Beiträge zur mediävistischen Erzählforschung (BmE)
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Themenheft 13: Remetaphorisierungen. Der Heilige Geist in der deutschen Literatur des Mittelalters : von Anja Becker
Die Monographie präsentiert und analysiert erstmals die deutsche Heilig-Geist-Literatur von den Anfängen der Überlieferung bis zum Beginn des 16. Jahrhunderts in gattungsübergreifender Form (bibelepische Erzählungen, Traktate/Predigten, Lieder/Gebete) und mit Hilfe neuerer Metapherntheorien. Die (literarische) Rede vom und zum Heiligen Geist basiert auf einem überschaubaren Kern kognitiver Leitmetaphern, die in konkreten sprachlich-rhetorischen Vollzügen auf verschiedenste Weise wiedergebraucht, ›remetaphorisiert‹, werden, wodurch kreative semantische sowie auf die Lebenswelt der Rezipierenden durchschlagende performative Effekte erzielt werden können. Mit ›Remetaphorisierung‹ ist zudem ein zentrales produktionsästhetisches Verfahren vormoderner geistlicher Literatur gefasst, das sich mit anderen Textherstellungsverfahren eng verbindet (als ›remetaphorisierendes Wiedererzählen‹ in narrativen, als ›remetaphorisierendes Allegorisieren‹ in appellativen Texten und als ›remetaphorisierendes Übersetzen‹ invokativer Texte).
Zum Themenheft: https://doi.org/10.25619/BmE_H2022
WechselS/Zeitigkeiten. Reziprozität, Episode und Eskalation im ›Mückenkrieg‹
Der Beitrag untersucht anhand von Hans Christoph Fuchs’ Tierepos ›Der Mückenkrieg‹ (1600) den Konflikt zwischen der Verabredung zum Krieg und seiner Einschreibung in eine Naturordnung, die als unveränderlich verstanden wird, daher Legitimation leiht und keiner Kodifikation bedarf. Im Zentrum dieser Verhandlungen stehen das Kriegsmodell der Rachetat und die Poetik des Exempels, die in einer Struktur temporaler Wechselseitigkeit korrelieren: Das Herrschaftshandeln liegt in der Setzung eines krisenhaften Moments, in dem Einst und Jetzt einander zugeordnet werden. Dieser Zeitordnung ist eine Logik der Eskalation eingeschrieben, die sich narratologisch als Episodenstruktur erfassen lässt
Digitale Methoden der Textanalyse für die Altgermanistik
Der Beitrag gibt einen Einblick in einige Methoden der digitalen Textanalyse (Frequenzanalyse, Principal Component Analysis, Lexical Diversity und Topic Modeling), situiert diese in der Theoriediskussion der Digital Humanities und erprobt ihre Anwendung auf mittelhochdeutsche Literatur anhand eines Minnesangkorpus. Zum einem sollen dabei spezifische Herausforderungen herausgestellt werden, die sich bei der Anwendung digitaler Analysemethoden auf mittelhochdeutsche Texte bieten. Zum anderen plädiert der Beitrag dafür, die Methoden in einem multiperspektivischen Zugang zu nutzen, der das Spektrum von der digitalen Makro- bis zur qualitativen Detailanalyse umfasst
triuwe erzählen. Zur Thematik von Konrads von Würzburg ›Herzmäre‹ im Cpg 341 und Cgm 714
Der Beitrag arbeitet heraus, dass Konrads ›Herzmäre‹ in bestimmten Versionen maßgeblich durch die Thematik der triuwe geprägt ist. Dazu werden Überlegungen zur Ebene des Inhalts bzw. der histoire mit überlieferungsspezifischen Beobachtungen zur Para- und Kotextualität verbunden. Die Grundlage der Untersuchung stellen zwei in Sammelhandschriften überlieferte Fassungen des ›Herzmäre‹ dar. Gezeigt wird, dass diese auf jeweils unterschiedliche Weise von triuwe erzählen. So erprobt der Beitrag in exemplarischer Weise eine Möglichkeit, sich mit ›Konrad von Würzburg als Erzähler‹ unter Berücksichtigung der Dimension der Überlieferung auseinanderzusetzen
daz si niht wizzen umb des leben / der in ze vater ist gegeben. Transzendenter Ursprung und dynastische Genealogie im ›Schwanritter‹
Konrads ›Schwanritter‹ nimmt in der deutschsprachigen Werkreihe zum Schwanritter-Lohengrin-Stoff durch seine Nähe zur altfranzösischen Tradition und die konsequente Ausblendung des genealogischen Wissens eine Sonderstellung ein. Die Identität des Schwanritters wird nicht erhellt, jedoch anhand der Perspektivierung des Erzählten durch einen immanenten Ort als der Transzendenz zugehörig modelliert. Daraus entsteht das Legitimationspotential für die künftige Schwanrittergenealogie trotz des fehlenden genealogischen Wissens bzw. gerade wegen des numinosen Ursprungs, was sich im Gegenwartsbezug in der Deszendenz artikuliert. Zur finalen Motivierung des Mahrtenehe-Schemas, das die Handlungsstruktur prägt, tritt in Konrads Gestaltung der Handlungsbausteine der Sage die kausal-psychologische Motivierung hinzu. In einem Vergleich des ›Schwanritters‹ mit dem ›Partonopier‹ sollen Konrads eigentliche und uneigentliche Realisierung des Mahrtenehe-Schemas nebeneinander betrachtet werden
Glanz und Gewürm. Konrads Inszenierung einer komplexen Frauengestalt in ›Der Welt Lohn‹
Während der Lektüre von Liebesgeschichten erscheint einem Ritter eine rätselhaft-reizvolle Unbekannte, die sich, ihre schreckliche Kehrseite preisgebend, als Frau Welt entpuppt und zum Nachdenken über den Lohn der Welt anregt. Konrad von Würzburg bedient sich in seinem Text des bekannten Sujets des contemptus mundi – auf welche innovative (Erzähl-)Weise er dies tut, möchten wir in unserem Beitrag aufzeigen. Dabei richten wir unser besonderes Augenmerk auf Konrads Konzeption der Welt-Allegorie, aber auch auf die Konstruktion von Geschlechterrollen und den male gaze sowie auf die Gattungsproblematik. Ebenso wie Frau Welt offenbart auch Konrads Dichtung eine Hybridität, deren Facetten es zu entschlüsseln gilt
Konrad als Erzähler: Aspekte zu ›Partonopier und Meliur‹
Der Beitrag beschäftigt sich mit der Erzählinstanz und ihrem Verhältnis zum Autor wie auch zu den handelnden Figuren in Konrads von Würzburg ›Partonopier und Meliur‹. Er fokussiert dabei zum einen die Art und Weise, in der der Erzähler im Prolog Auftraggeber, Übersetzer und Gönner anspricht. Er verdeutlicht auf diese Weise, in welchem Ausmaß es sich bei diesem Roman um ein Gemeinschaftswerk handelt, das sein Entstehen und seine Gestalt einem ganz spezifischen Zusammenspiel des Basler städtischen Literaturbetriebs verdankt. Zum anderen zeigt der Artikel, wie die Perspektive des Erzählers auf das Geschehen als unterschieden von dem der Figuren inszeniert wird. Der Autor setzt dazu die sich im Verlauf der Handlung vermindernde Diskrepanz dazu ein, den Eindruck einer Entwicklung des Protagonisten zu zunehmender Selbständigkeit zu verstärken
›Konsonantes‹, ›dissonantes‹ und perspektivisches Erzählen. Medeas Hilfe für Jason (›Trojanerkrieg‹)
Der von Genette eingeführte Begriff der Fokalisierung (focalisation) bedarf in Historischer Narratologie der Differenzierung. Die Verteilung des Erzählvorgangs auf mehrere Instanzen (Erzähler, Figuren) kann sehr viele verschiedene Funktionen haben und ist noch keine hinreichende Bedingung perspektivischen Erzählens. Perspektivisches Erzählen sollte den Formen der Fokalisierung vorbehalten sein, in denen verschiedene Erzählerstandpunkte gleichberechtigt und ohne Hierarchisierung nebeneinander stehen. Der Artikel untersucht an höfischen Romanen Formen der Fokalisierung, die allesamt nur Ansätze zu perspektivischem Erzählens haben. Am weitesten geht Konrad von Würzburg, der Erzählerstandpunkt und Figurenstandpunkt dissonant und, ohne sie aufeinander zu beziehen, nebeneinander stehen lässt
Auf der Suche nach dem Ende. Strategien des Anerzählens gegen den narrativen Sinn in der Vita Adelheits von Freiburg
Das Ende ist für den Sinnbildungsprozess narrativer Texte von entscheidender Bedeutung. Als Basiselement einer Geschichte sichert es die Narrativität des Textganzen ab. Durch seine Position innerhalb einer Erzählung kommt ihm zudem eine evaluierende Funktion zu. Ausgehend von narratologischen Überlegungen zu Formen und Funktionen des narrativen Endes möchte der Beitrag den Blick auf Textschluss und Handlungsende in der Vita Adelheits von Freiburg richten. Schluss und Ende fallen hier nicht in eins. Die Suche nach dem Ende führt vielmehr in die Mitte des Textes, das Geschehen danach scheint sodann in einer Gegenbewegung an der Auflösung der narrativen Strukturen zu arbeiten. Welche Konsequenzen diese Positionierung des Endes sowie die Überlagerung von narrativierenden und ent-narrativierenden Strategien für die Sinnproduktion des Textes hat, soll im Folgenden diskutiert werden
›man wolle dan dem leser eins drincken geben‹. Zu Trink- und Ratsheischen als narrativen Kontakträumen und ihrem Überlieferungsstatus in der Spielmannsepik
In den Trinkheischen der Spielmannsepen ›Salman und Morolf‹, ›Münchner Oswald‹, ›Orendel‹ und ›Herzog Ernst‹ G wurde bisher entweder die Manifestation der historischen oralen Vortragssituation oder deren stilistisch wirksame Nachbildung gesehen. Das vorliegende Experiment setzt dem eine alternative Lesart entgegen, indem es, ausgehend vom Überlieferungsbefund, nach der textinternen Funktionalisierung verschiedener Heischetypen fragt. Erst auf diesem Weg zeigt sich, dass Trink- und Ratsheischen den Rahmen für die konzentrierte Inszenierung verschiedener Kontaktphänomene darstellen: Sie eröffnen Räume, in denen differente zeitliche Ebenen in Berührung kommen und narrative Instanzen ihre Autoritätsansprüche aushandeln