Publikationen der Deutschen Gesellschaft für Soziologie
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Berichte aus den Sektionen und Arbeitsgruppen
Sektion Entwicklungssoziologie und Sozialanthropologie
Sektion Migration und ethnische Minderheiten
Sektionen Soziologische Theorie und Kultursoziologi
Nachrichten aus der Soziologie
Ein kurzes Gespräch mit Andreas Reckwitz, Gottfried Wilhelm Leibniz-Preisträger 2019 Neue Kolleg-Forschungsgruppe »Zukünfte der Nachhaltigkeit«
Exzellenzcluster »Contestations of the Liberal Script«
Wolfgang Serbser: In memoriam Rainer Mackensen
100 Jahre Soziologie an der Goethe-Universität
Zwei Ferdinand-Tönnies-Werkausgaben
Habilitationen
Tagungen
Die Zukunft der Arbeit
Gewissheit
Causal Mechanisms in the Analysis of Social Policy Dynamic
Krisenwissenschaft Soziologie – Wissenschaft in der Krise?
Die Gründung der Akademie für Soziologie hat die akademische Soziologie in Deutschland, vorsichtig formuliert, in Unruhe gebracht. Diese Unruhe kommt zu einer Zeit, in der die Gesellschaft, angesichts multipler und interdependenter Krisenphänomene, die spezifischen Kompetenzen einer multiparadigmatischen Krisenwissenschaft Soziologie bitter nötig hätte. In meinem Beitrag suche ich, unter Bezug auf biographische Erfahrungen und eigene Irritationen mit der Soziologie, nach Erklärungen für diese Situation. Ich argumentiere unter Rückgriff auf Bourdieus »ernste Spiele des Wettbewerbs«, dass nicht unbedeutende Teile der Soziologie, in je unterschiedlicher Zusammensetzung, eine gewisse Affinität zu diesen »ernsten Spielen« haben – nicht nur im Sinne eines männlich konnotierten Feldes akademischer soziologischer Praxis, sondern auch hinsichtlich der Art und Weise des Umgangs mit den Herausforderungen von Bologna und dem damit einhergehenden Wandel des Reputationssystems. Herausforderung für die Soziologie als Gemeinschaft wird es nun sein, durch Rückgriff auf ihre eigenen Stärken, zu einer, wenn auch streitbaren »Einheit in Vielfalt« zurück zu finden.
The recent founding of the Akademie für Soziologie has winded up the academic sociology in Germany. This comes at a time when society, facing multiple and interdependent crisis phenomena, would bitterly need the specific knowledge of a multi-paradigmatic crisis science as sociology is one. In my contribution, I look for explanations for this situation, referring to biographical experiences und individual irritations with sociology. Using the heuristic of Bourdieu’s »serious games of competition«, I argue that significant parts of the sociological community, each with its own composition, have a certain affinity to these »serious games« – not only in the sense of a male field of academic sociological practice, but also with regard to the way of dealing with the challenges of Bologna reforms and its effects on the scientific system of reputation. The challenge for sociology as a community will now be to find its way back to a »unity in diversity«, albeit a disputatious one, by drawing on its own strengths
Ende des methodologischen Nationalismus? Soziologie und Anthropologie im Zeitalter der Globalisierung
Im internationalen Vergleich erweist sich die institutionelle und disziplinäre Distanz zwischen Soziologie und Anthropologie in Deutschland nicht nur als erklärungsbedürftig, sondern angesichts der gegenwärtigen Globalisierungsprozesse als überholt. Der Beitrag geht den fachgeschichtlichen Ursachen dieser Distanz auf den Grund und kontrastiert sie mit den Entwicklungen im anglo-amerikanischen und dem französischen Sprachraum. Diese werden in der kolonial bedingten gesellschaftswissenschaftlichen Arbeitsteilung und der je unterschiedlichen Beziehung zu den Naturwissenschaften verortet. Gegenwärtige transnationale Problementwicklungen haben jedoch zu neuen Verbindungen zwischen Natur- und Gesellschaftswissenschaften geführt, die zugleich eine Annäherung von Soziologie und Anthropologie zur Folge hat.
Compared to international standard and facing actual procedures of globalization, the institutional and disciplinary detachment between sociology and anthropology in Germany seems not only astonishing, but simply outdated. The paper explores the historical background of this detachment and contrasts it with the situation in the Anglo-American and French communities. In this respect, the colonial circumstanced division of labor in the social sciences in general, and especially the respective relation between sociology, anthropology and the natural sciences in Germany are detected as striking features of disciplinary developments. However, recent transnational problems have engendered new connections between the social and the natural sciences, entailing as well new alignments between sociology and anthropology
Wer erbringt hier die Leistung? Oder: Darf ein Autor/eine Autorin von Qualifikationsarbeiten die Ergebnisse von gemeinsamen Daten-Interpretationen nutzen?
Gemeinsam Daten zu interpretieren ist in der qualitativen und interpretativen Sozialforschung heute eine weit verbreitet Praxis. Oft publiziert jedoch nicht die Interpretationsgruppe die Ergebnisse, sondern einzelne Forscher/innen, die Teil der Interpretationsgruppe waren. Dies kann immer dann zu Problemen führen, wenn die Publikation in einem Reviewverfahren bewertet wird oder Teil einer Qualifikationsleistung (Masterarbeit, Dissertation) ist. Dann stellt sich nämlich die Frage, wer eigentlich die Interpretationsleistung erbracht hat – der Autor oder die Interpretationsgruppe? In dem Artikel wird zur Lösung dieses Problems vorgeschlagen, die Ergebnisse der gemeinsamen Interpretation als Daten zweiter Ordnung zu begreifen, die zum Zwecke der Publikation von dem/der Autorin vor dem Hintergrund der eigenen Fragestellung neu ausgedeutet werden. Die Neuausdeutung ist dann eine klar abtrennbare und eigenständige Leistung.
To interpret data together is a common practice in today’s qualitative and interpretive social research. Often, however, the results are not published by the interpretation group but by individual researchers who were part of this interpretation group. This can always lead to problems when the publication is evaluated in a review process or when it is part of an academic qualification (Master-Thesis, PhD-Thesis). If this is the case, the question arises, who actually provided the achievement of this interpretation – the author or the interpretation group? This article proposes to solve this problem by understanding the results of common interpretation as second order data, which, for the purpose of publication, are reinterpreted by the author against the background of his own question. In that case, the reinterpretation is a clearly separable and independent achievement
DGS-Nachrichten
In eigener Sache: Notizen zur Leser- und Leserinnenumfrage 2017
Veränderungen in der Mitgliedschaf
Editorial
Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen, »I have no universal cure for the ills of sociology. A multitude of myopias limit the glimpse we get of our subject matter. To define one source of blindness and bias as central is engagingly optimistic. Whatever our substantive focus and whatever our methodological persuasion, all we can do I believe is to keep faith with the spirit of natural science, and lurch along, seriously kidding ourselves that our rut has a forward direction. We have not been given the credence and weight that economists lately have acquired, but we can almost match them when it comes to the failure of rigorously calculated predictions. Certainly our systematic theories are every bit as vacuous as theirs; we manage to ignore almost as many critical variables as they do. We do not have the esprit that anthropologists have, but our subject matter at least has not been obliterated by the spread of the world economy. So we have an undiminished opportunity to overlook the relevant facts with our very own eyes. We can’t get graduate students who score as high as those who go into Psychology, and at its best the training the latter get seems more professional and more thorough than what we provide. So we haven’t managed to produce in our students the high level of trained incompetence that psychologists have achieved in theirs, although, God knows, we’re working on it.« [1]
Die Selbstbeschimpfung vor Publikum hat in der Soziologie eine so lange und ehrenhafte Tradition, dass es nur eine Frage der Zeit scheint bis das erste ihr gewidmete Handbuch veröffentlicht wird. Das hier zitierte Beispiel stammt aus Erving Goffmans posthum veröffentlichter ASA Presidential Address 1982, in der es ihm in wenigen Zeilen gelingt, gegen das eigene Fach und gleich mehrere Nachbardisziplinen auszuteilen. Heute spräche man neudeutsch wohl von einem rant. Dass gerade für ein plurales Fach wie die Soziologie Auseinandersetzungen um die richtige Art des Soziologisierens nicht nur zentrifugale, sondern umgekehrt auch integrative Dynamiken hervorbringen, zeigt allerdings nicht zuletzt die Bedeutung der verschiedenen großen »Streite« für die Fachidentität.
Aktuell mehren sich wieder die an eine (Fach)Öffentlichkeit gerichteten Beiträge, in denen es um die verschiedenen Arten und Weisen geht, Soziologie zu betreiben. [2] Die Gründe dieser Konjunktur sehen einige ganz grundsätzlich in der öffentlichen Auseinandersetzung um den gesellschaftlichen Stellenwert wissenschaftlicher Erkenntnisse, etwas unglücklich unter dem Label des ›Postfaktischen‹ verschlagwortet. Andere wiederum nehmen als Ausgangspunkt die wissenschaftsinternen Diskussionen, welche nicht zuletzt die Gründung einer Akademie für Soziologie begleiten. In diesem Heft werden beide Perspektiven im Rahmen eines Schwerpunkts aufgegriffen: »(Er-)Zählen – Fakten und Deutungen in einer komplexen Welt« lautete der Titel einer Podiumsdiskussion mit Daniela Grunow und Armin Nassehi, die Paula Villa und Steffen Mau im Januar in München als Public Sociology Veranstaltung für die DGS organisiert haben. Die anlässlich der Veranstaltung entstandenen Beiträge der vier AutorInnen werfen dabei einen weniger polemischen als vielmehr reflektierenden, in Teilen sogar therapeutischen Blick auf die eigene soziologische Praxis. Ihre Lektüre sei vor allem jenen vielen unter Ihnen empfohlen, die sich in unserer LeserInnenumfrage mehr Auseinandersetzung und Debatte gewünscht haben - aber auch allen, die schon immer wissen wollten, wie es der Haushalt Nassehi mit der Müllentsorgung hält.
Herzlich, Ihre Sina Farzin
[1] Erving Goffman 1983, The Interaction Order: American Sociological Association, 1982 Presidential Address. American Sociological Review, 48. Jg., Heft 1, 1–17, hier Seite 2. [2] Zum Beispiel Richard Münch 2018, Soziologie in der Identitätskrise: Zwischen totaler Fragmentierung und Einparadigmenherrschaft. Zeitschrift für Soziologie, 47. Jg., Heft 1, 1–6
Nachrichten aus der Soziologie
Karin Gottschall: In memoriam Martin Baethge
Georg Vobruba: In memoriam Heiner Ganßmann
Ulrich Mückenberger: In memoriam Stephan Leibfried
Annette von Alemann: In memoriam Mechtild Oechsle
Förderpreis für Dissertationen der Sektion Migration und ethnische Minderheiten
Habilitationen
Call for Papers
Arbeitskonflikte und Gender
»Ideologie(-Kritik)«
X. Internationales Tönnies Symposium
Tagungen
A Relational Analysis of Life, Culture and Society
Transformation of Citizenship
Belongings and Border
Postcolonialism and Sociology: E-Mail-Debate by Manuela Boatcă, Sina Farzin and Julian Go
In dieser per E-Mail geführten Debatte diskutieren wir über das Verhältnis von Postkolonialismus und Soziologie. Während post- und dekoloniale Ansätze in den Geistes- und Literaturwissenschaften vergleichweise breit diskutiert wurden, war die Rezeption in der Soziologie eher verhalten. Die Gründe für diesen Unterschied werden ebenso angesprochen wie aktuelle Verbindungen zwischen postkolonialer Theorie und Soziologie.
In this email debate we discuss the relation between postcolonialism and sociology. While post- and decolonial approaches had a significant impact on the humanities, reception in sociology has been more reluctant. The reasons for this difference are as well discussed as recent connections between postcolonial thought and sociology