Beiträge zur mediävistischen Erzählforschung (BmE)
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Die Mutter des Märtyrers. ›Prägnanz‹ als narratologische und rezeptionshermeneutische Kategorie in der Legendarik (am Beispiel der Gangolf-Erzähltradition)
Der Beitrag fragt nach möglichen Formierungen eines ›prägnanten Erzählens‹ für die Legendarik, ohne einmal mehr den Sonderstatus der Textsorte hinsichtlich einer vorgeordneten intentionalen und funktionalen Gebundenheit absolut zu setzen. Stattdessen wird auf Mechanismen literarischer Prägnanzbildung abgehoben, die nur mittels eines auf mehrere Ebenen aufgefächerten Merkmalsbündels erfasst werden können. Damit soll auf eine Nachzeichnung narratologischer Kategorien wie von Aspekten der rezipierendenseitigen Aktivierung von Texten im Deutungsakt abgezielt werden. Den Ausgangspunkt hierfür bilden die Überlegungen Jolles? zur Sprachbildlichkeit der Legende und die Diskussion von möglichen Prägnanzparametern der ›Gattung‹ im Besonderen, die darauf am Beispiel der verschiedenen Fassungen der Gangolflegende in ein allgemeineres Konzept von ›literarischer Prägnanz‹ im obigen Sinne zu überführen sind
Raum und Figur. Effekte erzählerischer Arrangements in der ›Frauentreue‹
Der Beitrag nimmt die Leerstelle, die die Kleinepik im literaturwissenschaftlichen spatial turn darstellt, zum Anlass, nach Logiken und einer spezifischen Ästhetik und Poetik des Raumes in dieser Gattung zu fragen. Ausgangspunkt ist ein Raumbegriff, der eine Differenzierung von materiellem Raum und Räumlichkeit als eine performative Dimension zulässt. Am Beispiel der H, einem aus dem 14. Jahrhundert überlieferten kleinepischen Text, werden verschiedene erzählerische Arrangements zwischen Raum und Figur in den Blick genommen und dabei nach dem Transformationspotenzial von Räumlichkeit gefragt
Zwei Männer. ›Kurzschluss‹ und Optionalität in mittelhochdeutschen Brautwerbungserzählungen
Gefährliche Brautwerbungen gehören zu den am weitesten verbreiteten mittelalterlichen Erzählmustern. Die von diesem Erzählmuster beeinflussten Erzählungen folgen mit einer gewissen Variationsbreite generischen Vorgaben und enden mit der konsensuellen Entfernung einer Prinzessin aus ihrem Heimatland. In einigen Fällen aber kommt die umworbene Prinzessin nicht mit dem die Werbung beauftragenden König, sondern mit dessen exzellentem Werber zusammen. Anhand der ›Thidreks saga‹, des ›Dukus Horant‹, des ›König Rother‹ und der ›Kudrun‹ wird erläutert, dass dies nicht als sekundärer Bruch eines vorgängigen ›einfachen‹ Handlungsmusters der gefährlichen Brautwerbung, sondern vielmehr als eine dem Muster grundlegend eingeschriebene Handlungsoption zu begreifen ist
›Bedeutungsschwangerschaften‹. Überlegungen zu Prägnanz und Pointierung mit Lessing und Galfred von Vinsauf
Ausgehend von der Frage nach der analytischen Verwendbarkeit des Prägnanz-Begriffs geht der Beitrag zunächst auf die Anfänge seiner Terminologisierung zurück und entwickelt in Auseinandersetzung mit Lessing den Vorschlag, Prägnanz als eine durch Annäherung des Erzählens an die Form diskursiver Differenz erzeugte Bedeutsamkeit zu konzipieren – und Pointierung als Grenzphänomen solcher Prägnanz, insofern sie den Unterschied der narrativen Sinnstiftung zu eben dieser Form auffällig werden lässt. Anschließend wird das Wechselverhältnis von Prägnanz und Pointierung an den Versionen des Schneekind-Sujets bei Galfred von Vinsauf rekonstruiert
Gründungsaufruf und Gründung: Brevitas – Gesellschaft zur Erforschung vormoderner Kleinepik
PD
Historische Narratologie – Wahrscheinlichkeit, Unzuverlässigkeit, Schema-Erzählen
Einleitung zum Themenheft
Zum Problem des unzuverlässigen Erzählers im Mittelalter
Historische Erzählforschung unterliegt einer Spannung im Gebrauch narratologischer Begriffe, nämlich zwischen ausweitender Verallgemeinerung – z. B. durch Absehen von den Implikationen der kulturellen Funktion eines textuellen Phänomens – und verengender Schärfung. Auch das Konzept des ›unzuverlässigen Erzählers‹ wird durch diese Spannung problematisch, wenn es auf mittelalterliche Romanliteratur appliziert werden soll. Der Beitrag unternimmt eine kritische Revue einiger vormoderner Erzählerfigurationen, die die Forschung als unzuverlässig bezeichnet hat, darunter Wolfram von Eschenbach und Geoffrey Chaucer. Diese Revue läßt erkennen, daß von Unzuverlässigkeit meist gesprochen wird, wo wohl eher Ambiguität, Uneindeutigkeit, Ironie und humoristische Distanz vorliegen. Es scheint jedoch aussichtslos, unzuverlässige Erzähler im Mittelalter unter heterodiegetischen Erzählern zu suchen, was insbesondere an der Zielrichtung der von ihnen eingesetzten Ironie liegt
Aspekte literarischer Prägnanz von Sprichwort und Sentenz (mit Beispielen aus dem höfischen Roman)
Das Ideal der Prägnanz ist, zusammen mit jenem der Kürze, ein unstrittiges Textmerkmal von Sprichwörtern und Sentenzen. Der Beitrag diskutiert zunächst philologisch-parömiologische Forschungsbestimmungen mit sprachstilistischer Perspektive und fragt dann nach darüber hinausgehenden Aspekten literarischer Prägnanz im Rede- oder Textumfeld. Dazu werden die Prägnanzkonzepte der philosophischen Ästhetik und der Gestalttheorie fruchtbar gemacht: Die gnomischen Kleinstformen lassen sich zum einen als erkenntnisaktivierende Medien im Sinn der ästhetischen Denkfigur ›Prägnanz als Bedeutungsentfaltung‹ begreifen. Zum anderen bilden sie formal-figural ›ausgezeichnete (einfache) Formen‹, die der Tendenz zur Sinnprägnanz unterliegen. Analysebeispiele aus dem höfischen Roman illustrieren diesen Zugang
Prägnanz und Polyvalenz – Rezeptionsangebote im ›Klugen Knecht‹ und im ›Schneekind‹
Anhand von Strickers ›Klugem Knecht‹ sowie dem ›Schneekind‹ B wird gezeigt, wie polyvalente Sinnpotentiale durch eine prägnante Erzählweise realisiert werden können. Beim Stricker stehen die Polyseme kündikeit und vuoge einer zunächst eindeutigen Rezeptionslenkung zugunsten des Knechts gegenüber, die sich etwa in der Häufung des Reims kneht : reht widerspiegelt. Eine polyvalente Struktur entsteht hier erst auf der Metaebene. Beim ›Schneekind‹ werden indes bereits innerhalb der narratio ambivalente Verfahren zur Rezeptionssteuerung eingesetzt, während das Epimythion umgekehrt das Geschehen vereindeutigt. Zusammengenommen eröffnen beide Texte einen Blick auf das Verhältnis von Prägnanz und Polyvalenz im Märenerzählen
Metalegende. Die protestantische Lügende als invektive Metagattung
Der Beitrag nimmt die protestantische Lügende als ein Erzählformat zur Herabsetzung der altgläubigen Legende und Heiligenverehrung in den Fokus. Dafür wird das Konzept der Invektivität des Dresdner SFB 1285 mit dem Modell der Metagattung (Werner Wolf) verknüpft. Die Lügende kann so als eine Metalegende aufgefasst werden, deren Funktion es ist, mit Blick auf Erzählelemente und Erzählweise die ›Gemachtheit‹ der katholischen Legende bloßzulegen. Ihr Fiktionsvorwurf wird dabei als Invektive gegenüber der katholischen Frömmigkeitspraxis verständlich und degradiert die Legende zugleich zur Unterhaltungsliteratur. Die Thesen werden anhand von Martin Luthers ›Lügend von St. Johanne Chrysostomo‹ (1537) entfaltet