PraxisForschungLehrer*innenBildung (PFLB) - Zeitschrift für Schul- und Professionsentwicklung
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Für die Schule unbrauchbar? Eine kleine Korpusstudie zum Mittellateinischen
Das Latein des Mittelalters hat den Ruf, von minderwertiger Qualität und somit nur bedingt für den Schulunterricht einsetzbar zu sein. Zu groß sei der Unterschied zum klassischen Latein (z.B. der Gebrauch des Akkusativ mit Infinitiv [ACI]), und es würde die Schüler*innen eher verwirren, als dass die Texte eine Bereicherung für sie darstellten. Für diesen Beitrag wurde eine Reihe von mittelalterlichen Texten, die von beiden Autorinnen selbst für eine Verwendung an der Schule zusammengestellt wurden, auf bestimmte grammatische Strukturen hin untersucht (ACI, Partizipialkonstruktionen, Gerundium und Gerundivum). Ziel ist es herauszufinden, ob und wie weit das Mittellateinische dieser Texte vom klassischen Latein abweicht und ob ein Einsatz im Schulunterricht durchaus vertretbar ist. Der Beitrag stützt sich dabei auf die Ergebnisse der Masterarbeit von Mona Henke-Bockschatz
Zwischen Ethnografie und praxisorientierter Entwicklungsarbeit: Perspektiven auf die rollenbedingte Involviertheit und Subjektivität in einem Forschungsprojekt der Hochschulforschung
Den Ausgangspunkt dieses Beitrags bilden die besonderen Bedingungen von Hochschulforschung. Da Forschende ihre eigene Lebenswelt studieren, müssen sie zwischen ihrer Forschung und ihrer Mitgliedschaft in der Organisation changieren, was Auswirkungen auf die sich daraus konstituierende spezifische Form der Subjektivität hat. In diesem Beitrag nehme ich die in Schweitzer (2022) entwickelten Reflexionsfragen zur rollenbedingten Involviertheit zum Anlass, um mein eigenes Dissertationsprojekt aus der Forschung zur universitären Lehrer*innenbildung zu beleuchten. Zum einen möchte ich dadurch eine Transparenz hinsichtlich meiner eigenen Verstrickungen im Rahmen meines Forschungsprojektes herstellen. So zeige ich entlang von Einträgen meines Forschungstagebuchs u.a. auf, dass mein Wunsch nach Rollentrennung den Chancen von Subjektivität als Erkenntnisfenster entgegenstand. Zum anderen dient der Beitrag im Allgemeinen zur forschungspraktischen Illustrierung der andernorts auf Grundlage der Diskussionen um Forscher*innensubjektivität im Kontext von (Eigen-)Ethnografie und Hochschulforschung theoretisch entwickelten Reflexionsfragen
"Erkennen, was ich anfangs nicht gesehen habe": Die Fallanalyse als Denk- und Schreibwerkzeug für die Professionalisierung von Lehrer*innen
Im vorliegenden Artikel stellen wir ein Instrument vor, das in einem Entwicklungs- und Forschungsprojekt mit dem Ziel konzipiert wurde, mithilfe einer angeleiteten Fallanalyse Praxis und Theorie in der Lehrer*innenbildung stärker zu vernetzen. Ausgehend von der Bedeutung der fallspezifischen Anwendung von Wissen für die Professionalisierung von Lehrpersonen wurde ein Denk- und Schreibmodell entwickelt, das diesen Prozess konkretisiert und rückmeldet. Sogenannte „Bedeutungsvolle Lernereignisse“ (BeLe) werden in einem Lerntagebuch mit der Hand notiert, und in weiterer Folge werden ausgewählte „Geschichten“ zu „Fällen“ für das Prozessportfolio bestimmt. In diesem wird der gewählte Fall prozesshaft analysiert, und es wird versucht, Schlussfolgerungen auf ihre mögliche Übertragbarkeit zu prüfen. Der Bericht gibt einen Einblick in konzeptionelle hochschuldidaktische Überlegungen, stellt die entwickelten unterschiedlichen Instrumente vor und fasst einige zentrale Ergebnisse aus der begleitenden Forschung zur Entwicklung zusammen
Differenzkategorien im Unterricht reflektieren, ohne die Differenz zu reproduzieren …? Eine fremdsprachendidaktische Annäherung an ein Paradox am Beispiel von Gender und Sexualität
Der Beitrag widmet sich der Frage, wie im Fremdsprachenunterricht Vielfalt sichtbar gemacht werden und trotzdem der Wirkmächtigkeit von binären Kategorien und den damit verbundenen sozialen Ungleichheiten Rechnung getragen werden kann. Auf der Suche nach Antworten wird für einen methodischen Eklektizismus sowohl in den bezugswissenschaftlichen Perspektiven auf den Gegenstand als auch in der Variation der unterrichtsmethodischen Zugangsweisen plädiert. Am Beispiel der Differenzkategorien Gender und Sexualität werden diese verschieden vielfältigen theoretischen Grundlagen hergeleitet, indem die pädagogische und die didaktische Relevanz verschiedener Strömungen der Gender Studies und der Queer Theory aufgezeigt werden. Die daraus gezogenen Implikationen werden für spezifisch fremdsprachendidaktische Anwendungsfelder wie Text- und Gegenstandsauswahl und Methodenvariation erläutert. Schließlich wird an Unterrichtsbeispielen zu Texten über Facebook bis zu Shakespeare gezeigt, wie sich die verschieden vielfältigen Herangehensweisen im Englischunterricht umsetzen lassen
Digitale Kompetenz von Lehrpersonen für den Medien- und Informatikunterricht in der Schweiz
In diesem Beitrag wird anhand einer Dokumentenanalyse und einer Expert*innenbefragung auf kantonaler sowie nationaler Ebene untersucht, welche Anforderungen an die Lehrpersonen im Rahmen des neuen Modullehrplans „Medien und Informatik“ (M&I) gestellt werden. Anhand eines entwickelten M&I-Kompetenzmodells konnten die jeweiligen Kompetenzkomponenten und -facetten identifiziert werden. Die Befunde weisen darauf hin, dass v.a. Anforderungen im Bereich der Anwendungskompetenz sowie der Fachdidaktik M&I an die Lehrpersonen gestellt werden. Die Studie gibt Forschenden und Praxispersonen einen vertieften Einblick in die geforderten digitalen Kompetenzen von Lehrpersonen im Rahmen dieser Bildungsreform und ermöglicht einen interkantonalen Dialog zur Professionalisierung von Lehrpersonen
White Gaze und der fremdsprachendidaktische Kanon: Wie Rassismuskritik (trotzdem) zum Gegenstand von Fremdsprachenunterricht werden kann
Expliziter wie impliziter Rassismus sind in Deutschland weiterhin allgegenwärtig – auch in der Schule, welche unter dem Anspruch steht, diesen durch Bildungsprozesse abzubauen; allerdings muss dafür eine rassismuskritische Perspektive durch die Akteur*innen eingenommen werden. Jedoch zeigt sich in den Kanones (Curricula und Lehrwerke) häufig eine weiße Perspektive auf rassismusrelevante Themen, wodurch rassistisches Wissen reproduziert wird. Authentische Lebensweltbezüge werden aufgrund einer unkritischen Aufarbeitung des strukturellen Charakters von Rassismus erschwert. Es ist nicht ausreichend, einzelne Werke in den fremdsprachendidaktischen Kanon aufzunehmen, um institutionellen Rassismus in der Schule abzubauen und Lernende rassismuskritisch zu unterrichten, solange die Lehrperson nicht rassismuskritisch (aus-)gebildet ist. Die Aufnahme von Texten Schwarzer Autor*innen of Color ist dennoch ein notwendiger Schritt; ihre Texte dürfen aber nicht nur im Kontext von Rassismus und Gewalt besprochen werden. Sie verdienen ihrer selbst wegen Anerkennung. In einem anzustrebenden rassismuskritisch orientierten Unterricht sehen wir Fremdsprachenlehrer*innen als aktiv Handelnde, die fachliche Diskurse einleiten, (aus)halten und moderieren können und sich rassismuskritisch positionieren. Aus einer berufsbiographischen Perspektive und unter Berücksichtigung der individuellen Language Teacher Identity können in der Fremdsprachenlehrer*innenbildung Lern- und Reflexionsgelegenheiten geschaffen werden, die ein rassismuskritisches Bewusstsein sowie kritisches Weißsein fördern und den Umgang mit Rassismus im Englischunterricht verändern können
Critical Literacy im Kontext fremdsprachendidaktischer Kanonisierungstendenzen: Einführung in eine überfällige Sektion
Diese Einleitung zu den Beiträgen in der Sektion Critical Literacy der Tagung Standards – Margins – New Horizons: Canons for 21st-century Teaching geht der Frage nach, warum dieser Ansatz erst jetzt in der Fremdsprachendidaktik Fuß zu fassen scheint. Dafür werden mögliche disziplinäre Gründe für Verzögerungen und für eine aktuell verstärkte Berücksichtigung kritischer Ansätze in der Fremdsprachendidaktik skizziert und die Beiträge zu der Sektion (Langensiepen & Gerlach; Sauer; Schildhauer; Herzig; jeweils in diesem Themenheft) darin kontextualisiert
Interethnische Freundschaftsbeziehungen im schulischen Kontext aus Sicht der Lehrkräfte
Die Studie „Ethnische Heterogenität in der Erziehung“ untersucht den Zusammenhang zwischen sozialen Milieus, der ethnischen Herkunft, monoethnischen und interethnischen Freundschaftsbeziehungen sowie Einstellungen und Wertorientierungen von Jugendlichen sowie den Einstellungen von Lehrkräften zu (interethnischen) Freundschaften im schulischen Kontext. Insbesondere werden deren Auswirkungen auf ein ethnisch inklusives Lernen und Leben im Schulkontext erfasst. Im Rahmen dieser komplexen Studie, die unterschiedliche Bereiche thematisiert, wird für den vorliegenden Beitrag der Fokus auf die interethnischen Freundschaftsbeziehungen im Schul- und Klassenkontext aus Sicht der Lehrkräfte gesetzt. Das Ziel des Beitrages ist es zu analysieren, durch welche Maßnahmen das Eingehen und die Aufrechterhaltung interethnischer Freundschaften durch Lehrkräfte gefördert werden und aus welchen Gründen der Auf- und Ausbau interethnischer Freundschaften aus Sicht der Lehrkräfte wichtig ist. Um diese Forschungsfragen zu beantworten, wurden qualitative Leitfadeninterviews mit über 100 Lehrkräften mit und ohne Migrationshintergrund aller Schularten geführt und inhaltsanalytisch ausgewertet. Die Analyse zeigt, dass im schulischen Kontext unterschiedliche Maßnahmen wirksam werden können, um die Förderung interethnischer Freundschaften zu gewährleisten. Bei der Frage zur Bedeutung von interethnischen Freundschaften weisen die Lehrkräfte darauf hin, dass nicht nur ein positiver Effekt für die befreundeten Schüler*innen, sondern – vor dem Hintergrund der Diskussion um die gesellschaftliche Kohäsion – auf die gesamte Gesellschaft erwartet werden kann
Praktische Theorie: Verknüpfung autonomer Praxiserfahrungen und wissenschaftlicher Diskurse zum Thema „Rechenschwäche“
Aufbauend auf dem aktuellen Stand der Forschung zur Theorie-Praxis Vermittlung in der Lehrer*innenbildung in Deutschland wird das Potenzial autonomer Praxiserfahrungen für die akademische Ausbildung diskutiert. Am Beispiel des Projektes „Stark und fit durch Mathematik“ an der TU Dresden wird erläutert, wie Studierende in sozial stark belasteten Schulen als Unterstützer*innen tätig werden, indem sie spezielle Förderangebote für rechenschwache Kinder anbieten. Damit werden die Studierenden primär nicht als Lernende, sondern als kompetente Unterstützer*innen adressiert. Parallel zu der Förderung absolvieren die Studierenden ein Hochschulseminar, in dessen Rahmen sie in den aktuellen Stand der Forschung eingeführt werden. In der durchgeführten qualitativen Begleitstudie konnte einerseits eine hohe subjektiv wahrgenommene Kohärenz von Theorie und Praxis festgestellt werden, die jedoch einer unterschiedlichen Strukturlogik folgt: Während die Praxis einerseits als Teil der akademischen Ausbildung als kumulativer Lernprozess verstanden wird, empfinden andere Studierende diese als biografisch gewachsene Entwicklungsaufgabe, die es zu bewältigen gilt. Je nach Typus ergibt sich ein unterschiedlicher Unterstützungsbedarf
Empathisches Denken und Fühlen in der Lehrer*innenbildung zur Gestaltung wertschätzender pädagogischer Beziehungen
Wertschätzende pädagogische Beziehungen sind für gelingende Lernprozesse, Lernfreude, Motivation und Identitätsentwicklung zentral. Für die Gestaltung dieser Beziehungen ist Empathie von Lehrpersonen gegenüber ihren Schüler*innen grundlegend, da empathisches Denken, Fühlen und Handeln als „pädagogisches Taktgefühl“ eine ganzheitliche, professionelle Wahrnehmung von Lernenden, ihren Fähigkeiten und individuellen Voraussetzungen ermöglichen kann. Da Empathie meist als selbstverständliche Kompetenz von Pädagog*innen vorausgesetzt wird, erhält sie bislang wenig Bedeutung in professionellen, öffentlichen und erziehungswissenschaftlichen Diskursen, sodass in der Lehrer*innenprofessionalisierung Möglichkeiten für Studierende fehlen, ihre sozialen, pädagogisch-wertschätzenden und empathischen Kompetenzen aus- und weiterzubilden. Dies gibt Anlass, eine Lehrveranstaltung zu entwickeln und zu etablieren, die Studierenden u.a. die Möglichkeit bietet, durch angeleitete, protokollierte und reflektierte Beobachtungen pädagogischer Interaktionen eigenes Denken zu hinterfragen, Perspektiven zu wechseln, sich in andere hineinzuversetzen und über pädagogisch taktvolles Handeln zu reflektieren. In der begleitend zum Praxissemester entwickelten, durchgeführten und evaluierten Lehrveranstaltung wurden – neben der Vermittlung von pädagogischem Wissen, dem Lernen an Fallbeispielen und dem Sammeln praktischer Erfahrungen im Umgang mit Kindern – Beobachtungen pädagogischer Interaktionen in der Schulpraxis durchgeführt und hinterfragt. Diese von den Studierenden schriftlich analysierten und reflektierten Beobachtungen waren Grundlage der qualitativen Analyse in der vorliegenden Arbeit. Leitend war die Frage, ob und inwieweit sich Empathie, Introspektion und Perspektivenübernahme in den schriftlichen Reflexionen der Lehramtsstudierenden erkennen lassen. Die Texte der Studierenden wurden mittels strukturierender qualitativer Inhaltsanalyse in MaxQDA ausgewertet. Die Analysen zeigen, dass es in den Äußerungen der Studierenden Hinweise auf empathisches Denken, Fühlen und Handeln sowie eine Thematisierung der Bedeutung von Wertschätzung für die pädagogische Beziehung gibt