PraxisForschungLehrer*innenBildung (PFLB) - Zeitschrift für Schul- und Professionsentwicklung
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Schulforschung – Schulpraxis – Bildungspolitik: Essay zu einem komplizierten Dreiecksverhältnis
Bereits das Verhältnis von Schulforschung und Schulpraxis ist ein vielschichtiges und uneindeutiges. Komplexer noch wird es, wenn Bildungspolitik als weitere Akteurin hinzugezogen wird, die eine wesentliche Rolle bei der Relationierung spielt, sodass von einem komplizierten Dreiecksverhältnis auszugehen ist. Unterschiedliche Interessen, Aufgaben, Perspektiven und Handlungsimpulse konstituieren divergierende Perspektiven. Zugleich scheint oftmals der normative Ausgangspunkt, „die Praxis verbessern zu wollen“, allen drei Perspektiven zugrunde zu liegen. An diesem Spannungsfeld setzen die folgenden Überlegungen an, die versuchen, das Dreiecksverhältnis schlaglichtartig auszuleuchten. Die grundlegende These dabei ist, dass sich aus dem Dreiecks- und dem Ableitungsverhältnis eine bildungspolitische Vorstellung von der Steuerbarkeit von Schulforschung im Dienste pädagogischer Praxis durchsetzt, die primär daran orientiert ist, den Status quo unter Delegation gesellschaftlicher Fragen wie Ungleichheit und Heterogenität als Fragen von Lernmethoden, Professionalität und individueller Biographie aufrechtzuerhalten. Die wirklich relevante Frage, wozu Schule in Zeiten sozialökologischer Krisen, globaler Kriegsszenarien, Bedrohung demokratischer Ordnungen, Transformationen der gesellschaftlich-ökonomischen Ordnung in Zeiten heterogener Gesellschaften „da ist“, wird hingegen kaum thematisiert
Einführung einer neuen Norm der Lehrkräftefortbildung: Die Entwicklung und Anwendungsmöglichkeiten der DIN 33459
Qualitätsmanagement im Bildungsbereich basiert derzeit häufig noch auf der Untersuchung von Organisationsprozessen, relativ aussageschwachen Evaluationen sowie vagen Zielvorgaben. Mit der Einführung der DIN 33459 hat das Deutsche Institut für Normung nun eine Bildungsnorm entwickelt, welche dem Bildungssektor dabei helfen kann, einen gemeinsamen Mindeststandard für (Lehrkräfte-)Fortbildungen zu schaffen, der bundesländerübergreifend angewendet werden kann. Als Norm, die auf wissenschaftlichen Grundlagen basiert und praktisch in der Anwendbarkeit für Einzelpersonen und Organisationen ist, hat die DIN 33459 das Potenzial, eine klare Orientierungshilfe für Fortbildner*innen und gleichsam für Nachfragende von Fortbildung zu werden. In diesem Text besprechen wir die Entstehung, Inhalte und Potenziale der Norm und diskutieren auch mögliche Probleme bei der Einführung eines Qualitätsmanagementsystems auf Basis der DIN 33459. Wir erwägen bekannte Problematiken, die mit einer Normeinführung entstehen können, wie organisationalen Widerstand, und wie Bildungsorganisationen damit umgehen können. Wir stellen zudem Überlegungen an, inwiefern die Norm mit wachsender Bekanntheit als Motor für weitere Entwicklungen im Bildungsbereich agieren kann, Da die Norm selbst in Fachkreisen noch weitgehend unbekannt ist und noch keine große Marktdurchdringung vorweisen kann, regen wir weitere Forschung zu deren Einsatzmöglichkeiten an, um zu prüfen, inwiefern sie ein brauchbares Instrument darstellt und ob sie dazu beitragen kann, die Thematik des Qualitätsmanagements im Bildungsbereich weiterzuentwickeln
Von Hilfsschulaufnahmeverfahren bis zur Feststellung sonderpädagogischen Unterstützungsbedarfs: Kritische Reflexionen von Überprüfungsprozessen im Feld des Lernens
Der nachstehende Beitrag beschäftigt sich mit der Feststellung sonderpädagogischen Unterstützungsbedarfs im Feld des Lernens. Durch die gezielte Gegenüberstellung von administrativen Schritten, Zielen und Absichten mit ausgewählten Forschungsbefunden sollen Fehlstellen bzw. -dynamiken innerhalb dieser Verfahren ausgemacht werden – ein Ziel, das durch die aktive Miteinbeziehung historischer Argumente und Befunde ausgeweitet wird. In einem zweiten Schritt wird ein Einzelfall einer fehlgeleiteten sowie gerichtlich kontestierten Diagnostik (der Fall des Nenad Mihailovic) mithilfe der vorherigen Beobachtungen reflektiert, sodass ein umfänglicheres und kritischeres Bild von Überprüfungsverfahren gezeichnet werden kann. Der Aufsatz endet mit einer Zusammenschau zentraler Erkenntnisse sowie einem Ausblick auf zukünftige Forschungsdesiderata
„Data Richness“ in Hamburger Schulen: Wie Schulen unterschiedliche Daten in Schulentwicklungsprozessen unter den spezifischen Rahmenbedingungen des Stadtstaats nutzen
Die internationale Schulentwicklungsforschung weist mit Blick auf sich erfolgreich entwickelnde Schulen auf die Bedeutsamkeit der Nutzung unterschiedlicher Daten und wissenschaftlicher Evidenzen hin (z.B. Mandinach & Schildkamp, 2021; Muijs et al., 2004; Rutledge et al., 2015). Auch in Deutschland erhält die Nutzung von Daten im Schulentwicklungsprozess zunehmende Aufmerksamkeit. Ausgehend von Hinweisen auf diverse förderliche Rahmenbedingungen, die die Ausbildung einer „Data Richness“ in Schulen begünstigen, untersucht vorliegender Beitrag, inwiefern ein reichhaltiges Datenangebot durch die Bildungsadministration im Stadtstaat Hamburg eine Entsprechung im Datennutzungsverhalten der Schulen findet. Ergebnisse einer Interviewstudie mit Hamburger Schulleitungen legen nahe, dass Hamburger Schulen sowohl die von der Bildungsadministration bereitgestellten als auch intern generierte Datenbestände intensiv und zielorientiert in ihrer Schulentwicklung nutzen. Dabei berichten sie häufig von der Etablierung organisationaler Regelungen der Datennutzung und Funktionsstellen im mittleren Management, damit Daten für verschiedene Adressat*innengruppen auf Schulleitungs-, Team- und Individualebene ausgewählt und für die pädagogischen Entwicklungskontexte anschlussfähig aufbereitet werden können
Nachhaltigkeit im Bildungssystem? Zum Stand von Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) in der universitären Lehrer*innenausbildung.
Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) stellt die Verbindung von Bildung und Nachhaltigkeit dar und hat zum Ziel, Menschen zum Umgang mit aktuellen, globalen Herausforderungen auf sozialen, ökonomischen und ökologischen Ebenen zu befähigen. BNE soll offiziellen Beschlüssen zufolge im Bildungssystem etabliert werden. Damit BNE auch im Schulsystem umgesetzt werden kann, benötigen Lehrkräfte entsprechende Kompetenzen, über die bisher jedoch auch keine Einigkeit besteht. Bisherige Forschungsergebnisse zeigten Wissenslücken bei Lehrkräften im Bereich der BNE. In der vorliegenden Forschung wird die Forschungsfrage, inwiefern BNE in den bildungswissenschaftlichen Studienanteilen der Lehramtsstudiengänge an deutschen Hochschulen verankert ist, beantwortet. Dazu wurden die Modulhandbücher der Bildungswissenschaften aller Lehramtsstudiengänge in Deutschland auf BNE-Module untersucht. Anschließend wurden BNE-Veranstaltungen in den Vorlesungsverzeichnissen analysiert. Es konnte keine flächendeckende Verankerung von BNE in den bildungswissenschaftlichen Studienanteilen der Lehramtsstudiengänge festgestellt werden, wodurch fraglich bleibt, inwiefern es Lehrkräften überhaupt möglich ist, sich notwendige Kompetenzen für die Umsetzung von BNE im Schulsystem anzueignen
Global Citizenship Education and ELT? A Survey of Pre-Service English Teachers’ Views
In attempting to address the possibilities of challenging the confounding crises that currently plague the world, this article re-engages with global citizenship education as an educational framework. In particular, this paper examines the relation between global citizenship education and teacher education by interviewing pre-service English teachers. Using qualitative content analysis, the interviews reveal that pre-service teachers as experts-in-the-making show great enthusiasm towards global citizenship education in the context of English language teaching. Particularly the promotion of the global community as well as fostering their future students’ capabilities to engage with an increasingly globalized world were shared goals among the interviewees. A lack of allotted time and resources due to restrictive curricula, flaws in teacher education, as well as availability of teaching materials were mentioned as challenges that may arise when implementing global citizenship education in the context of English language teaching. Comparing the interviewees’ conceptions of global citizenship education to the dichotomy between soft and critical understandings of global citizenship education revealed that the pre-service teachers generally lean towards a soft understanding, which highlights the importance of critical reflexivity as a key competency to be promoted during teacher training and education
"The Catcher in the Rye" Meets "Life is Strange": A Dialogical Exploration of Narrative Structures and Social Justice in Student Realities
This article explores how J.D. Salinger’s literary classic The Catcher in the Rye, published in 1951, can be effectively integrated into the English language classroom by pairing it with the narrative adventure game Life is Strange, released in 2015 by Dontnod. The two works are combined to discuss narrative and perspective in storytelling to spark meaningful discussions about sensitive topics such as struggles as a young adult, mental health, grief, bullying, gender, and sexual identity. The article is based on the premise that the classic heavily influenced the game and that the game could be considered as a modern adaptation of it. Still, the game also challenges the novel by including female protagonists and addressing issues such as bullying and sexual identity in a more contemporary and inclusive manner. The article further presents a practical teaching approach and argues that combining both media allows students to engage with authentic literature, build empathy, and reflect on social changes over time. Furthermore, the contribution points out the potential of this approach for learners to deconstruct canon literature by exploring and juxtaposing its themes, the effects of different media of narration, and perspectives in the evolving world of digital and traditional literature, as well as in society as a whole
Teaching Queer Critical Literacies: Intersectional Considerations for a German ELT Classroom
The constant negotiation of gender and sexuality – socially, politically, and individually – influences our thinking and actions in all areas of life, including education. Yet, the incorporation of such topics is tabooed in the classroom. This paper contains a unit that embeds queer lifeworlds in already existing fields from the curriculum. It aims to demonstrate the instruction for challenging the cis- and heteronormative gaze in ELT. More specifically, it argues that teachers should centralize the students’ personal interests to promote social justice. Therefore, the framework of queer critical literacies is suitable as it not only focuses on the education of gender and sexual diversity but also examines the reflection of underlying power dynamics, structural marginalization, knowledge, and agency. This cannot be done without an intersectional approach that provides a realistic and holistic view of identity
Zur Rollenfindung von Lehrerforscher*innen – Oder: das „Zwischen“ als „dritten Raum“ konzeptionalisieren! Multiparadigmatische Analysen am Beispiel von Praxisforschung zu Deutsch als Zweitsprache (DaZ), zur Schreibdidaktik in der Oberstufe und zur Ermächtigung von Neuzugewanderten
Die Beantwortung der in diesem Themenheft der Zeitschrift diskutierten Frage nach der Relationierung von Schulpraxis- und Bildungsforschung (Kap. 1) startet mit einer Analyse der Ausgangssituation (Kap. 2) von Lehrkräften in praxisnahen Forschungsprojekten zwischen Anrufungen und Platzanweisungen und einem daraus resultierenden Rollenprekariat (Kap. 2.1). Daraufhin folgt eine Analyse der Herausforderungen der Rollenfindung von Praxisakteur*innen in dieser multiparadigmatischen Akteurskonstellation (Kap. 2.2). Diskutiert wird hier, zu welcher Form der Forschung (Kap. 2.2.1) und zu welcher Praxis (Kap. 2.2.2) sich Praxisakteur*innen in ihrer Rolle als Lehrerforscher*innen relationieren bzw. positionieren müssen. Im Anschluss hieran (Kap. 3) werden diese Relationierungs- und Positionierungspraktiken im Kontext des Forschungs- und Entwicklungsprojekts Wortgewand(t) (Kap. 3.1) an drei Beispielen von Praxisforschungen zu Deutsch als Zweitsprache (DaZ) (Kap. 3.2), zur Schreibdidaktik in der Oberstufe (Kap. 3.3) und zur Ermächtigung von Neuzugewanderten (Kap. 3.4) illustriert. Wesentlich wird hierbei die Positionierung in einem „dritten Raum“ (Bhabha 2016), um das von Foucault (1991) benannte „Zwischen“ den Diskursen in der foucaultschen Produktivität zu begreifen. Abschließend (Kap. 4) folgt ein Plädoyer für nicht komplexitätsreduzierende, sondern multiparadigmatische Relationierungs- und Positionierungspraktiken als Professionalisierungsdesiderat sowohl für Forscher*innen als auch für Praxisakteur*innen in praxisnahen Forschungskontexten
Entwicklung und Evaluation einer Orientierungsempfehlung zur mediendidaktischen Analyse (OmA) für die (spätere) Unterrichtsplanung: Eine qualitative Studie zur Nutzungsabsicht der OmA von Lehramtsstudierenden für den digital gestützten (Biologie-)Unterricht
Der Einsatz digitaler Medien im Unterricht sollte didaktisch begründet sowie reflektiert und zielgerichtet im Sinne des Lehr-Lernprozesses erfolgen. Um (angehende) Lehrkräfte darin zu unterstützen, ihr digital gestütztes Unterrichtsvorhaben systematisch sowie methodisch-didaktisch fundiert zu planen und zu begründen, wurde eine Orientierungsempfehlung zur mediendidaktischen Analyse (OmA) entwickelt, die im Rahmen von universitären Lehrveranstaltungen im Master of Education evaluiert wurde. Das UTAUT-Modell (Unified Theory of Acceptance and Use of Technology) diente als Grundlage für die vorliegende qualitative Studie (N = 58). Die Ergebnisse deuten auf eine positive Nutzungsabsicht der OmA hin. Insbesondere in der ersten, aber auch in der zukünftigen zweiten Phase der Lehrkräftebildung wird die OmA von den befragten Lehramtsstudierenden als hilfreiche Unterstützung zur Planung und Gestaltung digital gestützten (Biologie-)Unterrichts wahrgenommen, die einen reflektierten, zielorientierten und begründeten Medieneinsatz fördert. Durch ihre Anschaulichkeit und ihren Praxisbezug hat sie das Potenzial, zielgruppenspezifisch anpassbar zu sein und über die Phasen der Lehrkräftebildung in Unterrichtspraxis (Vor- und Nachbereitung) und Entwicklungsarbeit (z.B. Curriculum) Einsatz zu finden