht unter dem Verdikt der Zeitbegrenzung. Eine klassische Voraussetzung für psychoanalytische Therapien, wie sie in der Grundregel der freien Assoziation zum Ausdruck kommt, ist die frei gestaltbare Zeit. Konsequenz dieser Zeitbegrenzung ist die Fokussierung, das heisst die Selektion und damit Einschränkung der freien Assoziation. Dies wurde mit der Entwicklung von psychodynamischen Fokal- und Kurztherapien breit diskutiert. Dennoch halten psychoanalytische Verfahren daran fest, das Material der Bearbeitung zum einen im Hier und Jetzt entstehen zu lassen, was auf Seite der Patienten der Methode der freien Assoziation entspricht. Zum andern soll eine Fokussierung auf die Subjektivität der Patienten erfolgen, der auf Seiten der Therapeuten die gleichschwebende Aufmerksamkeit entspricht. Hier eröffnet sich ein Konflikt, der sich in der psychotherapeutischen Haltung manifestiert, wenn es darum geht, Therapieprozessen im Längsverlauf mit Geduld zu begegnen, umgekehrt aber in den Einzelsitzungen durchaus die Ungeduld in der Gegenübertragung zu reflektieren. Sie soll nutzbar gemacht werden, um der Tendenz von Therapeut und Patient entgegenzutreten, aufgrund einer rationalen und bewussten Fokussierung aggressive, selbstdestruktive, ein Leben ausserhalb der Therapie sabotierende Verhaltensweisen als Thema zu vermeiden oder gar zu ignorieren. Beispielhaft wird die Übertragungsfokussierte Therapie (TFP) als Modifikation psychoanalytischer Psychotherapie und Möglichkeit institutionellen Arbeitens in ihrem Bestreben dargestellt, dem Paradox von gleichschwebender Aufmerksamkeit in der Hier-und-Jetzt-Situation der Therapie und der besonderen Aufmerksamkeit auf die wesentlichen äusseren Bereiche des Lebens von Patienten zu begegnen
Die Alpha-Funktion eines analytischen Behandlungsteams
Die Psychotherapeutische Tagesklinik (PTK) ist ein Angebot des Zentrums für Psychosomatik und Psychotherapie (ZPP) der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel (UPK) und verfügt über 16 Behandlungsplätze. Das interdisziplinäre Behandlungsteam arbeitet mit einem psychodynamischen Behandlungskonzept. Durch ein relativ starres Behandlungsgerüst sowie verschiedene Gruppenangebote und Milieutherapie, aber auch in den Einzeltherapien soll eine Reaktivierung von unbewussten Konflikten und interaktionellen Schwierigkeiten der Patient*innen ermöglicht werden. Diese können nun in einem geschützten therapeutischen Rahmen neu bearbeitet werden, was zu korrektiven Erfahrungen führt und Veränderungen ermöglicht. Die vorliegende Arbeit setzt sich dabei speziell mit den Funktionen des Behandlungsteams sowie der Arbeit in Abwesenheit der Patient*innen auseinander. Anhand eines Fallbeispiels wird gezeigt, wie eine psychoanalytische Haltung innerhalb eines interdisziplinären Therapeutenteams dabei hilft, im verbalen Austausch miteinander ein gemeinsames Verstehen zu erarbeiten und wie dadurch Verbindungen zwischen unintegrierten Aspekten des Seelischen der Patient*innen hergestellt werden können. Dabei wird mit Bezug auf Bion der Prozess, der innerhalb des Teams geschieht, als «Alpha-Funktion des Teams» bezeichnet
Entwicklungsaufgaben des Älterwerdens für die Psychoanalyse
Mit steigender Lebenserwartung differenzieren sich die Lebensphasen des Alters. Die ersten geburtenstarken Jahrgänge der «Wohlstands-Babyboomer» haben das Alter von 60 Jahren erreicht und stellen die Psychiatrie und Psychotherapie vor neue Aufgaben. Psychoanalytische Konzepte und Erfahrung mit Psychotherapie im Alter ermöglichen ein vielfältiges Verständnis der Alternsprozesse. Dem entgegen steht nach wie vor ein «Vermeidungsbündnis»: eine spürbare Abwehr des Themas Alter in Institutionen, unter BehandlerInnen und PatientInnen. Die «Entwicklungsaufgaben des Alters» werden daher auch auf die eigene Disziplin angewendet, um Schwierigkeiten des Älterwerdens und deren Abwehrformen sichtbar zu machen. Stationäre Behandlungserfahrungen zeigen Möglichkeiten zur Überwindung auf, aber auch die anspruchsvolle Arbeit mit komplexen Lebenslagen, die ein psychoanalytisches Verständnis brauchen
Die Couch im Isolationszimmer – Psychoanalytisches Denken und psychiatrische Institutionen
Der Artikel befasst sich mit der Frage, in welchem Verhältnis psychoanalytisches Denken und psychiatrische Kliniken heute stehen. Unter Rückgriff auf einen Maschinenbegriff, der mehr meint als konkrete technische Objekte, wird die Klinik zunächst als Einrichtung beschrieben, die der Symbolisierung von Unbewusstem dient. Diese abstrakten Maschinen sind gekennzeichnet durch immer schon vorhergehende Verbindungen gerade von offensichtlich Unverbundenem. Massgeblich für das Funktionieren von Klinik als Symbolisierungsmaschine ist das Aufgreifen und Auswerten von Irritationen, die im Kontrast zu einem geregelten Ablauf stehen und erst vor dessen Hintergrund gesehen werden können. Demgegenüber steht die Tendenz, Kliniken möglichst effizient und reibungslos zu betreiben, was sie aber ihren tatsächlichen Wert einbüssen lässt. Die Klinikmaschine ist aber auch wichtige Ordnungsmacht und markiert die Grenzen des Therapeutischen. In dieser Funktion wird therapeutisches Arbeiten ausserhalb der Klinik erst ermöglicht. Psychiatrische Kliniken sind für Therapeuten immer Ort und Nicht-Ort zugleich, zu denen man immer im Bezug steht. Wird man sich dieser maschinischen Verbindung zur Klinik bewusst, entsteht die Möglichkeit, diese reflexiv zu nutzen. Deshalb plädieren die Autoren für eine stärkere Verknüpfung praktizierender Psychoanalytiker mit psychiatrischen Institutionen, um deren Funktionieren anhand von Irritationen zu gewährleisten
Ich will in der Not dir Zuflucht sein: Arbeit in der psychiatrischen Institution in Zeiten der Selbstkontrollgesellschaft
Institutionen werden durch die Gesellschaften geprägt, in denen sie sich entwickeln. Seit der Mitte des letzten Jahrhunderts fand ein gesellschaftlicher Wandel statt, weg von den Disziplinargesellschaften, die auf mechanischem Gehorsam, Konformität und Verboten gründeten, hin zu den auf internalisierter Kontrolle basierenden Selbstkontrollgesellschaften. Der Zugriff geschieht heute sanfter, aber umso durchdringender, direkt auf das psychische Innere. Marketing heisst jetzt das Instrument der sozialen Kontrolle, Selbstoptimierung wurde allgemeine Pflicht. Verbunden mit einer marktradikalen Ökonomie wird ständige Rivalität verbreitet. Verhältnisse permanenter Metastabilität prägen unseren beruflichen wie privaten Alltag. Auch die Psychiatrische Klinik als Institution wurde durch diese Entwicklungen radikal umgestaltet. Aus Asylen entstanden psychiatrische Dienste, gesteuert weniger durch medizinische oder psychologische Fachkräfte als durch Ökonomie und Verwaltung. PatientInnen wurden zu KundInnen, denen Dienstleistungen verkauft werden. Diese Entwicklungen verändern unsere Arbeit als BehandlerInnen in psychiatrischen Institutionen. Ich berichte aus meiner klinischen Arbeit und schlage vor, wie eine Rückbesinnung auf das Asyl gedacht werden könnte
«Die Kunst des Fragens» – Psychoanalyse an der Universität Zürich? Ein Gespräch mit Brigitte Boothe
Zur Person: Prof. em. Dr. phil. Brigitte Boothe studierte zum einen Germanistik, Romanistik, Philosophie und erwarb zum anderen 1977 das Diplom in Psychologie. Sie dissertierte im selben Jahr in Philosophie über Wittgensteins Konzepte der Beschreibung und der Lebensform. Über Sprache und Psychoanalyse folgte 1988 die Habilitation an der Medizinischen Fakultät der Universität Düsseldorf. Von 1990 bis 2013 war sie Inhaberin des Lehrstuhls für Klinische Psychologie und stand der Abteilung Klinische Psychologie, Psychotherapie und Psychoanalyse am Psychologischen Institut der Universität Zürich (UZH) vor. In dem von ihr entwickelten qualitativen Forschungszugang (Erzählanalyse JAKOB) widmete sie sich klinischen Erzählungen und publizierte zur Psychoanalyse der Weiblichkeit, Kommunikation und Narration in der Psychotherapie wie zur Psychologie des Wünschens. Zudem führte sie eine universitäre postgraduale Weiterbildung in Psychoanalytischer Psychotherapie ein, welche seit ihrer Emeritierung an der UZH nicht mehr fortgeführt wird. Ihre Weiterbildung zur Psychoanalytikerin (DPG, DGPT) absolvierte sie am freien Institut für Psychoanalyse und Psychotherapie Düsseldorf e. V. (IPD) und bildete sich zusätzlich in Gesprächspsychotherapie wie Psychodrama weiter. Derzeit arbeitet sie in freier Praxis in Zürich. Für ihr Lebenswerk ist Frau Boothe 2018 mit dem Preis der Dr. Margrit Egnér-Stiftung ausgezeichnet worden
Aribert Muhs (2018). Entwicklungen in der Analytischen Psychotherapie: Vielfalt in ihren Anwendungen und Vielfalt in der Forschung. Mit einem Vorwort von Michael Ermann. Heidelberg: Universitätsverlag Winter
Ulrich Moser und Vera Hortig. Mikrowelt Traum. Affektregulierung und Reflexion. Frankfurt a. M.: Brandes & Apsel
Psychoanalyse im Alltag der psychiatrischen Klinik
Der Artikel gliedert sich in folgende Teile: In einem ersten Teil wird ein Überblick darüber gegeben, auf welchen Ebenen Psychoanalyse in der (psychiatrischen) Institution wirksam werden kann. Sie tut dies, indem sie – wie jede andere Therapieschule auch – diagnostische und Behandlungsverfahren anbietet. Sie geht aber darüber hinaus, indem sie eine Metatheorie zur Verfügung stellt, die es erlaubt, heterogene Behandlungsbausteine zusammenzufügen, und indem sie den Alltag des psychiatrischen Handelns zu verstehen und therapeutisch nutzbar zu machen erlaubt. Schliesslich versteht sich Psychoanalyse nicht nur als Therapie in der Institution, sondern als Analyse der Institution, mit dem Ziel, die Institution selbst zu einem therapeutischen Faktor werden zu lassen, zumindest zu verhindern, dass die Institution umgekehrt den Therapien entgegenarbeitet oder schädlich wirkt. Der zweite Teil beschreibt die Voraussetzungen, die gegeben sein müssen, damit die Psychoanalyse auf den verschiedenen Ebenen fruchtbar werden kann. Zu unterscheiden sind dabei organisatorische Voraussetzungen wie Personalausstattung und Zeit-Management von den konzeptuellen Voraussetzungen, etwa der Bereitschaft aller Ebenen der Hierarchie zur Mitarbeit oder zur Toleranz. Zu den Voraussetzungen gehören aber auch didaktische Massnahmen und eine ausreichende personelle Ausstattung mitPsychoanalytikern