Beiträge zur mediävistischen Erzählforschung (BmE)
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»Der Mensch ist zwar ein Mensch, und folglich keine Maus«. Zum Verhältnis von ›moralisatio‹ und Witzprinzip in Daniel Stoppes Fabel ›Die Maus in der Falle‹
Der Aufsatz widmet sich den bislang in der germanistischen Forschung vernachlässigten Fabeln Daniel Stoppes. Anhand der Fabel ‚Die Maus in der Falle‘ werden die Besonderheiten ihrer ausschweifenden narratio herausgestellt, die sich durch eine ausgedehnte Handlungsstruktur, erzählerische Beschreibungen und Bewertungen sowie Anspielungen auf tradierte Symbole auszeichnet. Elemente der Gelehrtensatire in Auseinandersetzung mit der Stoa und die dadurch erzeugte Ironie machen das Verhältnis zur moralisatio problematisch. Stoppes Fabeln knüpfen über das Witzprinzip an die französische Fabeltradition an und erleben im Kontext der kurz darauf erscheinenden deutschsprachigen Fabeltheorien eine Abwertung.This paper focuses on the fables of Daniel Stoppe, which have hitherto been neglected in Germanic research. Looking at the fable ‘Die Maus in der Falle’ the particularities of its excessive narratio are highlighted, as characterised by an extensive plot structure, narrative descriptions and evaluations as well as allusions to traditional symbols. Elements of scholarly satire in confrontation with Stoics and the irony it engenders render the relationship to moralisatio problematic. Stoppe’s fables tie in with the French fable tradition through the principle of wit and were devalued in the context of the German language fable theories which appeared shortly after
Rezeptions(er)zeugnisse. Kautelen für die Interpretation des Verhältnisses von ›narratio‹ und ›moralisatio‹ in mittelalterlichen Verserzählungen
Das Missverhältnis von Erzählung und moralisierendem Epimythion in mittelhochdeutschen Verserzählungen (oft ,Mären‘ genannt) wurde in der Forschung öfters thematisiert. Der Artikel stellt dar, dass Friktionen zwischen narratio und moralisatio in diesen Texten nicht allein ein Untersuchungsfeld für Erzählforscher sind, sondern mindestens ebenso philologische, kodikologische und überlieferungsgeschichtliche Komponenten beinhalten, die in bzw. vor einem ersten Interpretationsschritt betrachtet werden sollten. In vier Durchgängen werden anhand verschiedener kurzer Verserzählungen des Spätmittelalters sowie des ,Eulenspiegel‘ Aporien des Verhältnisses von Erzählung und Deutung dargestellt, wobei unter anderem deren faktische Untrennbarkeit deutlich wird.The disparity between narrative and moralising epimythion in Middle High German verse narratives (often referred to as Mæren = tales) has frequently been the subject of research. This article shows that frictions between narratio and moralisatio in these texts are not only an area of investigation for narrative researchers but contain equally significant philological, codicological and traditional historical components which should be considered when or before embarking on an interpretation. In four rounds, using various short verse narratives from the late Middle Ages as well as the Eulenspiegel aporia, the relationship between narrative and interpretation is revealed, including their actual inseparability
Konzeptuell überschriebene Module im volkssprachlichen Erzählen des Mittelalters und ihre Auflösung
Inhalt: 1. Der Episodenbegriff (S. 110) – 2. Der Modulbegriff (S. 116) – 3. Module im ›Iwein‹, ›Tristan‹ und im ›Nibelungenlied‹ (S. 120) – 4. Konzeptuelle Überschreibung von Modulen (S. 135) – 5. Zeit, Raum und Situation. Auflösungserscheinungen modularen Erzählens (S. 143) – 6. Übergangstexte. Kontingente Situationsfaktoren im ›Amadis‹ und in der ›Assenat‹ (S. 157)
Narration – Argumentation – Epimythion. Zum rhetorischen Potential exemplarischer Kurzerzählungen (Fabel, Gleichnis, historisches Exempel) des Mittelalters
Der Aufsatz greift auf neue Forschungsimpulse zu einer ‚Epistemologie des Exemplarischen‘ zurück und bindet diese an Untersuchungsansätze zu exemplarischen Kurzerzählungen des Mittelalters. Er zeigt an drei beispielhaft ausgewählten Erzählungen (einer Fabel, einem historischen Exempel, einem Gleichnis), über welche Möglichkeiten die Kurzerzählungen verfügen, um die Relation zwischen Erzählung (narratio) und Epimythion (moralisatio) je neu zu entwerfen. Von jeder der drei Kurzerzählungen werden verschiedene Fassungen vorgestellt, die je kontextabhängig unterschiedliche narrative und argumentative Techniken nutzen, um aus einer Erzählung verschiedene Schlüsse zu ziehen und damit ihr rhetorisches Potential voll auszuschöpfen.This paper draws on new research impulses towards an ‘epistemology of the exemplary’, linking them to research approaches to exemplary short narratives from the Middle Ages. Using three excellently chosen narratives (a fable, a historical example and a parable), the possibilities are shown that short narratives have to recreate the relationship between narrative (narratio) and epimythion (moralisatio). Various versions are proposed for each of the three short narratives, which each use different narrative and argumentative techniques depending on the context to draw different conclusions from a narrative, thus fully realizing its rhetorical potential
»Wer die bîschaft merken wil, der setz sich ûf des endes zil«. Einführende Überlegungen zum Verhältnis von ›narratio‹ und ›moralisatio‹
 
Grenzüberschreitender Verkehr oder uneigentliche Rede? Allegorische Assistenzfiguren des Erzählers und ihr diegetischer Standort
oai:ojs.pkp.sfu.ca:article/1Im Fokus des Essays stehen Szenen, in denen es zu einem Dialog zwischen dem Erzähler und einer Personifikationsallegorie kommt. An Beispielen aus ‚Iwein‘, ‚Parzival‘ sowie dem afrz. ‚Voir dit‘ wird untersucht, wie sich solche Passagen außer- oder innerhalb der Diegese verorten lassen. Bei ‚Iwein‘ und ‚Parzival‘ erweist sich, gerade angesichts zahlreicher motivischer Parallelen, die gegensätzliche Tempusverwendung als aufschlussreich. Während in diesen beiden Fällen Grenzüberschreitungen aus der Narration heraus vorliegen, führt der ‚Voir dit‘ den umgekehrten Fall vor: Die Auftritte allegorischer Figuren in der Diegese evozieren ein Spiel mit narrativen Ebenen, das deren Zuordnung bewusst offen zu halten scheint.This essay focuses on scenes containing a dialogue between the narrator and a personification allegory. Using examples from ‘Iwein’, ‘Parzival’ and the Old French ‘Voir dit’, this study investigates how such passages can be placed outside or within the diegesis. In the case of ‘Iwein’ and ‘Parzival’, the contrasting use of tenses proves revealing, especially in view of numerous motivic parallels. While these two cases feature transgressions from the narrative, the ‘Voir dit’ presents the opposite case: the appearances of allegorical figures in the diegesis evoke a play with narrative levels that deliberately seems to keep their classification open
Die ›Geschichte zweier Kaufleute‹. Zur Polysemie von Exempelerzählungen anhand eines Beispiels aus dem Schachbuch Heinrichs von Beringen
Innerhalb einer tugendethischen Moraldidaxe geht es nicht darum, feststehende Normen zu vermitteln, sondern den Belehrten in die Lage zu versetzen, situativ richtig zu reagieren. Ziel ist es, ihn zur Erkenntnis anzuregen: zur Selbsterkenntnis, zur Erkenntnis des Guten und zur Gotteserkenntnis. Exempel leisten innerhalb der vormodernen Ethik einen wichtigen Beitrag zu diesem Erkenntnisgewinn. Sie sind in vielen Fällen keineswegs simple und einschichtig konzipierte Erzählungen, die einen bloßen Sachverhalt illustrieren, auch wenn die moralisatio dies bisweilen nahelegen mag. Am Beispiel der ‚Geschichte zweier Kaufleute‘ aus dem Schachzabelbuch Heinrichs von Beringen wird gezeigt, wie die exempla in einer durch die hermeneutische Praxis des mehrfachen Schriftsinns geschulten polysemen Lektürehaltung neben der illustratio der Verinnerlichung des Gelehrten (imaginatio) dienen und den erkennenden Blick auf Gott eröffnen können (ostentio).Virtue-ethical moral didactics are not about conveying fixed norms but rather about enabling the person being taught to respond correctly according to the situation. The aim is to inspire them to knowledge: self-knowledge, a knowledge of what is good, and a knowledge of God. Within premodern ethics, examples play an important role in this augmentation of knowledge. In many cases they are by no means simple, single-layered narratives that only illustrate facts, even if moralisatio may sometimes suggest this. Based on the example of the ‘Geschichte zweier Kaufleute’ from Heinrich von Beringen’s Schachzabelbuch it is shown how the exempla serve the internalization of the scholar (imaginatio) in a polysemous approach to reading trained by the hermeneutic practice of the multiple sense of writing in addition to illustratio and open up a cognitive gaze on God (ostentio)
Askese und weltliche Minne in Wolframs von Eschenbach ‚Parzival‘
Der Aufsatz untersucht die Darstellung der Sigune-Figur aus Wolframs von Eschenbach ›Parzival‹ unter Rückgriff auf Foucaults Bestimmung des Askesebegriffs als »Technologie des Selbst«. Dieser performative Askesebegriff hebt neben dem subversiven Potential den Aspekt der Buße hervor. Mit dieser Lesart wird die Narrativierung der Subjekt- und Körperkonstitution der Figur im Kontext der drei Begegnungen mit Parzival untersucht. So wird die Entwicklung der Trauer Sigunes um Schionatulander, der in ihrem Minnedienst starb, von höfisch-weltlicher Totenklage zum asketischen Leben und Tod als Inkluse nachgezeichnet. Die Klause ist demnach als verkehrte Minnegrotte zu interpretieren, in der Konzepte von Ehe und sinnlicher minne transzendiert werden. Das problematische Moment dieses asketischen Lebensentwurfs demonstriert der Vergleich mit Trevrizent, der ebenfalls eine Verfehlung in der weltlichen minne mit einer religiösen Bußleistung zu kompensieren versucht
Von emsigen Ameisen und schlafenden Löwen. Zu ›narratio‹ und ›moralisatio‹ im ›Reinhart Fuchs‹
Anhand der Ameisenhandlung untersucht der Beitrag das Verhältnis von narratio und moralisatio im Reinhart Fuchs. Von der positiven moralischen Aufladung, den führerlosen Gesellschaften sowie der enormen Stärke der Ameisen ausgehend, wird verfolgt, wie das Tierepos die Ameisen und ihren Herrn im Kontrast zum Löwenkönig zunächst als Exempel für unbedingte soziale Loyalität und, unter Rückgriff auf Heldenepik und Heroik, für aufopfernden Heldenmut aufbaut. Am Ende jedoch bricht der Text mit diesem Ideal, da der Ameisenherr sich letztlich doch als eigennützig und als anfällig für Reinharts List erweist. Die aufgezeigten narrativen Verfahren bewirken so die völlige Auflösung moralischer Idealität.This contribution looks at the ant epic to examine the relationship between narratio and moralisatio in ‘Reinhart Fuchs’ (The History of Reynard the Fox). Proceeding from the positive moral charge, leaderless societies and tremendous strength of the ants, we follow how the beast epic first establishes the ants and their lord in contrast to the lion king as an example of unconditional social loyalty and, drawing on heroic epic and heroics, sacrificial heroism. In the end, however, the text breaks with this ideal, as the ant lord ultimately proves self-serving and susceptible to Reinhart’s trickery. The narrative processes thus bring about the complete dissolution of moral ideality
Bedenck es! Schwank und Moral bei Johannes Pauli am Beispiel seines Kapitels ›Von den Spilern‹ in ›Schimpf und Ernst‹
Bislang wurden die Schwänke Johannes Paulis oftmals entweder auf ihre moralisatio reduziert oder im Fall von Spannungen zwischen narratio und moralisatio als schlecht komponiert angesehen. Bei näherer Betrachtung zeigt sich aber, dass Paulis Schwänke hochkomplexe Gebilde sind, die gerade durch Sinnirritationen eine differenzierte Interpretationsweise anregen. Ihre moralische Ebene wird dadurch vielschichtig und bedient unterschiedliche Abstraktionsniveaus innerhalb eines Schwanks. Der Beitrag zeigt diese Vielschichtigkeit am Beispiel der Darstellung von Spiel als Sünde.Up to now, Johannes Pauli’s comical tales have often been either reduced to their moralisatio or, in the case of tensions between narratio and moralisatio, seen as poorly composed. Upon closer inspection however, it becomes apparent that Pauli’s tales are highly complex constructs which stimulate a differentiated interpretation through sense irritations. Their moral plane thus becomes multi-layered and serves various levels of abstraction within a comic tale. This study illustrates this complexity with an example of the representation of play as a sin