Austrian Law Journal (Universität Graz)
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Die Internationale Norm ISO 19600 Compliance Management Systems – Inhalte und Zertifizierung
Die Anwendung der Internationalen Norm[1] ISO 19600 unterstützt Organisationen dabei, ein Compliance Management System (CMS) zu implementieren, das die Wahrscheinlichkeit von Regelverstößen durch Organisationsmitglieder reduziert. Dieser Beitrag befasst sich mit den wichtigsten Festlegungen der ISO 19600 und stellt eine Vorgehensweise für den unabhängigen Nachweis (Zertifizierung) eines solchen CMS vor.[1]Der Begriff Norm wird in diesem Beitrag im Sinne der Festlegungen des Bundesgesetzes über das Normenwesen (Normengesetz 2016 – NormG 2016), BGBl. I Nr. 153/2015, § 2 Begriffsbestimmungen verwendet. Applying the International Standard ISO 19600 provides organisations with a tool to implement an effective Compliance Management System in order to reduce the likelihood of members of the organisation to violate rules and laws. This paper discusses ISO 19600 and highlights important features of the standard. An independent approach to prove conformity according to ISO 19600 (i.e. certification) is presented
Allgemeine Handlungsfreiheit im System der österreichischen Bundesverfassung. Anmerkungen vor dem Hintergrund von VfGH 9. 12. 2015, E 50/2015 ua
In der österreichischen Rechtsordnung fehlt es, im Gegensatz etwa zur deutschen, an einer expliziten Garantie allgemeiner Handlungsfreiheit. Der vorliegende Beitrag führt aus, dass ungeachtet dessen eine umfassende Entfaltungsfreiheit des Individuums verfassungsrechtlich gewährleistet ist. Unlike other Western European Legal Systems, the Austrian Constitution does not explicitly provide for a „general freedom of action“, to simply do as it pleases, without the state (disproportionately) interfering. Notwithstanding that, the following article argues, self-determined living does enjoy constitutional protection in Austria.
Ermessen im starkstromwegerechtlichen Bau- und Betriebsbewilligungsverfahren. Zugleich ein Beitrag über die Grundzüge des österreichischen Starkstromwegerechts
Der vorliegende Beitrag analysiert die Reichweite behördlicher Entscheidungsspielräume im Rahmen des Bau- und Betriebsbewilligungsverfahren von Leitungsanlagen für Starkstrom und bindet ein praxisrelevantes Problemfeld an die klassische Ermessenslehre an. Da eine vorausschauende staatliche Starkstromwegeplanung weitgehend fehlt, wird entgegen der Rechtsprechung des VwGH für ein funktionell-rechtlich begründetes Ermessen der Behörde bei der tatbestandsbezogenen Beurteilung des „öffentlichen Versorgungsinteresses“ im starkstromwegerechtlichen Bau- und Betriebsbewilligungsverfahren plädiert. This paper analyzes the range of regulatory scope for decision making within the construction and operating license processes for pipe systems for heavy current and establishes a connection between a practice-oriented problem area and the classic dogmatics of discretion. As a forward-looking state planning for heavy current infrastructure is largely absent, the author advocates against for a functionally and legally reasoned discretion of the authority in the factual related assessment of "public service interest" in the construction and operating licensing procedure
Die Besetzung von Schiedsgerichten zwischen Parteiautonomie und Rechtsstaatlichkeit
Der vorliegende Beitrag befasst sich mit der Kritik, die am aktuellen System der Schiedsrichterbestellung durch die Streitparteien geübt wird. Erörtert wird in diesem Zusammenhang, welche legitime Aufgabe die parteiernannten Schiedsrichter neben dem Vorsitzenden des Schiedsgerichts haben. Der Autor vertritt die Ansicht, dass die Mitwirkung der parteiernannten Schiedsrichter, vor allem bei der Beratung des Schiedsspruchs, zu einer umfassenderen Diskussion der Sach- und Rechtsfragen führt und macht verschiedene Verbesserungsvorschläge zur Garantie der schiedsrichterlichen Unabhängigkeit und Unparteilichkeit. The present article deals with the criticism that is presently addressed to the appointed of arbitrators by the parties. In this context, the author discusses what are the legitimate duties of party appointed arbitrators, as opposed to the duties of the president of the arbitral tribunal. The author is of the view that party-appointed arbitrators guarantee a more thorough assessment of all factual and legal issues when the award is deliberated. The author also makes several proposals as to who to safeguard the independence and impartiality of the members of the arbitral tribunal
Transeuropäische Netze: Staatliche Planung im österreichischen Starkstromwegerecht
Mit der VO „Leitlinien für die transeuropäische Energieinfrastruktur“ legt die Europäische Union eine Ebene staatlicher Planung über das österreichische Starkstromwegerecht, die durch Auswahl und Priorisierung bestimmter Netzausbauprojekte vor allem auf die Beschleunigung diesbezüglicher Genehmigungsverfahren abzielt. Da das die VO konkretisierende Energie-Infrastrukturgesetz jedoch nur so viel als nötig in das bestehende Genehmigungsregime eingreift, bleibt abzuwarten, ob die angestrebte Verfahrensbeschleunigung in Österreich eintreten wird. Aus planungsrechtlicher Sicht bemerkenswert ist aber jedenfalls die mit dem Gesetz erfolgte Einführung eines Trassensicherungsinstruments, das Behinderungen des transeuropäischen Energieleitungsbaus wirksam mindern kann. With the Regulation "Guidelines for trans-European energy infrastructure", the European Union sets a level of governmental planning of the Austrian legislation on power supply lines. By identification and prioritisation of certain projects the regulation aims at the acceleration of network expansions in Europe. Since the Austrian “Energie-Infrastrukturgesetz”, which concretises the Regulation, intervenes only as much as necessary in the existing system of approval, it remains to be seen whether the targeted acceleration will occur in Austria. Noteworthy from the perspective of planning law is the implementation of an instrument, which protects the required areas against obstructions
Haftung und Compliance: Wie beeinflusst eine CMS-Zertifizierung den Sorgfaltsmaßstab?
Eine ungenügende Compliance-Organisation stellt eine Sorgfaltspflichtverletzung der Geschäftsleiter dar. CMS-Standards, wie die Norm ISO 19600, bieten Hilfestellungen zur Ausgestaltung einer Compliance-Organisation und können daher das Haftungsrisiko der Geschäftsleitung reduzieren. In diesem Beitrag wird der Frage nach der Rechtsqualität von CMS-Standards nachgegangen. Es werden die Haftungsfolgen einer Zertifizierung einer Compliance-Organisation auf Basis von CMS-Standards untersucht und analysiert, ob die ordentliche Sorgfalt die Errichtung einer den CMS-Standards entsprechenden Compliance-Organisation gebieten kann. The management body can be held liable for an insufficient compliance management system (CMS). CMS-Standards, like ISO 19600, give guidance how to design a CMS and may, therefore, reduce the liability risk of the management body. This article deals with the legal quality of CMS-Standards and the impact of a CMS-certification on management liability. Furthermore, it is discussed if the duty of care might require the management body to obey CMS-standards even in absence of a CMS-certification
Jurisdiction over Consumer, Employment, and Insurance Contracts under the Brussels I Regulation Recast: Enhancing the Protection of the Weaker Party
Der vorliegende Beitrag soll die wichtigsten Änderungen der neuen Brüssel Ibis Verordnung betreffend den Rechtsschutz für schwächere Parteien kritisch analysieren. Die VO bringt wichtige Verbesserungen im Rechtsschutz für Verbraucher bei Klagen gegen Unternehmer bzw Arbeitgeber aus Drittstaaten und sieht eine Belehrung zugunsten bestimmter schwächerer Parteien über die Folgen einer rügelosen Prozesseinlassung vor. Obwohl diese Änderungen den prozessrechtlichen Schutz schwächerer Parteien grundsätzlich verbessern, lassen die neuen Bestimmungen viele Fragen offen und gefährden daher die Rechtssicherheit und die Berechenbarkeit des Zuständigkeitsregimes. This article aims to present and critically assess the changes which the Recast Brussels I Regulation brought to the protective regime for the weaker parties. Although these changes are not as far-reaching as in other fields, they are nevertheless important. The most significant changes concern the limited extension of the scope of applicability against defendants from third states and jurisdiction based on the entering of an appearance. Although these changes improve the procedural protection of the weaker parties in principle, some new dilemmas arise, which are liable to jeopardize certainty and predictability of the jurisdictional regime
Kontrolliert die Europäische Kommission das Verhalten ihrer Mitglieder zu nachlässig? Der Europäische Bürgerbeauftragte ortet diesbezüglich erhebliche „Missstände“
Art 245 Abs 2 AEUV sieht spezielle Standespflichten, sowohl für aktive, als auch ausgeschiedene Kommissare vor und verpflichtet sie, „ehrenhaft und zurückhaltend“ zu handeln. Zusätzlich dazu bestimmt § 1.2. des Verhaltenskodex für Mitglieder der Kommission (2011), dass Kommissare, die innerhalb von 18 Monaten nach ihrem Ausscheiden eine berufliche Tätigkeit aufnehmen wollen, dies der Kommission anzuzeigen haben. Ein Mitglied der „Barroso-Kommission“ hielt sich nicht daran, wurde aber von der Kommission nicht sanktioniert. Daher leitete der Europäische Bürgerbeauftragte aus eigener Initiative eine entsprechende Untersuchung ein, in deren Schlussbericht von Ende Juni 2016 zwei „Missstände“ gem Art 228 AEUV im Verhalten der Kommission festgestellt wurden. Dass die Kommission auch schon bisher eher lax mit Standeswidrigkeiten von KommissarInnen umgegangen ist, wird an den Fällen Cresson, Bangemann, Dalli, Barroso und Kroes verdeutlicht.Art. 245 (2) TFEU contains a special provision regarding the professional duty of both active and former Commissioners; said provision calls for Commissioners “to behave with integrity and discretion”. In addition to this regulation, the Code of conduct for Commissioners (2011), in its §1.2, states that Commissioners who intend to take on an occupation during a period of 18 months, after having left office, shall inform the Commission of such endeavours. One member of the Barroso-Commission did not abide by these provisions and was not sanctioned. Subsequently, the European Ombudsman began an investigation of its own volition; the resulting June 2016 final report showed that the Commission had “breached” Art. 228 TFEU (“maladministration”) on two accounts. The cases Cresson, Bangemann, Dalli and Barroso show that a “lackadaisical” approach has been taken by the Commission where a breach of professional duty was concerned
Erlebt Schengen eine „Renaissance“ oder geht es unter? Wird aus den vorübergehenden Wiedereinführungen von Binnengrenzkontrollen eine Dauereinrichtung?
Der „Schengen“-Raum ohne Binnengrenzen gehört zu den wichtigsten Errungenschaften der europäischen Integration. Sein Scheitern würde neben großen politischen Konsequenzen auch enorme finanzielle Kosten verursachen. Die von einer Reihe von Mitgliedstaaten zur Bewältigung der Flüchtlingskrise vorübergehend eingeführten Grenzkontrollen sind zwar zum Teil durch Ausnahmebestimmungen im Schengener Grenzkodex gedeckt, wären aber zB im Falle Österreichs und Deutschlands spätestens Mitte Mai 2016 wieder aufzuheben. Die Europäische Kommission versucht, durch einen eigenen „Fahrplan“, bis spätestens Ende 2016, das „Schengen-Dublin“-System wieder voll funktionsfähig zu machen. Daneben schlägt sie Reformen des „Gemeinsamen Europäischen Asylsystems“ (GEAS), ein eigenes „Einreise-Ausreise-System“ (EES) sowie die Einführung intelligenterer Informationssysteme für das Grenzmanagement vor. Die in der Übereinkunft mit der Türkei vom 18. 3. 2016 enthaltenen völkerrechtlichen und europarechtlichen Probleme und Unschärfen harren ebenfalls noch einer endgültigen Abklärung.The “Schengen Area”, with its absence of internal borders, is one of the foremost achievements of European integration. The Area’s collapse would cause, next to significant political consequences, vast economic implications. The temporary reintroduction of internal border controls by a number of Member States, due to the migration crisis, finds partial footing in provisions of the Schengen Borders Code. In the cases of Austria and Germany for example, said provisions would require that internal border controls be lifted by mid-May at the latest. Via a “Roadmap” and by the end of 2016 the European Commission aims to fully restore the “Schengen-Dublin” system’s functionality. In tandem, the Commission is proposing reforms of the “Common European Asylum System” (CEAS), the introduction of both an Entry Exit System (EES) and a so called Stronger and Smarter Information System for Border and Security management. The 18 March 2016 Agreement with Turkey contains problematic and blurry provisions regarding public international and Union law; these too remain to be clarified
Konventionskonformität des Gesichtsbedeckungsverbots in der Öffentlichkeit
Ausgehend vom Urteil der Großen Kammer des EGMR zum Gesichtsbedeckungsverbot in der Öffentlichkeit in Frankreich (S.A.S.) vom Juli 2014 setzt sich der vorliegende Beitrag mit der Judikatur des EGMR zu Verboten des Tragens religiöser Kleidung und Symbole auseinander. Daran anknüpfend werden grundsätzliche Überlegungen zum Konzept des „margin of appreciation“ angestellt. Anhand des Falls S.A.S. werden Probleme bei der Anwendung dieses Konzepts durch den EGMR aufgezeigt. On the basis of the Grand Chamber judgment of the European Court of Human Rights concerning the statutory ban on wearing clothing designed to conceal the face in public in France (S.A.S.) of July 2014 the paper deals with the jurisdiction of the Court regarding bans on wearing religious clothing or symbols. Resulting questions with respect to the „margin of appreciation“ doctrine are considered furthermore. Problems in applying this doctrine by the ECtHR are illustrated by means of the case of S.A.S