Journal für Psychoanalyse (Psychoanalytisches Seminar Zürich - PSZ)
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Editorial
Liebe LeserInnen,zum Neubeginn des Journals des Psychoanalytischen Seminars Zürich (PSZ) unter dem Titel »Journal für Psychoanalyse« im Psychosozial-Verlag im Herbst 2003 hat sich das Redaktionskollektiv vorgenommen, das Seminar einer breiteren Öffentlichkeit vorzustellen. Wir sind zwar nicht die Ersten, die das tun. Die Zeitschrift Luzifer-Amor widmete dem PSZ schon vor über zehn Jahren ein Heft (Nr. 12/1993). Doch wollten wir keine alten Geschichten aufwärmen, dafür ein lebendiges Portrait entwerfen. So baten wir einige KollegInnen quer durch alle Richtungen und Fraktionen um eine möglichst subjektive Selbstdarstellung. Sie sollten erzählen, wie sie persönlich zur Psychoanalyse und zum PSZ gelangt wären, wie sie sich heute darin positionierten, was sie gut und was sie schlecht fänden. Sie sollten auch mit ihrer Kritik an den jeweils anderen im PSZ gesprochenen »psychoanalytischen Dialekten« nicht hinter dem Berg halten. Wir hofften, derart auch für unseren eigenen Teilnehmerkreis eine spannende Lektüre zu Stande zu bringen, die der im Gang befindlichen Diskussion zwischen allen psychoanalytischen Denkrichtungen neue Nahrung böte.Zu unserer großen Freude haben sie (fast) alle mitgemacht! Es sind neun völlig verschiedene Texte zustande gekommen, jeder einzigartig, die tatsächlich in ihrer Gesamtheit ein zutreffendes Bild des Seminars wieder spiegeln; dabei dürfen wir Sie versichern, liebe LeserInnen, dass wir gerade so gut neun andere AutorInnen hätten auswählen können – bei aller Verschiedenheit im Detail hätte sich das Gesamtbild (bei immer noch fast 500 TeilnehmerInnen) nicht verändert, so wie Sie einer chemischen Lösung immer wieder eine andere Probe entnehmen können, und die Analyse allemal dieselbe Zusammensetzung ergibt.Wir haben dem Reigen der Subjektivitäten noch ein ausführliches Interview mit je zwei VertreterInnen unserer beiden Gruppen-Schulen beigefügt, welches nicht nur vier weitere Mosaiksteinchen aufscheinen lässt, sondern vor allem die andere Seite derselben Medaille fokussiert und das andere, das gruppale Gesicht des PSZ zeigt. Und wir haben diesmal auch den Forum-Teil des Heftes zur Abrundung einbezogen. Diese kürzeren Texte (von Gregor Busslinger und Irene Passweg für die Selbstdeklarationsgruppe, von Egon Garstick und Rony Weissberg) sind für das Gesamtbild nicht weniger wichtig. Sie vermitteln eine Ahnung von der brodelnden Dynamik des PSZ als Gegeninstitution und von der Ernsthaftigkeit und Heftigkeit, mit welcher hier um Wahrheit gerungen wird.Eine besondere Freude war uns, dass sich unser Doyen, Paul Parin, mit einem Beitrag zur Ethnopsychoanalyse im Gewand (k)einer Buchrezension des »Lexikons der Ethnopsychoanalyse« von Johannes Reichmayr am Gesamtunternehmen beteiligt hat. Als Schlusspunkt die Vorankündigung eines Kongresses, der sich vorgenommen hat, Fritz Morgenthaler – den anderen, noch viele Jahre nach seinem Tod sehr lebendigen »Säulenheiligen« des Seminars – zum Arbeiten zu bringen.Wir dürfen noch darauf hinweisen, dass das Umschlagsfoto von Mario Modena die Stadt Zürich vom Waidberg her aufrollt, den Werkplatz des Industriequartiers im Vordergrund, wo sich zwischen anderen Gebäuden auch die umfunktionierte Fabrik des Arbeiter-Hilfswerkes befindet, wo sich das PSZ nebst einigen anderen Initiativgruppen und Alternativbetrieben eingemietet hat – eine überraschende, aber zukunftsweisende Perspektive. Wer das Bild vergrößern möchte, kann es von unserer Website herunterladen unter www. psychoanalyse-journal.ch. Hier finden Sie, liebe LeserInnen, auch das Inhaltsverzeichnis und die Abstracts der vergangenen Nummern (wir haben uns vorgenommen, mit der Zeit alle vergangenen 23 Jahrgänge der Zeitschrift zu erfassen), so wie die Schwerpunktthemen der kommenden Hefte. Für den Herbst ist die Beschäftigung mit der neu-alten Vernetzungsbewegung der Freudschen Linken angesagt und in einem Jahr die Fortsetzung des theoretischen Ringens (nach dem im letzten Oktoberheft dokumentierten Setting-Schwerpunkt) unter dem Titel »Freud/Klein/Lacan-Schnittstellen«.Emilio ModenaUmschlagfoto der Ausgabe Nr. 42Wir dürfen noch darauf hinweisen, dass das Umschlagsfoto von Mario Modena die Stadt Zürich vom Waidberg her aufrollt, den Werkplatz des Industriequartiers im Vordergrund, wo sich zwischen anderen Gebäuden auch die umfunktionierte Fabrik des Arbeiter-Hilfswerkes befindet, wo sich das PSZ nebst einigen anderen Initiativgruppen und Alternativbetrieben eingemietet hat – eine überraschende, aber zukunftsweisende Perspektive
Die psychoanalytische Praxis – Überlegungen zum Fall des »Rattenmannes«
Übersetzung: Gerhard SchmitzGegenstand des Aufsatzes ist es, Lacans Beitrag zum psychoanalytischen Verfahren darzulegen. Dazu stützen wir uns auf fünf Thesen: Erstens übernehmen wir von Freud (in: Abriss der Psychoanalyse) die Vorstellung, dass das Objekt der Psychoanalyse eine Struktur ist, nämlich die des Unbewussten. Diese Struktur ist zugleich exklusiv und inklusiv: exklusiv, weil es nichts außerhalb ihrer gibt. Das Bewusstsein ist ein Effekt des Unbewussten, und der Körper ist nicht von der psychischen Weise zu trennen, wie er erlebt wird; inklusiv, weil Denken, Traum, Symptom, Affekt und Schmerz, kurz, alle psychischen Effekte, ihr zugehören. Zweitens fragen wir uns mit Freud, wie diese Struktur sich virtuell aufteilen ließe zwischen einem Ich (Subjekt) und einem Es. Sodann behaupten wir – drittens –, dass die Lacan’sche Hypothese über die Struktur des psychischen Knotens mit vier Dimensionen (R, S, I, S) eine Einheit bildet, die die Dimension des Subjekts (Ich) und des Objekts (Es) mit einbegreift. Auf diese Weise beantwortet die Lacan’sche Hypothese Freuds Frage, wie das Subjekt sich zum Objekt machen kann. Darüber hinaus zeigen wir – viertens –, dass diese Struktur des Subjekt-Objekts im autoerotischen Phantasma zu einer Einheit kommt. Dabei induziert die Dimension des Subjekts eine phantasmatische Objektstruktur, auf die verzichtet werden muss, um zu einem neuen Modus der phantasmatischen Organisation zu gelangen, dem des Begehrens. Fünftens: Am Fall des Wolfsmanns zeigen wir, dass die Dimension des Subjekts (Ich) die Annahme erlaubt, dass der Signifikant Ratte das Subjekt repräsentiert und das Objekt eines inzestuösen Vermischungsphantasmas induziert, nämlich das eines Ratten-Anus
Les États Généraux de la Psychanalyse in Rio de Janeiro und die brasilianische Psychoanalyse
Ausgehend vom irritierenden Eindruck als Teilnehmer des Weltkongresses in Rio de Janeiro ende Oktober 2003, dass die neue internationale Vernetzungsbewegung sich durch eine französisch-brasilianische Dominanz auszeichnet, beschreibe ich die Entstehungsgeschichte von États Généraux de la Psychanalyse und stelle diese in den historischen Kontext der Entwicklung der Psychoanalyse in Brasilien. Dieser historische Rahmen soll sowohl die Beschreibung des Kongressverlaufes, der im Zentrum dieses Artikels steht, als auch die Wahl von Rio de Janeiro als Kongressort verständlicher machen
Der psychoanalytische Stamm wächst an der Peripherie und verholzt im Zentrum
Dem Bild gemäß, dass der Baum an der Peripherie wächst und im Zentrum verholzt, wird gezeigt, wie die Erfahrung und Verarbeitung von Brüchen im eigenen Leben sowie die ethnologische Position, die sich im Grenzgebiet zwischen Vertrautem und Unvertrautem ansiedelt, hilfreich sind, die eigene, professionelle Lebendigkeit als Psychonalytiker zu fördern und die psychoanalytische Forschung voranzutreiben
Ein Denk- und Werkplatz – Notizen zum Psychoanalytischen Seminar Zürich
Ausgehend von den Anfängen meiner persönlichen Ausbildung zum Psychoanalytiker sowie meinem Hauptinteresse an der psychoanalytischen Klinik werden im Folgenden einige Gedanken zur Entwicklung des PSZ, zu Arbeitsgruppen im Umfeld des PSZ und zur Bedeutung des Engagements von Psychoanalytikern in der Psychiatrie skizziert
Selbst Gesponnenes: Wie einer durch Zu- und andere Fälle zum Analytiker wurde
Der Autor diskutiert im Kontext seiner eigenen Analytikerbiografie Fragen der Ausbildung, der Lehranalyse, des persönlichen Stils von Analytikern, der Unterschiede zwischen verschiedenen Schulen so wie die Einwirkungen, welche solche Schulen auf die Freiheit des Denkens ausüben. Er problematisiert die weit verbreitete Annahme, gemäss der die Praxis eines Analytikers wesentlich von seinen theoretischen Vorstellungen geprägt sei, er postuliert, dass jeder Analytiker, die Psychoanalyse für sich selbst neu erfinden müsse und bejaht die offene Austragung von konflikthaften Differenzen unter Psychoanalytikern. Schliesslich stellt er die These auf, dass es letztlich nicht die Wahrheit verschiedener Theorien sei, über die man de facto streite und diskutiere, sondern deren ästhetischer Wert also ihre Schönheit. Die »Wahrheit« der Psychoanalyse sowohl in ihrer Theorie, wie in ihrer praktischen Anwendung bleibt gemäss dem Autor analog derjenigen der Kunst irreversibel subjektiv, nicht objektivierbar, und eben darin, so seine Behauptung, liege ihre einzigartige Bedeutung als Instrument für das Verständnis des Menschen und aller menschlichen Äusserungen. Sie erschliesse gerade jene hoch relevanten Bereiche des menschlichen psychischen Universums, die der objektivierenden Wissenschaft notwendig unzugänglich seien
Paarungen, Passagen – Das Imaginäre zwischen Melanie Klein und Jacques Lacan
In der Geschichte der Psychoanalyse nach Freud ragen die Schulen von Melanie Klein und Jacques Lacan als hegemoniale Blöcke hervor. Blieb die persönliche Reverenz Melanie Kleins an Lacan episodisch, so bildete der theoretische Ansatz der Londoner Kinderanalytikerin für Lacan zwischen den 1930er und den 1950er Jahren einen konstanten Bezugspunkt. Die paranoid-schizoide Position und das Imaginäre dienen dem Autor als Elemente einer gemeinsamen Schnittfläche, an der sich Lacans Werkimpuls erst eigentlich entzünden sollte. Um die Metapher des »starken Dichters« nach Freud wird ein Modell psychoanalytischer Wissenschaftsgeschichte entworfen, das sich an einem rekonstruierten Diskurs zwischen Melanie Kleins und Lacans Denken veranschaulichen lässt