Austrian Law Journal (Universität Graz)
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Constitution and Constitution of the Republic of Austria: Speech
Festrede von Dr. Heinz Fischer.
Dr. Heinz Fischer war von 2004 bis 2016 Bundespräsident der Republik Österreich. Davor war er von 1983 bis 1987 Wissenschaftsminister, Nationalratsabgeordneter der SPÖ (1971-1983) sowie Präsident (1990-2002) bzw zweiter Präsident des österreichischen Nationalrates (2002-2004). Er studierte Rechts- und Staatswissenschaften an der Universität Wien und habilitierte sich in Politikwissenschaft an der Universität Innsbruck, wo er im Jahr 1993 zum Universitätsprofessor ernannt wurde. Lecture by former Federal President Heinz Fischer.
Dr. Heinz Fischer was President of the Republic of Austria from 2004 to 2016. Before that he was Minister of Science from 1983 to 1987, Member of the National Council of the SPÖ (1971-1983) and President (1990-2002) and second President of the Austrian National Council (2002-2004). He studied law and political science at the University of Vienna and habilitated in political science at the University of Innsbruck, where he was appointed university professor in 1993
Ensuring the activities of the National Council and the Federal Council in the COVID-19 pandemic
In diesem Beitrag werden die wesentlichen Rechtsfragen erörtert, die sich im Zusammenhang mit der Organisation der parlamentarischen Tätigkeiten und dem Verfahren von Nationalrat und Bundesrat in der COVID-19-Pandemie gestellt haben. Im Unterschied zu anderen Staaten wurden in Österreich weder exekutive Notstandsregelungen erlassen, noch die Rechtsgrundlagen des parlamentarischen Verfahrens angepasst. Die Maßnahmen zur Sicherstellung der Handlungsfähigkeit von Nationalrat und Bundesrat während der COVID‑19-Pandemie mussten folglich unter Anwendung der geltenden (Verfassungs-)Rechtslage getroffen werden. Im Zentrum stand die Gewährleistung der Beschlussfähigkeit der Vertretungskörper. Damit war es erforderlich, die allgemeinen COVID-19-Maßnahmen in ein Verhältnis zum Parlamentsrecht und zu den Statusrechten der Abgeordneten zu setzen. Die Maßnahmen im Zusammenhang mit der COVID-19-Pandemie haben aus verfassungs- und parlamentsrechtlicher Sicht zu einer vertieften Auseinandersetzung mit zahlreichen rechtlichen Fragestellungen geführt, die zum Bezugspunkt für zukünftige Diskussionen werden kann.This paper discusses the main legal issues that arose in connection with the organisation of parliamentary activities and the procedure of the National Council and the Federal Council in the COVID‑19 pandemic. In contrast to other states, neither executive emergency regulations were enacted in Austria nor were the legal bases of parliamentary procedure adapted. Consequently, the measures to ensure the ability of the National Council and the Federal Council to act during the COVID-19 pandemic had to be taken in accordance with the (constitutional) legal situation in force. The focus was on ensuring the decision quorum of the representative bodies. Thus, it was necessary to put the general COVID-19 measures in relation to parliamentary law and the status rights of MPs. From a constitutional and parliamentary law perspective, the COVID-19 pandemic measures have led to an in-depth examination of numerous legal issues that can become a point of reference for future discussions
Democracy and Cosmopolitanism about Justice
Transnationalisierungsprozesse scheinen sich nationalstaatlich-demokratischer Kontrolle oder gar Gestaltung entzogen zu haben und die Chancen auf Demokratie jenseits des Nationalstaates muten nicht sonderlich gut an. Das kann Zweifel an kosmopolitischen Theorien nähren, nach denen der Anwendungsbereich von Normen der sozialen Gerechtigkeit die Grenzen staatlich verfasster politischer Gemeinschaften überschreitet. Im Folgenden soll gezeigt werden, dass das Problem der Demokratie für den gerechtigkeitstheoretischen Kosmopolitismus zwar ein echtes, aber nicht schon prinzipiell fatales und überdies für den Partikularismus nicht nennenswert kleiner ist.Transnationalization processes seem to evade democratic control, let alone democratic design, by nation states and the chances for democracy beyond the nation state appear rather poor. This may contribute to skepticism about cosmopolitan theories according to which norms of social justice apply globally. In this paper I want to show that the problem of democracy, though being real, is not a fatal problem for cosmopolitism. What is more, it is not a significantly smaller problem for particularism
§ 871 ABGB, res integra and Redintegration
Der Gesetzgeber der III. TN hat die römischrechtliche res integra-Lehre ins Irrtumsrecht des ABGB übernommen. Seither wird im Schrifttum unter dem Schlagwort ‚Redintegration‘ das Problem erörtert, ob bzw in welchen Konstellationen die Möglichkeit besteht, ein Rechtsgeschäft durch Ersatz des negativen Vertragsinteresses in den Zustand re integra zurückzuversetzen. Die Untersuchung beleuchtet diese Frage dogmengeschichtlich, und will zugleich einen Beitrag zur Klärung jener Fragen leisten, die der OGH in diesem Zusammenhang explizit offengelassen hat.The legislator of the ‚III. Teilnovelle‘ of the ABGB adopted the Roman law doctrine of res integra. Since then, the problem of whether or in which constellations it is possible to restore a contract that has entered the run-off stage to the state of ‚re integra‘ has been discussed in the literature under the catchword \u27redintegration\u27. The work examines this question in historical terms, and aims to clarify two problems that the Austrian Supreme Court of Justice has explicitly left open in this context
Constitutional aspects of selected Tyrolean measures against COVID-19
Das Land Tirol wurde im Zuge der Corona-Pandemie mehrfach einer Sonderbehandlung im Vergleich zum Rest Österreichs unterzogen. Im März 2020 wurden die österreichweit ersten Maßnahmen in Tirol gesetzt; als wenig später bundesweite Beschränkungen verhängt wurden, waren diese in Tirol strenger formuliert. Rund ein Jahr nach Beginn der Ausbreitung von COVID-19 in Österreich wurde Tirol erneut gesondert behandelt, indem für fast den gesamten Teil des Landesgebiets eine Ausreisetestpflicht festgelegt wurde. All diesen Maßnahmen ist gemein, dass sie selbst sowie deren Rechtsgrundlagen bei näherer Betrachtung einige verfassungsrechtliche Fragen und potenzielle Probleme aufweisen. Nicht zuletzt befasste sich auch der VfGH mit einigen dieser Tiroler Maßnahmen und stellte deren Gesetzwidrigkeit fest. Wenngleich sich eine derartig klare Aussage nicht für alle der behandelten Maßnahmen treffen lässt, so werfen diese doch Fragen auf, die es zu behandeln gilt.In the course of the COVID-19 pandemic and the Austrian measures against its further spreading, the Tyrol was targeted by special measures several times. In March 2020, the first actions against the disease were taken in the Tyrol; shortly after, the nation-wide restrictions were accompanied by even stricter Tyrolean rules. At the beginning of 2021, people wanting to leave the region were obliged to carry a negative COVID-19 test result with them in order to be allowed to cross the border. By taking a closer look on these measures and their corresponding legal foundations, multiple constitutional questions and possible issues arise. After all, the Austrian Constitutional Court dealt with several of these Tyrolean measures and ruled them unlawful. Even if such a clear statement cannot be issued for all of the actions covered in this article, they still raise questions that have to be dealt with
The Digital Avatar on a Blockchain: E-Identity, Anonymity and Human Dignity
Finanzdienstleister sammeln immer größere Mengen an Daten von ihren Kunden, um konform mit speziellen Rechtsakten (eIDAS Verordnung, Zahlungsdiensterichtlinie, Geldwäscherichtlinie) zu handeln und Risiken zu minimieren. Die durch die fortschreitende Digitalisierung zunehmenden technischen Möglichkeiten der Datensammlung werfen Bedenken auf im Hinblick auf die Grundsätze der Verhältnismäßigkeit, Notwendigkeit und Datenminimierung. Über die Vereinbarkeit mit der Datenschutz-Grundverordnung hinaus ergeben sich jedoch weiterreichende Probleme, da bestimmte Identitätsarchitekturen und deren technische Umsetzungen potentiell die Rechte und Freiheiten einzelner beinträchtigen sowie ethische Fragestellungen aufwerfen. Der vorliegende Beitrag analysiert Aspekte digitaler Identität am Beispiel einer Distributed Ledger- beziehungsweise Blockchain-Architektur für die Registrierung neuer Kunden durch Finanzdienstleister, wo mithilfe von Hashing-Algorithmen individuelle Identifikatoren aus spezifischen Datenpunkten der Kunden gewonnen werden, die schließlich für Zwecke der Nachvollziehbarkeit und Überprüfbarkeit unveränderlich in der Datenstruktur gespeichert werden. Nach einer kurzen Einleitung in das Verständnis von Identität im digitalen Raum und der Anwendbarkeit der Datenschutz-Grundverordnung auf eine distribuierten Datenstruktur wird eine kritische Betrachtung der Entwicklung aus rechtlicher und soziologischer Perspektive vorgenommen, dass zunehmend die Mobiltelefone der Kunden von Finanzdienstleistern als Schnittstellen zu Blockchain-Netzwerken dienen. Die Diskussion reicht über die Frage digitaler Identität im Finanzsektor hinaus und zeigt die Notwendigkeit auf, angemessene und verhältnismäßige rechtliche Bestimmungen zu schaffen, die das Individuum effektiv vor Grundrechtsverletzungen vor dem Hintergrund der fortschreitenden Digitalisierung schützen.In order to comply with specific regulations (eIDAS, Payment Services Directive, Anti-Money Laundering Directive) and reduce risk profiles, financial service providers increasingly collect large amounts of information from their customers. The increasing opportunities and technical means for data collection afforded from digitalisation raise legal concerns related to proportionality, necessity, and data minimization. However, the concerns go beyond just GDPR compliance and legislative balance, as distinct architectures and technological deployments potentially impact rights, freedoms, and ethics. This paper will address the issue by examining aspects of digital identity, especially those that have proposed the use of a permissioned distributed ledger or blockchain as architecture for know your customer and onboarding evidential frameworks, using specific hashing schemes that derive unique identifiers from the combination of specific personal data points. Evidence is appended to a data structure, for the purpose of auditing and/or record keeping, potentially ensuring an immutable record of events is maintained. After elaborating on the notion of identity in the digital sphere and the applicability of the GDPR to such a data structure, the discussion will be developed to critically assess the current trend towards using the financial institutions’ customers’ mobile devices as interfaces to the distributed data structure and the legal and sociological implications of this technological development. The potential impact of the analysis goes beyond digital identity within the finance sector, positioning the discussion towards approaches for e-governance and the regulation of digital identity in a way that human dignity is preserved and the risks of creating a ubiquitous “digital avatar” are adequately addressed by the law
From debt to discharge: Consumer insolvency proceedings in Austria
In jüngster Zeit haben zwei Gesetzgebungsakte das österreichische Insolvenzrecht erheblich verändert: Zum einen hat die "Gesamtreform des Exekutionsrechts" (GREx) die Schnittstelle zwischen Einzel- und Gesamtvollstreckung entscheidend umgestaltet. Zum anderen hat die Umsetzung der europäischen Restrukturierungs- und Insolvenzrichtlinie die Rahmenbedingungen für die Restschuldbefreiung nicht nur für Unternehmer, sondern auch für Verbraucher verbessert. Dieser Artikel gibt einen detaillierten Überblick über das Verbraucherinsolvenzverfahren in Österreich und geht hierbei auch auf die Tätigkeiten der anerkannten Schuldenberatungsstellen ein.Recently, two legislative acts have significantly changed Austrian insolvency law: Firstly, the overall reform of enforcement law (“Gesamtreform des Exekutionsrechts – GREx”) has drastically altered the interface between individual and general enforcement. And secondly, the implementation of the European Restructuring and Insolvency Directive has improved the framework for debt discharge not only for entrepreneurs but also for consumers. This article provides a detailed overview of the consumer insolvency proceedings in Austria and also addresses the activities of the recognised debt counselling agencies
Duty of compensation: A consequence of revocation of an engagement? - Thoughts to the doctrine of "strict protection of legitimate expectations" -
Geänderte moralische Wertvorstellungen und aufgeklärtere Lebensverhältnisse führen dazu, dass die Regelungen zum Verlöbnis seit ihrem In-Kraft-Treten im Jahr 1811 sukzessive an Relevanz verlieren. Wenig praxisrelevant mag daher auch die Lösung der Kontroverse scheinen, ob der Schadenersatzanspruch bei Verlöbnisrücktritt Verschulden voraussetzt (s § 46 ABGB). Zu bedenken ist aber, dass die rechtliche Wirkung des Rücktritts vom Eheverlöbnis außerhalb des Familienrechts Wirkungen entfalten könnte. Denn es ist a priori nicht gesagt, dass § 46 ABGB nicht als gesetzlicher Anhaltspunkt oder sogar als Analogiebasis für eine Ersatzpflicht bei ähnlich gelagerten Problemen in Betracht kommt. Im Schrifttum kursieren jedenfalls Sachverhalte, für die zumindest ein Teil der Lehre eine verschuldensunabhängige Ersatzpflicht auf eine Analogie zu § 46 ABGB stützt. Es handelt sich um Sachverhalte, die man gemeinhin unter den Schlagworten „Haftung wegen Abbruchs der Vertragsverhandlungen“ zusammenfasst. In diesem Zusammenhang wäre der schadenersatzrechtlichen Folge bei Verlöbnisbruch tatsächlich Beachtung zu schenken, wenn sich nachweisen ließe, dass das ABGB mit § 46 einen Tatbestand kennt, in dem das In-Aussichtstellen eines Vertragsabschlusses auf eine verschuldensunabhängige Ersatzpflicht trifft. Deshalb analysiert der Beitrag die Wertungen, die der Haftung gemäß § 46 ABGB zu Grunde liegen.
Changed moral values have led to a gradual loss of relevance of the regulations on engagement since they came into force in 1811. Therefore, the controversy as to whether the duty of compensation in case of a revocation of an engagement requires fault (see par 46 Austrian civil code) may seem of little practical relevance. However, par 46 Austrian civil code may serve as a legal point of reference or even as a basis for analogy for a duty to compensate in similar situations (keyword: breakdown of contractual negotiations). Therefore, the article analyses the values of the duty of compensation in the case of revocation of an engagement
The Non-Recognition of Foreign Proprietary Security Rights Lacking Publicity in the Light of the Fundamental Freedoms: An Analysis of the Austrian Legal Situation on the Basis of the ECJ´s Principle of Consistency
Vor Kurzem stellte sich im Zuge einer Entscheidung des OGH die Frage, ob die Nichtanerkennung von in anderen Mitgliedsstaaten der Europäischen Union begründeten publizitätslosen Mobiliarsicherheiten durch Österreich gegen die Europäischen Grundfreiheiten verstößt. In der Vergangenheit wurde dies von großen Teilen der Literatur bejaht – unter anderem, weil das grundsätzlich strenge Publizitätsprinzip in Österreich nicht durchgehend verwirklicht sei. Auch der OGH hielt diese Bedenken für beachtlich. Der vorliegende Beitrag zeigt jedoch unter Heranziehung der einschlägigen Kriterien des EuGH, dass unterschiedlichste Ausnahmen vom Publizitätsprinzip sachlich gerechtfertigt werden können und damit auch keine Inkohärenz im Sinne der Rechtsprechung des EuGH begründen. Eine Nichtanerkennung von publizitätslosen ausländischen Mobiliarsicherheiten durch Österreich verstößt also keinesfalls per se gegen die Europäischen Grundfreiheiten.In the course of a recent decision of the Austrian Supreme Court, the question arose whether the non-recognition of foreign proprietary security rights, which have been validly created in other Member States of the European Union but are failing to comply with Austrian publicity requirements, infringes the Fundamental Freedoms. In the past, various legal scientists answered the question in the affirmative – inter alia on the basis of the assumption that the strict publicity requirements of the Austrian legal system would not have been implemented consistently. Also the Austrian Supreme Court shared those concerns. The present article, however, shows that the different exemptions from the strict publicity requirements in the Austrian legal system can be justified objectively and therefore do not constitute inconsistencies under the special case-law of the European Court of Justice. Hence, the non-recognition of foreign proprietary security rights lacking consistency by Austria does not infringe the Fundamental Freedoms per se
Corona ignorers – only annoying or already punishable? A consideration of §§ 178, 179 Austrian Criminal Code (endangering people by infectious diseases)
Die seit Anfang 2020 das alltägliche Leben dominierende Corona-Pandemie rückt die §§ 178, 179 StGB in den Fokus der strafrechtlichen Diskussion. Sie stellen eine Gefährdung anderer Menschen durch übertragbare Krankheiten unter Strafe. Nicht zuletzt, weil diese Delikte bislang keine besondere praktische Relevanz hatten, sind mehrere dogmatische Fragestellungen ungeklärt, auf welche die vorliegende Abhandlung eine Antwort gibt. Hierzu gehört insbesondere, welches Ausmaß die Gefährlichkeit, dass ein Verhalten zu einer Krankheitsverbreitung führt, für eine Strafbarkeit erreichen muss, wie mit einer ex post festgestellten fehlenden Gefährdungseignung umzugehen ist und ob und unter welchen Voraussetzungen eine Strafbarkeit durch Unterlassen gegeben sein kann. Die vorgeschlagenen Lösungsansätze werden auf ihre Praxistauglichkeit anhand typischer „Corona-Fälle“ überprüft.The Corona pandemic, which has dominated everyday life since the beginning of 2020, has brought Sections 178 and 179 of the Austrian Criminal Code (StGB) into the focus of criminal law discussion. They criminalize endangering other people through certain diseases. Not least because these offenses have not had particular practical relevance up to date, several dogmatic questions remain unresolved, to which this paper provides an answer. These include, in particular, the extent to which a behavior must be dangerous for the health of others to lead to a criminal liability, how to deal with a lack of dangerousness that is determined ex post, and whether and under what conditions criminal liability by omission can exist. The proposed solutions are examined for their practical suitability on the basis of typical "Corona cases"