Universität Wien: OJS-Service
Not a member yet
7694 research outputs found
Sort by
A Lead Tag Inscribed in Greek from Durostorum (Moesia Inferior)
This paper provides an interpretation on the Greek text of a lead tag discovered in 1972 in the ancient site of Durostorum (Moesia Inferior). The results show that this is the first ever researched commercial tag found in the Roman world.This paper provides an interpretation on the Greek text of a lead tag discovered in 1972 in the ancient site of Durostorum (Moesia Inferior). The results show that this is the first ever researched commercial tag found in the Roman world
Review of Classical Phenomenology Applied to Gender Identity by Ian Rory Owen: Becoming Gendered
In Classical Phenomenology Applied to Gender Identity, Ian Rory Owen explores the phenomenological foundations of gender identity through the lens of Kant, Husserl (1970), and Heidegger. Structured in ten chapters, along with an interlude, a concluding chapter, and an epilogue, the book offers a detailed account of how phenomenology can deepen our understanding of gender as a dynamic, lived experience that integrates personal, cultural, and social dimensions. Owen’s work presents phenomenology as a framework for investigating identity in a way that transcends rigid binaries, highlighting the relevance of classical phenomenological ideas for contemporary questions of gender
Beate Hochholdinger-Reiterer/Christina Thurner/Julia Wehren: Theater und Tanz. Handbuch für Wissenschaft und Studium.: Baden-Baden: Nomos 2023. ISBN 978-3-7489-2855-3. 982 Seiten, 149,00 €.
Im Jahr 2023 ein theater- und tanzwissenschaftliches Handbuch erscheinen zu lassen, ließe sich als ein etwas fragwürdiges Unterfangen bezeichnen. Als Publikationsgenre, das – so das grundlegende Paradox – das Wissen einer Disziplin oder eines Felds zugleich möglichst umfassend und knapp zusammenträgt, geht das wissenschaftliche Handbuch in seiner modernen Form auf das späte 19. Jahrhundert zurück. Aus der langen Tradition des Genres entstanden Handbücher damals auch als Gegenstücke zu den neuen, regelmäßig publizierten Zeitschriften, deren schneller Wissenszirkulation sie eine zentrale Sammlung und Ordnung von relevanten Inhalten entgegensetzten (Creager/Grote/Leong 2020, S. 3 f.).
Beim Blick auf die etwa einhundertjährige universitäre Theaterwissenschaft des deutschsprachigen Raums fällt auf, dass diese sich dem Genre gegenüber bislang eher distanziert verhalten hat. Dieser Umstand sieht international betrachtet ganz anders aus: Vermutlich auch, weil die englischsprachige Verlagslandschaft diverse Handbuch-Reihen bereithält, kann man hier etwa auf The SAGE Handbook of Performance Studies (2005), The Methuen Drama Handbook of Theatre History and Historiography (2019) oder das kürzlich erschienene Routledge Handbook of African Theatre and Performance (2024) zurückgreifen.
Im deutschsprachigen Raum hingegen hat als bisher Letzter und Einziger der Kölner Theaterwissenschaftler Carl Niessen ein solcherart betiteltes Projekt aufgenommen. In seinem Handbuch der Theater-Wissenschaft, in drei Bänden zwischen 1949 und 1958 erschienen, konzipierte dieser das Fach als eine global-komparatistische und interdisziplinäre Kunstwissenschaft, die auf ethnografischen Materialien basiert. Die sehr eigenwillige Publikation unterläuft dabei die Konventionen des Genres, indem sie sich als Assemblage verschiedener Quellen zeigt, anstatt einer stringenten Strukturierung und Thesenführung zu folgen und war dabei eigentlich als zehnbändige Reihe in Alleinautorschaft angelegt (Balme 2009; Ellrich 2009). Doch nicht nur Niessens Beitrag zur Handbuchgeschichte ist fragwürdig, gilt er doch als Vordenker des nationalsozialistischen Thingspiels und verfasste er weite Teile des ersten Bandes noch vor 1945 (Annuß 2016). Ungefähr zeitgleich plante auch sein Rivale aus Wien Heinz Kindermann ein Handbuch, und zwar inmitten des Zweiten Weltkriegs und als Teil weiterer, großspurig angelegter Projekte, die allesamt im Dienste der NS-Ideologie standen (Peter 2008, S. 49).
Dieser insofern auch belasteten Vorgeschichte des Genres begegnen die Herausgeberinnen Beate Hochholdinger-Reiterer, Christina Thurner und Julia Wehren (mitgearbeitet haben weiterhin Tabitha Eberli-Zurbrügg, Sari Pamer, Salome Rickenbacher und Julia Wechsler) von Theater und Tanz. Handbuch für Wissenschaft und Studium auf (mindestens) zweierlei Weise: Den ersten Teil des Buchs und somit zentral platziert bildet eine politisch-kritische Skizze der vornehmlich deutschsprachigen Fachgeschichte (Beate Hochholdinger-Reiterer, Christina Thurner). Und davor noch, im Vorwort, betont das Berner Trio, dass ein Handbuch eigentlich nicht ausreicht, um die Inhalte und Zugangsweisen des Fachs ausreichend darzustellen und dass das Vorliegende sich zwingendermaßen mit einer Auswahl begnügen muss.
Was hat es also trotz dieser unumgänglichen Beschränkung weiterhin in das Werk geschafft, das zwar nur in einem Band, als solcher jedoch auf ganzen 982 Seiten von 61,9 MB bzw. 1,726 kg daherkommt? Das Buch gliedert sich in vier Abschnitte, die neben den vorangestellten "Fachgeschichte(n) Theater und Tanz" die Kapitel "Definitionen und Grundbegriffe", "Methoden und Theorien" und "Arbeitsfelder" umfassen, wobei letzteres wiederum in "Geschichte", "Zeitgenössische Formen und Phänomene" und "Ästhetik und Praxis" unterteilt ist. Innerhalb dieser Ordnung ergeben sich freilich Überschneidungen, sowohl zwischen den übergeordneten Kategorien als auch zwischen den einzelnen Einträgen. Nicht immer sind die getroffenen Unterscheidungen sofort einleuchtend. So könnte man sich beispielsweise fragen, warum es sowohl einen Eintrag zu "Methoden der Historiografie" (Jan Lazardzig) gibt als auch solche zu den ebenfalls historiografischen Methoden der "Diskursanalyse" (Constanze Schellow), der "Quellenkritik" oder zu "Vergleich/Transfer" (Isabelle Hafter). In diesem Fall besteht die Lösung darin, dass der Beitrag zu historiografischen Methoden eine übergeordnete Perspektive einnimmt, indem er Themen, Fragestellungen und Herausforderungen vorstellt, anstatt genauer auf das Handwerkszeug einzugehen. Und schließlich muss ein Handbuch nicht nur auswählen, sondern auch (ein)ordnen, wodurch sich im Gegenzug konstruktive Verknüpfungen herstellen lassen, wie es auch in den erwähnten Beiträgen geschieht.
Für die insgesamt 97 Einträge konnten eine Vielzahl von Autor*innen aus dem vornehmlich deutschsprachigen Raum gewonnen werden und erfreulicherweise sind somit nicht nur verschiedene \u27Schulen\u27 versammelt, sondern zugleich unterschiedliche Karrierestufen abgebildet. Selbstverständlich ergeben sich mit dieser Heterogenität recht unterschiedlich gelagerte Darstellungsweisen der besprochenen Inhalte. Den Einträgen scheint also keine Einheitlichkeit zugrunde gelegt, was sich kritisieren ließe, letztlich jedoch individuelle Perspektivierungen und spezifische Darstellungen erlaubt.
Auch aktuellere Forschungstendenzen sind im Handbuch Theater und Tanz berücksichtigt. Einträge zu "Diversität" (Peter M. Boenisch), die Einbeziehung digitaler Verfahrensweisen, künstlerischer Formen und Phänomene ("Digital Humanities", Klaus Illmayer; "Theater und Digitalität", Ramona Mosse) sowie insgesamt die Vielfalt der besprochenen Formen und Phänomene sind, etwa im Rückblick auf das Metzler Lexikon Theatertheorie von 2014, als willkommene Gewinne einstufen. Andererseits vermisst man unter den Grundbegriffen die Aufführung oder auch die Inszenierung, zumal ein Beitrag zur Aufführungsanalyse vertreten ist (Christel Weiler). Hinterfragen ließe sich auch, dass die Einträge zur europäischen und zur globalen Theatergeschichte mit je elf Seiten genauso umfangreich sind, ein Umstand, der jedoch sicherlich wiederum dem Genre geschuldet ist. Und auch der im Titel bedachte Tanz kommt keineswegs zu kurz, sondern ist unter anderem mit mehr tanzspezifischen Einträgen vertreten, beispielsweise "Tanzanthropologie" (Daniela Hahn), "Tanztheorien" (Christina Thurner), "Notation" (Claudia Jeschke).
Theater und Tanz, so lässt sich resümieren, ist ein Handbuch, das sich ein wenig davor scheut, als solches daherzukommen: Das Handbuch bleibt ein Handbuch, das zwangsläufig ein- und ausschließt und eine gewisse Kanonbildung nahelegt. In dieser Vorgabe des Genres und zugleich in der materiellen Begrenzung eines einbändigen Buches begreift es sich jedoch als explizit offen angelegt, sei es durch die Formulierung von Desideraten, Herausforderungen oder Ausblicken, mit denen viele Einträge enden, oder durch die wiederholten Hinweise auf die notwendigen Selektionen und Setzungen. Immer wieder werden Überschneidungen aufgezeigt und auf die Unabgeschlossenheit des Vorhabens, auf seine Zeit-, Standpunkt- und Kontextgebundenheit verwiesen, während die Herausgeberinnen auch den Wunsch nach ergänzenden Anregungen vorbringen. Auch angesichts dieser immer wieder selbst eingeräumten Kritik am Genre wäre ein etwas ausführlicherer Einblick in das Entstehen des Handbuchs interessant gewesen: Wie kamen die Kategorien zustande? Welche sind herausgefallen und warum? Gab es Austausch zwischen denjenigen Autor*innen, die überschneidende Themengebiete behandeln? Gleichwohl erfüllt Theater und Tanz zweifellos das, was es im Untertitel verspricht: Es ist ein äußerst nützliches, dabei gut lesbares und \u27handhabbares\u27 Handbuch für Wissenschaft und Studium.
Literatur:
Annuß, Evelyn: "Wollt ihr die totale Theaterwissenschaft?". In: Episteme des Theaters. Aktuelle Kontexte von Wissenschaft, Kunst und Öffentlichkeit. Hg. v. Milena Cairo/Moritz Hannemann/Ulrike Haß/Judith Schäfer, Bielefeld: transcript 2016, S. 635–647. https://doi.org/10.1515/9783839436035-046, abgerufen am: 02.10.2024.
Balme, Christopher: "Carl Niessen: Handbuch der Theater-Wissenschaft". In: Forum Modernes Theater 24/2, 2009, S. 183–189. https://elibrary.narr.digital/article/99.0000/fmth200920183, abgerufen am: 02.10.2024.
Creager, Angela N. H./Mathias Grote/Elaine Leong: "Learning by the Book: Manuals and Handbooks in the History of Science". In: BJHS Themes 5, 2020, S. 1–13. https://doi.org/10.1017/bjt.2020.1, abgerufen am: 02.10.2024.
Ellrich, Lutz: "Carl Niessens Handbuch der Theater-Wissenschaft. Versuch einer ethnologischen Relektüre". In: Maske und Kothurn 55/1-2, 2009, S. 175–192.
Hochholdinger-Reiterer, Beate/Christina Thurner/Julia Wehren (Hg.): Theater und Tanz. Handbuch für Wissenschaft und Studium. Baden-Baden: Nomos, 2023.
Peter, Birgit: "\u27Wissenschaft nach der Mode\u27. Heinz Kindermanns Karriere 1914-1945. Positionen und Stationen". In: "Wissenschaft nach der Mode"? Die Gründung des Zentralinstituts für Theaterwissenschaft an der Universität Wien 1943. Hg. v. Birgit Peter/ Martina Payr, Wien: Lit 2008, S. 15–51
Annie Bourneuf: Im Rücken des Engels der Geschichte.: Leipzig: Merve 2024. ISBN: 978-3-96273-081-9. 256 Seiten, 22,00 €.
Etwas Neues im Alten zu finden – mit dieser Aufgabe konfrontiert sich die Kunsthistorikerin Annie Bourneuf in ihrem neuen Buch über Paul Klees Aquarell Angelus Novus. Das Bild, das Klee im Jahr 1920 fertigstellte und das bereits im selben Jahr von Walter Benjamin erworben wurde, begleitet eine intensive philosophische Auseinandersetzung, ohne die Bourneufs neue Beschäftigung, wie sie selbst anmerkt, wohl nur sehr wenige Leser*innen gefunden hätte (vgl. S. 195). Aber nicht nur die viel besprochenen Verbindungen zwischen Klees Bild und Benjamins Arbeiten, Briefen und insbesondere den Thesen "Über den Begriff der Geschichte" (1977) nimmt Bourneuf zum Anlass für die erneute Befragung und Interpretation des Bildes. Vor allem weckte eine überraschende Entdeckung der Künstlerin R. H. Quaytman Bourneufs Interesse. Diese Entdeckung wird Ausgangspunkt für Bourneufs Neuauslegung des Angelus Novus, des benjamin‘schen Engels der Geschichte, die 2024 in deutscher Übersetzung im Merve Verlag erschienen ist.
Im Rücken des Engels der Geschichte befindet sich nicht nur die Zukunft, zu der es den Engel hindrängt, wie es in Benjamins geschichtsphilosophischen Thesen über das Klee-Bild heißt (vgl. Benjamin 1977, S. 698), sondern auch ein Kunstdruck. Im Zuge der Vorbereitungen für eine Ausstellung in Tel Aviv untersuchte R. H. Quaytman das Bild, das bisher nur sehr wenige im Original gesehen hatten, genauer und bemerkte: Am Rand des Bildes – sichtbar nur in wenigen Abbildungen des Aquarells – lässt sich eine Jahreszahl und ein Monogramm (LC) entziffern. Nachdem Quaytman sich an Bourneuf gewandt hatte, um Genaueres über dieses Bild in Erfahrung zu bringen, konnten Quaytman und Bourneuf beim Anschauen des Originals in Jerusalem noch mehr Hinweise feststellen. "1521, LUCAS CARNACH PINX" stand auf der linken, "FR: MÜLLER SCULPS" auf der rechten Seite (S. 13). Diese Inschrift, die entweder Klee oder einer der Vorbesitzer (Benjamin, Theodor W. Adorno, Gershom Scholem) entfernte, markiert den Beginn einer Entdeckungsgeschichte von Quaytman und Bourneuf, die im ersten Kapitel nacherzählt wird. Klee hatte die verschiedenen Blätter, auf denen der Angelus Novus zu sehen ist, über eine von Friedrich Müller 1838 angefertigte Kopie eines Porträts Martin Luthers, das 1521 von seinem Chefporträtisten Lucas Cranach angefertigt wurde, montiert. Von der Entdeckung dieses Details geht Bourneuf aus, um die Entdeckungsgeschichte zu dokumentieren, die religionstheoretischen und kunsthistorischen Implikationen herauszuarbeiten und Klees sowie Benjamins Beschäftigung mit dem Angelus mit dem Luther-Bild zu verbinden. Auch wenn, wie Bourneuf schreibt, Klee dieses Bild nicht mit der Absicht überdeckte, besondere Aufmerksamkeit darauf zu lenken, und gleichzeitig nicht davon ausgegangen werden kann, dass Benjamin von dem Bild gewusst hat, nimmt Bourneuf doch an, dass "Klee [gewollt hätte], dass wir Vermutungen darüber anstellen [was sich dahinter verbarg]" (S. 17). Und was Benjamin betrifft, so ist sein Interesse für jene kunsthistorischen Arbeiten, "die sich mit den vorgeblich \u27unbedeutenden\u27 und \u27unsichtbaren\u27 Aspekten von Kunstwerken auseinandersetzen" (S. 15), im Kontext der Neuentdeckungen kein Ausgangspunkt für eine Revision gängiger Arbeiten zum Angelus-Komplex. Benjamins Gespür für scheinbar Unbedeutendes liefert aber doch ein Argument für das Weiterführen der kulturwissenschaftlich-philosophischen Beschäftigung mit einem nun mehr über hundert Jahre alten Bild.
In drei Kapiteln und einem gewichtigen Nachwort präsentiert Bourneuf die Entdeckungsgeschichte von R. H. Quaytman (überschrieben mit der Jahreszahl der Entdeckung "2015"). Gefolgt von einer kunsthistorischen Einordnung über die Renaissance bis zur Avantgarde (überschrieben mit der Jahreszahl der Fertigstellung des Bildes "1920") und einer theoretischen Neujustierung des Bildes von Benjamin über Ernst Bloch, Martin Buber und Scholem (überschrieben mit der Jahreszahl "1922", dem Jahr, in dem Benjamin seine nie erscheinende Zeitschrift mit dem Namen Angelus Novus ankündigt). Vom Staunen über die bisherige Verborgenheit des Luther-Porträts ausgehend, überlegt Bourneuf zuerst, ob das Aquarell eine Reverenz für die Unterlage bedeutet oder ob es sich eher um eine Entstellung des Luther-Kupferstichs handelt (vgl. S. 26f). So ist es zumindest frappant, dass Klee, der öfter die Rückseiten von Kupferstichen als hochwertiges Papier verwendete, den Angelus über die Vorderseite des Luther-Bildes montierte. Ist dieses Bild also ein Kommentar zur jüdisch-deutschen Geschichte?
Ein Bild, das die Ikone des Protestantismus überdeckt, um darüber einen Engel zu zeigen, scheint für den Kunstdiskurs der 1920er-Jahre – der den Protestantismus als Sargnagel der Kunst beschrieb – eine mögliche Wiederverzauberung der Welt anzudeuten (vgl. S. 99ff). Im zweiten Kapitel liest Bourneuf den Engel als polytheistische Figur, der als Chiffre für Hoffnung in scheinbar ausweglosen Zeiten steht. Untrennbar mit der Geschichte der Judenverfolgung und dem Fortleben theoretischer Strömungen des 21. Jahrhunderts verbunden, schwebt der Engel so vor seiner eigenen Geschichte und löst sich zwangsläufig von intentionalen Interpretationen. Schon Benjamins "IX. These", in der er sich auf den Angelus Novus bezieht, liest sich, wie Bourneuf hervorhebt, als "anti-anschauliche" (S. 66) Beschreibung und damit als Versuch, sich von Klees schöpferischer Deutungshoheit zu lösen.
Im dritten Kapitel – und erst mit dem Bild hinter dem Bild – eröffnet sich schließlich für Bourneuf eine breite kunsthistorische Dimension. Bourneuf stellt den Angelus nicht nur in eine Traditionslinie mit Albrecht Dürrers Melancholia 1 und Matthias Grünewalds Isenheimer Altar, mit denen sich auch Benjamin schon beschäftigte (vgl. S. 126), sondern auch in eine Beziehung zum Avantgarde-Vandalismus und zu Quyatmans aktuellen künstlerischen Bezugnahmen. Bourneuf argumentiert, dass sich Kunstwerke von den Intentionen ihrer Schöpfer*innen entfernen sollten; das gilt insbesondere für Klees Arbeiten, da er eine solche Auseinandersetzung explizit begrüßt (vgl. S. 34). Dies legitimiert nicht nur Benjamins breite Diskussion des Bildes, wie etwa in dem von Bourneuf oft zitierten Briefwechsel mit Scholem, sondern löst das Bild auch aus der "eingefahrenen Diskussionsrolle" (S. 195).
In ihrem Nachwort zitiert Bourneuf Scholems Vortrag "Benjamin und sein Engel", in dem dieser an die Vielschichtigkeit des Mystischen in Benjamins Denken erinnert – und damit ein Versäumnis in der Benjamin-Exegese beklagt (vgl. S. 205). Nicht nur die Vielschichtigkeit von Benjamins Angelus Novus-Denkbild, sondern auch die materielle Vielschichtigkeit aus Papier und Karton vergegenständlichen eine Verschränkung und bereiten einen Horizont, in dem "das Gewesene mit dem Jetzt blitzhaft zu einer Konstellation zusammentritt" (Benjamin 1977, S. 576; vgl. S. 200) Auch wenn für Bourneuf – obwohl sie diese Stelle mit dem Angelus zusammenbringt – der Angelus Novus keine Exemplifizierung eines dialektischen Bildes im Sinne Benjamins ist, hält er doch etwas verborgen, was erst in der Jetztzeit aufblitzt. Für die Beschäftigung mit Benjamin und seinen aktuell bleibenden geschichtsphilosophischen Überlegungen ist Bourneufs Buch ein Ausgangspunkt, an den es anzuschließen gilt. Es scheint in dem alten Bild und hinter dem alten Bild etwas Neues auf uns gewartet zu haben.
Literatur
Walter Benjamin: "Über den Begriff der Geschichte". In: Gesammelte Schriften. Bd. I. Hg. v. Rolf Tiedemann/Hermann Schweppenhäuser. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1977, S. 691-704.
Walter Benjamin: "N [Erkenntnistheoretisches, Theorie des Fortschritts]". In: Gesammelte Schriften. Bd. V. Hg. v. Rolf Tiedemann. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1977, S. 570-611
Me, Female, God. The Comparison Ps 131:2cd with Regard to the Image of God and the Self-image of the Woman Praying
Auf die Lesung des MT „wie ein Säugling bei mir“ (Ps 131,2d) stützt sich die Annahme, Ps 131* sei aus der Perspektive einer Frau verfasst. Dieser Umstand wurde durch Kontextualisierung, Änderung der Konsonanten oder der Satzeinteilung von der Redaktion des Psalters (Zuschreibung an David) bis zu den meisten Kommentaren und modernen Übersetzungen getilgt und so das weibliche Subjekt unterschlagen (Ausnahme: Zenger!). Der Vergleich des Beziehungsgefüges „Säugling – Mutter“ mit „Seele – Jhwh“ wird in der Forschung unter dem Stichwort „Weibliche Eigenschaften Gottes“ breit rezipiert (dazu z. B. Jes 66,13), aus (queer‑)feministischer Perspektive erscheint er jedoch ambivalent. Positiv: Durch die Zuschreibung weiblich konnotierter Eigenschaften an Gott wird ein einseitig männliches Gottesbild aufgebrochen. Negativ: Bei der Verknüpfung von Säugling und Mutter handelt es sich um einen weiblichen Stereotyp, der auf diese Weise fortgeschrieben wird.Nicht beachtet wird dabei, dass der Vergleich ebenfalls Aussagen über das Selbst‑ bzw. Frauenbild der Beterin enthält. Einerseits versteht sie sich als (männlicher) Säugling und eignet sich dadurch eine männlich geprägte Form der Gottesbeziehung an. Andererseits beschreibt sie ihre Rolle gegenüber dem Säugling als göttliche Fürsorge, vergleicht sich selbst mit Jhwh und beschreibt so eine weibliche Version von Gottebenbildlichkeit (vgl. Gen 1,26; Ps 8). Diese verdient gerade wegen der fatalen männlich-enggeführten neutestamentlichen Wirkungsgeschichte von Gottebenbildlichkeit (1 Kor 11,7) Beachtung.The reading of the MT ‘like an infant with me’ (Ps 131:2d) supports the thesis that Ps 131* was written from the perspective of a woman. This fact was erased by contextualisation, changing the consonants or the division of the sentence from the editors of the Psalter (attribution to David) to most commentaries and modern translations, thus omitting the female subject (exception: Zenger!). The comparison of the relationship ‘infant ‒ mother’ with ‘soul ‒ YHWH’ is widely received in research under the keyword ‘female characteristics of God’ (e.g. Isa 66:13), but from a (queer-)feminist perspective, it appears ambivalent. Positive: The attribution of characteristics with female connotations to God breaks up a one-sided male image of God. Negative: The link between infant and mother is a female stereotype that is perpetuated in this way. What is not taken into account is that the comparison also contains statements about the self-image of the woman praying. On the one hand, she sees herself as a (male) infant and thus appropriates a male-centered form of relationship with God. On the other hand, she describes her role towards the infant as divine care, compares herself to YHWH and thus describes a female version of the image of God (cf. Gen 1:26; Ps 8). This deserves attention precisely because of the fatal male narrow-minded New Testament history of the effects of the image of God (1 Cor 11:7). 
Wiener Mode: Eine Geschichte des schlechten Geschmacks
peer-reviewed
Modegeschichtsschreibung und Ausstellungspraxen neigen dazu, affirmativ das Beste vom Besten zu zeigen, Mode als Abfolge von Innovation und Reaktion zu erzählen. Was dabei aus dem Blick gerät, ist die gerade für Wien bezeichnende, liebgewonnene Anhäufung von ästhetischem Überschuss, von Scheußlichkeit und Unbeholfenheit. Dieser Artikel wendet sich den Schattenseiten zu. In ihrer Devianz, Boshaftigkeit und der Fähigkeit, ihre Träger:innen unmöglich zu machen, kann Wiener Mode als widerständige Handlung verstanden werden. Sechs Fallstudien unternehmen den Versuch, selten berücksichtigte Quellen heranzuziehen, um die lineare Erzählung vom Wiener Kongress bis zu den Wiener Werkstätten zu revidieren. Von Maria Theresias gescheiterten Erlässen über Kaiserin Elisabeths nackten Körper bis hin zur Modistin als Delinquentin beschränken sich die kleinen Tiefenbohrungen auf den kurzen Zeitraum von der Mitte des 18. bis zur zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Hier werden – so die These – die diskursiven Voraussetzungen für ein spezifisch wienerisches Verständnis für Mode geschaffen.
Fashion historiography and exhibition practices tend to affirmatively show the best of the best, to narrate fashion as a sequence of innovation and reaction. What is lost sight of in the process is the accumulation of aesthetic excess, of hideousness and awkwardness that characterizes Vienna in particular. This article turns to the darker side. In its deviance, malice and ability to make its wearers impossible, Viennese fashion can be understood as an act of resistance. Six case studies attempt to draw on rarely considered sources in order to revise the linear narrative from the Congress of Vienna to the Wiener Werkstätten. From Maria Theresia’s failed decrees to Empress Elisabeth’s naked body to the modiste as delinquent, the small in-depth studies are limited to the short period from the middle of the 18th to the second half of the 19th century. Here, according to the thesis, the discursive prerequisites for a specifically Viennese understanding of fashion are created
編碼與治理: 近代中國的人口量化管理
The special issue “Ciphering and Ruling Modern China’s Population” focuses on the increasing efforts to quantify the Chinese population beginning in the twentieth century. The introduction explains how it does not understand numbers as neutral entities reflecting objective facts but as cyphers that encode hidden realities and emerge from concrete historical contexts. Furthermore, it summarises the four contributions to the special issue: Drawing on approaches from intellectual and conceptual history as well as the sociology of science, they examine Liang Qichao’s early demand for statistics, attempts to quantify China’s Muslim population, Sun Yat-sen’s evolving obsession with the “400 million Chinese”, and the surprising wealth of statistical production in warlord-ruled Shanxi province. The authors ask why numbers, and statistical ones in particular, became so alluring and even fetishised, despite those involved in the production and use of the numbers being aware of their imprecision. Why did statistics become a sine qua non for governing China’s population? And how did specific numbers become central political terms? The authors also explore how numbers were used to construct arguments about China’s “population”, “society”, and “people” and how these arguments changed over time.
本專刊《近代中國人口的編碼與治理》聚焦二十世紀以來在量化中國人口方面的不懈努力。數字並非中立地反映客觀事實,而是產生於特定歷史背景、用以藏匿現實的密碼。本專刊收錄的四篇論文綜合運用思想史、概念史以及科學社會學的研究方法,分別探討了梁啟超對統計的早期需求、中國穆斯林人口量化的初步嘗試、孫中山對“四萬萬中國人”的執著探究、以及軍閥統治下山西統計工作的驚人成就。並進一步探究了為什麼數位(尤其是統計資料)明明不精確,但時人仍為之癡迷?統計資料何以成為治理中國人口的必要條件?特定數位怎樣成為核心政治術語?統計資料如何被用以建構關於中國"人口"、"社會"及"人民"的論述以及這些論述的歷時性演變。本專刊《近代中國人口的編碼與治理》聚焦二十世紀以來在量化中國人口方面的不懈努力。數字並非中立地反映客觀事實,而是產生於特定歷史背景、用以藏匿現實的密碼。本專刊收錄的四篇論文綜合運用思想史、概念史以及科學社會學的研究方法,分別探討了梁啟超對統計的早期需求、中國穆斯林人口量化的初步嘗試、孫中山對“四萬萬中國人”的執著探究、以及軍閥統治下山西統計工作的驚人成就。並進一步探究了為什麼數位(尤其是統計資料)明明不精確,但時人仍為之癡迷?統計資料何以成為治理中國人口的必要條件?特定數位怎樣成為核心政治術語?統計資料如何被用以建構關於中國"人口"、"社會"及"人民"的論述以及這些論述的歷時性演變
KI-Webinare für Lehrkräfte: Anmeldung läuft derzeit
Dem Schwerpunkt entsprechend, präsentieren Ihnen die MEDIENIMPULSE kostenlosen Webinaren. Sie erfahren wie Künstliche Intelligenz (KI) den Schulalltag verändern kann. Sie erhalten Einblicke in Grundlagen, aktuelle Entwicklungen und Trends der KI, kombiniert mit praktischen Tipps für den Einsatz im Unterricht und in der Schulverwaltung. Nutzen Sie die Chance, Ihre Schule zukunftsorientiert und innovativ zu gestalten.According to the focus, the MEDIENIMPULSE present you free webinars. You will learn how artificial intelligence (AI) can change everyday school life. You will receive insights into the basics, current developments and trends of AI, combined with practical tips for use in teaching and school administration. Take advantage of the opportunity to make your school future-oriented and innovative
Gottesdienst in Bewegung: Wie wir den Sonntag (wieder) in ein dynamisches und harmonisches Schwingen bringen
Der Sonntagsgottesdienst steckt in der Krise: Sinkende Besucherzahlen und alternative Gottesdienstformen zeigen ein verändertes Bedürfnis. Ökonomische Kriterien dominieren, während sein biblisch-theologisches Potenzial und seine Funktion als Identitätsanker vernachlässigt werden. Eine Balance zwischen Tradition und Innovation könnte den Sonntagsgottesdienst revitalisieren und als zentralen Ort des Glaubens wieder etablieren.Sunday services are in crisis: declining attendance and alternative forms of worship demonstrate changing needs. While economic criteria dominate, its biblical-theological potential and its function as an anchor of identity are being neglected. A balance between tradition and innovation could revitalize the Sunday service and reestablish it as a central place of faith.Sunday services are in crisis: declining attendance and alternative forms of worship demonstrate changing needs. While economic criteria dominate, its biblical-theological potential and its function as an anchor of identity are being neglected. A balance between tradition and innovation could revitalize the Sunday service and reestablish it as a central place of faith.Sunday services are in crisis: declining attendance and alternative forms of worship demonstrate changing needs. While economic criteria dominate, its biblical-theological potential and its function as an anchor of identity are being neglected. A balance between tradition and innovation could revitalize the Sunday service and reestablish it as a central place of faith
Endowment Record in Manuscript of the Rüstem Pasha Madrasa
Endowment Record in Manuscript of the Rüstem Pasha
Madras