Beiträge zur mediävistischen Erzählforschung (BmE)
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Keimzellen für moralischen Sinn: Prägnantes Erzählen in Johannes Paulis ›Schimpf und Ernst‹
Die Forschung unterstellt den Schwänken Johannes Paulis einerseits Banalität, andererseits Komplexität. Mit dem Begriff der Prägnanz kann zwischen beiden Haltungen vermittelt werden: Die Schwänke haben Sinn nicht bereits in ihrer literarischen Form, sondern diese bietet dem Rezipienten ein Spielfeld an, um (unterschiedlich) Sinn zu erzeugen. Die Schwänke Paulis sind damit prägnant im wörtlichen Sinn: Sie gehen schwanger mit Sinn, den es aber erst durch eine Perspektivierung seitens des Interpreten auf die Welt zu bringen gilt. Pauli setzt unterschiedliche Strategien ein, um eine solche narrative Interpretation zu unterstützen
Personelle Prägnanz. Figurendarstellung und exemplarisches Erzählen in Heinrich Kaufringers ›Suche nach dem glücklichen Ehepaar‹
Der Beitrag arbeitet heraus, dass die für mittelhochdeutsche Kurzerzählungen charakteristischen typisierten Figuren und Figurenkonstellationen eng mit der exemplarischen Ausrichtung der Texte verbunden sind. Exemplarizität wird dabei nicht im Sinne einer Vermittlung von Normen und Ordnungsmustern verstanden, sondern mit Gert Hübner im ›praxeologischen‹ Sinne als eine Vermittlung von Handlungswissen begriffen. Vor diesem Hintergrund kann auch Kaufringers Erzählung ›Die Suche nach dem glücklichen Ehepaar‹ als exemplarisches Ehestandsmäre begriffen werden, das ein pragmatisches Verständnis ehelicher Beziehungen propagiert und idealisierte Ehevorstellungen problematisiert
»[D]aß von dem rechten Kern nicht das geringste sol außgelassen werden«. Formen ›prägnanten‹ Erzählens im Sammelschrifttum der Frühen Neuzeit
Vor dem Hintergrund der semantischen Aufwertung der curiositas als Geisteshaltung im Verlauf des 17. Jahrhunderts einerseits und der Ausweitung der Bedeutung auch auf den Gegenstandsbereich andererseits entstehen im deutschen Sprachraum ab etwa 1650 literarische Kuriositätensammlungen. Diese scheinen eine spezifische Form des ›curieusen‹ Erzählens zu entwickeln, das als ›prägnantes‹ Erzählen begriffen werden kann. In der jeweiligen Ausgestaltung des prägnanten Erzählens selbst unterscheiden sich die Kuriositätensammlungen um 1700 dann jedoch grundlegend
Prozesse narrativer Verdichtung in Alexanders von Roes ›Pavo‹ und in den Ausformungen des literarischen Stoffes vom ›schlafenden Ritter‹
Semantische Emphase, Kongruenz von Erzähler- und Figurenhaltung und Ikonizität sind (einige) Verfahren der narrativen Verdichtung (formal und inhaltlich) von literarischen Texten und bewirken, dass diese Texte an Prägnanz gewinnen. Diese Verfahren zeichnen sich dadurch aus, dass sie kulturell verankerte Konnotationen, die sich mit Dingen und Lebewesen der (außer)literarischen Wirklichkeit verbinden, gezielt abrufen. Sie lassen zudem Erzähler und Figuren, discours und histoire, mit einer gemeinsamen ›Stimme‹ sprechen und übertragen erzählzeitlich voranschreitende Handlung punktuell in die Simultaneität des Bildes. Diese Prozesse narrativer Verdichtung lassen sich an ausgewählten Beispieltexten (12. und 13. Jahrhundert) der europäischen Erzähltradition aufzeigen: Alexanders von Roes lateinischer ›Pavo‹, das altfranzösische Fabliau ›Le chevalier qui recovra l’amor de sa dame‹ und der mittelhochdeutsche ›Mauritius von Craûn‹
Das Martiniloben. Zur Prägnanz der Heiligenvita beim Stricker und bei Boccaccio
In meinen folgenden Ausführungen zu den legendarischen Transformationen und schwankförmigen Inversionen Martins von Tours entwickle ich ein Modell von Prägnanz in kurzen Erzählungen, in denen – nach dem Muster der antiken Vita – kompiliertes Material derart um eine mirakulöse Situation arrangiert und kombiniert wird, dass auch da der spezifische, mit Martins Sprechen und gestischesm Handeln verknüpfte Heiligkeitstypus zum Vorschein kommt, wo der Protagonist der Erzählung wie in Strickers ›Martinsabend‹ oder in Boccaccios erster Novelle aus dem ›Decameron‹ den herkömmlichen Erwartungen am einen Heiligen nicht ferner stehen könnte. Ermöglicht wird eine solche Insistenz des Heiligen in der Imagination des Erzählten durch die Wirkung einer wiederkehrenden und wiedererkennbaren Pathosformel, die im Falle Martins sich aus der Konfiguration widersprüchlicher Haltungen (Christ/Soldat; Eremit/Bischof) unter einer doppelt gerichteten Gebärde ergibt: der Bedeckung (des nackten Bettlers) und der Entblößung (des unberührten Tugendkleides)
Viel Lärm um nichts? Erzählen ohne Moral im ›Erec‹
Im Vorfeld des finalen Kampfes der Joie de la curt-Aventüre erzählt Erec seinem Kontrahenten Mabonagrin eine Fabel, allerdings ohne ›schemagerecht‹ ein Pro- oder Epimythion anzufügen, durch das die Fabel mit einer expliziten moralisatio versehen würde. Der vorliegende Beitrag geht der Frage nach, welche Bedeutung der fehlenden moralisatio zukommt und wie sich Erecs Fabel-Binnenerzählung zur narratio des gesamten Romans verhält.In the run-up to the final battle of the ‘Joie de la curt’ adventure, Erec tells his opponent Mabonagrin a fable, without ‘schematically’ adding a pro- or epimythion that would provide the fable with an explicit moralisatio. This contribution examines the significance of the omission of a moralisatio and how Erec’s narration of the fable relates to the narratio of the novel as a whole
Cisiojani im Spannungsfeld zwischen Zählen und Erzählen
Als Cisiojani bezeichnet man die seit dem 13. Jh. gebräuchlichen Merkverse, um die unbeweglichen Festtage des Kalenderjahrs durch Sprechen und gleichzeitiges Abzählen zu memorieren. Analysiert werden der Silbencisiojanus des Steyrer sowie die Wortcisiojani des Solothurner Anonymus und des sog. Mönchs von Salzburg. Welche gestalterischen und erzählerischen Mittel sind eingesetzt, um den formalen Vorgaben Rechnung zu tragen und um die Memorierbarkeit zu unterstützen? Während Letzteres in den beiden stärker formal bestimmten Cisiojani durch Mittel aus der Lyrik erreicht wird, geschieht dies im ‚Solothurner Anonymus’ eher durch verständlichere Semantik und deutlichere Narrativität. Insgesamt dominieren jedoch zählerische Vorgaben das Erzählen.The mnemonics common since the 13th century to memorise the fixed holidays of the calendar year by simultaneous pronunciation and counting are referred to as Cisiojani. The Steyrer syllable Cisiojanus and the word Cisiojani of the Solothurn Anonymous and the Salzburg Monk were analysed. What creative and narrative means were used to comply with the formal requirements and support memorability? While the latter is achieved by means of lyrical poetry in the two more formally determined Cisiojani, in the Solothurn Anonymous, this is achieved through more comprehensible semantics and clearer narrativity. Overall, however, the narrative is dominated by memory aids for counting
Exorbitante Helden? Figurendarstellung im mittelhochdeutschen Heldenepos
Exorbitanz ist keine Qualität, die Helden als solchen anhaftet, sondern entsteht durch narrative Zuschreibung, intra- wie extradiegetisch. Das Phantasma Exorbitanz wird inhaltlich unterschiedlich gefüllt: heroisch oder pragmatisch, konstruktiv oder destruktiv, vorbildhaft oder verwerflich, immer das Maß des Gewöhnlichen übersteigend. Der Exzess wird freilich bisweilen ›postheroisch‹ gebrochen, durch Pragmatisierung, Serialisierung, Komisierung. Helden mittelhochdeutscher Heldenepik fungieren in den Texten nicht als identitätsstiftende Vorbilder. Memoria wird nicht zum Nachvollzug inszeniert, sondern zum Weitererzählen, das Exorbitanz zugleich konstruiert und destruiert.Exorbitance is not a quality inherent to heroes as such but arises through narrative attribution, both intra- and extradiegetic. The phantasm of exorbitance manifests in various ways: heroic or pragmatic, constructive or destructive, exemplary or reprehensible, but always exceeding the ordinary. The excess is of course breached from time to time ‘post heroically’, through pragmatization, serialization and comical rendering. In Middle High German heroic epic, heroes do not function as role models for identity-building. Memoria is set up for retelling rather than for imitation, at the same time constructing and breaking down exorbitance
Diachrone Narratologie und historische Erzählforschung. Eine Bestandsaufnahme und ein Plädoyer
Der Beitrag nähert sich dem Feld der mediävistischen Erzählforschung zunächst in Abgrenzung zum Begriff Narratologie und in interdisziplinärer Perspektive: Ausgehend von zentralen Beispielen der oft teleologisch auf die Moderne ausgerichteten Narratologie wird gezeigt, dass die mediävistische Erzählforschung – zu Unrecht – ein Schattendasein führt. Dabei kann gerade an mittelalterlichen Texten eine Schärfung dessen erfolgen, was wir über Erzählen zu wissen glauben: Aus einem Zusammenspiel aus transdisziplinärer Kooperation einerseits und andererseits der Nutzung philologischer Kernkompetenzen könnte so von der mediävistischen Erzählforschung ein Gewinn für die gesamte Narratologie ausgehen.This contribution primarily approaches the field of medieval narrative research as distinct from the concept of narratology and from an interdisciplinary perspective. Using key examples from narratology, which is often teleologically oriented towards the modern age, it shows that medieval narrative research is – unjustly – relatively invisible, although medieval texts offer a particularly good opportunity to refine our understanding of narrative. Through a combination of transdisciplinary cooperation on the one hand and the application of philological core competences on the other, medieval narrative research can benefit narratology as a whole.