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Criticism of ideology in critical media education
In diesem Beitrag wird das Konzept der Ideologiekritik im Blick auf Medienkritik in der Medienkompetenz diskutiert. Dazu wird das Verständnis von Ideologiekritik in Kellners kulturwissenschaftlicher Theorie, die er zusammen mit Share zur Entwicklung eines Begriffs der kritischen Medienkompetenz verwendet hat, diskutiert. Die Berücksichtigung sowohl der Intersektionalität als auch der materialen Betrachtung von Medien im Begriff der Ideologiekritik ist ein grundlegender Aspekt dieser Theorie der kritischen Medienkompetenz.This article discusses the concept of ideology criticism with regard to media criticism in media literacy. To this end, the understanding of ideology critique in Kellner’s cultural studies theory, which he used together with Share to develop a concept of critical media literacy, is discussed. The consideration of both intersectionality and the material consideration of media in the concept of ideology critique is a fundamental aspect of this theory of critical media literacy
Sabine Päsler-Ehlen: Krise und Reform als bürgerliches Projekt. Institutioneller Wandel der Hoftheater (1780–1880).: Berlin: Springer 2024. ISBN: 978-3-662-68485-6. 513 Seiten, 123,35 €.
Man kann sich Eduard Devrient richtig dabei vorstellen, wie er \u27sein\u27 Theater leitet – wie er Dramen liest und einrichtet, mit dem Ensemble probt, Kostüme inspiziert und mit dem Hof über die Ausgestaltung seiner Tätigkeit verhandelt. Der große Schauspieler und Theaterleiter des 19. Jahrhunderts wird in Sabine Päsler-Ehlens Buch Krise und Reform als bürgerliches Projekt. Institutioneller Wandel der Hoftheater (1780–1880) zum Dreh- und Angelpunkt eines Nachdenkens über institutionelle Veränderungsprozesse an den deutschen Hoftheatern. Dabei nimmt die 2023 eingereichte Dissertation die Ägide seiner Theaterdirektion am Karlsruher Hoftheater in den Jahren 1852 bis 1869 stellvertretend für das Reformpotenzial der Hofbühnen in den Blick.
Ausgangsgedanke der Arbeit ist, dass im 19. Jahrhundert beständig die Dauerkrise des Theaters besungen wurde und es dabei nie an Reformvorschlägen fehlte, wie der ewige Theaterschlendrian zu beheben sei. Das zeigt die Autorin bereits in der Einleitung mittels des Close Readings eines Lexikonartikels zum Thema "Verfall des Theaters" von 1841. Sie spannt dann die beiden zentralen Begriffe "Krise" und "Reform" auf, anhand derer sie ihre Fragestellung entwickelt: Ihr geht es darum, zu untersuchen, "inwiefern das Narrativ von Krise und Reform im Wechselverhältnis mit der Idee eines aufklärerisch-bürgerlichen Bildungstheaters steht und wie dieses Wechselverhältnis in Diskurs, Ordnung und Praxis des Theaters im Laufe des 19. Jahrhunderts als bürgerliches Projekt zum Ausdruck kommt." (S. 11, kursiv i. O.) Sie legt dafür den Fokus auf die Positionen der Regie und der Bühnenleitung, die sie als "zentrale Gelenkstelle" (S. 11) für die Verbürgerlichung der Hoftheater und die Professionalisierung der Theaterpraxis betrachtet.
Theoriestark wie bereits andere theaterhistoriografische Arbeiten aus dem Umfeld des Kölner Instituts für Medienkultur und Theater verschaltet Päsler-Ehlen hierfür unter anderem Konzepte des New Institutionalism mit dem Begriff der Zirkulation. So will sie greifbar machen, wie Krisenerzählungen und die mit ihnen verbundenen Reformvorschläge auftauchten, sich transformierten und über politische Zäsuren wie die Revolution von 1848 hinweg präsent blieben. Die Krise fungiert dabei als Motor und Vergrößerungsglas für die Prozesse der Umstrukturierung der Institution Hoftheater. Es geht ihr aber explizit nicht darum, den institutionellen Wandel anhand radikaler Brüche zu erzählen, eher macht sie den Versuch, langsame Veränderungen in der Alltäglichkeit des Betriebs zu beobachten.
Nach der Einleitung und einem Kapitel zum zeithistorischen Kontext präsentiert sie ihre Ergebnisse im Hauptteil in den drei Blöcken "Diskurs", "Ordnung" und "Praxis". Mittels der Diskursanalyse wertet sie hierfür in Kapitel 3 verschiedene Denkschriften zum Reformpotenzial des Theaters aus. Sie zeigt auf, welche Vorstellungen von Theater Mitte des 19. Jahrhunderts zirkulierten und mit welchen Reformideen sie verbunden waren. Hierfür diskutiert die Autorin zuerst sechs Texte aus der Zeit der 1840er-Jahre und arbeitet heraus, dass die Ideen der Vormärzdenker bürgerliche wie monarchistische Elemente enthielten: Einerseits knüpfte ihre Vorstellung von Theater an ein aufklärerisches Ideal an. Theater wurde als Bildungs- und Nationaltheater gedacht und sollte durch die Herausbildung nationaler Dramatik zum nation building beitragen. Hieraus speiste sich auch der Vorschlag, die Theater administrativ aus der Einflusssphäre der Höfe herauszulösen. Nicht die Willkür des fürstlichen Geschmacks, sondern bürgerliche Ideale wie Vernunft und Freiheit sollten handlungsleitend werden. Andererseits stärkten die Reformer in ihren Texten die Bühnenleitung als zentrale Figur dieses Wandels. Es sollten nicht länger die sogenannten "Kavaliersintendanten" die Theater leiten, sondern bürgerliche Fachmänner. Diese sollten weitreichende Kompetenzen in sich vereinen – Formen kollektiver Leitung konnte es nur in der milden Form einer Beratung durch Ausschüsse geben. Offenbar trauten die Reformer dem Theater noch nicht zu, sich eigenständig zu regulieren, weshalb höfische Tugenden auch weiterhin das Richtmaß der Leitung bleiben sollten.
Eine "Bildung des Volkes \u27von oben\u27" (S. 106) nennt Päsler-Ehlen diese starke Zentrierung auf eine Führungsfigur. Sie manifestierte sich auch in den ästhetischen Debatten der Reformschriften: Ein Theaterverständnis, das text- und nationszentriert funktionierte, führte zur Forderung nach Einheitlichkeit in der Darstellung und einer auf Natürlichkeit ausgerichteten Spielweise, welche wieder durch die Bühnenleitung und die Regie sichergestellt werden sollten. Hierzu sollten die Schauspielausbildung und die Probenpraxis verbessert werden. Zwar ließen sich diese Reformideen in den Jahren des Vormärz nicht durchsetzen, doch blieben sie zwischen 1849 und 1881 präsent, wie Päsler-Ehlen im zweiten Teil des Kapitels anhand von rund 20 Reformschriften darlegt. Auch hier tauchten Krisennarrative vom gefährlichen Virtuosentum, der Putzsucht in der Ausstattung und der Unfähigkeit der Theaterverwaltung auf, auch hier beantwortete man sie mit einer Forderung nach einem mächtigen Leiter, der mit utopischen Erwartungen überfrachtet und zum "Direktionsgenie" (S. 177) stilisiert wurde.
Welche Reformen sich tatsächlich umsetzten, lotet Päsler-Ehlen unter dem Block "Ordnung" in Kapitel 4 hinsichtlich der administrativen Strukturen am Beispiel der Karlsruher Hoftheater aus. Sie wählt dazu einen mikrohistorischen Ansatz und zieht neben den Dienstinstruktionen des Theaters Eduard Devrients Tagebücher sowie Schriftwechsel zwischen ihm und dem Hofdomänenintendanten Wilhelm Franz von Kettner heran. Kapitel 4 ist aufgrund des tollen Quellenmaterials das interessantes und dichteste Kapitel der Arbeit: Der Frust Devrients über die ständige Einmischung seines höfischen Gegenspielers gibt Päsler-Ehlen dankbares Futter, um die ersten Direktionsjahre Devrients als permanenten Machtkampf zwischen bürgerlichem Fachmann und standesbezogenem Adeligen zu erzählen. Dabei hatte seine Direktion vielversprechend begonnen: In einer Dienstinstruktion verzichtete man darauf, ihm einen Intendanten zu überstellen und sprach ihm weitreichende Rechte in Kunst- und Personalfragen zu, lediglich bei der Abrechnung war er an die Organe des Hofes gebunden. Dennoch nahm sich Hofdomänenintendant von Kettner als Devrient übergeordnet wahr und griff regelmäßig in dessen Kompetenzbereich ein.
Eindrucksvoll arbeitet die Autorin heraus, wie in Devrient und von Kettner zwei Welten aufeinanderprallten: Devrient zeichnet sie als Exponenten einer bürgerlichen Logik nach. Leistungsorientiert und vernunftbetont argumentierte er im Kampf um \u27sein\u27 Theater rein mit Blick auf die Sache. Operiert wurde im Modus der Mündlichkeit, Hierarchien wurden nicht immer gewahrt. Kettner erscheint demgegenüber als Vertreter der höfischen Logik: standesorientiert und auf die Einhaltung von Hierarchien bedacht, missbilligte er Devrients Versuche, im direkten Kontakt mit dem Prinzregenten seine Interessen durchzusetzen, und bestand auf die Schriftlichkeit als angemessene Verkehrsform. Dabei war von Kettners Agieren von der Angst vor einem Privilegienverlust und vor einer "feindliche[n], bürgerliche[n] Kolonisierung" (S. 282) des Theaters geprägt. Eine Verbürgerlichung des Karlsruher Theaters gelang am Ende dennoch: Nach einer Änderung der Dienstinstruktion zu Devrients Gunsten entfaltete sich zwar ein neuer Machtkampf, im Mai 1858 erfolgte jedoch ein Rücktritt von Kettners. Devrients Direktion blieb zunächst so krisenbehaftet, dass auch er seine Entlassung erbat. Diese wurde durch den Hof aber abgewendet, nach vielen erfolgreichen Direktionsjahren ernannte man ihn 1869 zum Generaldirektor des Theaters. Päsler-Ehlen sieht in seiner Ägide ein gelungenes Beispiel dafür, wie die Krise zum Movens institutioneller Veränderung der Theater werden konnte. Gleichzeitig betont sie, dass deren Gelingen im 19. Jahrhundert noch stark von der Figur des Fürsten abhängig war.
Diese Abhängigkeit schreibt sich im letzten Block der Arbeit unter dem Stichwort "Praxis" fort, der die Kapitel 5 bis 7 einnimmt und Theaterreformbestrebungen anhand der Repertoiregestaltung und der Probenpraxis dingfest machen will. Im knapp gehaltenen Kapitel 5 leistet Päsler-Ehlen Theoriearbeit, um in die Methode der historischen Praxeologie einzuführen. Diese verwendet sie in Kapitel 6 für vier kurze Fallstudien aus den Jahren 1779 bis 1846, die wie ein Vorspann für das ausführlichere 7. Kapitel erscheinen, in dem erneut das Karlsruher Hoftheater im Fokus steht. Anhand der Dalberg-Bühne in Mannheim, Goethes Theaterleitung in Weimar, Eduard Devrients Oberregie am Dresdener Hoftheater und der Leitung des Zürcher Stadttheaters durch Charlotte Birch-Pfeiffer diskutiert die Autorin, welche Reformpotenziale sich bis Mitte des 19. Jahrhunderts mit Blick auf die Professionalisierung der Probenarbeit und der Repertoiregestaltung an den Theatern ergaben. Sie zeigt, dass eine "erfolgreiche Verbürgerlichung der Institution Hoftheater" (S. 357) in dieser Zeit noch nicht gelang, da in den höfisch geprägten Strukturen Reformvorhaben oft versandeten – demgegenüber genoss Charlotte Brich-Pfeiffer an einem Privattheater strukturell bessere Bedingungen zur Umsetzung von Reformen.
In Kapitel 7 ist es dann wieder Devrient, dem die Leserin bei der Arbeit zusieht. Päsler-Ehlen veranschaulicht, dass sich eine Professionalisierung des Karlsruher Hoftheaters bereits in der Einführung eines Lesekomitees realisierte. Es diente der Sondierung zahlreicher Dramen, die dem Theater eingesandt wurden. Die Aufführungstauglichkeit und die Suche nach einer nationalen Dramatik wurden hierbei zur Richtschnur des Komitees. Zudem fungierte das Komitee auch als eine Leseschule für die beteiligten Regisseure. In den Spielplan flossen nur wenige der so begutachteten Texte ein, doch steht die Geschmacksbildung durch Lektüre und Diskussion wieder ganz im Zeichen der von Päsler-Ehlen diskutierten Verbürgerlichung der Hoftheater. Diese macht sie mit Blick auf das Repertoire unter Devrient vor allem an mehreren Zyklus-Aufführungen der 1860er-Jahre fest. Über Zyklen zu den Werken Shakespeares oder zum deutschen Drama wurden Klassiker erst kanonisiert. Der Mehrwert dieser Aufführungen lag nicht in der Neuheit der Texte, sondern in ihrer wiederholten Aufführung – ein "Novum" (S. 375) für Karlsruhe. Dass die Dramen des 19. Jahrhunderts nicht als abgeschlossenes Werk, sondern als offene Baustelle betrachtet wurden, argumentiert die Autorin einleuchtend anhand der Zusammenarbeit von Devrient und Gustav Freytag. Vom erstem Entwurf eines Stückes bis zu dessen Aufführung gingen zahlreiche Briefe mit Änderungsvorschlägen hin und her, Passagen wurden umgeschrieben, auf ihre praktische Bühnentauglichkeit getestet und noch nach der Premiere in das Drama eingespeist. Die Autorin wirbt deshalb dafür, die Dramenproduktion der Zeit im Sinne eines "fluiden Werkes" (S. 403) zu verstehen.
Im letzten Teil des 7. Kapitels nimmt sie die Probenarbeit in den Blick, wobei die Quellenlage hier stellenweise etwas dünn ist. Dennoch kann sie herausarbeiten, dass das Proben unter Devrient eine professionalisierte Form bekam: Zu Beginn standen sog. "Vorlesungen", Vorläufer der heutigen Leseprobe. Sie fanden teilweise auch vor einem interessierten Publikum bei Devrient zuhause statt und sollten das Bürgertum mit den Texten vertraut machen. In Einzelproben mit den Darsteller*innen wurde an der Vortragsweise gefeilt, wobei Devrient einem auf Natürlichkeit und Innerlichkeit beruhenden Schauspielideal nacheiferte. Zudem sollte durch die Wahl des Kostüms nicht nur die Wirkung des Textes sondern auch die Sittlichkeit des Schauspielerstandes gefördert werden. In den wenigen Bühnenproben ging es schließlich darum, die Gesamtwirkung der Darstellung sicherzustellen. Dass Devrient nie zum Endpunkt seiner Bestrebungen eines harmonischen Gesamteindrucks gelangte, belegt Päsler-Ehlen anhand seiner Tagebücher: in ihnen dokumentiert sich auch nach 15 Jahren an der Spitze des Theaters die Enttäuschung darüber, dass eine Erziehung zu natürlichem Spiel und Ensemblearbeit nur bedingt klappte.
Insgesamt liest sich Päsler-Ehlens 513 Seiten starke Dissertation äußerst überzeugend, denn sie führt eindrucksvoll vor Augen, wie eine Institutionsgeschichte funktionieren kann, die Personen betrachtet, "die trotz einer weniger aufsehenerregenden, revolutionären Praxis innerhalb der Institution gewirkt und diese geprägt haben." (S. 484) Besonders die detaillierten Analysen der Kapitel 4 und 7 zeigen, dass Reformen des Theaters nicht nur diskutiert, sondern unter ständigen Vor- und Zurückbewegungen mit je eigenen Mikrokrisen tatsächlich implementiert wurden, obschon nicht alle Reformvorhaben ihr Potenzial entfalteten. Dennoch verliert das methodisch so gut gemachte Buch etwas durch seine enorme Länge. Dabei gäbe es im Umgang mit Quellen Kürzungspotenzial: oft wiederholt Päsler-Ehlen den Inhalt der Zitate ausführlich in eigenen Worten und dehnt vereinzelt auch die Deutungselastizität der Quellen stark aus. Hinsichtlich ihres Vorgehens, graduelle Veränderungen in ihrer Kleinteiligkeit zu untersuchen, ist das verständlich, doch würde eine sanfte Kürzung der Stärke ihrer Argumentation keineswegs entgegenstehen. Alles in allem gelingt Päsler-Ehlen aber trotz – oder gerade wegen? – der Länge ein spannender Einblick in das Räderwerk des Theaters im 19. Jahrhunderts, der hoffentlich viele Leser*innen findet
Marten Weise: Dialog als Denkfigur. Studien in Literatur, Theater und Theorie. : Bielefeld: transcript 2024. ISBN 978-3-8376-6951-0. 434 Seiten, 39,00 €.
Die Lektüre von Marten Weises Monografie Dialog als Denkfigur setzt ein Denken \u27nach dem Fall\u27 voraus, eine Bereitschaft, dramentheoretisch orientierte, stabile Begriffsbildungen in der Theaterwissenschaft kritisch zu hinterfragen, sogar brüchig werden zu lassen und sich jenen philosophischen Zusammenhängen zu öffnen, in denen die abendländischen Konzepte des Dialogs eigentlich wurzeln. Was diese philosophischen Zusammenhänge miteinander verbindet, ist ein Walter Benjamin’sches Denken ‚nach dem Fall‘.
In seiner Studie "Über Sprache überhaupt und über die Sprache des Menschen" (1916) geht Benjamin von der Annahme aus, dass die menschliche Sprache ausschließlich im Paradies auf intakte Weise funktioniert und eine Identität von Wort und Sache, Bezeichnendem und Bezeichnetem geschaffen habe. Nach dem Fall habe das Wort an seiner generativen Kraft verloren, sodass sich stets ein Unterschied zwischen dem Gemeinten und dem Gesagten auftue. Diese Denklogik, die den Zerfall des Phantasmas von einer unmittelbaren und unmissverständlichen Kommunikation im Moment der Austreibung des Menschen aus dem Paradies setzt, hat Nikolaus Müller-Schöll – die Regieästhetik Christoph Schlingensiefs zum Anlass nehmend (Vgl. Müller-Schöll 2006) – auf das Theater bezogen und darauf hingewiesen, dass "für Benjamin letztlich das Zeitalter der Unübersichtlichkeit, das Zeitalter der verschwundenen Einheit, die Zeit nach der allumfassenden Ordnung, nach dem idealen, alle Fragen und Konflikte grundsätzlich regelnden System im Moment des biblischen Falls beginnt" (Müller-Schöll 2006, S. 361). Unübersichtlichkeit und Antwortlosigkeit sind Phänomene, die vor dem Hintergrund von Benjamins Sprachauffassung mit der menschlichen Zivilisation gleichursprünglich sind und nur von denjenigen "als Erfahrung der Modernität bezeichnet" (Müller-Schöll 2006, S. 361) werden, die an Romantizismen der Geschichtsschreibung und der geschlossenen Repräsentation festhalten wollen.
Was Benjamins Überlegungen zum Zeitalter \u27nach dem Fall\u27 verdeutlichen, ist die immer schon von Störungen und Krisen durchwaltete Geschichte des dramatischen Theaters und somit jener Idealvorstellungen wie etwa des Dialogs – verstanden als eine egalitäre, "\u27spiegelbildlich\u27 gefasste \u27zwischenmenschliche Dialektik\u27" (S. 37), die "das menschliche Gegenüber von Gleich zu Gleich zu repräsentieren" (S. 33) vermag und die Weise zufolge problematisch geworden ist. Statt den Dialog als eine eng gefasste, auf eine Alter-Ego-Beziehung reduzierte Form der Kommunikation zu denken, in dem gesellschaftliche Konflikte vermeintlich auf den Punkt gebracht und verhandelt werden könnten, rückt Marten Weise eine \u27Dialogik\u27 in den Vordergrund seiner Analysen, eine Figuration also, die Unterbrechungen mitzureflektieren hilft und für das Denken der Anderen als Fremden sowie für nicht-menschliche Dimensionen der Repräsentation offen bleibt.
Marten Weises methodischer Zugriff auf den Dialog bzw. auf seine abendländische Konzeptualisierung ist bemerkenswert und außerordentlich anregend. Ihm geht es nämlich an keiner Stelle um ein begriffliches Denken des Dialogs, d.h. weder um seine definitorische Erschließung noch um seine theaterästhetische Festschreibung. Mit Rekurs auf Blumenberg steht immer der Dialog als Denkfigur im Fokus und damit der Anspruch, dynamische, kreative und vor allem repräsentationspolitisch äußerst progressive Denkräume zu eröffnen, und zwar dort, wo der Dialog als Diskurselement in der Geschichte des Theaters, der Philosophie und der Literatur auftaucht. Diese Denkräume sind zugegebenermaßen aufwühlend, verunsichernd, aber auch inspirierend. Sie affizieren und verkomplizieren ein theatertheoretisches Denken, das in der Tradition von Peter Szondi und Hans-Thies Lehmann auf Entwicklungs- und Krisengeschichten des Dramas fundiert ist. Szondi und Lehmann begreifen den Dialog als "Modell, Figur und Verwirklichung einer dialektischen Bewegung der Aufhebung von Gegensätzen in die Einheit des Dramas als formal-inhaltliche Subjekt-Objekt-Totalität" (S. 33), wodurch die Gefahr besteht, dass er auf eine egalitäre, von Rationalität geleitete Wechselrede zwischen Individuen reduziert bleibt.
Das vorliegende Buch setzt sich daher ein Doppeltes zum Ziel: Es führt zum einen die Unmöglichkeit des Dialogs vor Augen und zeigt, dass dieser immer schon in der Krise, ja immer schon ein Dialog \u27nach dem Fall\u27 war. Zum anderen erhebt Weise den Anspruch, den "Dialog nach dem Dialog" zu denken, ihn also "ausgehend von den Bedingungen seiner Unmöglichkeit und vor dem Hintergrund seines je spezifischen Auftauchens anders und aufs Neue [zu fassen]". (S. 397) In diesem Sinne bildet ein close reading von Levinas den Auftakt des Buches, in dem das symmetrische Konzept des Dialogs mit der Annahme konfrontiert wird, dass wir "dem Anderen lediglich in einer Verfehlung begegnen [können]". (S. 88) Vom Denken des Politischen nach der Shoah, d.h. nach einem radikalen Einschnitt in die Geschichte der Repräsentation, sind auch Hannah Arendts Überlegungen zum Dialog geprägt. Wie Weise eindrücklich zeigt, geht ihr Verständnis vom Dialog ebenfalls nicht von Konstellationen zwischenmenschlicher Kommunikation aus, sondern von einem auf Sprachlosigkeit basierendem Geschehen, einem \u27differenztreuen\u27 Denken des Seins und einer "Repräsentierbarkeit im Relationalen". (S. 154)
Die Lektüren sind komplex, doch sie setzen kein philosophisches Vorwissen voraus. Weise gelingt es, zentralen Begrifflichkeiten unseres Faches eine diskursgeschichtliche Tiefe und eine philosophische Fundierung zu verleihen. Besonders aufschlussreich ist das Hegel-Kapitel, das die herkömmliche dramentheoretische Lektüre seines Dialog-Verständnisses radikal in Frage stellt. Denn im Anschluss an Szondi und Lehmann wird Hegels Verständnis vom Dialog als ein Spiegelverhältnis zwischen dem Subjekt und einem menschlichen Anderen verstanden, das zu Beginn des 20. Jahrhunderts in eine Krise gerät und als ein vereinfachtes Arrangement für die Darstellung (inter-)subjektiver Erfahrung entpuppt wird. Weises eindrückliche Hegel-Lektüre nimmt jedoch einen anderen Ausgangspunkt, und zwar Paul de Mans Hinweis auf eine rhetorische Differenz, ja auf die Spaltung zwischen Sprachgeschehen und Referenz: "Could it be that Hegel is saying something [...] that we cannot or will not hear because it upsets what we take for granted, the unassailable value of the aesthetic?“ (Paul de Man 1996, S. 95) Die Individuen, die sich im Drama aussprechen, „bringen zum Ausdruck, dass sie mit sich selbst nicht übereinstimmen" (S. 283) – schreibt Weise und macht damit deutlich, dass es dramatische Individuen nur geben kann, insofern sie in einer Disharmonie mit sich selbst stehen. Vor diesem Hintergrund erweist sich Hegels Verständnis vom Dialog wesentlich komplexer als eine Alter-Ego-Konstellation: Der Dialog ist "nicht schlichtweg Mittel für einen zwischenmenschlichen Bezug, sondern die Ausstellung der vielfältigen Möglichkeiten des Bezugs im Drama" und damit ein "Dreh- und Angelpunkt von Konflikten zwischen Figuren und von Figuren mit sich selbst", ja eine "Verhandlung der Nicht-Identität zwischen Allgemeinem und Besonderem, Meinen und Gemeintem, Ausdruck und Gehalt". (S. 284, S. 292)
Dass die Hochphase des dramatischen Theaters und des Glaubens an einer Geschlossenheit der Repräsentation eigentlich bereits eine Epoche nach dem Fall ist, bringt u.a. auch Marten Weises erhellende Lessing-Lektüre auf den Punkt. Unter anderem mit Bezug auf die Textdramaturgie von Miß Sara Sampson werden Reibungen zwischen Lessings \u27dramatischen Dialogen\u27 und dem von ihm entworfenen Dialogideal deutlich, vor allem dann, wenn innerdiegetische Äußerungen in den Blick genommen werden, die von dem*der Dialogpartner*in nicht gehört werden dürfen. Weise deckt eine regelrechte Praxis des \u27Beiseitespreches\u27 bei Lessing auf, mittels dessen "eine dramatische Figur […] zu sich selbst [spricht], […] jedoch auch eine Ansprache gegenüber dem (lesenden) Publikum [formuliert]." (S. 339)
Ein wiederkehrendes Motiv des Buches ist die produktive Abrechnung mit den weit verbreiteten, aber allzu einfachen Projektionen einer Theatergeschichtsschreibung, die in Abfolgen des Prädramatischen, Dramatischen und Postdramatischen denkt. Dialog als Denkfigur ist eine Monografie, die das Denken des Dialogs nach dem Dialog nicht nur in brillanten Lektüren verhandelt, sondern dieses Denken gleichzeitig auch praktiziert, und zwar in Form eines komparatistischen Miteinander-Lesens, des rhizomatischen Kartographierens von Korespondenzen und Fluchtlinien zwischen Autoren wie Martin Buber, Theodor W. Adrono, Martin Heidegger, Maurice Blanchot, Jean-Luc Nancy, Philippe Lacoue-Labarthe, Platon und Heiner Müller – und damit zwischen Denktraditionen, zwischen denen ‚Dialoge‘ bisher nicht immer vorstellbar und zu erwarten waren.
Literatur:
Nikolaus Müller-Schöll: "Wie denkt Theater? Zur Politik der Darstellung nach dem Fall", in: ders./Joachim Gerstmeier (Hg.): Politik der Vorstellung. Theater und Theorie, Berlin: Theater der Zeit 2006, S. 357–371.
Paul de Man: "Sign and Symbol in Hegel’s Aesthetics", in: ders.: Aesthetic Ideology, hg. v. Andrzej Warminski, Minneapolis: University of Minnesota Press 1996, S. 91–104, hier S. 95
The Concept of Sovereignty Through Space and Time: Cases of Russia and China
Das Konzept der Souveränität symbolisiert den kritischen Punkt der Auseinandersetzung zwischen Rechtsnormen und politischer Dynamik. In diesem Artikel wird dieses Konzept im Laufe seiner Entwicklung in drei verschiedenen Kulturen dekonstruiert: zunächst in Europa, dem Geburtsort der ursprünglichen Konzeptualisierung der Souveränität, und dann in Russland und China, den Ländern, die das Konzept transplantiert und an ihre lokalen politischen Philosophien angepasst haben. Die vorliegende Studie kommt zu dem Schluss, dass sich das Konzept in Russland und China in zunehmendem Maße von der europäischen Entwicklungslinie, die auf eine Begrenzung der staatlichen Souveränität abzielt, entfernt.
Gegenwärtig dient der absolutistisch interpretierte Souveränitätsbegriff Russland und China als ideales Instrument zur Förderung der Vorstellung von der unabhängigen Koexistenz der Zivilisationsstaaten, des Rechtsrelativismus und des Vorrangs lokaler kultureller Werte gegenüber liberal formulierten Rechtsnormen und einer angeblichen westlichen Dominanz. Solange das Souveränitätskonzept die internationale Ordnung prägt, ist es wahrscheinlich, dass Versuche, dieses einzuschränken, von denjenigen Nationen zurückgewiesen werden, für die der Status quo optimal ist. Dieses Phänomen zeigt sich besonders deutlich in Kontexten, in denen die Verwestlichung als potenzielle Bedrohung für die „souveräne Gleichheit“ der Nationen wahrgenommen wird.The concept of sovereignty symbolizes the critical point of contention between legal norms and political dynamics. This article deconstructs this concept throughout the history of its evolution in three distinct cultures: first in Europe, as the birthplace of the original conceptualization of sovereignty, and then in Russia and China, as countries that transplanted the concept and adapted it to their local political philosophies. The study shows that the trajectories of the concept evolution in Russia and China are becoming increasingly divergent from the European line of development that aims at limiting state sovereignty.
Currently, the concept of sovereignty, interpreted through the absolutist lens, serves Russia and China as an ideal instrument for promoting the conception of the independent coexistence of civilization-states, legal relativism, and the supremacy of local cultural values over liberally formulated legal norms and alleged Western dominance. It is suggested that as long as the sovereignty concept persists in shaping the international order, attempts to curtail or restrict it are likely to be rebuffed by those nations for whom the status quo is optimal. This phenomenon is especially evident in contexts where Westernization is perceived as a potential threat to the “sovereign equality” of nations
Lebensreformerisch und frauenbewegt: Der Büstenhalter „Lada“, 1911
Um 1900 forderten Lebensreformerinnen Möglichkeiten zur Verbesserung des alltäglichen (Frauen-)Lebens. Entsprechend veränderte sich die Kleidung, die mehr Beweglichkeit und Bequemlichkeit garantieren sollte. So gilt der Übergang vom Korsett zum Büstenhalter als wichtiger Meilenstein weiblicher Emanzipationsbestrebungen. In diesem Kontext präsentiert der vorliegende Beitrag ein konkretes Modell: Den Büstenhalter namens „Lada“ aus dem Jahr 1911.
Around 1900, life reformers called for ways to improve everyday (women\u27s) life. Clothing changed accordingly to guarantee greater mobility and comfort. The transition from the corset to the brassiere is considered an important milestone in women\u27s emancipation efforts. In this context, this article presents a specific model: the “Lada” brassiere from 1911
Ein bislang übersehener jambischer Senar aus Mauretania Tingitana
AE 1986, 734 = IAM-S 879 (erste Hälfte des 3. Jh. n. Chr.; Volubilis, Mauretania Tingitana) wurde auf die Vorderseite eines Altars, der an der Gottheit AVLISVA von dem libertus und Schuster Valerius Victor geweiht wurde, eingemeißelt. Obwohl sie nie als eine Versinschrift erachtet wurde, der Artikel zeigt, dass ihre erste zwei Zeilen einen fehlerlosen jambischen Senar mit Mittelzäsur enthalten, und das unabhängig davon, wie man die beiden V (vokalisch/konsonantisch) in AVLISVA interpretiert.AE 1986, 734 = IAM-S 879 (first half of the III century AD; Volubilis, Mauretania Tingitana) was inscribed on the front of an altar dedicated to the god AVLISVA by the libertus and cobbler Valerius Victor. Although the piece has never been regarded as a carmen epigraphicum, the article shows that its first two lines contain a correct iambic senarius with middle caesura, granting either a vocalic or a consonant value to the first, the second or both the V of the name of AVLISVA.AE 1986, 734 = IAM-S 879 (prima metà del III secolo d. C.; Volubilis, Mauretania Tingitana) venne apposta sulla faccia anteriore di un altare dedicato al dio AVLISVA dal liberto e ciabattino Valerius Victor. Benché l’epigrafe non figuri fra i carmina epigraphica, l’articolo mostra che le prime due righe dell’iscrizione votiva contengono un senario giambico corretto con cesura mediana, indipendentemente dal valore (vocalico/consonantico) che si vuole attribuire alle due V di AVLISVA
Adnotationes epigraphicae XIV ( 124–127)
An Inscribed Spindle Whorl from Ancient Almopia (Lower Macedonia)
The Epirote League and Tenos (SEG XL 690)
Prima vicaria (CIL VI 25019 / 34155)*
IvE 2483: Aufstellung einer EhrenstatueAn Inscribed Spindle Whorl from Ancient Almopia (Lower Macedonia)
The Epirote League and Tenos (SEG XL 690)
Prima vicaria (CIL VI 25019 / 34155)*
IvE 2483: Aufstellung einer Ehrenstatu
Social Change as a Biographical Prospect: The unchanging reality of Russians
In the concept of the German term Bildung, it is advantageous for educational science to notonly perceive education as a mere transmission of knowledge but also to encompass personaldevelopment, moral growth, and cognitive abilities within its definition. This broader perspective enriches the scope of research in the field and lends support to discussions within the psychological domain. Conversely, a poststructuralist viewpoint emphasizes the significant influence of the social sphere on individuals. In educational science, the biographical approach appears capable of illustrating the interconnectedness of both domains, however focusing primarily on the subjectivity of individual life stories. Consequently, employing hermeneutical analytical tools for interpreting biographies and their narrative styles ensures the objectivity of judgement.This paper will be kept in the borders of the foretold logics, however still alludes to the experiences of the author. More specifically, the theoretical findings will be illustrated through the case of Russia, focusing on the political, social, and individual spheres. These findings will take the form of autoethnographic field notes, as the choice of topic itself emerged from personal observations made within the country. The central question this paper seeks to address is: How does civil society influence individual biographical prospects? To answer this, the first part of the paper will examine the concept of civil society on political and individual levels. This will be followed by an analysis of the interrelation between social change and biographical prospects. The paper will conclude with a discussion on the role of the concept of the future in biographical research
Isolationsmomente zu Beginn des Studiums
Im Rahmen eines Seminars zu subjektwissenschaftlichen Forschungszugängen haben wir uns mit der Kollektiven Erinnerungsarbeit (KEA) auseinandergesetzt. Das in diesem Artikel präsentierte Forschungsprojekt basiert auf zwei Teilgruppen, die zu unterschiedlichen Themen forschten, aber Überschneidungen haben, weswegen sie hier zusammengesetzt wurden. Die Themen waren Ausschlussmechanismen im universitären Kontext und Schwierigkeiten am Studienbeginn. Besonders im Fokus standen dabei das Empfinden von Alleinsein und die Sorge, allein zu bleiben, die eng mit den Herausforderungen des Zurechtfindens und einer möglichen Überforderung durch neue Situationen verbunden sind.
Das Ziel war es, nicht nur persönliche Erfahrungen des Ausschlusses und der Schwierigkeiten am Studienbeginns sichtbar zu machen, sondern auch die dahinterliegenden Strukturen und Dynamiken zu verstehen und zu hinterfragen. Die Ergebnisse der jeweiligen Arbeiten sollen einerseits einen Beitrag zur Sensibilisierung von Überforderung durch neue Situationen im Studium leisten, sowie ein tieferes Verständnis für den eigenen Möglichkeitsraum und Anstöße für weiterführende Forschung bieten
KI oder nicht KI? Generative KI - eine Unterstützung des (wissenschaftlichen) Schreibprozesses?
Generative künstliche Intelligenz (KI) ist in der Hochschulbildung angekommen und dient zunehmend der Nutzung im wissenschaftlichen Schreibprozess. Dieser Beitrag präsentiert eine Studie, die den Unterschied KI-generierter Texte versus von Lehramtsstudierenden (N=39) generierter Texte und den Nutzen generativer KI beim (wissenschaftlichen) Schreibprozess in der Hochschullehre untersucht. Die Ergebnisse der kriteriengeleiteten Bewertung zeigen, dass KI-Texte vor allem in den Bereichen des logischen Aufbaus und Sprachbeherrschung signifikant besser abschneiden. Außerdem wird vom Großteil der Studierenden generative KI nutzbringend im Schreibprozesses wahrgenommen. Die Erkenntnisse lassen das Potenzial von KI als Werkzeug in der Hochschullehre erkennen, werfen jedoch auch Fragen hinsichtlich der akademischen Integrität und kritischem Denken auf.Generative artificial intelligence (AI) has arrived in higher education and is increasingly being used in the academic writing process. This paper presents a study that examines the differences between AI-generated texts and texts produced by teacher education students (N=39), as well as the benefits of generative AI in the (academic) writing process within higher education. The results of the criterion-based evaluation show that AI-generated texts perform significantly better, particularly in terms of logical structure and language proficiency. Additionally, the majority of students perceive generative AI as a useful tool in the writing process. The findings highlight the potential of AI as a tool in higher education but also raise questions regarding academic integrity and critical thinking