Beiträge zur mediävistischen Erzählforschung (BmE)
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Jenseits des Diesseits. Narration und Narrativierung von Zeit(enthobenheit) in der lateinischen und deutschen Tradition des Brandanstoffs sowie im ›Mönch Felix‹
Der Beitrag geht der Frage nach, wie die differenten Zeitvorstellungen von Diesseits und Jenseits in der lateinischen ›Navigatio sancti Brendani abbatis‹ und deren deutschen Übersetzungen sowie im ›Mönch Felix‹ erzählt werden. Textübergreifend werden intra- wie extradiegetische ›Rahmenüberschreitungen‹ bewusst eingesetzt, um Übergänge zwischen Raum-Zeit-Kontinuen darzustellen. Innerhalb der Erzählwelt kommen Anomalien zum Tragen, die sich zum Teil auch auf die Welt der Rezipierenden erstrecken. Diese Transgressionen kommen einerseits durch das lateinische Tempussystem (›Navigatio‹) zustande, andererseits durch aktualisierende Umarbeitungen, die das Geschehen in einem ganz bestimmten Kloster verortet wissen wollen (›Mönch Felix‹)
durliuhtic als ein glasevaz. Durchlässiges Erzählen in Konrads Legenden
Der Beitrag untersucht, wie Konrad seine Legenden punktuell gestaltet und mit diesen Gestaltungen sein Erzählen als durchlässig ausstellt. Das wird zuerst an einer prominent eingesetzten Lichtmetaphorik gezeigt: durliuhtic bedeutet eine Durchsichtigkeit auf etwas Dahinterliegendes ebenso wie ein eigenes Leuchten und verschränkt so den hermeneutischen und den ästhetischen Anspruch des Erzählten in der Bildsprache. Diese Lichtdurchlässigkeit wird bei Alexius’ totem Körper narrativ tragend, doch auch die anderen Legenden operieren mit einer Metaphorik räumlich-körperlicher Tiefe, die eine Durchlässigkeit der Figuren für das Göttliche inszenieren. Abschließend wird eine Selbstreflexion des Erzählers aufgegriffen, der zwischen dem rhetorischen Aufwand des Lobes einerseits und dem Erzählen der für sich selbst sprechenden Taten andererseits changiert und damit das Bemühen explizit macht, das eigene Sprechen auf die Rede und das Handeln des Heiligen hin durchlässig zu machen
Zeichenhafte Überlegenheit. Zur Transgressivität des Stierwunders in der ›Silvesterlegende‹ Konrads von Würzburg
Der Aufsatz befragt das Stierwunder in der ›Silvesterlegende‹ Konrads von Würzburg auf seine Funktion im Glaubensdisput zwischen Christen und Juden. Das Wunder, dessen Kraft sich über sein zeitrahmenüberschreitendes Potenzial begründet, vermag nicht nur christliche Überlegenheit in der erzählten Welt auszustellen, sondern erweist sich auch als offen für eine lebensweltliche, politische Inanspruchnahme. Die Heiligenlegende, die so in nicht unproblematischer Weise zum epochengeschichtlichen Glaubenskonflikt Stellung zu beziehen vermag, rückt damit in engere Beziehung zu ›klassischen‹ Kreuzzugsepen, als es die Gattung qua Definition vermuten ließe
durliuhtec und dursihtec / was sîn küneclicher prîs. Überlegungen zum Erzählverfahren der Akkumulierung und Überbietung im ›Turnier von Nantes‹
Der Beitrag widmet sich der literarischen ›Verfasstheit‹ des idealen Ritters im ›Turnier von Nantes‹. ›Verfasstheit‹ meint hierbei die Kombination des ›Was‹ der Erzählung mit dem ›Wie‹ des Erzählens in Bezug auf eine Figur. Ziel des Beitrages ist es, offen zu legen, wie sich diese Verfasstheit im ›Turnier von Nantes‹ durch Akkumulierung und Überbietung sowohl auf der Ebene der geschilderten Elemente ritterlicher Sachkultur als auch in der literarischen Gemachtheit durch bildliche Beschreibung in Metaphern und Vergleichen zwischen Natur und Kultur sowie zwischen Zerstörung und Produktion auszeichnet
Special Issue 9: ZeitRahmenÜberschreitungen im vormodernen Erzählen: Ed. by Amelie Bendheim and Martin Sebastian Hammer
Das Themenheft verortet sich im Schnittfeld dreier Diskurse mediävistischer Erzählforschung, indem es nach Interdependenzen von ›Zeit‹, ›Rahmen‹ und ›Überschreitung‹ fragt. In den Blick treten u. a. Reibungen zwischen konkurrierenden Modellen erzählter Zeit sowie Kurzschlüsse von Erzählzeit und erzählter Zeit, die jeweils zuvor etablierte Rahmungen zu transgredieren vermögen. Die Beiträge widmen sich einer bisher kaum beachteten Metalepse des ›Erec‹, dem Verhältnis von Zeit und Transzendenz im Kyot-Exkurs des ›Parzival‹, der Transgressivität des Stierwunders in Konrads von Würzburg ›Silvester‹, der Narrativierung von Zeit(enthobenheit) in der Brandantradition und im ›Mönch Felix‹, den Trink- und Ratsheischen der Spielmannsepik sowie Formen und Funktionen anachronistischen Erzählens im ›Scotichronicon‹. In der Zusammenschau unterstreichen sie nicht nur die Vielfalt an Zugängen, sondern insbesondere die text- und gattungsübergreifende Relevanz von ›ZeitRahmenÜberschreitungen‹ im vormodernen Erzählen.
Zum Themenheft: https://doi.org/10.25619/BmE_H20214
Auserzählen im Aventiure-Modus. Noch einmal zum ›erniuwen‹ in Konrads von Würzburg ›Trojanerkrieg‹
Zu Konrads im Prolog formuliertem Anspruch eine in Form und Gehalt brillante Meistererzählung über den Trojastoff schaffen zu wollen sowie zu seinem erniuwen-Begriff ist bereits viel gesagt worden. Diese Debatte resümierend wird im Folgenden versucht, an Konrads erniuwen eine weitere Dimension des Wiedererzählens aufzuzeigen. So scheint es nämlich, dass hier an den Generalthemen eines höfischen Epos schlechthin, nämlich minne und strît, die sequenziell erzählt werden und strukturierende, vor allem aber vernetzende Funktionen übernehmen, die Möglichkeit ergriffen wird, Binnenhandlungen oder Einzelepisoden auszuerzählen, um damit gleichzeitig strukturgebend für die Gesamthandlung zu sein
Widersprüchliche Weiblichkeit: Enite und ältere Isolde als Beispiel
Der Beitrag befasst sich mit zwei weiblichen Figuren höfischer Romane – der Enite aus Hartmanns ›Erec‹ und der irischen Königin aus dem ›Tristan‹ Gottfrieds von Straßburg –, ihre Widersprüchlichkeit dabei verstanden als Unvereinbarkeit ihres Handelns und Verhaltens mit bestehenden Rollenvorgaben. Beide Figuren unterlaufen, indem sie ihre intellektuelle und rhetorische Überlegenheit nutzen, um sich aufdringlicher Gegner zu erwehren, den im Roman präsent gehaltenen Weiblichkeitsdiskurs, wenngleich mit unterschiedlicher Stoßrichtung. Bestätigt im Fall der Enite das abweichende Verhalten letztlich doch das vom Erzähler favorisierte Weiblichkeitsideal, korrigiert es im anderen Fall das herkömmliche Konzept nicht zuletzt deshalb, weil sich der Erzähler mit der Ehefrau, Mutter und Königin gegen den Vertreter traditioneller Weiblichkeitsvorstellungen verbündet. Doch auch im Erecroman nimmt das ›andere‹ weibliche Verhalten breiten Raum ein und trägt zur Ausdifferenzierung des Figurenprofils, vielleicht auch zur Neujustierung traditioneller Vorstellungen bei
Monogatari Literature of the Heian Period and Narratology. On the Problem of Grammatical Person and Character
From the 1970s onward, Japanese research on the monogatari literature of the Heian period (794–1185) saw attempts to make use of Western narratology. Most such debates, however, failed to move beyond the mere interpretation of monogatari stories to an analysis of their discourse. In this paper, whose chief concern is precisely such analysis of discourse itself, I examine the problem of (grammatical) ‘person’ within monogatari narratives, showing how these works share in common a tendency to leave the characters of their narratives focused (objectified) only very indistinctly. I argue furthermore that, particularly in the ‘Tale of Genji,’ one can observe an aspiration, buttressed by certain unique features of Japanophone prose, to realize an ‘intersubjective’ relationship between the characters within the story, the narrator, and the reader without.From the 1970s onward, Japanese research on the monogatari literature of the Heian period (794–1185) saw attempts to make use of Western narratology. Most such debates, however, failed to move beyond the mere interpretation of monogatari stories to an analysis of their discourse. In this paper, whose chief concern is precisely such analysis of discourse itself, I examine the problem of (grammatical) ‘person’ within monogatari narratives, showing how these works share in common a tendency to leave the characters of their narratives focused (objectified) only very indistinctly. I argue furthermore that, particularly in the ‘Tale of Genji,’ one can observe an aspiration, buttressed by certain unique features of Japanophone prose, to realize an ‘intersubjective’ relationship between the characters within the story, the narrator, and the reader without
A Young Lady’s Longing for a Lost Past. A Chronotopic Analysis of the Medieval Memoir ‘Utatane’ (‘Fitful Slumbers’)
This article analyzes temporalities in medieval Japanese women’s literature by example of the memoir ‘Utatane’ (‘Fitful Slumbers’) from the thirteenth century. By using time theories as well as parameters of gender narratology, I argue that the description of an unhappy love affair in ‘Utatane’ discloses a conflict between the protagonist’s individual life design (nootemporality) and conventional and gendered life schemes (sociotemporality); the narrative manifests a clash between open and closed time. The literary expression of this conflict serves as a means to address discontent with social structures at the time and to articulate nostalgia, manifesting the work’s overall sense of time that may be defined as ‘self-contemplating time.’ The narrative’s central theme of lost love may be read as a political-erotic allegory for the medieval court aristocracy’s loss of power.This article analyzes temporalities in medieval Japanese women’s literature by example of the memoir ‘Utatane’ (‘Fitful Slumbers’) from the thirteenth century. By using time theories as well as parameters of gender narratology, I argue that the description of an unhappy love affair in ‘Utatane’ discloses a conflict between the protagonist’s individual life design (nootemporality) and conventional and gendered life schemes (sociotemporality); the narrative manifests a clash between open and closed time. The literary expression of this conflict serves as a means to address discontent with social structures at the time and to articulate nostalgia, manifesting the work’s overall sense of time that may be defined as ‘self-contemplating time.’ The narrative’s central theme of lost love may be read as a political-erotic allegory for the medieval court aristocracy’s loss of power
Linguistic Characteristics of Premodern Japanese Narrative. Issues of Narrative Voice and Mood
In order to examine linguistic characteristics of classical and medieval Japanese literature, this article considers two categories that Gérard Genette defined in his ‘Narrative Discourse’: voice and mood. First, the specific ways in which narratorial presence is created in premodern Japanese texts and how they relate to grammatical person are discussed. Subsequently, the paper scrutinizes the status of the narrator(s) of ‘The Tale of Genji’ and other narratives, who are neither fully heterodiegetic nor homodiegetic, not only due to linguistic conventions but also because of premodern conceptions of literature. The section on mood is divided into perspective and distance. It is shown how ‘internal’ focalization is constituted in Japanese narrative, and what problems are raised by the distinction between voice and perspective. Finally, the definition of distance is reconsidered through the analysis of Japanese texts, leading to a conclusion that coincides with theoretical observations, and to the realization that in Japanese narrative distance can hardly be determined by speech representation.In order to examine linguistic characteristics of classical and medieval Japanese literature, this article considers two categories that Gérard Genette defined in his ‘Narrative Discourse’: voice and mood. First, the specific ways in which narratorial presence is created in premodern Japanese texts and how they relate to grammatical person are discussed. Subsequently, the paper scrutinizes the status of the narrator(s) of ‘The Tale of Genji’ and other narratives, who are neither fully heterodiegetic nor homodiegetic, not only due to linguistic conventions but also because of premodern conceptions of literature. The section on mood is divided into perspective and distance. It is shown how ‘internal’ focalization is constituted in Japanese narrative, and what problems are raised by the distinction between voice and perspective. Finally, the definition of distance is reconsidered through the analysis of Japanese texts, leading to a conclusion that coincides with theoretical observations, and to the realization that in Japanese narrative distance can hardly be determined by speech representation