Journal für Psychoanalyse (Psychoanalytisches Seminar Zürich - PSZ)
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Die neosexuelle Revolution – Über gegenwärtige Transformationen der kulturellen Geschlechts- und Sexualformen
Meine These lautet: In den Jahrzehnten nach der letzten sexuellen Revolution ist es in den reichen Ländern des Westens zu Transformationen der Sexual- und der Geschlechtsformen gekommen, die zwar relativ leise und langsam verlaufen sind, die aber nach meinem Eindruck noch einschneidender sind als die der sechziger und siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Den Prozess dieser Umschreibungen, Kreationen und Umwertungen habe ich »neosexuelle Revolution« genannt. Und eine sich neu etablierende Sexual-, Intim- oder Geschlechtform, die sich den alten Ängsten, Vorurteilen und Theorien entzieht, nenne ich Neosexualität, Neoallianz oder Neogeschlecht (Sigusch 1998b, 2001b, 2005a, 2005b)
Editorial
Liebe LeserInnen,Schwerpunkt, ja Schwergewicht dieses (Doppel-)Heftes ist Fritz Morgenthaler (1919-1984), dem das Psychoanalytische Seminar anlässlich seines 20. Todestages einen internationalen Kongress gewidmet hat (»Traum – Technik – Sexualität«, vom 3. - 5. März 2005 im Volkshaus Zürich). Diese drei Tage standen unter dem Motto »Faire travailler Morgenthaler«, was laut Programmheft »frei nach Laplanche (dt. 1996)« bedeuten sollte »Morgenthaler zum Arbeiten bringen.« Ich übersetze: Morgenthaler produktiv wenden, sich an ihm abarbeiten. Eine Ehrung also nach der Art jener, wie die Teppichweber von Kujan-Bulak Lenin ehrten. Bertolt Brecht erzählt, sie hätten mit dem gesammelten Geld statt einer Büste Petroleum gekauft, um damit den Sumpf hinter dem Kamelfriedhof von Stechmücken zu befreien, die »das Fieber erzeug(t)en« »So nützten sie sich, indem sie Lenin ehrten und Ehrten ihn, indem sie sich nützten, und hatten ihn Also verstanden.«1Bei der Arbeit wollte niemand zurückstehen. Dem Aufruf Ralf Binswangers folgte erst eine Arbeitsgruppe (ausser ihm: Christian Hauser, Emilio Modena, Peter Passett, Vreni Schärer, Hans-Ruedi Schneider, Christoph Stettler, Judith Valk, Christine Widmer) und dann (fast) das ganze Seminar, buchstäblich alle Fraktionen, man könnte sagen das PSZ in corpore, wie ein Mann (natürlich haben dann bei der perfekten Organisationsarbeit vor allem unsere zwei Sekretärinnen Dorothea Bünzli und Martha Bachmann gearbeitet)…Man/frau hat sich die Arbeit mit Morgenthaler nicht leicht gemacht: In so genannten Werkbefragungen (acht fortlaufende und 18 einmal stattfindende Kleingruppen) wurden einschlägige Texte zu seinen drei »Kerngeschäften« (Binswanger) - Traum, Technik, Sexualität – und zur Ethnopsychoanalyse aufgearbeitet. In 20 Einzelvorträgen und Symposien (»Begegnungen und Kontroversen«) wurden sowohl die Tagesthemen als auch »spezielle Themen«, von der Ethnopsychoanalyse bis zur materialistischen Dialektik, vertieft, diskutiert, kritisiert, ergänzt. Lediglich die einführenden Hauptreferate und den öffentlichen Vortrag trauten sich die Zürcher nicht zu. Auch scheute man die Eloquenz unserer italienischen und französischen Vernetzungsfreunde und den Aufwand für die Simultanübersetzung. So wurden sie allesamt dem »grossen Bruder« im Norden anvertraut, solchermassen die besonderen Beziehungen des PSZ zu Frankfurt und zu München dokumentierend. Zwei Tagungsplena, die von eigens dazu bestellten Beobachterinnen eingeleitet wurden, rundeten den Kongress ab.Vom allgemeinen Arbeitsfieber ergriffen, liessen wir uns von der Redaktion dazu verführen, den Kongress zu dokumentieren – und hatten fortan die doppelte Arbeit. So ist dieses Heft zu Stande gekommen. Wir haben – abgesehen von den nicht dokumentierbaren Werkbefragungen und den nicht dokumentierten Diskussionen – nichts ausgelassen und lediglich die Forumbeiträge hinzu gefügt. Finanziert wird die weit über das normale Budget hinausgehende Publikation dank eines Beschlusses der Teilnehmerversammlung des PSZ aus dem Kongressgewinn, sodass unsere AbonnentInnen in den Genuss des Doppelheftes zum Preis eines Einzelheftes gelangen (werben Sie aber bitte für uns!). Lediglich vier Arbeiten, die unbedingt zum Ganzen dazu gehören, finden Sie hier aus verschiedenen Gründen nicht: »Die zentralen Theorien Fritz Morgenthalers im Vergleich mit Donald Meltzer als einem wichtigen Vertreter postkleinianischer Psychoanalyse« von Karl Mätzler (Salzburg) haben wir bereits in Heft 44 (Schwerpunkt »Schnittstellen«) vorpubliziert. »100 Jahre Traumdeutung« von Judith Valk (Zürich) müssen Sie in unserem Schwesternblatt in Salzburg, dem »Werkblatt«, nachschlagen. Und die Arbeit von Judith Le Soldat (Zürich) über »Agricola-agricolae – Vom Propfen zum Arschpenis« ist infolge einer ernsteren Erkrankung der Autorin ausgefallen. Schliesslich hat Pedro Grosz (Zürich) darauf verzichtet, seine Ausführungen über den Brief Fritz Morgenthalers an Heinz Kohut von 1983 zu verschriften. Diesen Brief finden Sie aber neu aufgelegt in den von Judith Valk im Psychosozial-Verlag herausgegebenen »Vermischten Schriften«.2Da Fritz Morgenthaler nicht nur Psychoanalytiker, sondern auch Maler war, gehörten zum Kongress die Vernissage und die Ausstellung seiner Bilder im Museum Baviera, die wir leider nur im Sinne einer Kostprobe dokumentieren können. Auf dem Cover ein Ausschnitt aus dem »Chinesischen Variété in Bangkok« von 1957, im Inneren die «Vögel, Afrika« (1964), das undatierte Aquarell »Sepik« und »New York« (1972). Ich danke den Söhnen Jan und Marco Morgenthaler für die grosszügige Überlassung der CD ihres Bildbandes, dem wir auch das Portrait von Fritz Morgenthaler entnommen haben.3Hatte ich nicht von einer perfekten Organisation geschrieben? Nein, nicht ganz. Die frei gehaltene Begrüssungsansprache von Paul Parin wurde nicht auf Band aufgenommen. Da ich aber gerade auf seine klaren, kenntnisreichen und herzlichen Ausführungen nicht verzichten wollte, habe ich ihn gebeten, sie mir aus der Erinnerung noch einmal vorzutragen. Mit diesen Erinnerungs- und Begrüssungsworten beginnt das Heft. Meiner Meinung nach hat sich die Arbeit gelohnt: Noch nie war das PSZ in seiner bald 30-jährigen Geschichte zu einer solchen kollektiven Leistung fähig, die jenseits aller Divergenzen und divergierenden Interpretationen und jenseits aller Egoismen und psychoanalytischen Dialekten die gemeinsame Wurzel und ein Zugehörigkeitsgefühl aller mit allen spürbar werden liess. Mein besonderer Dank gilt den in- und ausländischen Gästen, die die Arbeit mit uns zusammen angepackt und sich vom genius loci nicht haben abschrecken lassen.Emilio Modena P.S. Erst nach Redaktionsschluss ist klar geworden, dass es sich beim vorliegenden Doppelheft trotz verantwortbaren Kürzungen umfangsmässig in Wirklichkeit um ein Dreifach-Heft handelt. Und noch mehr kürzen mochten wir nicht… So haben wir trotz Zuschüssen aus dem Kongress-Gewinnfonds das Budget gesprengt und müssen sparen. Wir werden 2006 nur ein einziges Heft im Herbst herausbringen (Schwerpunkt Ethnopsychoanalyse). Das Schwerpunktheft »Psychoanalyse in den Transformationsstaaten« (ehemals real sozialistisch) muss auf Frühjahr 2007 verschoben werden.1Aus: B. Brecht »Die Teppichweber von Kujan-Bulak ehren Lenin«2Morgenthaler, F.(2005): Psychoanalyse, Traum, Ethnologie – vermischte Schriften, Giessen, S. 15-203Morgenthaler, J. und M. (2005): Löwen zeichnen. Vögel zaubern. Mit Fritz Morgenthaler verreisen, Giessen (Psychosozial-Verlag
Der Tanz des Analytikers auf der Lücke. Zu den Gemeinsamkeiten von Metapsychologie und Technik
In Morgenthalers Technik-Buch werden dem fragenden und suchenden Analytiker nicht wirklich Denk- und Deutungsanweisungen für den analytischen Prozess gegeben. Vielmehr wird durchexerziert wie alle Konzepte und Vorschläge, die Morgenthaler dem Analytiker anbietet, nur einen sehr prekären Halt vermitteln, der sich immer wieder im Nicht-Wissen und in Orientierungslosigkeit auflöst. Diese sich ständig wiederholende, elliptische Bewegung zwischen den Brennpunkten Halt und Orientierungslosigkeit kulminiert im Titel des letzten Kapitels Viele Wege führen zu keinem Ziel. Das Kreisen um die Orientierungslosigkeit und der Tanz um diese Lücke erweist sich so als Zentrum seiner Technik. Die Analogie dieser Denkfigur zu Morgenthalers Perversionstheorie der Plombe weist für das Verhältnis von Theorie der Technik und Metapsychologie eine grundlegende Gemeinsamkeit aus, die weniger offensichtlich aber nicht weniger gewichtig ist als die immer wieder betonten Unterschiede und Gegensätze. Mit dieser Denkfigur wird eine überraschende Verbindung zu Freuds Text Jenseits des Lustprinzips gezogen, über welche Morgenthalers Denken in einen fruchtbaren Bezug zur modernen Positionierung der Psychoanalyse gebracht werden kann, wie sie von di Caccia und Sciacchitano vorgenommen wird
Editorial
Schnittstellen sind Daten- und Zugriffsstrukturen, die den Zugriff und die Steuerung auf bestimmte Objekte vereinheitlichen sollen. Ein Beispiel aus dem realen Leben ist ein Schloss. Es gibt zig verschiedene Modelle, aber allen gemeinsam ist, dass man den Schließmechanismus bedienen und prüfen kann, ob das Schloss gerade ver- oder entriegelt ist.In der elektronischen Datenverarbeitung werden Schnittstellen immer dann benutzt, wenn mit verschiedenen Objekten die gleichen Aktionen unabhängig von ihren Daten durchgeführt werden sollen. Eine Collection kann z. B. jede beliebige Instanz jeder beliebigen Klasse aufnehmen. Dies geht jedoch nur, weil alle Klassen die Schnittstelle »Unknown« verwenden. Wäre das nicht der Fall, müsste man für jede Klasse eine jeweils eigene Collection erstellen.Auf unseren Fall übertragen heißt dies, dass die verschiedenen im vorliegenden Heft vorgetragenen Theorien alle die Schnittstelle »Psychoanalyse« verwenden. Es gibt jedoch nicht nur die Schnittstelle »Psychoanalyse«, die es erlaubt, gewisse Dinge zu betrachten und eine gemeinsame Diskussion zu führen. Auch innerhalb der psychoanalytischen Theorie sind Schnittstellen notwendig, um überhaupt einen Diskurs führen zu können. Über Klein und Lacan zu reden, ist nur möglich, weil gewisse Begriffe oder Theoriemodelle oder Prozesse vorhanden sind, die einen gemeinsamen Diskurs zulassen. Schnittstellen sind notwendig, um etwas gemeinsam anzuschauen, aber auch um gewisse Dinge voneinander zu trennen, wenn also zwei Dinge voneinander geschnitten werden. Erst so werden der Diskurs und das Ringen um die Weiterentwicklung der psychoanalytischen Theorie(n) möglich und fruchtbar.Robert Heim zeigt auf was die Paarung zwischen Melanie Klein und Jacques Lacan scheitern lässt. Raúl Páramo Ortega versucht eine Annäherung zwischen Freud und Marx und weist auf die lange Geschichte von kaum aufhebbaren Missverständnissen hin. Jean-Gérard Bursztein legt in seinem Aufsatz anhand des Falles des »Rattenmannes« Lacans Beitrag zum psychoanalytischen Verfahren dar. Die zentralen Theorien von Fritz Morgenthaler werden von Karl Mätzler den Theorien von Donald Meltzer gegenübergestellt. Vera Saller vergleicht in ihrer Arbeit die Theorien von Peirce mit Bion und Freud. Schließlich führten Emilio Modena und Thomas Merki ein Interview mit Lilian Berna über Melanie Klein und Wilfred R. Bion.Aus zeitlichen Gründen finden Sie die Niederschrift eines Streitgesprächs zwischen Martin Kuster und Daniel Strassberg über den Begriff der Kastration in einer späteren Ausgabe.Im Forumteil finden Sie neben verschiedenen Kongressberichten, einer Rezension und der Ansprache Helmut Dahmers zum 90. Geburtstag von Ernst Federn die – eigentlich für die letzte Journalausgabe vorgesehene – Arbeit von Doris Hajer über den Stand der (linken) Psychoanalyse am Rio de la Plata. Den Schlusspunkt setzt ein Protestbrief italienischer Psychoanalytiker gegen Berlusconis Justizreform.Ausgehend von der Schnittstelle »Psychoanalyse« bietet dieses Heft spannende und aufschlussreiche Einblicke in verschiedene Theorien und regt zum Nachdenken über Dissens und wohl auch Übereinstimmung in der klinischen Relevanz an.Ich darf noch darauf hinweisen, dass das Umschlagsbild eine Skulptur von Sylvia von Arx zeigt, fotografiert von Mario Modena.Thomas Merk
Psicoterapia e Scienze Umane – die italienische Entwicklung!
Es wird die Geschichte einer kleinen Gruppe von spezialisierten Intellektuellen auf dem Gebiet der Psychotherapie («intellettuali-tecnici») von 1959 bis heute dargestellt. Die Grundlage der politischen Wirkung dieser Gruppe beruhte auf der Funktion intellektueller Arbeiter in dialektischem Bezug zur starken italienischen Arbeiterbewegung. Dabei war die psychoanalytische Kompetenz das hauptsächlichste Instrument zur Vermeidung des Fachidiotentums standespolitischer Orientierungen im Bereich von Psychologie, Psychiatrie und Psychotherapie. Das Engagement, vornehmlich bei der Ausbildung, mittels kleiner, meistens informell vernetzter Gruppen war Angelpunkt der Aktion. In der italienischen Gesellschaft der zweiten Nachkriegsperiode ging es um die Beschleunigung des fälligen Transformationsprozesses von einer versteinerten Tradition zur Moderne. Auf Grund des sich in dieser Zeit schnell vollziehenden Wandels war ein spannungsgeladener politischer Raum gegeben, der günstige Bedingungen für die psychosoziale Intervention schaffte. Zentrales Kampfmittel war dabei die permanente Aneignung von Fachkenntnissen, was als Verpflichtung für intellektuelle Arbeiter postuliert wird. – Die gegenwärtige Lage erfordert ein starkes Engagement, will man den bürokratisch-reformistischen Tendenzen begegnen. Es wird betont, dass institutionelle Ansätze im Bereich der Wissensvermittlung und der Mental Health im Dunstkreis des Neoliberalismus («neoliberalismo postwerberiano») in allgemeinpolitischer Hinsicht und besonders im Bereich der Ausbildung autoritäre Lösungen verschleiern. Das informelle Netz, das sich mit den Positionen von Psicoterapia e Scienze Umane identifiziert, ist in mehreren italienischen Regionen präsent und erreicht im öffentlichen Sektor und in der privaten Psychotherapie-Ausbildung an die fünftausend Fachkräfte
Kritische Psychoanalyse in Deutschland – oder: Das Schweigen der Lemminge
Ausgehend von Freuds (1910d, S. 111) Feststellung, dass die Gesellschaft »an der Verursachung der Neurosen selbst einen großen Anteil hat« und die Psychoanalytiker sich »in Opposition gegen alles konventionell Eingeschränkte, Festgelegte, allgemein Anerkannte« (1941d, S. 28) befinden müssen, wird der Frage nachgegangen, wo eine selbst- und gesellschaftskritische Psychoanalyse geblieben ist, bzw. wo sie heute bleibt. Der Autor kommt zum Schluss, dass im Lichte des Berufsfelds betrachtet, in welchem Psychoanalytiker heute mehrheitlich arbeiten, diese Frage so absurd geworden ist wie etwa die Frage nach gesellschaftskritischen Dentisten