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Wilhelm Meisters Erziehungsgeschichte(n): Poetiken der Überwachung bei Trapp, Wezel, Moritz und Goethe
Pädagogik und Erfahrungsseelenkunde zeigen sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts geradezu von einem Beobachtungs-, ja Überwachungsfuror ergriffen, der zugleich ein Schreibfuror ist: Bei Ernst Christian Trapp sind es die Protokolle ungesehener Beobachter, die noch die subtilsten Auffälligkeiten im Verhalten der Schüler registrieren, quantifizieren und archivieren. Karl Philipp Moritz erstellt in seinem Lehreralltag Tabellen, die eine exakte Relationierung von Individuum und Kollektiv ermöglichen. Johann Karl Wezel entwirft mit seinen „Beobachtungs[-]“ bzw. „Erziehungsgeschichten“ eine explizit narrative Textsorte, die plot und story in die Überwachungskonstellation einführt und die Entwicklung der Zöglinge damit in kausaler und chronologischer Hinsicht nachvollziehbar machen soll. Der vorliegende Beitrag rekonstruiert die poetologischen Voraussetzungen des dergestalt gewonnenen pädagogischen und anthropologischen Wissens, skizziert dessen Bezüge zu Roman(-theorie) und Polizeiwissenschaft und zeigt mit Blick auf Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre, dass in diesem Zusammenhang auch literarische Texte zu Medien eines Überwachungs- und Steuerungswissens avancieren, das die Perspektive einer Kybernetik zweiter Ordnung antizipiert
„[W]ie kranke wildgewordene Männer eben sind“:: Strategien der Nomination, Prädikation und Argumentation im Online-Diskurs zur Causa Rammstein
Die im Juni 2023 gegen Till Lindemann erhobenen Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs (i.e. Causa Rammstein) lösten eine internationale Debatte über sexuelle Gewalt und die ihr zugrundeliegenden Geschlechterdynamiken in der Musikbranche aus. Den unmittelbaren Kontext für die öffentliche Rezeption dieser Anschuldigungen stellte die #MeToo-Bewegung dar, die eine Intensivierung der Diskurse über sexuelle Gewalt auf globaler Ebene zur Folge hatte. Die gegen Lindemann erhobenen Vorwürfe spiegeln somit nicht nur individuelle Verfehlungen wider, sondern verweisen auf die gesellschaftliche Notwendigkeit einer kritischen Auseinandersetzung mit Machtstrukturen, Konsens und der Glaubwürdigkeit von Betroffenen. Vor diesem Hintergrund wurden im Rahmen der Masterlehrveranstaltung Sprache.Macht.Politik: Kritische Sprachreflexion im Deutschunterricht unter der Leitung von MMag. Dr. Niku Dorostkar (Universität Wien, Institut für Germanistik) die diskursiven Strategien im Online-Diskurs zu den Missbrauchsvorwürfen gegen Lindemann und die daraus resultierenden Diskurspositionen sowie Machtverhältnisse untersucht. Unter Einsatz des Diskurshistorischen Ansatzes (DHA) nach Reisigl & Wodak (2011, 2016) werden Nominations-, Prädikations- und Argumentationsstrategien in Leser:innenkommentarforen zweier ausgewählter Online- Zeitungsartikel der österreichischen Tageszeitung derStandard zu den Vorwürfen gegen Lindemann analysiert. Die Untersuchung von insgesamt 400 Kommentaren zeigt, dass bestimmte diskursive Strategien die (Re-)Produktion diskriminierender Praktiken begünstigen. Diese Strategien umfassen i. die häufigere namentliche Nennung Lindemanns im Vergleich zur generischen Benennung der Opfer, wodurch der mutmaßliche Täter diskursiv sichtbarer gemacht und die Opfer einer Entindividualisierung unterzogen werden, ii. die Betonung der vermeintlichen Naivität und Leichtsinnigkeit der Opfer in Kombination mit dem Topos der Mitschuld, sowie iii. die Pathologisierung des Charakters Lindemanns mittels stark negativ konnotierter Prädikation und dem Topos der pathologischen Abnormität, die zur Entkopplung sexualisierter Gewalt von gesellschaftlichen Strukturen beitragen. Die Ergebnisse dieser Analyse liefern nicht nur aufschlussreiche Einblicke in die Konstruktion von Opfer- und Täterrollen sowie die Legitimation bestimmter Positionen und daraus resultierender Machtasymmetrien innerhalb des Diskurses zur Causa Rammstein, sondern unterstreichen zudem die Rolle von Online-Diskursen in der (Re-)Produktion diskriminierender bzw. anti-feministischer Diskursstrategien
Preschoolers’ conceptual development of the plant reproduction cycle
Nachdem Pflanzen eine zentrale Rolle für alles Leben auf der Erde spielen, ist es wichtig, bereits in jungen Jahren darüber zu lernen. Um Lernschwierigkeiten zu vermeiden, ist es wichtig, Vorstellungen von Kindern zu biologischen Themen zu kennen und einzubeziehen. Diese Arbeit untersucht ihre Sicht auf den Lebenszyklus von Blütenpflanzen, da dazu wenige Studien existieren.
16 Kinder im Alter von 5–6 Jahren aus einem Wiener Kindergarten nahmen dabei an einer Pre-, Post-, Late-Post-Studie teil. Die Vorstellungen der Kinder zum Lebens- & Reproduktionszyklus von Pflanzen wurden dabei in Form von Zeichnungen und Gruppeninterviews erhoben. Durch eine 4-tägige Intervention, die auf den Ergebnissen der Pre-Interviews basierte, wurde versucht, das Lernen hin zu wissenschaftlichen Vorstellungen zu unterstützen.
Die Konzepte der Kinder sind eine Mischung aus alternativen und wissenschaftlichen Vorstellungen zu allen Stadien des Lebenszyklus, die sich durch die Intervention teilweise weiterentwickeln konnten. Die Kinder hatten von Anfang an ein Verständnis darüber, dass Pflanzen aus Samen wachsen und Wasser und Licht brauchen. Durch die Intervention konnten später die meisten Kinder den Zusammenhang zwischen Blüte und Frucht beschreiben. Es zeigte sich eine Reihe anthropomorpher und anthropozentrischer Denkweisen, die vor allem in Bezug auf die Ausbreitung von Samen ab den Post-Interviews in den Hintergrund trat. Ab den Post-Interviews wussten manche Kinder um die Existenz von Pollen, den Prozess der Bestäubung konnten sie aber zu keinem Zeitpunkt erklären.
Das Interesse der Kinder konnte durch den Einsatz lebender Pflanzen in unterschiedlichen Zyklusphasen, verschiedene Sinneserfahrungen und die Untersuchung von Pflanzen unter Auflichtmikroskopen am meisten geweckt werden.Plants play a central role in all life on Earth, and it is important to learn about them from an early age. It is important to understand and incorporate children’s concepts of biological topics to prevent learning difficulties. This study examines their understanding of the life cycle of flowering plants, as few studies exist on this topic.
A total of 16 children aged 5 to 6 years from a kindergarten in Vienna participated in a pre- , post-, and late-post-study. The children’s conceptions of the life cycle of plants were assessed using drawings and group interviews. A four-day intervention, based on the results of the pre-interviews, was designed to support learning towards scientific conceptions.
The children’s concepts were a mixture of alternative and scientific ideas about all stages of the life cycle, some of which evolved through the intervention. From the beginning, the children understood that plants grow from seeds and require water and light. As a result of the intervention, most children were able to describe the connection between flowers and fruit. A range of anthropomorphic and anthropocentric perspectives could be observed, particularly regarding seed dispersal, but these decreased following the post-interviews. From the post-interviews onwards, some children recognized the existence of pollen, but at no point were they able to explain the process of pollination.
The children’s interest was most effectively stimulated through the use of living plants at different cycle stages, various sensory experiences, and the examination of plants under incident light microscopes
Indicators and Metrics in SSH Research: How Scholars Value Publication Practices in the Face of Epistemic Capitalism
Situated at the level of individual researchers, this paper extends empirical research on indicators, metrics and other forms of quantification in everyday (research) practice to the social sciences and humanities (SSH). I draw on 46 qualitative in-depth interviews with senior researchers and early career researchers in history, political science and area studies to trace how SSH scholars value publication practices and outputs. Building on approaches from valuation studies (Helgesson & Muniesa, 2013) three registers of valuing (Heuts & Mol, 2013) are identified: an epistemic, a reputational and an institutional register of valuing publication practices. By exploring overlaps and relations between the three registers, folded valuations (Helgesson, 2016) and their mobilization in different valuation constellations (Waibel et al., 2021), I investigate the role of indicators, metrics and other forms of quantification. Results show that epistemic practice in SSH fields is permeated with indicator use. On the one hand indicators and metrics are a means to denote relevance across the three registers in everyday practice. On the other hand, output-oriented research cultures rely on socio-technical practices of quantification to promote “research quality” and “research excellence”, as such practices are closely related to the epistemic and organizational practices that constitute epistemic capitalism (Fochler, 2016). The paper concludes with implications for reforms of research assessment (CoARA, 2022) and how this relates to reforming contemporary research cultures more generally
Designing a Theory of Change in Less Than an Hour: Enabling Rapid, Collaborative Development with a Context-Independent Card Set
The increasing focus on societal impact in academia calls for effective tools that can help to address grand challenges through interdisciplinary and transdisciplinary collaboration. While Theories of Change are widely used to plan and evaluate the societal impact of research projects, applying this approach often proves to be time-consuming and resource-intensive, especially in the academic context with rigid structures and competing priorities.
To address some of these challenges, the Evaluating Societal Impact team at Erasmus University Rotterdam (the Netherlands) applied user-centred design to develop a card game that supports the development of Theories of Change in a more accessible, efficient and engaging way. The cards can be used in different contexts and without prior training or knowledge to understand envisioned change processes, significantly reducing the time needed to create a first Theory of Change and making the process fun through gamification.
Trialled with a range of partners in academia, government organisations and municipalities, it has proven to be effective in fostering co-creation, overcoming power imbalances in a group setting and helping to accelerate the development of a shared vision. The tool is gaining widespread interest in the Netherlands and internationally as it offers a context-independent, time-efficient and user-friendly approach to embedding societal impact practices within academia. By providing a concise and engaging experience, the game is used to introduce diverse groups to Theories of Change, fostering interest and engagement with the method. This journal contribution describes our approach and experiences in developing and using the card game. We discuss the possibilities and limitations of the Journey of Progress card set with the aim of inspiring future comparable approaches and solutions in policy evaluation
Don’t believe the Hype! Zehn Thesen zu KI und Digitalem Humanismus
Der Artikel untersucht die Rolle der Künstlichen Intelligenz (KI) in der modernen Gesellschaft aus der Perspektive des Digitalen Humanismus. In Form von zehn Thesen wird die grundlegende Bedeutung von Künstlicher Intelligenz (KI) für den Digitalen Humanismus dargelegt. Es wird aufgezeigt, wie technologische Entwicklungen verantwortungsvoll und menschenzentriert gestaltet werden können, um den größtmöglichen Nutzen für die Gesellschaft zu erzielen.This article examines the role of artificial intelligence (AI) in modern society from the perspective of digital humanism. The fundamental significance of artificial intelligence (AI) for digital humanism is presented in the form of ten theses. It shows how technological developments can be shaped in a responsible and human-centred way in order to achieve the greatest possible benefit for society
Zwischen KI-Monopol, schwarzem Feminismus und rettender Kritik: Aufklärungsdiversität als Bildungschance digitaler Ethik
Die Welt gerät in die Krise! Hilfe, Social Media-Monopole, Large Language Models und generative KI zerstören unsere Schulen, was sage ich, unsere Demokratien! Schnell, schnell, wir brauchen mehr Aufklärung! So oder so ähnlich könnte man sich dieser Tage fühlen. Ich möchte gegen eine solche Haltung argumentieren. Zwar hängen Aufklärung, Bildung und moderne demokratische Gesellschaften zusammen. Doch an die Aufklärung im Singular zu denken und diesen Singular dann zur Leitlinie digitaler Ethik oder Medienpädagogik zu machen, halte ich für falsch. Jenseits aktueller Trends gibt es schon längst Herausforderungen, an denen Aufklärungen – im Plural – für den Umgang mit KI reifen können. Vor diesem Hintergrund sollte zuerst mit kühlem Kopf die Diversität von Aufklärungen in den Blick genommen werden. Sie kann als Richtschnur mündigen Handelns, auch bei der Moderation oder Regulation von Social Media-Content dienen. Mit Blick auf die aktuelle Debatte um Aufklärung(en) argumentiere ich für die Bedeutung von Ambivalenztraining sowie leiblich-sozialer Dialogarbeit – gerade auch für Medienpädagogik(en). In kritischen Stimmen des schwarzen Feminismus sowie dem Projekt einer rettenden Kritik der Aufklärung(en) sehe ich einen Aufschlag zur Auseinandersetzung mit Aufklärungsdiversität. Diese steht in Verbindung zur Wissensdiversität wie sie etwa in der Medienpädagogik diskutiert wird. Hierzu wäge ich verschiedene kontroverse Beiträge zur Gegenwartsdebatte ab und schließe mit zehn Thesen an der Schnittfläche aus digitaler Ethik und Medienpädagogik. Das bildungsphilosophische Motto lautet: Pädagogische Dialogarbeit statt Kulturkampf
"ChatGPT kennt halt die Schüler:innen nicht": Einstellungen von angehenden Primarstufenlehrer:innen zur Nutzung von generativer KI für die Unterrichtsvorbereitung
Die Nutzung generativer KI für die Unterrichtsplanung gewinnt an Bedeutung, insbesondere durch Tools wie ChatGPT. Das vorgestellte Forschungsprojekt untersucht die Einstellungen von Primarstufenlehramtsstudierenden zur KI-gestützten Unterrichtsvorbereitung. Anhand qualitativer Interviews (n=21) wurden Vorteile wie Zeitersparnis und kreative Anregungen, aber auch Herausforderungen wie mangelnde Individualisierung, fehlende Quellenangaben und die Notwendigkeit kritischer Reflexion identifiziert. Die Ergebnisse zeigen Kompetenzlücken im Bereich KI-Kompetenz, insbesondere beim gezielten Prompting und der Bewertung von KI-generierten Inhalten. Der Artikel diskutiert das AI Competency Framework der UNESCO sowie das AI-PACK-Modell als Rahmen für die Entwicklung von KI-Kompetenzen im Lehramtsstudium und betont die Notwendigkeit einer fundierten Ausbildung, um eine reflektierte und effektive Nutzung generativer KI in der Schule zu ermöglichen.The use of generative AI for lesson planning is becoming increasingly important, particularly due to tools like ChatGPT. This research project examines the attitudes of pre-service primary school teachers toward generative AI-supported lesson preparation. Based on qualitative interviews (n=21), advantages such as time savings and creative inspiration were identified, alongside challenges such as a lack of individualization, missing source references, and the need for critical reflection. The findings reveal competency gaps in students’ AI literacy, particularly in targeted prompting and evaluating AI-generated content. The article discusses UNESCO’s AI Competency Framework and the AI-PACK model as frameworks for developing AI-related competencies in teacher education. It emphasizes the need for comprehensive training to enable a reflective and effective use of generative AI in schools
Distributed digital leadership in the context of artificial intelligence: Challenges and prospects for primary school development
Der Beitrag untersucht die Rolle von Distributed Digital Leadership (DDL) für die nachhaltige Schulentwicklung im Kontext von Künstlicher Intelligenz (KI), mit besonderem Fokus auf die spezifischen Anforderungen von Grundschulen. Ausgehend von theoretischen Grundlagen zu Schulentwicklung und Leadership-Konzepten wird KI als Handlungsfeld von DDL in den fünf Dimensionen der Schulentwicklung (Organisations-, Unterrichts-, Personal-, Kooperations- und Technologieentwicklung) analysiert. Empirische Studien verdeutlichen dabei die besondere Bedeutung transformationaler und verteilter Führungsansätze speziell für Grundschulen. Der Beitrag stellt eine Untersuchung zum Status quo digitaler Schulentwicklung an Grundschulen vor, die eine deutliche Diskrepanz zwischen diesen Erkenntnissen und der schulischen Praxis aufzeigt. Basierend auf dieser Analyse werden konkrete Handlungsempfehlungen entwickelt, wie Grundschulen den Übergang von einer verwaltenden zu einer aktiv gestaltenden Rolle vollziehen können. Der Beitrag verdeutlicht, dass die digitale Transformation neue Formen der Führung erfordert, die Innovationskraft und pädagogische Konzepte verbinden und dabei das Lernen aller Beteiligten in den Mittelpunkt stellen.This article analyses the role of distributed digital leadership (DDL) for sustainable school development in the context of artificial intelligence (AI), with a particular focus on the specific requirements of primary schools. Based on the theoretical foundations of school development and leadership concepts, AI is analysed as a field of action for DDL in the five dimensions of school development (organisational, teaching, personnel, cooperation and technology development). Empirical studies illustrate the particular importance of transformational and distributed leadership approaches, especially for primary schools. The article presents a study on the status quo of digital school development in primary schools, which shows a clear discrepancy between these findings and school practice. Based on this analysis, specific recommendations for action are developed as to how primary schools can make the transition from an administrative to an actively creative role. The article makes it clear that the digital transformation requires new forms of leadership that combine innovative strength and pedagogical concepts while placing the learning of all those involved at the centre
Rezension: "Operational Images: From the Visual to the Invisual" von Jussi Parikka
In seinem grundlegenden Beitrag zur aktuellen bildwissenschaftlichen Diskussion Operational Images: From the Visual to the Invisual beschäftigt sich der finnische Medientheoretiker Jussi Parikka mit den Veränderungen im Verständnis und Gebrauch von Bildern. Im Zusammenspiel mit neuen Technologien von KI und Automatisierung hin zu Überwachungs- und Vermessungssystemen bilden Bilder nicht mehr nur ab, sondern sind zunehmend auch „operational“: Sie messen, berechnen, verarbeiten Daten und bestimmen über Körper, Räume und Wissensproduktion.In his fundamental contribution to the current discussion on visual culture, Operational Images: From the Visual to the Invisual, Finnish media theorist Jussi Parikka examines the changes in the understanding and use of images. In tandem with new technologies from AI and automation to monitoring and surveillance systems, images no longer merely depict, but increasingly also “operate”: they measure, calculate, process data and govern bodies, spaces and knowledge production