Beiträge zur mediävistischen Erzählforschung (BmE)
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Umwegiges Erzählen. Zur Funktion von Wegen in der deutschen Literatur der Vormoderne
 
Begrenzte Reichweite. Tendenzen zur Vereindeutigung im ›Nibelungenlied‹ *C
Der Artikel überprüft am Beispiel der Sympathielenkung das Urteil der Forschung, wonach das ›Nibelungenlied‹ *C ein Bearbeitungskonzept aufweist. Im Vergleich mit *B zeigt sich, dass es zwar durchaus Änderungen gibt, die auf eine Vereindeutigung der Textaussage abzielen, indem sie Kriemhild ent- und Hagen wie Gunther belasten, dass diese quantitativ wie qualitativ aber viel zu eng begrenzt bleiben, als dass sie sich als Ausdruck eines Konzepts beschreiben ließen. Allenfalls addieren sie sich – und das ist ein Unterschied, vergegenwärtigt man sich die Bedeutung der Wörter ›Konzept‹ und ›Tendenz‹ – zu einer Tendenz auf
›Das dahaim erzogen kind haist und ist ze hof ain rind‹. Abenteuerliche Passagen von Rittern und Schülern in der mittelhochdeutschen Kleinepik
Vermittelt über die Figurentypen des Schülers und des Ritters interferieren in der mittelhochdeutschen Kleinepik aristokratische und klerikale Handlungsformen und Sinnoptionen. Der Beitrag zeichnet nach, inwiefern inter? und intratextuelle Substituierungen in den analysierten Texten (›Peter von Staufenberg‹, ›Studentenabenteuer‹, ›Bürgermeister und Königssohn‹ u. a.) Standesgrenzen relativieren und zu einer ›transkulturellen‹ Verflechtung beitragen. Diese wird vor allem anhand der zurückgelegten Wege und der Konfiguration von Mobilität nachvollzogen. Am Ende zeigt sich, dass die Erzählungen in mehrfacher Hinsicht abenteuerliche Passagen aufweisen
›Er wolt auch kommen da der pfeffer wechßt‹. Wege und ihre erzählerische Funktion im ›Fortunatus‹
Im ›Fortunatus‹-Roman von 1509 wird die Gestalt des Itinerars, in der Fortunatus’ Europa-Reise präsentiert wird, als eine neue Darstellungsform für erzählte Wege in Beziehung gesetzt zu vielfältigen anderen, traditionellen Wege-Typen und -Semantiken, die den gesamten Roman durchziehen, in ihrer sinnstiftenden Funktion aber immer wieder unterlaufen werden. So etabliert der ›Fortunatus‹ nicht nur eine neuartige Form der Verankerung erzählter Handlung im Raum, sondern löst das Erzählen auch aus hergebrachten Funktionen. Der Roman gewinnt für sein Erzählen eine von informativen, orientierenden oder belehrenden Ansprüchen entlastete Selbstbezüglichkeit
»Eine Geschichte von bleibendem Wert, für Mutter und Kind«: Die mittelniederländische Verserzählung ›Van den levene ons heren‹ nach der Utrechter Handschrift 1329
Von etwa 1260/70 bis Mitte des 15. Jahrhunderts war die Verserzählung ›Van den levene ons heren‹ im mittelniederländischen Sprachraum sehr beliebt. Diese Popularität mag mit der einzigartigen Behandlung der Lebensgeschichte Jesu aus den kanonischen und apokryphen Evangelien zusammenhängen, z. B. den Erzähltechniken, die verwendet werden, um die Zuhörerschaft emotional in das Opfer des Menschensohnes am Kreuz einzubeziehen und die Erfüllung dieses Aktes der Sühne Gottes auf möglichst zeitgemäße und greifbare Weise zu vermitteln, auch in Bezug auf die theatrale Art und Weise, wie die Leidensgeschichte Christi in den damaligen Passionsspielen in den Vordergrund gerückt wurde. Dass es zuhause im Familienkreis gelesen wurde, lässt sich aus Prolog und Epilog der einzigen vollständig erhaltenen Abschrift dieses gereimten ›Leben Jesu‹ aus dem Jahr 1438 ableiten
Wenn Nebenfiguren (die Handlung) bestimmen. Zur Darstellung der Kaedin/Kehenis-Figur im Tristan-Stoff
Anhand des transtextual characters Kaedin/Kehenis wird in drei mittelhochdeutschen Bearbeitungen des Tristan-Stoffes verdeutlicht, inwiefern Figur und erzählerische Wege zusammenwirken. Die Analysen rücken nicht nur die (Neben-) Figur als narratologische Größe in den Fokus, sie zeigen auch Erzählstrukturen, die sich mit Umwegen, Abwegen und Nebenwegen verbinden. Mit einem figuren-narratologischen Fokus auf Momente von Handlungsmacht und Faktoren aktiver Handlungsgestaltung wird vorgeführt, dass Rollenbesetzung und figurale Hierarchie von typischer Nebenfigur über eine Zwischenstellung bis zur Übernahme des Platzes als Hauptfigur variieren. So kommt der Kaedin-Figur eine besondere Position zu
Themenheft 16: Umwege, Abwege, Nebenwege: hrsg. von Pia Selmayr und Sarina Tschachtli
Erzähltexte des Mittelalters sind geprägt von den Wegen, die ihre Figuren gehen. Diese Wege sind eng mit dem Erleben und Wahrnehmen der Figuren verbunden, bestimmen den erzählten Raum und die Struktur des Textes. Durch die Mobilität der Figuren werden Raum- und Sujet-Grenzen überschritten, Wissen und Erfahrung erweitert und Vorstellungen von Eigenem und Fremdem, von Nähe und Distanz, von Zentrum und Peripherie verhandelt. Dabei sind es selten die geraden, zielgerichteten Wege, sondern vor allem die Umwege, Abwege und Nebenwege, die sich besonders zur narrativen Entfaltung und zur sinnbildlichen Aufladung anbieten. Die Beiträge dieses Sammelbandes verdeutlichen diese narrative Multivalenz erzählter Wege und verorten dabei die untersuchten Texte auch im transkulturellen Erzählen vormoderner Literatur
Kleine Figuren im Personenverband. Zum gestaffelten Figurenpersonal und einigen weniger beachteten Akteuren des ›Nibelungenliedes‹
Der Personenverband (der Burgunder) gilt gemeinhin als der »eigentliche Akteur« des ›Nibelungenliedes‹ (Jan-Dirk Müller). Dieser Personenverband als soziale Einrichtung wird durch ein Set größerer und kleinerer Figuren repräsentiert. Eine Systematisierung nach Handlungspräsenz vornehmend widmet sich der Beitrag dem gestaffelten Figurenpersonal und insbesondere seinen Randfiguren: ihrer Rolle im Personenverband und ihrer Funktion im Handlungszusammenhang. Über ihre nähere Verortung im Figurengeflecht ergeben sich ›Teilverbände‹, die einer Hauptfigur (Hagen, Kriemhild) zugeordnet sind, deren Rang sie anzeigen. Auch wenn die ›kleinen‹ Figuren keine wichtigen Handlungszüge ausführen, bereiten sie diese doch vielfach vor oder markieren gegensätzliche Positionen
Rosenplüt as the author of the Nuremberg Wine Greetings: Philological and computer-philological analyses
Die sogenannten »Weingrüße« sind im Nürnberger Raum ab Mitte des 15. Jahrhunderts vergleichsweise breit überliefert. Seit dem 19. Jahrhundert wurden sie immer wieder Hans Rosenplüt zugeschrieben, wobei die Autorfrage bislang ungeklärt bleiben musste. Im Zuge der neuen Hybridedition der Weingrüße diskutiert der Beitrag die Autorfrage, wobei der philologische Vergleich der Weingrüße mit der Kleinepik Rosenplüts um eine digitale Studie ergänzt wird. Da sich die Ergebnisse der digitalen Studie und die Analysen zu stilistischen Parallelen und zur Überlieferungssituation gegenseitig bestätigen, erscheint eine Autorschaft Rosenplüts als ausgesprochen plausibel.The so-called ›Weingrüße‹ (wine greetings) have been handed down comparatively widely in the Nuremberg area since the middle of the 15th century. Since the 19th century, they have been repeatedly attributed to Hans Rosenplüt, although the question of authorship has so far remained unresolved. In the course of the new hybrid edition of the Weingrüße, the article discusses the question of authorship, whereby the philological comparison of the Weingrüße with Rosenplüt\u27s minor epic is supplemented by a digital study. As the results of the digital study and the analyses of stylistic parallels and the transmission situation confirm each other, Rosenplüt\u27s authorship seems highly plausible
Caduistik. Kosmologische Konkurrenzerzählungen im ›Speculum stultorum‹
Welche Möglichkeiten für einen Einfluss auf das eigene Schicksal und eine unabhängige Wirkmacht Fortunas bleiben, wenn man von einer scheinbar alles determinierenden Natur ausgeht? Diese Frage spielt das ›Speculum stultorum‹ nicht nur anhand seiner ›Kernfabel‹ vom ambitionierten Esel Burnellus durch, sondern ebenso anhand einer ganzen Reihe darin inserierter Exempel mit je eigenem animalisch-menschlichen, ja zum Schluss gar numinosen Personal. In meinem Gang durch diese Erzählungen werden nun einerseits die Implikationen der darin jeweils skizzierten kosmologischen Entwürfe erörtert und diese zueinander relationiert; andererseits werden die Erzählungen hinsichtlich ihrer Funktion für den Text und mit Blick auf dessen epistemologische Reflexionen über ein kosmologisches Spekulieren betrachtet