Beiträge zur mediävistischen Erzählforschung (BmE)
Not a member yet
256 research outputs found
Sort by
Dilatatio materiae? Heldensage latein im ›Waltharius‹
Die germanistische Forschung zum Wiedererzählen konzentriert sich seit einigen Jahrzehnten intensiv darauf, wie Stoffe aus ganz verschiedenen Zusammenhängen – nicht selten herstammend aus dem französischen Romanerzählen des 12. Jahrhunderts – in (mittelhoch-)deutsche Sprache gebracht werden. Ungleich seltener hat man sich damit befasst, wie das Wiedererzählen im ›benachbarten‹ lateinischen Bereich funktioniert, noch seltener damit, was geschieht, wenn dort genuin ›volkssprachliche‹ Stoffe verarbeitet werden. Diese Forschungslücke – am Beispiel des ›Waltharius‹ – ein Stück weit zu füllen, ist das Anliegen dieses Beitrags. Im Vergleich dieses spezifischen Modus eines lateinischen Wiedererzählens mit dem ›deutschen‹ Wiedererzählen vor allem des 12. und 13. Jahrhunderts treten die Charakteristika sowohl des lateinischen als auch des deutschen Wiedererzählens umso deutlicher hervor. Poetische Bereiche, die im Folgenden bedacht werden, sind in Anlehnung an die lateinischen Poetiken des Hochmittelalters sowie an den bisherigen Forschungsdiskurs zum Wiedererzählen: Stil und Ornat, Deskription und Digression sowie Probleme der Handlungslogik
Sujets et savoirs en mouvement. Variations sur le ‹Roman de la Rose› dans la littérature allégorique italienne à la fin du XIIIe siècle (‹Il Fiore›/‹L’Intelligenza›)
Der Beitrag untersucht zwei Beispiele für die frühe Rezeption des ›Roman de la Rose‹ in Italien. In ›Il Fiore‹ (um 1285/1295) werden die zentralen Handlungssequenzen des französischen Vorbilds in 232 Sonetten wiedergegeben. Mit ihren Lücken und Sprüngen untergräbt die lyrische Form jegliche narrative Kohärenz und Kohäsion; wie bei Guillaume de Lorris und Jean de Meun wird auf diese Weise ein instabiles, dynamisches ›Ich‹ in Szene gesetzt. In ›L’Intelligenza‹ (um 1300) erscheint der Erzähler-Sprecher von Anfang an durchlässig – ein mobiler Standpunkt, der von der Vielfalt der Welt durchquert wird und deshalb fast gänzlich verschwindet. In allen drei Texten lässt sich subjektives Wissen nicht in einem einheitlich gestalteten, linear organisierten Schema abbilden. Weil es sich durch seine Bindung an ein ›Ich‹ permanent neu konfiguriert, bedarf dieses Wissen einer besonderen, gleichermaßen narrativen und nicht-narrativen Form, die offen, vielfältig und beweglich ist.This article examines two examples of the early reception of the Roman de la Rose in Italy. In Il Fiore (ca. 1285-1295), the core plot sequences from the earlier French text are echoed in 232 sonnets. With its omissions and leaps, the lyrical form undermines any kind of narrative coherence and cohesion; as in the work of Guillaume de Lorris and Jean de Meun, this creates an instable, dynamic “I.” In L’Intelligenza (ca. 1300), the narrator-speaker appears from the beginning to be permeable – a mobile point of view which is threaded through with the world’s diversity and thus disappears almost entirely. In all three texts, subjective knowledge cannot be depicted in the form of a uniformly shaped and linear diagram. Because it is continuously being reconfigured due to its connection to an “I,” this knowledge requires a special form which is simultaneously narrative and non-narrative, one which is open-ended, diverse, and flexible
Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte? Der Erzähler als Teil ritterlicher Zweikämpfe im ›Parzival‹ Wolframs von Eschenbach
Zweikämpfe sind ihrem Wesen nach duale Phänomene. Literarische Zweikämpfe können der phänomenologischen Struktur streng folgen und ihrer hermetischen Dualität eine entsprechende Textgestalt geben. Chrétien de Troyes erzählt auf diese Weise die Zweikämpfe seines Helden im ›Conte du Graal‹. Den Zwängen der Realität enthoben, lassen sich literarische Zweikämpfe aber auch anders erzählen. So dichtet Wolfram von Eschenbach den Erzähler teilweise mit einer Intensität in das Kampfgeschehen hinein, dass man sich zuweilen fragt: Sind die Zweikämpfe im ›Parzival‹ eigentlich noch Zweikämpfe? Der Spur des Erzählers als Drittem im Zweikampfverbund zu folgen, ist Anliegen des Beitrags
›ez was guot leben wænlîch hie‹: ›Iwein‹ und Laudine im Widerspruch
Hartmanns von Aue ›Iwein‹ erzählt eine Geschichte, die, wie sein Vorgänger ›Erec‹, den Weg des Protagonisten von einer Verfehlung über eine Krise bis zur endgültigen Rehabilitierung (und somit zum Happyend) schildert. Dass es eben zu keinem glatten Happyend kommen kann, zeigt sich vor allem in der Gestaltung der Quellenkönigin Laudine. Diese Figur entpuppt sich als eine selbstverantwortliche, rationale Herrscherin, deren mimetische Ausfaltung den Anforderungen ihrer thematischen Rolle widerspricht. Zwischen ihr und Iwein entwickelt sich ein instabiles Verhältnis, welches nicht auf gegenseitiger minne, sondern vor allem auf Missverständnissen beruht. Die Figur Laudine erweist sich nach einer detaillierten Betrachtung nicht nur als in sich widersprüchlich, sondern ihre Konzeption wirft auch wichtige poetologische Fragen auf. Im vorliegenden Beitrag – einer Skizze im Vorgriff auf meine Dissertation – wird ein Versuch unternommen, Laudine als Figur zu beschreiben und festzustellen, wodurch genau ihre Gestaltung von Hartmanns Vorlage abweicht und welche poetologischen Konsequenzen im Hinblick auf widersprüchliche Figurengestaltung dies mit sich zieht
Herrschaft und Macht im Widerspruch. Problematische Könige im ›Nibelungenlied‹
Am Beispiel Gunthers, Siegfrieds, Dietrichs von Bern und Etzels im ›Nibelungenlied‹ untersucht der Vortrag Widersprüche zwischen Königsrang und tatsächlicher Handlungsmacht, zwischen Herrscherhandeln und Herrschaftsdiskurs. Sie verweisen auf die gattungstypische Selbstdarstellung des Kriegeradels in der Heldenepik und auf den Primat von Stoffgeschichte und Finalität der Handlung gegenüber der insofern nur ›nachgeordnet‹ widersprüchlichen Figurenkonstitution, aber auch auf Verschiebungen im Herrschaftsdiskurs
Siegfrieds Weg ins 18. Jahrhundert. Zur Genese einer gebrochenen Biographie besonders am Beispiel von Christian Wilhelm Kindleben: ›Der gehörnte Siegfried. Ein Volksroman‹ (1783)
Der Beitrag zeigt, dass die Geschichte des Nibelungenstoffes als Geschichte einer Reaktion auf Widersprüche der Sagentradition zu lesen ist. Dabei werden die alten mære durch Kombination und/oder Modifikation in verschiedensten Kontexten lesbar gemacht. Ein solcher Prozess macht Widersprüche der Texte, wie sie schon das ›Nibelungenlied‹ prägen, sichtbar und zeigt, dass diese nicht nur als textinterne Erscheinungen auftreten, sondern auch als diachrone Rezeptionsspuren. Besonderes Augenmerk gilt dabei Christian Wilhelm Kindlebens ›Volksroman‹ vom gehörnten Siegfried, der als eines der letzten polemisierendes Rezeptionszeugnisse der Nibelungensage in der Aufklärung gelesen wird, bevor nach 1800 die romantische Nibelungentradition das Bild verändert. Der Volksroman modelliert die Widersprüchlichkeiten der Sage auch zu einem Medium der Kritik an einer Aufklärungspädagogik, von der sich Kindleben zynisch abwendet
Gott als widersprüchliche Figur in Hartmanns von Aue ›Erec‹ und Gottfrieds von Straßburg ›Tristan‹
Die These des Beitrags lautet: Wenn in weltlichen Erzähltexten auktorial bestätigte göttliche Interventionen den Handlungsverlauf bestimmen, kann dies in letzter Konsequenz zu einer Depotenzierung Gottes führen; Gott wird dann nämlich als Figur im Verfügungsbereich des Autors wahrnehmbar und von den Widersprüchen der Diegese affiziert. Der Beitrag zeigt zunächst, wie Hartmann von Aue im ›Erec‹ gegen das säkulare Erzählkonzept Chrétiens Gott als Akteur re-etabliert; scheinbare Widersprüche im göttlichen Handeln lösen sich bei Hartmann auf, so dass sich das Bild eines letztlich ›höfischen Gottes‹ ergibt. An Gottfrieds ›Tristan‹ lässt sich jedoch zeigen, wie eine solche Inanspruchnahme Gottes als Akteur prekär wird, wenn die ungelösten Widersprüche der höfischen Welt thematisch werden. In dieser Perspektive ist das Gottesurteil im ›Tristan‹ metapoetische Dekonstruktion eines Erzählmodells, das mit göttlichen Interventionen arbeitet und dazu führt, dass Gott zu einer widersprüchlichen Figur wird
Bricolage. Textiles Erzählen im ›Grauen Rock‹
Der ›Graue Rock‹ wird in der Forschung gelegentlich ebenso beiläufig wie abwertend als bricolage bezeichnet. Im vorliegenden Aufsatz wird das in Lévi-Strauss’ ›La pensée sauvage‹ entwickelte Konzept auf seine narratologische Anschlussfähigkeit hin befragt und in einer Modellanalyse einiger Passagen des ›Grauen Rock‹ (Prolog, Erzählbeginn, erster Riesenkampf) produktiv zu machen versucht. Hierbei steht die Wiederholungs- respektive Blätterstruktur der Erzählung ebenso wie deren Intertextualität im Fokus. Abschließend sollen Thesen zur Poetik der spätmittelalterlichen Dingerzählung vom Grauen Rock aufgestellt werden
Discourse, Character, and Time in Premodern Japanese Narrative. An Introduction
This special issue comprises eight studies that deal with Japanese narratives from the tenth to the fifteenth century, including theater and painting, from a narratological point of view, revolving around discourse, character, and time. While narratology provides useful tools for analysis, some theories need to be revised in order to apply to Japanese texts. The papers in this volume contain several such proposals, but their focus lies first and foremost on examining characteristics of premodern Japanese narrative, which—compared to Western (medieval) literature—stands out through its elusive qualities. The special issue is equally aimed at an audience with a background in Japanese Studies and at scholars who take an interest in diachronic and intercultural narratology.This special issue comprises eight studies that deal with Japanese narratives from the tenth to the fifteenth century, including theater and painting, from a narratological point of view, revolving around discourse, character, and time. While narratology provides useful tools for analysis, some theories need to be revised in order to apply to Japanese texts. The papers in this volume contain several such proposals, but their focus lies first and foremost on examining characteristics of premodern Japanese narrative, which—compared to Western (medieval) literature—stands out through its elusive qualities. The special issue is equally aimed at an audience with a background in Japanese Studies and at scholars who take an interest in diachronic and intercultural narratology
Die Destruktion der Wunderzeit in Hieronymus Rauschers ›Papistischen Lügen‹ (1562)
An repräsentativen Fallbeispielen aus den ›Papistischen Lügen‹ wird aufgezeigt, wie der protestantische Theologe Hieronymus Rauscher die Zeitvorstellungen (spät)mittelalterlicher Legenden- und Mirakelerzählungen in polemisch-rationaler Manier kommentiert. Dies geschieht ausschließlich in den Paratexten (Randglossen und ›Erinnerungen‹) seines Werks, wo Rauscher an einer linearen ›Handlungszeit‹ ausgerichtete Maßstäbe von Plausibilität und Wahrscheinlichkeit an die erzählte Zeit der von ihm ausgewählten Wunder ansetzt. Durch ihre eigentümliche Kritik an der ›Wunderzeit‹ distanzieren sich die weithin rezipierten ›Papistischen Lügen‹ nicht nur vom Wunderglauben der Katholiken, sondern zugleich auch von einer vormodernen Erzählweise