PraxisForschungLehrer*innenBildung (PFLB) - Zeitschrift für Schul- und Professionsentwicklung
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Funktionen von Supervision in der Bildung von Lehrer*innen
Der Beitrag nimmt Supervision in der Bildung von Lehrer*innen aus einer empirisch-rekonstruktiven Perspektive in den Blick. Zunächst werden Ergebnisse aus Fallrekonstruktionen vorgestellt, die auf Mitschnitten von Gruppensupervisionssitzungen im Bachelorstudium basieren, welche – begleitend zu einer Praxisphase –die Förderung von (Selbst-)Reflexions- und Professionalisierungsprozessen ermöglichen sollten. Hier zeigt sich, dass Lehramtsstudierende das Setting faktisch zu einem Raum umfunktionieren, in dem vor allem Entlastung, Stabilisierung und Vergemeinschaftung erfahren werden sollen. Eine supervisorische Fallarbeit, die explizit reflexiv angelegt ist und impliziert, dass Studierende sich immer auch selbst „zum Fall“ machen, steht der Bedürfnislage der Studierenden damit diametral entgegen. Die daraus resultierende Vermutung, dass Supervision als Professionalisierungsimpuls sinnvoll erst in späteren Phasen der Lehrer*innenbildung zu verorten wäre, muss angesichts weiterer Fallrekonstruktionen von Interviews mit berufserfahrenen Lehrkräften zu deren Erfahrungen mit Supervision ebenfalls relativiert werden. Auch hier werden andere Aspekte von Supervision als positiv und hilfreich gerahmt: wiederum die Stabilisierung, im Sinne von Selbstermächtigung und Unterstützung bei der Wiederherstellung von Ordnung (Regelschule), sowie Diagnostik und fachliche Weiterbildung (Förderschule). Supervisorische Praxis erscheint damit hier in einer funktionalen Dimension, wobei die rekonstruierten Funktionen auf eine klare Lokalisierung des Problemkerns im Außen zielen (typischerweise in problematischen, „schwierigen“ Schüler*innen) sowie auf Vereindeutigung und Komplexitätsreduktion – anstatt auf tatsächliche Selbstreflexion, die auch Offenheit für Irritationen und eine selbstkritische Perspektive auf das eigene Wahrnehmen, Deuten und professionelle Handeln zuließe. Im Anschluss an diese Ergebnisse stellen sich Fragen nach der Konturierung von Supervision im Kontext Lehrer*innenbildung und Schule, die auf der einen Seite die Bedürfnisse (angehender) Lehrer*innen ernst nimmt, ohne auf der anderen Seite ihr selbstreflexives Potenzial einzubüßen
„[…] eine Situation, die mich aufatmen lässt, weil sie mir aus Präsenz-Lehre und Sprechstunden so vertraut ist.“: Autoethnografische Notizen zur Krisenhaftigkeit von digitaler Lehre
Durch die Corona-Pandemie entstand im Bereich der Hochschullehre die Notwendigkeit, sehr kurzfristig auf rein digitale Lehrformate umzustellen. Im folgenden Beitrag wird die affektiv aufgeladene Perspektive der Lehrenden in den ersten Online-Semestern auf Basis autoethnografischer Notizen in den Fokus gestellt. Anhand repräsentativ ausgewählter Zitate werden als krisenhaft erlebte Momente der videovermittelten Online-Lehre aufgegriffen und auf der Grundlage der Goffman’schen Interaktionstheorie reflektiert. Als zentrale Aspekte haben sich hierbei die durch technische Affordanzen veränderten Möglichkeiten von Selbst- und Fremdwahrnehmung sowie die Besonderheit damit zusammenhängender Ko-Präsenz herausgestellt. Die dadurch ausgelösten Reaktionen auf die wahrnehmungsbezogenen Veränderungen, wie sie von uns dokumentiert wurden, fassen wir als Krise unserer hochschulischen Lehrprofessionalität
Professionalisierung durch Mentalisierungsbasierte Kollegiale Fallberatung im Rahmen universitärer Bildung von Lehrer*innen? Fallkonturen zwischen Selbstorganisation und Reflexivität
Der vorliegende Beitrag widmet sich theoriebasiert und qualitativ empirisch der Frage nach dem Potenzial von Fallberatungen im Rahmen des universitären Lehramtsstudiums. Den Bezugspunkt bilden, nach einer professionalisierungstheoretischen Einbettung (Kap. 1) und einer Konturierung der Begriffe Reflexion und Reflexivität anhand des Konzeptes der Mentalisierung (Kap. 2), dreizehn Fallberatungen, die von Studierenden des Lehramts an Förderschulen an der Universität Koblenz-Landau von April bis November 2020 selbstorganisiert durchgeführt, audio- bzw. videografiert sowie transkribiert wurden. Der methodische Zugriff erfolgte zunächst mittels der inhaltlich strukturierenden Inhaltsanalyse (Kuckartz, 2018). Das Material wurde weiterhin im Rahmen der Objektiven Hermeneutik (Oevermann, 2000; Wernet, 2009) zu relationieren versucht. Als Ergebnis lassen sich bestimmte Tendenzen innerhalb der Ausrichtung von Reflexionsprozessen identifizieren, die in erster Linie kognitive Zustände des Gegenübers fokussieren und weniger z.B. Empfindungen der eigenen Person zum Gegenstand des Nachdenkens machen. Darüber hinaus scheint sich der Nutzen von (mentalisierungsbasierten) Fallberatungen weniger durch eine mit dem Konzept anvisierte Mehrperspektivität zu begründen als vielmehr in Form einer Entlastungsfunktion für den*die Falleinbringer*in zu bestehen (Kap. 3)
Lehrer*innenprofessionalisierung im Lehr-Lern-Labor „Kolumbus-Kids“: Der Einfluss eines Lehr-Lern-Labors auf die empfundenen positiven und negativen Affekte von Lehramtsstudierenden
Die Verknüpfung von Theorie und Praxis ist ein zentrales Element des Professionalisierungsprozesses in der ersten Phase der Lehrer*innenbildung. Um Lehramtsstudierenden zu ermöglichen, frühzeitig Unterrichtserfahrungen zu sammeln und damit einhergehend die Entwicklung ihre Lehrkraftpersönlichkeit zu stärken, wurde u.a. ein Praxissemester in das Lehramtsstudium integriert. Die Einbindung in universitätsangebundene Lern-Lehr-Labore bieten den Studierenden darüber hinaus die Möglichkeit, berufsbezogene Kompetenzen auszubilden. Auch das Lehr-Lern-Labor „Kolumbus-Kids“ der Universität Bielefeld ist eng in die Ausbildung angehender Lehrkräfte eingebunden. In der vorliegenden Studie wird untersucht, inwiefern die halbjährige Teilnahme an dem Lehr-Lern-Labor einen positiven Einfluss auf die Affekte der Studierenden hervorbringt. Dazu wurde der Positive and Negative Affect Schedule (PANAS) als Messinstrument herangezogen. Die PANAS-Vergleichsstudie im Prä-Post-Design wurde im Lehr-Lern-Labor „Kolumbus-Kids“ implementiert. Die Stichprobe besteht aus N = 82 Studierenden (nweiblich = 50, nmännlich = 31, nn/a = 1; MAlter = 23.1; SD = 4.29). Die Ergebnisse der Studie zeigen bei den Studierenden nach der Teilnahme am Lehr-Lern-Labor eine signifikante Steigerung der positiven Affekte und eine signifikante Senkung der negativen Affekte. Der Vergleich von Teilgruppen der Stichprobe bestätigt, dass die Studierenden geschlechterunabhängig von der Teilnahme profitieren, und zeigt aufgrund unterschiedlicher Vorerfahrungen in der Unterrichtspraxis erwartbare Unterschiede zwischen Bachelor- und Master-Studierenden. Die Ergebnisse der Studie müssen durch weitere Studien mit größeren Stichproben nachgewiesen werden
Umsetzung unterrichtsintegrierter Sprachförderung im Mathematikunterricht der Grundschule: Eine Fallstudie
Mit der vorliegenden Studie wurde die Umsetzung einer sprachsensibel geplanten Unterrichtsreihe zum Thema Rechendreiecke in einer dritten und einer vierten Klasse einer Regelgrundschule untersucht. Im Fokus stand dabei vor allem das Mikro-Scaffolding als Mittel zur Sprachförderung (Gibbons, 2002). Analysiert wurden vor allem die Art der Umsetzung des Mikro-Scaffolding und potenzielle Unterschiede der Umsetzung bei von den Lehrkräften als sprachlich schwach beziehungsweise stark eingeschätzten Schüler*innen. Darüber sollten Hinweise auf die Umsetzung der Adaptivität des Mikro-Scaffolding gefunden werden. Die Lehrkräfte in der vorliegenden Studie hatten im Vorfeld über zwei Jahre lang an einer umfangreichen Weiterbildung zu den Sprachförderprinzipien des Scaffolding teilgenommen und waren außerdem maßgeblich an der Planung der untersuchten Unterrichtsreihe beteiligt. Die qualitativen Ergebnisse zeigen, dass eine große Varianz in der Umsetzung der Scaffolding-Sprachförderprinzipien besteht, die höchstwahrscheinlich stark geprägt ist von individuellen Einflussfaktoren. Es zeigte sich außerdem, dass die Sprachförderprinzipien von den zwei beobachteten Lehrkräften nicht vollumfänglich implementiert wurden. Lücken zeigen sich vor allem hinsichtlich der zwei Sprachförderprinzipien Anregung zur Nutzung der Fach- und Bildungssprache auf Wort- und Satzebene sowie Verdeutlichen der Relevanz. Abschließend wird diskutiert, welche Faktoren die Umsetzungstreue der Fortbildungsinhalte in sprachförderliches Verhalten beeinflusst haben
Freundschaften und Peerkontakte in der Schule unter Pandemiebedingungen: Eine Einführung in das Themenheft
Das vorliegende Themenheft richtet den Blick auf die soziale Funktion von Schule als Ort der jugendlichen Vergemeinschaftung. Diese Funktion konnte Schule insbesondere in der Corona-Pandemie nur unzureichend erfüllen. Anstrengungen, Corona-bedingte Defizite durch das Wegbrechen von Schule als Erziehungs- und Bildungsraum beziehungsweise als Lern- und Sozialraum zu kompensieren, fokussieren oftmals einseitig auf das Bemühen, fachliche Defizite auszugleichen. Das Themenheft befasst sich zunächst mit den psychologischen und sozialkognitiven Voraussetzungen für die Aufnahme von Freundschaften und Peerbeziehungen, wie etwa Empathie und Perspektivenübernahme, und damit, welche Werte und Eigenschaften Jugendlichen bei ihren Freund*innen wichtig sind. In einem darauffolgenden Beitrag werden interethnische Peerbeziehungen im Spannungsfeld zwischen Freundschaften und Segregation vorgestellt. Ein weiterer Themenblock befasst sich mit den Zusammenhängen zwischen (interethnischen und interreligiösen) Freundschaften und Peerkontakten in der Schule und anderen Variablen, nämlich den Lernergebnissen, schulischem Wohlbefinden und prosozialen Einstellungen oder Abgrenzungsbestrebungen. In einer qualitativen Interviewstudie wird der Blick der Lehrkräfte auf (interethnische) Freundschaften und Peerbeziehungen im Schulkontext gerichtet. Die Möglichkeiten der Förderung von Freundschaften und positiven Peerkontakten in der Schule allgemein sowie im Speziellen als Aufgabe des Religionsunterrichts sind die Themen des letzten Blocks
Zur Erkundung eines Meso-Ortes: Raucher*innenecken an Schulen
Raum kann als Element sozialer Ordnung sowie als Instrument von Kontrolle und Macht betrachtet werden. An Schulen finden sich verschiedene Raumbezüge, die zumeist implizit bleiben. Überträgt man dies auf Raucher*innenecken des Schulpersonals, kann dieser Raum mit den daran anschließenden Praktiken als Meso-Ort verstanden werden. Meso-Orte sind Orte, die es eigentlich – bspw. aufgrund von gesetzlichen Vorgaben – nicht geben dürfte, die aber dennoch existieren. Auf Basis einer teilnehmenden Beobachtung werden exemplarisch verräumlichte Praktiken des Meso-Ortes Raucher*innenecke rekonstruiert. So werden sowohl Potenziale von Meso-Orten für die erziehungswissenschaftliche Forschung erarbeitet als auch Ausblicke für weitere Forschungsbedarfe erörtert
Gleichberechtigte Teilhabe und soziales Lernen in heterogenen Klassen durch Komplexen Unterricht
Seit mehr als fünf Jahrzehnten befassen sich Wissenschaftler*innen und Praktiker*innen mit der Frage, wie Kooperation unter Schüler*innen so gestaltet werden kann, dass eine anregende Lernatmosphäre entsteht, in der eine gleichberechtigte Teilhabe möglich ist sowie hilfreiche Kommunikation eingeübt wird und komplexe Denkprozesse gefördert werden. An der Stanford University wurde als Antwort auf diese Frage ein pädagogisch-didaktischer Ansatz entwickelt, der inzwischen als Komplexer Unterricht („Complex Instruction“) verbreitet ist. Komplexer Unterricht entstand auf der Grundlage von soziologischen Theorien, einem soziokulturellen Verständnis von Lernen und kognitiver Entwicklung sowie langjähriger Forschung. Zu diesem ursprünglich von Elisabeth Cohen (†) und ihren Kolleg*innen und Doktorand*innen ins Leben gerufenen Ansatz gehören verschiedene Elemente: die Restrukturierung des Lernsettings durch neue Normen und Rollen, die Veränderung der Aufgabenstruktur und die Anwendung von Status-Maßnahmen. Komplexer Unterricht wird inzwischen in verschiedenen Ländern und Kontexten eingesetzt und mit seinen Auswirkungen erforscht. In diesem Beitrag werden die zentralen Elemente Komplexen Unterrichts detaillierter beschrieben und zentrale Forschungsergebnisse dazu dargestellt
Bedarfe und Umsetzung einer Kollegialen Coachingmaßnahme für Schulaufsichtsbeamt*innen als schulische Führungskräfte
Dieser Beitrag befasst sich mit der Professionalisierung von Schulaufsichtsbeamt*innen und fokussiert damit eine bislang wissenschaftlich wenig thematisierte Gruppe von Führungskräften. Schulaufsichtsbeamt*innen übernehmen neben Kontrollaufgaben vor allem Beratungs- und Unterstützungsaufgaben für Schulen und befassen sich mit pädagogischen und organisatorischen Fragen. Eine in Nordrhein-Westfalen auf diese Tätigkeit vorbereitende Qualifizierungsmaßnahme zu zentralen Themen qualifiziert jedoch kaum explizit zu Beratungskompetenzen und Reflexionsformaten für diese Tätigkeit, die in hohem Maße den Anspruch verfolgt, möglichst gemeinsam und auf Augenhöhe mit Schulleitungen etc. die Qualität schulischer Prozesse zu reflektieren, zu begleiten und zu sichern. Seit 2019 wird daher im Rahmen einer Pilotmaßnahme ein Angebot „Kollegiales Coaching für Angehörige der Schulaufsicht“ durchgeführt, dass die kollegiale Unterstützung dieser Leitungskräfte in ihrem alltäglichen Leitungshandeln zum Ziel hat. Der folgende Beitrag beschreibt neben ausführlichen hinführenden Auseinandersetzungen zum Themenrahmen sowohl daraus abgeleitete Bedarfe dieser Zielgruppe als auch das Setting des Verfahrens, das auf den theoretischen Grundannahmen des Forschungsprogramms Subjektive Theorien (vgl. Groeben et al., 1988) fußt. Zudem werden erste interne Evaluationsergebnisse angeführt und mögliche Schlussfolgerungen für die Fort- und Weiterbildung von Schulaufsichtsbeamt*innen gezogen
Wege zum Selbstverständnis künstlerischer Lehre im Lehramt: Biografische Spurensuche hochschuldidaktischer Erfahrungsbildung
Der Beitrag deckt anhand einer Rekonstruktion professionsbezogener Lern- und Lehrerfahrungen akademische und berufsbiografische Einflussfaktoren auf, die am Prozess der Rollenfindung als Hochschullehrerin im Fach Kunst beteiligt waren. Identitätsstiftende (Aus-)Bildungsräume zwischen Schulzeit, Studium, berufsfeldbezogener Tätigkeit und professoraler Hochschullehre werden kartografisch rekonstruiert und anhand exemplarisch verdichteter Situationsschilderungen daraufhin befragt, wie sie letztlich über Umwege zur Ausbildung eines Selbstverständnisses künstlerischer Lehre und der sie grundierenden kunstpädagogischen Haltung führen konnten. Im Spiegel der Erinnerungen zeigt sich, dass ein entscheidender Ertrag der Professionalisierung für die eigene Hochschullehre in der Erfahrungsproduktion des Dazwischen liegt, da der nicht abrupt, sondern allmählich vollzogene Rollenwechsel von Rückkopplungen systemisch bedingter Differenzen und fachspezifischer Lernkulturen an Pädagogischer Hochschule, Universität, Schule und außerschulischen Bildungseinrichtungen profitiert