Beiträge zur mediävistischen Erzählforschung (BmE)
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Im Mantel der Geschichte? Interferenzen zwischen chronikalischem und fiktionalem Wiedererzählen bei Ulrich Fuetrer
Ulrich Fuetrer gilt den Historikern als unzuverlässiger Erzähler und den Germanisten als ein frühneuzeitlicher Historiker mit mäßigen erzählerischen Fähigkeiten. Betrachtet man jedoch seine Retextualisierungen des Artus- und Gralsstoffs sowie der historischen Überlieferung seiner Zeit genauer, dann wird deutlich, dass sowohl in der Epik wie auch in seiner ›Bayerischen Chronik‹ ein selbstbewusster und sprachlich-stilistisch höchst versierter Erzähler hervortritt, der sich intensiv mit seinen jeweiligen Vorlagen auseinandergesetzt hat und sie seinen eigenen Präferenzen anpasst. Dieser Autor bewahrt die materia der Vorlagen, aber instrumentalisiert sie zugleich für die Vermittlung eines Orientierungswissens, das für sein Publikum am Münchner Hof Albrechts IV. Relevanz besitzt
Erzählen des Unwahrscheinlichen und wahrscheinliches Erzählen im mittelhochdeutschen Märe
Der Aufsatz erprobt das Zusammenspiel zweier Begriffe von Wahrscheinlichkeit in einer narratologischen Analyse. Mären weisen sehr oft unwahrscheinliche Plots auf, die jeder Alltagserfahrung widersprechen. Allerdings erzählen sie das Unwahrscheinliche oft auf eine Art und Weise, die es als wahrscheinlich erscheinen lässt. Diese Erzählweise – so meine These – steht im Zusammenhang mit der begrenzten Länge von Mären und befördert Prägnanz einerseits aus der Kürze, erlaubt es aber andererseits auch, Erzählungen von mittlerer Länge prägnant zu halten
Lob der Kürze: Zur theoretischen Verortung mittelalterlicher Kurzerzählungen zwischen Aristoteles und Cassirer. Mit einer Beispielanalyse der Fabel ›Befreite Schlange, Mann und Fuchs‹ (AaTh 155)
Der Aufsatz skizziert drei Forschungsperspektiven auf mittelalterliche Kurzerzählungen und fragt jeweils nach der Anschlussfähigkeit dieser Perspektiven zu den vorgeschlagenen Prägnanz-Zugängen. Texttypologische, pragmatisch-rhetorische und symbolbasierte Forschungsansätze entwerfen vor dem Hintergrund verschiedener theoretischer Prämissen je unterschiedliche Instrumentarien der Analyse von Kurzerzählungen. Diese werden im Aufsatz nicht nur erörtert, sondern auch anschließend in einer Fallstudie zur Anwendung gebracht: Die Fabel ›Befreite Schlange, Mann und Fuchs‹ wird drei Mal – je aus unterschiedlicher Forschungsperspektive und je mit Einbindung des Prägnanz-Konzepts – analysiert, so dass die anfangs abstrakt beschriebenen Forschungsansätze auch konkret veranschaulicht werden
Nüsse und Hasenbraten. Prägnante Dinge in Mären
Das ›Dingsymbol‹ ist novellentheoretisch längst unter Druck geraten. Dennoch sollte man nicht mit einer engstirnig ausgelegten ›Falkentheorie‹ zugleich die Prototypik der entsprechenden Novelle Boccaccios in Abrede stellen. An zwei mittelhochdeutschen Mären (›Ritter mit den Nüssen‹, ›Hasenbraten‹), die mit Dec. V,9 die Überblendung von Alimentärem und Sexuellem gemeinsam haben, wird bezogen auf die Frage nach der Prägnanz der Texte dafür argumentiert, dass das intellektuelle Vergnügen an der durch die Textur angestoßenen Sinnauffächerung prinzipiell die Fokussierung auf die in den Mären zentral gesetzten Dinge voraussetzt. Das erste der Mären wird als Musterfall von Prägnanz profiliert, das zweite als Grenzfall
Prägnante Kombinatorik. Zum semantischen Potential der Textarrangements in kleinepischen Sammelhandschriften am Beispiel von ›Der Sperber‹
Die anonym überlieferte Versnovelle ›Der Sperber‹ ist wie viele kleinepische Dichtungen in unterschiedlichen Überlieferungskonstellationen tradiert. Der Beitrag geht der Frage nach, ob in den verschiedenen Textarrangements Verfahren einer gezielten Kombinatorik fassbar sind, die auf eine semantische Interaktion des ›Sperber‹ mit seiner Mitüberlieferung abzielen. Anhand von drei Überlieferungsbeispielen wird exemplarisch ausgeleuchtet, wie die spezifischen Semantiken dieser Versnovelle in der Konnexion mit verschiedenen anderen Dichtungen produktiv gemacht und Momente textübergreifender Sinnstiftung generiert werden. Mit der Möglichkeit der prägnanten Kombinatorik von Texten als einer weiteren Ebene literarischer Bedeutungsproduktion wird die Signifikanz der kompilierenden Tätigkeit fassbar, die im Kontext der Sammelüberlieferung kleinepischer Texte von besonderer Bedeutung ist
Gebrochene Reihen: Narratologie, Erwartungshorizonte und Stoffgeschichte
Ein Kommentar zu den Beiträgen des Themenheftes.  
Narrator, Fiction, Focalisation: Three controversial disputed topics in Historical Narratology
1.1 Eine frühe Abbildung Wolframs von Eschenbach in der ‚Großen Bilderhandschrift‘ des ‚Willehalm‘ 1.2 Exkurs: Probleme des Erzählerbegriffs 1.3 Zur Historisierung des Erzählerbegriffs am Beispiel von Wolframs ‚Willehalm‘ und der ‚Willehalm‘-Illustrationen in der ‚Großen Bilderhandschrift‘ 1.4 Methodische Prinzipien bei der Historisierung des Erzählerbegriffs
2.1 Fiktion: Sprachanalytische Präliminarien (Fiktivität und Erfundenheit) 2.2 Fiktionalität (Fiktionsstatus) als Form der Geltung im Literaturbetrieb 2.3 Bezugnahmen auf die Vergangenheit aus Erzählungen ohne Fiktionsrahmen und in Erzählungen mit Fiktionsrahmen 2.4 Strittige Merkmale narrativer Fiktionen in der mittelalterlichen Literatur 2.5 Faktizitätsgeltung im Mittelalter – der Fall der Heldendichtung (mit einem Postskript)
3.1 Fokalisierung: Zugrundeliegende narrative Verfahren 3.2 Genettes Fokalisierungsbegriff im erzähltheoretischen Kontext und seine Historisierung 3.3 Gert Hübners Versuch einer Anpassung des Fokalisierungsbegriffs: Diskussion zweier Textbeispiele aus dem ‚Tristan‘ und den ‚Buddenbrooks‘ mit einigen Schlussfolgerunge
Narrativik und Narratologie: Zur diskursiven Verschränkung zweier Ambitionen der historischen Erzählforschung
Eine Respondenz zu Sonja Glauch: Zum Problem des unzuverlässigen Erzählers im Mittelalter
Kleine Blütenlese zu historischen und systematischen Gesichtspunkten unwahrscheinlichen und wahrscheinlichen Erzählens
Der Aufsatz sucht das Feld von für die Dichtung relevanten Wahrscheinlichkeitsbegriffen zu sondieren. Unterschieden werden Was- (bzw. Plot-)Wahrscheinlichkeit und Wie-Wahrscheinlichkeit. Was-Wahrscheinlichkeit lässt sich im Prinzip numerisch erfassen. Auf Wie-Wahrscheinlichkeit richten sich Forderungen schon in Aristoteles‘ ›Poetik‹, wonach die Rezeptionswirkung einer Tragödie nicht beeinträchtigt werden sollte. Auch die antike Rhetorik schreibt die Einhaltung der Wahrscheinlichkeit im Zuge einer rhetorisch versierten Darstellung vor. Bestimmte Gattungen der Dichtung bleiben allerdings bis heute um solche Forderungen und Vorschriften unbekümmert. Wenn Dichtung offensiv auf bloß vorgestellte fiktive Szenarien umschaltet und zur Fiktion wird, beschränkt dies die Rolle der Zeit: Wahrscheinlichkeit gewinnt die atemporale Form einer Abbildrelation