JournaLIPP (Graduate School Language & Literature - Class of Language, LMU München)
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Mit zeitnah(e) von der Gegenwart bis in die Zukunft durch funktionale Rekontextualisierung
Die vorliegende Arbeit befasst sich mit einem aktuellen Sprachwandelphänomen, der Herausbildung verschiedener Bedeutungsvarianten des Adjektivs zeitnah(e). Während die Form gegen Mitte des 20. Jahrhunderts fast ausschließlich mit metaphorisch-deskriptiver Bedeutung zu finden ist, treten seit Beginn des 21. Jahrhunderts gehäuft zeitlich-deiktische Varianten dieser Form in Erscheinung, mit so verschiedenen kontextuellen Lesarten wie ‚umgehend‘, ‚schnell‘, ‚kurzfristig‘ oder ‚bald, demnächst‘. Wie anhand von quantitativen Daten, die mit Hilfe des DWDS-Zeitschriftenkorpus DIE ZEIT für den Zeitraum zwischen 1946 und 2009 erhoben wurden, nachvollzogen werden kann, etabliert sich dieser Bedeutungswandel primär in bestimmten Diskursen des deutschen Managements. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts steigt die Häufigkeit einiger Bedeutungsvarianten jedoch nochmal drastisch an und geht nun auch in andere Bereiche des öffentlichen Sprachgebrauchs über. Die skizzierte Entwicklung wird im weitesten Sinne aus der Perspektive des gebrauchsbasierten Sprachwandelmodells betrachtet. Der Fokus wird dabei auf ein besonderes Prinzip von Sprachwandel gelegt, das in Anlehnung an die Bricolage-Theorie von Lévi-Strauss (1968) als funktionale Rekontextualisierung konzeptualisiert wird
Wo versteckt sich (Ci-)Marron? Sprachkontakt als Auslöser des Bedeutungswandels von cimarrón/mar(r)on im Spanischen und im Antillen-Französischen
Die Ausgestaltung der Kontakte zur indigenen Bevölkerung insbesondere während der so genannten Antillen-Phase der Kolonisierung (1492-1519) bereicherte die Sprache spanischer Konquistadoren und Pioniere mit einer Fülle an lexikalischen Innovationen. Einen bedeutenden Anteil dieses neuen Vokabulars bildeten Lexeme indigener Herkunft, unter ihnen auch das Wort cimarrón/mar(r)on, das lange zu Unrecht als traditionelles spanisches Lexem (vgl. Corominas/Pascual 1980-1991; Friederici 1947: 191, s. vv. cimarrón) galt. DieserBeitrag stützt sich auf bisherige Hypothesen einer indigenen Herkunft von cimarrón und stellt neue Überlegungen zur Diskussion vor, und zwar- dass das Kopieren des Ausdrucks jeweils in der spanischen und französischen Sprachgemeinschaft auch unabhängig voneinander stattfinden konnte, und- dass sich das Spektrum der Verwendungsweisen von cimarrón und mar(r)on, auch wenn einige Bedeutungen deutliche semantische Übereinstimmungen aufweisen, in einem jeweils unterschiedlichen soziokulturellen Rahmen entwickelte.Dazu erfolgt eine kontrastive Gegenüberstellung der Verwendungen des spanischen cimarrón mit denen des französischen ma(r)ron auf Basis eines repräsentativen mQuellenmaterials. Im Fokus liegen aber nicht die einzelnen Sprachen an sich, sondern die Gemeinsamkeit kommunikativer Aktivitäten der Sprecher mit diversen sprachlichen Hintergründen in der karibischen Kontaktzone. Die Untersuchung trägt diesem Typ des Sprachkontakts explizit Rechnung, indem sie direkte und indirekte Verbindungen zwischen den interagierenden Sprachen berücksichtigt und zugleich die Möglichkeit einerpolygenetischen Entwicklung bestimmter Verwendungsweisen sprachlicher Ausdrücke nicht ausschließt
Nominalkomposition und die Entstehung von Nominalmorphologie
Wie Grammatikalisierungsprozesse in natürlichen Sprachen belegen, entsteht neue Nominalmorphologie durch Nominalkomposition.Derselbe Prozess wird im Rahmen der Sprachevolution angenommen: Die Univerbierung zweier selbständiger Elemente zu einem Proto-Kompositum kann, sofern das Hinterglied generalisiert wird, zur Genese von Proto-Morphologie führen. Allerdings sind die genauen Bedingungen dieses Prozesses bislang ungeklärt.Hier setzt der vorliegende Beitrag ein: Er geht den Bedingungen dieses Prozesses auf den Grund und versetzt aufgrund theoretischer Überlegungen den Zeitpunkt der Entstehung von Morphologie in eine Phase nach dem Aufkommen erster syntaktischer Phrasenstrukturen. Dabei zeigt der Beitrag, welche unterschiedlichen Kompositionstypen bei der Entstehung von Nominalkomposition beteiligt sind, und liefert so neue Erkenntnisse zur synchronen Struktur der Determinativkomposita. Diese Erkenntnisse stärken die These, wonach Nominalkomposita der Ursprung der Derivations- und Kasusmorphologie sind
The augment in Homer, with special attention to speech introductions and conclusions
In this article, we will show that the use of the augment in Homeric speech introductions and conclusions was not random, but could be explained by morphometric, syntactic and semantic constraints. Later, these rules were no longer understood: the augment became a mandatory marker of past tense in Greek prose, while its absence in Homer (which was also motivated by rules and constraints) was reinterpreted as an archaism and an element of the poetic language. The article only focuses on Homeric speech introductions and conclusions, and leaves out a discussion of Homer and epic poetry in general, of Mycenaean and the other Indo-European languages that have the augment
Der Faktor Lautsymbolik
Im Mittelpunkt dieses Artikels stehen lautsymbolische Aspekte sprachlicher Innovation. Neben einem kurzen Überblick über das Thema Lautsymbolik werden einige Forschungs-felder vorgestellt, die sich mit diesem Gegenstand befassen und gleichzeitig Sprachwandel-phänomene berühren. Darunter sind hier aber weniger die üblichen Grammatikalisierungs- und Lexikalisierungsprozesse zu verstehen als vielmehr Sprachursprung, die Rolle der Pho-nästheme und Kunstwortbildung. Denn gerade für Randerscheinungen liefern lautsymbo-lische Faktoren einen möglichen Motivationshintergrund
Institutional Work of Regional Language Movements: Options for Intervention at the Regional Level Taken Brittany as an Example
According to the UNESCO Atlas of the World’s Languages in Danger, the Breton language is severely endangered. While there were over 1 million Breton speakers around 1950, only 194,500 remained in 2007. The annual decrease in Breton speakers by 8,300 cannot be compensated at present, leading to the crossing of the threshold of 100,000 Breton speakers in about a quarter of a century. The constitutional amendment in 2008, according, for the first time, an official status to regional languages in France, did not provide any real benefits either, except for a higher legitimacy for regional politicians and other actors of regional language movements to implement languagesensitive promotional measures. In this regard, the region of Brittany is a pioneer, as it has demonstrated a high commitment to the promotion of the Breton language since the mid-nineties. In this context, this paper investigates what possibilities exist for locallevel authorities and other strategic actors in the field to encourage the social use of a regional language in all domains of life. First, the sociolinguistic situation in Brittany is outlined and evaluated using secondary data. Second, a qualitative study (in-depth interviews) was conducted to provide further insights into the interdependencies between the different actors in the field of the Breton language policy, and revealed options for policy instrument development by regional governments. Institutional theory is used as a theoretical framework in order to assess distinct practices and instruments for promoting a regional language. Existing and frequently claimed measures are assigned to different forms of institutional work (e.g. mobilisation of support, imitation of best practices); they are performed by the stakeholders in the field and are aimed at boosting the social use of a language. From this institutional perspective, we observe intensive efforts by single persons, organisations and communities (institutional work) and solutions (institutions or socially accepted practices) for introducing institutional change. There is still additional and unused room to manoeuvre at the regional level and a lack of planning for operational implementation. The analysis shows that three forms of institutional work should be further developed in particular, namely: mimicry, theorising and educating. Educating is especially important as it translates into a demand for obligatory bilingual education in order to stabilise the number of speakers. Nonetheless, the motivation of the Breton population, when establishing a language policy for Brittany, should not be overlooked. This means that both top-down and bottom-up perspectives should be pursued at the same time
Ausbau als Nachbau. Zum heuristischen Wert des Ausbaukonzepts im Rahmen der englischen Sprachgeschichtsschreibung
Das Konzept ‚Ausbau‘, das von Heinz Kloss (1952, 21978) eingeführt und von Peter Koch und Wulf Oesterreicher (1994) weiterentwickelt wurde, birgt ein erhebliches Er-klärungspotential mit Blick auf sprachliche Standardisierungsprozesse. Gerade in Be-zug auf die Geschichte des Englischen, die sich zu einem ganz wesentlichen Teil als Standardisierungsgeschichte konzeptionalisieren lässt, wurde dieses Konzept jedoch bis jetzt noch kaum herangezogen. In diesem Aufsatz möchte ich aufzeigen, welchen Erklä-rungswert das Ausbaukonzept als heuristische Grundlage für Untersuchungen im Be-reich der englischen Sprachgeschichte haben kann. Hierzu setze ich mich mit den Ur-sprüngen des Konzepts bei Kloss sowie mit dessen Weiterentwicklung durch Koch/Oes-terreicher theoretisch auseinander, um schließlich ein praktisches Anwendungsbeispiel geben zu können, das illustrieren soll, inwiefern sich ein konkretes syntaktisch-lexikali-sches Phänomen als eine Manifestation von Ausbau betrachten lässt. Das von mir the-matisierte Ausbauphänomen – Konstruktionen mit engl. notwithstanding – kann als ein für die englische Ausbaugeschichte prototypisches Beispiel gelten, da es eine lateini-sche bzw. französische Modellkonstruktion imitiert. Dieses Moment das Sprachkontakts ist charakteristisch für den Ausbau des Englischen, was sich im Terminus ‚Nachbau’, den ich für diesen Zusammenhang vorschlage, begrifflich manifestiert
Language documentation in the 21st century
Language documentation emerged as a new sub-field of linguistics in 1995 and has developed and expanded over the past 20 years. In this paper we outline the defining characteristics of language documentation as presented in the late 1990s and discuss some of the changes in the field that have occurred since. These include a move away from concern for best practices, standards and tools to a more critical and reflexive approach that highlights diversity and flexibility of individual documentation projects in their social, cultural and political contexts, as well as the need for greater attention to goals and outcomes. There have also been developments in archiving that build upon social networking models linking people to each other, rather than seeing documentation as being primarily about ‘data’ and ‘resources’
Maintaining linguistic diversity in Europe – lessons learned from the project ELDIA
The research project ELDIA (European Language Diversity for All), funded by the 7thFramework Programme of the European Union from March 2010 till September 2013,set out to examine the state of multilingualism in today’s Europe. The project, workingon a sample of Finno-Ugric minorities from the Barents Sea to Slovenia, began with acontext analysis (desk research) and proceeded through fieldwork-based case studies(questionnaire surveys and interviews) as well as interconnected media-sociologicaland law analyses. One of the main results was the EuLaViBar (European LanguageVitality Barometer), a tool for assessing the state of language maintenance andidentifying the points where special support measures are needed. In this paper, somecentral results of the project, with respect to maintaining language diversity in Europe,are discussed
German Sign Language (DGS) as an instance of an endangered language?
The aim of this article is to call attention to the fact that the existence of sign languages like German Sign Language is in danger. I would like to point out the factors that led to this development and to outline its extent. Firstly, I will give a very short introduction to sign language. In (2.), I will present the factors that led to the endangerment of sign languages: there are prejudices against the speakers (paternalism und discrimination, also with respect to public life), and reaction to this is personal withdrawal and social dissociation. In addition, there is a medicalisation of the speakers, a bias concerning the concurrent acquisition of a spoken and a signed language, a degradation of the language itself and deficiency of institutional support of the language as well as a lack of knowledge about the culture and its products. In (3.) I will try to evaluate these factors by referring to the sociolinguistic concept of vitality (see Giles, Bourhis/Taylor 1977) and will conclude with a calculation of the danger that German Sign Language will cease to exist in the future. It will be demonstrated that German Sign Language is an atypical example for an endangered language. The main reason for this estimation is the fact that there are also many young speakers, as well as the observation that all of the speakers are strongly trying to maintain their language and use it as often as they can. However, the analysis of DGS allows considering some recommendations for the preservation of languages in general