Publikationen der Deutschen Gesellschaft für Soziologie
Not a member yet
1594 research outputs found
Sort by
„1968“ und die externalisierte Revolution
Durch die Erinnerung an das Symboljahr "1968", das zumindest für ein ganzes Jahrzehnt steht, sind die Tatsachen in großen Zügen bekannt, zumal sie fünfzig Jahre danach in den Medien vielfach in Erinnerung gerufen worden sind. Durch den Protest gegen den Vietnamkrieg internationalisiert, wurden die mit der Studentenbewegung verbundenen Konflikte in unterschiedlichen Ländern zugleich zum Katalysator für Auseinandersetzungen um jeweils spezifische nationale Problemlagen.
Aus deutscher Sicht kann ein Aspekt der Ereignisse ›2 x ›68‹ genannt werden, nämlich die Differenz zwischen den entgegengesetzten symbolischen Ereignissen des ›Pariser Mai‹ für die BRD und der Niederschlagung des ›Prager Frühlings‹ für die DDR. Das eine war mit Revolutionsphantasie aufgeladen, das andere mit dem Ende jeglicher Hoffnung auf eine Reformierbarkeit des Staatssozialismus verbunden.
Unter den theorieorientierten deutschen Verhältnissen waren das ›ganz Andere‹ (Theodor W. Adorno) und die Emphase der Utopie (Ernst Bloch) beflügelnde gedankliche Überschreitungen des status quo und boten die (Neu-)Entdeckung der Marx’schen Kapitalismuskritik überraschende Deutungsmöglichkeiten der gesellschaftlichen Realität, wenngleich nicht selten in scholastische und doktrinäre Selbstisolierungen einmündend.
Eine Störung der gesellschaftlichen Ordnung war die Studentenrevolte allemal, aber war es auch eine Revolution? Dieses Wort bekam eine Deckung vor allem durch den Import aus den Befreiungsbewegungen im Prozess der Dekolonialisierung, sodann durch die Mythisierung des von Mao Tse-tung angeführten ›Langen Marsches‹ und die kubanische Revolution samt die mit dem Namen Che Guevaras verbundene Ausbreitung auf ganz Südamerika. Aber die Revolution im eigenen Land blieb aus. Und doch hatte ›1968‹ durchaus seinen Anteil an einem tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel. Was in den Epizentren Berlin und Frankfurt entstanden war, wurde als ›Kulturrevolution‹ in fast allen Universitätsorten und schließlich im ganzen Land ›nachgespielt‹ und verband sich mit unterschiedlichsten anderen Formen des Aufbegehrens.
Vielleicht kam in Deutschland die wirkliche ›Revolution‹ aber erst im Zusammenhang mit der Liberalisierung und dem Zusammenbruch der Sowjetunion, also mit dem, was merkwürdigerweise mit einem Wort von Egon Krenz die ›Wende‹ heißt
Über eine multiparadigmatische Soziologie
In der schriftlichen Fassung der Eröffnungsrede des Göttinger Soziologiekongresses 2018 wird diskutiert, inwiefern die Soziologie als multiparadigmatische Disziplin zu verstehen ist und welche Anknüpfungspunkte es für eine ›streitbare‹ Verständigungsorientierung gibt.
The written version of the opening address at the Congress of Sociology in Göttingen 2018 discusses the extent to which sociology is to be understood as a multiparadigmatic discipline and which points of reference exist for a ›disputatious‹ understanding
DGS-Nachrichten
Vorstand und Konzil der DGS: Stellungnahme zur Bereitstellung und Nachnutzung von Forschungsdaten in der Soziologie
Thomas A. Herz-Preis für qualitative Sozialforschung
Veränderungen in der Mitgliedschaft
Preise der DGS für herausragende Abschlussarbeiten
Elena Höpfner: Die Bedeutung der Dinge auf der Flucht
Tine Haubner: Das Glück der Starken und die Not der Schwache
Methodenpolizei oder Gütesicherung? Zwei Deutungsmuster im Kampf um die Vorherrschaft in der qualitativen Sozialforschung
Ausgehend von dem Befund, dass die qualitative bzw. interpretative Sozialforschung sich in den letzten Jahren massiv gewandelt hat und ein deutliches Mehr an neuen methodischen Ansätzen zu verzeichnen sind, nimmt der Artikel die sich daran anschließende Debatte im Feld der Qualitativen in den Blick. Er skizziert zwei idealtypische Positionen, nämlich die der auf Ordnung bedachte Methodenpolizei und die der auf Gütesicherung bedachten Qualitätssicherer, um dann die gemeinsamen Grundlagen aller dieser Ansätze in Erinnerung zu rufen. Entwickelt wird im Anschluss ein Vorschlag für eine ansatzübergreifende Praxis der Sicherung von Güte, der im Wesentlichen darauf beruht, den Gebrauch qualitativer/interpretativer Methoden als Kunstlehre zu begreifen
Digitalisierung @ zivilgesellschaftliche Gegenmächte: Erwartungen und Empirie in der Organisation von Gesellschaftskorrektur
Der vorliegende Beitrag interessiert sich dafür, welche Unterschiede Digitalisierung für die Arbeit zivilgesellschaftlicher Gegenmächte macht. Unsere These lautet, dass Digitales durchaus bezeichnenswerte Unterschiede für die Korrektur der Gegenwartsgesellschaft macht, diesbezüglich aber Probleme auftauchen bzw. bleiben, die nicht technisch überbrückbar sind. Ein genauerer Blick auf die hilfreichsten Technologien zeigt zudem, dass diese bei weitem nicht so schillernd sind, wie sie sowohl Apologet/-innen als auch Kritiker/-innen der „digitalen Gesellschaft“ zeichnen. Zwar nehmen wir eine differenzierungstheoretische Perspektive ein, werden aber auch dieser, nach der Erörterung dreier Fallbeispiele zur Arbeit zivilgesellschaftlicher Gegenmächte (Soziale Bewegungen, Online-Petitionsplattformen, Transnationaler Investigativ-Journalismus), einige Anpassungsvorschläge nahelegen. Wir schließen den Beitrag mit dem Plädoyer für eine evolutionstheoretische Sicht auf soziale Wirklichkeitskonstruktion. Mit dem Hinweis auf Evolution soll gerade nicht gesagt sein, dass das Anregen zur Bearbeitung der Folgen funktionaler Differenzierung – der Korrektur der Gesellschaft – ganz und gar zufällig prozessiert, wohl aber, dass der Weg vom Anregen bis zur Korrektur einen historischen Blick verlangt, der durch einen Einbezug der evolutionären Mechanismen der Variation, Selektion und (Re-)Stabilisierung geschärft werden kann
Neuerungen als Termingeschäft: Projektkoordination in den Creative Industries
Die Creative Industries haben sich in den letzten beiden Jahrzehnten zu einem neuen wirtschaftlichen Sektor entwickelt, der auch politische und gesellschaftliche Anerkennung erfährt. Der sozialwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Fragen der Kreativität bieten sich Anknüpfungspunkte, die von der mittlerweile klassischen Kreativitätsforschung der Psychologie und Sozialpsychologie bis hin zu eher rezenten epochalen Deutungen reichen. In der Organisationssoziologie wird Kreativität – wenig überraschend – als organisierter Sachverhalt begriffen. Vor diesem Hintergrund richtet der vorliegende Beitrag den Blick auf die Mode als ein Bereich, in dem Neues nicht nur erwartet und mit hoher Verlässlichkeit hervorgebracht wird, sondern in dem darüber hinaus auch rigide, zeitliche Vorgaben einzuhalten sind. Die Mode reagiert auf die nicht-hinterfragten und institutionalisierten Kreativitätserwartungen und den permanenten Neuerungsdruck nicht nur mit der Herstellung entsprechender materieller Produkte, sondern auch mit sprachlichen Darstellungen und visuellen Mitteln etwa in Form von Fotoshootings oder Modeschauen. Der hohe Stellenwert der kommunikativen Rahmung ist bezeichnend für die Creative Industries und im Fall der Mode besonders ausgeprägt. Insofern kann Mode sogar als Modellsystem einer Kreativwirtschaft angesehen werden, deren zentraler Bestandteil der Wertschöpfung ebendiese Kreativität ist
Subjektformierungen und Evaluationsfunktionen in skopischen Medien am Beispiel der Social Network Site Instagram
Der Beitrag wird der Frage nachgehen, wie Interaktion und Selbstbezüge im digitalen Raum durch Mechanismen des Echtzeit-Feedback strukturiert werden. Am Beispiel der weitestgehend bildbasierten Social Network Site Instagram wird nachvollzogen, wie durch die Funktionen des Likes sowie des Followens/Abonnierens neuartige Formen selbstreflexiver Praktiken sowie des Publikumsbezugs evoziert werden. Empirische Basis des Beitrags sind qualitative Interviews mit Nutzerinnen und Nutzern der Plattform.
Die Plattform Instagram kann als digitaler Raum der Geselligkeit beschrieben werden. Ein Gros der Kommunikation findet dort in Form visueller Selbstthematisierung statt. Durch das Teilen begehrenswerter ‚Images‘ werden positive Emotionen evoziert, die dann wiederum bestätigende Wertungen der Selbstdarstellungen nach sich ziehen. Die Evaluation des eigenen Selbstbilds erfolgt jedoch nicht auf Basis objektiver Kriterien. Die Userinnen und User sind stattdessen dem subjektivem Gnadenurteil eines dispersen Publikums ausgeliefert.
Zugleich haben wir es bei Instagram mit einem skopischen Medium zu tun, das die Nutzenden über die Gunst des Publikums in Echtzeit informiert. Anerkennung wird dabei zahlenförmig akkumuliert und beständig aktualisiert. Instagram spannt so synthetische Situationen auf, die angesichts des permanenten Informationsflusses hochgradig augmentiert, kontingent und veränderlich sind (Knorr-Cetina). Dies wirkt sich wiederum auf das Nutzungsverhalten der Userinnen und User aus: Indem das eigene Image auf Instagram in konkreten Zahlen explizit kreditiert und kommensurabel gemacht wird, entsteht hier ein Raum der permanenten Überprüfung des eigenen (Selbst-)Bilds sowie des Vergleichs und Abgleichs mit den (Selbst-)Bildern der anderen.
In dem Maße, wie die Userinnen und User ihr Ich zum Ausgangs- wie auch zum Endpunkt des Austauschs quantifizierter Anerkennung stilisieren, machen sie sich zu ästhetischen Unternehmern ihrer Selbst, die ihr Handeln entsprechend des aktuellstens Like- oder Follower-Stands beständig neu an den Publikumserwartungen ausrichten. Die Optimierung des zahlenförmigen Selbst verläuft so als Prozess dynamischer Stabilisierung, angestoßen durch die Modifizierung zeitlicher und informationeller Anerkennungsstrukturen im Rahmen der Kommunikationsplattform
Der Nutzen „kollaborativer Anwendungen“ bei translokaler Arbeit: Zwei Fallbeispiele aus mittelgroßen, innovativen Unternehmen
Moderne Unternehmen entwickeln immer stärker Merkmale virtueller Organisationen. Woraus sich ein Spannungsverhältnis ergibt, da virtuelle Netzwerke insbesondere für kooperationsintensive, kreative und innovative Aufgaben weniger geeignet sind. Distanz erzeugt Probleme der Integration, sie erschwert die Koordination und beeinträchtigt die Lern- und Innovationsfähigkeit. Der Beitrag diskutiert die Bedeutung von internetgestützten, kollaborativen Software-Anwendungen zur Bewältigung dieser Herausforderung.
Anhand von zwei qualitativen Fallstudien aus Unternehmen, welche über praktische Erfahrungen mit kollaborativen Anwendungen (Plattformen, Wikis, Communities) verfügen, wird die Nutzung analysiert. Anhand von vier analytischen Dimensionen der Distanz wird das integrative Potenzial der Nutzung dieser Anwendungen aufgezeigt. Vor dem Hintergrund eines Verständnisses von Kollaboration als intensivster Form gemeinsamer Bemühungen wird auch eine neuere Entwicklung sichtbar: Die Unternehmen versuchen, Situationen der Kollaboration häufiger stattfinden zu lassen, sie zeitlich auszudehnen und zu intensivieren. Dies wird erkennbar an der Art und Weise, wie sie den zukünftigen „digitalen Arbeitsplatz“ konzipieren
Emotionsdiskurse in Bewegung: Einblicke aus 50 Jahren Bravo
Verschiedene theoretische Ansätze weisen relativ übereinstimmend darauf hin, dass das Emotionale als handlungsgenerierendes und -legitimierendes Prinzip seit einigen Jahrzehnten verstärkt ins Zentrum des handelnden Subjekts und seiner sozialen Beziehungen rückt. Ein empirisches Bild des emotional-sozialen Wandels in seiner Komplexität ist jedoch für den deutschsprachigen Raum allenfalls in Fragmenten vorhanden. Der Beitrag setzt an dieser empirischen Lücke an und rekonstruiert den historischen Verlauf von Emotions-Diskursen in den Ratgeberseiten der BRAVO zwischen 1961 und 2011, welche verhandeln, wie Subjekte Emotionen wahrnehmen, ausdrücken und/oder steuern sollen, um ihre sozialen Beziehungen zu regulieren. Dabei wird ersichtlich, wie die analysierten diskursiven Verschiebungen und Stabilisierungen in Beziehung stehen zu gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen, wie sie in Gesellschafts-und Kulturtheorien oder soziologischen Gegenwartsdiagnosen (u.a.Individualisierungsthese, Zivilisationstheorie, Postmoderne und poststrukturalistische Analysen) diskutiert werden
Es irrt der Mensch, solang er strebt? Die Orientierung der Lebensführung als Horizont der Aushandlung subjektiver Statuswahrnehmung
In der Debatte um die „Krise der Mittelschicht“ wurde deutlich, dass sich Abstiegsängste nicht auf jene beschränken, die ‚objektiv Grund dazu haben‘. Um den zuweilen undurchsichtigen Zusammenhang objektiver Ungleichheiten und ihrer subjektiven Wahrnehmungen besser zu verstehen, werden in diesem empirischen Beitrag zwei Fallanalysen von biographisch-narrativen Interviews mit Personen vorgestellt, die nach einer ressourcen-orientierten Definition zwar der Mittelschicht angehören, sich selbst aber anders verorten. Auf Basis dieser Auswertung wird vorgeschlagen, die artikulierte subjektive Selbstverortung und das Erleben von Statusangst vor dem Hintergrund der jeweiligen Form der Orientierung der Lebensführung und der Chance, ihr gerecht werden zu können, zu verstehen