Beiträge zur mediävistischen Erzählforschung (BmE)
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Digitale Infrastruktur und Forschungsdatenmanagement
Seit 2020 wird in Deutschland mit einer Bund-Länder-Förderung die Nationale Forschungsdateninfrastruktur (NFDI) aufgebaut. Sie hat zum Ziel, Datenbestände aller Wissenschaftsbereiche entlang der FAIR-Prinzipien und ohne Disziplinen- und Ländergrenzen zu erschließen und langfristig zu sichern. Der Beitrag stellt das NFDI-Konsortium Text+ vor, das die digitale Infrastruktur und das Forschungsdatenmanagement für Sprach- und Textdaten organisiert. Hierbei liegt der Fokus zum einen auf Anwendungsbeispielen aus der Mediävistik, zum anderen auf den Möglichkeiten der Beteiligung der Fachcommunity, der zukünftigen Weiterentwicklung sowie den bereits artikulierten konkreten Bedarfen
E. Literaturverzeichnis: Kapitel aus: Remetaphorisierungen. Der Heilige Geist in der deutschen Literatur des Mittelalters
 
Tierepische Herrschaftskrisen. Füchsische Bedrohungen der politischen Ordnung im ›Roman de Renart‹, im ›Reinhart Fuchs‹ und bei Philipp von Novara
Ausgehend von Überlegungen zur Poetik der Fabel und des Tierepos richtet der Beitrag seinen Fokus auf die Inszenierung von Herrschaftskrisen, in denen die Herrschernatur des Löwen mit unterschiedlichen Konsequenzen ›entgründet‹ wird. Die komplexen Möglichkeiten tierepischen Erzählens, interne Risiken der politischen Ordnung zu imaginieren und dabei besonders die Ambivalenz eines ›füchsischen‹, pragmatisch klugen Handelns auszuloten, werden an einer branche des ›Roman de Renart‹ und am ›Reinhart Fuchs‹ rekonstruiert, bevor sich der Beitrag einer Adaptation des ›Roman de Renart‹ zuwendet, die Philipp von Novara in seinen chronikalen Bericht über den 1229 ausbrechenden Konflikt zwischen Kaiser Friedrich II. und der adligen Führungsschicht des Kreuzfahrerstaats Zypern einfügt
Stilfiguren aus der Distanz gelesen. Zur automatischen Detektion von Wortstellungsfiguren und deren Nutzen für die qualitative Analyse
Im Projekt ›Anomaly-based large-scale analysis of style and genre reflected in the use of stylistic devices in medieval literature‹ befragen wir mittelhochdeutsche Texte der Trois Matières danach, welche Aussagen zu Textähnlichkeiten sich aufgrund des Gebrauchs von Stilmitteln der Wortstellung, wie etwa Parallelismus und Chiasmus, sowie der Tropen, wie etwa der Metapher, treffen lassen. Der hier vorliegende Artikel stellt die aktuellen Ergebnisse unserer bisherigen Parallelismus- und Chiasmusdetektion in 30 mittelhochdeutschen Texten vor. Es wird zu diskutieren sein, ob unsere Ergebnisse eine Korrelation des Stils mit der gemeinhin nach Stoffkreis definierten Gattung bezeugen, ob andere Faktoren wie Verfasserschaft oder Abfassungszeit eine übergeordnete Rolle spielen und ob darüberhinausgehende Aussagen zu den Ähnlichkeitsverhältnissen der Texte getroffen werden können
Vrevel und Nobel. Ein textvergleichender Beitrag zu den Königsfiguren in der deutschen und niederländischen Tierepik
Der Beitrag vergleicht ausschnittweise drei tierepische Texte: den mittelhochdeutschen ›Reinhart Fuchs‹ und die mittelniederländischen Fuchsromanversionen ›Van den vos Reynaerde‹ und ›Reynaerts historie‹. Der komparatistische Ansatz beleuchtet Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Darstellung von Herrschermacht. Das tierepische Erzählen erweist sich dabei als kritischer Diskurs über den Zusammenhang zwischen hierarchischer Ordnung, physischer Kraft, praktischer Klugheit und ethischen Werten
Welche Lebenserwartung haben digitale Editionen?
Der Beitrag unterscheidet zunächst vier Hinsichten, in denen digitale Editionen altern und gegebenenfalls sterben können: 1. Datenträgertechnologien und Laufumgebungen, 2. Kodierungen, Verlinkungen, Metadatenformate, 3. softwaretechnische Aspekte der Präsentationsschicht, 4. Aspekte der Ästhetik und des Bedienungskomforts. Er wendet sich dann einer aktuellen Lösungsperspektive für das Langfristbewahrungsproblem zu, nämlich den im Aufbau befindlichen Forschungsdateninfrastrukturen, und erörtert die Frage, ob digitale Editionen Forschungsdaten sind und inwiefern ihre Dauerhaftigkeit im Rahmen von Initiativen wie Text+ gewährleistet werden könnte. Abschließend nennt der Beitrag vier Optionen, die konkret in den letzten Jahren für die Bewahrung von digitalen Editionen ins Spiel gebracht worden sind. Da es sich bei diesen Ansätzen zum größten Teil um Vorüberlegungen oder (teils gescheiterte) Prototypen handelt, ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht entscheidbar, welcher dieser Wege konkret für jetzt entstehende komplexe, dynamische Editionen dauerhaft(er)en Bestand gewährleisten könnte
Themenheft 11: Die Zeit der sprachbegabten Tiere. Ordnung, Varianz und Geschichtlichkeit (in) der Tierepik : hrsg. von Kathrin Lukaschek, Michael Waltenberger und Maximilian Wick
Die Sprachbegabung der Fabeltiere wurde als Indiz eines fiktionalen Erzählens verstanden, das menschliche Verhältnisse überzeitlich im Spiegel unveränderlicher Tiernatur kenntlich werden lässt. Reden, Denken und Handeln der Figuren des vormodernen Tierepos sind jedoch keineswegs im Sinn eines poetischen a priori säuberlich von der lediglich uneigentlichen Zeichenfunktion ihrer stummen, unvernünftigen Animalität zu scheiden, sondern darauf angelegt, das Vertrauen des Menschen auf eine ihm eigene Rationalität und Handlungsmacht zu verunsichern. Im Formenspektrum der Gattung wie in einzelnen Texten wird diese Verunsicherung produktiv: Die Erwartung normbegründender Unveränderlichkeit der Natur entwickelt sich zum Kontrapunkt von Ordnungsentwürfen mit offener Zeitlichkeit; es zeigen sich Szenarien unbestimmbarer Intentionalität, geschichtlicher Wandelbarkeit und krisenhafter Alternativität.
Zum Themenheft: https://doi.org/10.25619/BmE_H2022