suburban. zeitschrift für kritische stadtforschung
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Widerstand und Infrastrukturen: das Beispiel Energiedemokratie: Kommentar zu Daniela Zupan, Matthias Naumann, Gala Nettelbladt und Kristine Beurskens „Was heißt hier Widerstand? Widerständige Praktiken im Kontext von autoritärem Urbanismus“
Dieser Beitrag diskutiert den Widerstand gegen Infrastrukturen als Ausdruck gesellschaftlicher Konfliktlinien. Aktuell lassen sich viele infrastrukturbezogene Konflikte auf unterschiedliche Positionen zur sozialökologischen Transformation zurückführen. Der Kommentar legt hierbei den Fokus auf den Energiesektor, der lange durch Großunternehmen und enge Beziehungen zu politischer Macht auf verschiedenen Ebenen geprägt war. Trotz der Beständigkeit von Infrastrukturen zeigen Bewegungen für Energiedemokratie Wege auf, Infrastrukturen gesellschaftlich anzueignen. Diese Modelle gehen über rein technische Visionen hinaus und zeigen Möglichkeiten einer dezentralen, gesellschaftlichen Selbstverwaltung auf
Community as commodity : An ethnographic exploration of „Factory Berlin“ as an urban workspace of innovation production
Der Artikel untersucht die „Factory Berlin“ als Ausdruck eines größeren urban-digitalwirtschaftlichen Diskurszusammenhangs sowie als neuen Arbeitsort im städtischen Raum. Anhand qualitativer Interviews und ethnographischer Beobachtungen arbeite ich heraus, wie das Berliner Unternehmen sich als Antwort auf die Anforderung an Unternehmen zur andauernden Produktion von Innovation als Community-Space generiert und die Serviceleistung einer „kuratierten“ Community anpreist. Das einst nicht-ökonomische Feld der Gemeinschaft wird somit einer ökonomisierten Perspektive unterworfen. Die Factory nutzt darüber hinaus das Image Berlins als einer kreativen und digitalaffinen Umgebung, um ihre Marke zu stärken und um ihre Community glaubwürdiger als innovativ präsentieren zu können.The article examines “Factory Berlin” as an expression of larger urban-digital economic discourses and as a new workspace within urban space. Drawing on qualitative interviews and ethnographic observations, I explore how the Berlin-based company answers the problem of innovation by presenting itself as a community space and offering the service of a “curated” community. Thus, the originally non-economic field of community is subjected to an economic view. Moreover, Factory leverages Berlin’s image as a creative and digital-oriented environment to strengthen its brand and to gain more credibility to present its community as innovative
Kritische Geographie in Schwierigkeiten? Reflexionen im Anschluss an Benedikt Korfs „Schwierigkeiten mit der kritischen Geographie“
Die Kritische Geographie erfuhr im deutschsprachigen Raum in den letzten Jahren eine außerordentliche Dynamik. Die Vielzahl und Heterogenität kritisch-geographischer Forschung wie auch der jüngst erschienene Band „Schwierigkeiten mit der kritischen Geographie“ von Benedikt Korf bieten Anlass, über den gegenwärtigen Stand der deutschsprachigen Kritischen Geographie nachzudenken. Die Vielstimmigkeit kritisch-geographischer Arbeiten stellt einerseits eine Stärke dar, gesellschaftliche Verhältnisse auf verschiedene Weise verstehen und verändern zu können. Andererseits stellt sich damit immer wieder die Notwendigkeit, „Kritik“ zu bestimmen und die eigene Rolle zu hinterfragen. Der Beitrag reflektiert daher aktuelle konzeptionelle Ansätze, methodische Zugänge, empirische Gegenstände der deutschsprachigen Kritischen Geographie sowie deren wissenschaftspolitischen Kontext. Befindet sich die Kritische Geographie in Schwierigkeiten? Und was wären mögliche Schlussfolgerungen daraus
“Counter-neoliberalisation” in Budapest: Large-scale urban development projects in the populist politics of the current Hungarian government
Seit dem Machtantritt der derzeitigen ungarischen Regierung im Jahr 2010 hat sich die ungarische Hauptstadt Budapest rasant entwickelt. Die meisten der wichtigen symbolischen Räume der Stadt werden im Rahmen großräumiger Stadtentwicklungsprojekte umgestaltet, die von der nationalen Regierung geleitet und vom Staat finanziert werden. Diese Projekte spielen eine wichtige Rolle in der populistischen politischen Artikulation der Regierung, die sich selbst als die einzig legitimen Vertreter der „Nation“ – im Gegensatz zu einer Koalition einheimischer und internationaler „neoliberaler Eliten“ – definiert. In diesem Artikel fokussiere ich auf drei emblematische Projekte der Budapester Stadtentwicklung nach 2010 und untersuche, wie ihre institutionellen und prozeduralen Strukturen den vermeintlichen Bruch des Regimes mit der hegemonialen neoliberalen Ordnung darstellen. Zugleich erörtere ich, inwiefern diese Entwicklungsprojekte wirklich einen Bruch mit der Rationalität der neoliberalen urbanen Governance darstellen. Ich nähere mich der Frage aus einer diskurstheoretischen Perspektive und stelle fest, dass die Stadtpolitik des Regimes starke Kontinuitäten zu neoliberalen Formen der Stadtentwicklung aufweist und einige ihrer Tendenzen radikalisiert. Der deutlichste Unterschied ist die starke Zentralisierung der Macht über die Stadtentwicklung in den Händen der nationalen Regierung, was gerade dadurch legitimiert wird, dass es einen Bruch mit der Politik des Vorgängerregimes und der neoliberalen Stadtpolitik in den westeuropäischen Kernländern darstellt.Since the current Hungarian regime came to power in 2010, Budapest, the country’s capital, has undergone rapid development. The majority of the city’s most important symbolic spaces are transformed as part of large-scale urban development projects led by the national government and financed by the state. These projects play an important role in the government’s populist political articulations, defining themselves as the sole legitimate representatives of „the nation“ as opposed to a coalition of domestic and international „neo-liberal elites“. In this article, I focus on three emblematic projects from Budapest’s post-2010 development, and explore how throughout their institutional and procedural structures the regime’s ostensible break with the hegemonic neo-liberal order is articulated. At the same time, I ask: How far do these development projects really represent a break with the rationality of neo-liberal urban governance? Approaching the question through a discourse theoretical perspective, I find that the regime’s urban policy shows strong continuities with neo-liberal forms of urban development, radicalising some of its tendencies. The most visible difference is the strong centralisation of power over urban development in the hands of the national government, which is legitimised precisely on the grounds of it being a break with the policy of the preceding regime, and neo-liberal urban governance in western European core countries
Beyond utopia? On the visual construction of urban participation processes using the example of the Dragonerareal in Berlin-Kreuzberg
Der Beitrag erweitert die bisherigen Untersuchungen von Visualisierungen städtischer Wirklichkeiten um die qualitative Analyse visueller Praktiken und Visualisierungskulturen im Kontext stadtplanerischer Beteiligungsverfahren. Am empirischen Fall des Modellprojekts Rathausblock in Berlin-Kreuzberg zeigen wir auf, wie die zu beplanenden Räume und das Verfahren durch die Planungsbeteiligten visualisiert und als umkämpfter und auszuhandelnder Raum sichtbar gemacht werden. Rekonstruiert wird anhand von vier typisch wiederkehrenden Visualisierungsformen (Plänen, Logos, Fotografien und computergestützten Architekturdarstellungen), wie die beteiligten Akteure ihre Positionen, Ziele, Utopien sowie ihr Wissen wirkmächtig und öffentlich kommunizieren. Visualisierungen werden dabei als Produkte sinnhafter menschlicher Imaginationen behandelt, durch die Akteure ihre Welt für sich selbst und für andere versteh- und erfahrbar machen wollen. Im Beitrag wird infolgedessen einerseits die besondere Relevanz der visuellen und symbolischen Konstruktion des Ortes und des Verfahrens durch die beteiligten Akteure herausgearbeitet. Andererseits wird betont, dass die Visualisierungen zumeist die Handlungsprobleme der Beteiligten invisibilisieren und damit eine kritische Analyse auch das zum Gegenstand hat, was nicht gezeigt wird.The article expands previous studies of visualisations of urban realities, by examining the visual practices and the meaning of visual representations of participation processes in urban planning. Based on the empirical case of the „Model Project Rathausblock“, in particular the „Dragonerareal“ in Berlin-Kreuzberg, we show how the spaces being planned and the planning procedure are visualised from the perspective of the different participating actors and how the planned area is visually constructed as a contested and negotiated space. By identifying four typically recurring forms of visualisations (plans, logos, photographs and computer-aided architectural representations), we reconstruct how the involved actors shape their positions, goals, utopias and knowledge through powerful visual (and digital) communication. In this context, we consider visualisations as a product of meaningful imagination and communication, through which actors try to make their world understandable and experienceable for themselves and for others. Consequently, the paper elaborates on the one hand the particular relevance of the visual and symbolic construction of the place and the participatory process. On the other hand, we emphasize that the visualisations partly invisibilise the action problems of the participating actors and that a critical analysis from a methodological standpoint should also reflect what is not shown
Care economies in rural areas using the example of an East German community project
Der Aufsatz thematisiert das Potenzial von Care-Ökonomien in ländlich geprägten Regionen in Ostdeutschland. Einzelne Projekte von Care-Ökonomien, so meine These, weisen dem ländlichen Raum in Ostdeutschland bei der Findung alternativer Arbeits- und Lebensweisen eine experimentierfreudige Rolle zu. Anhand eines Gemeinschaftsprojektes wertet der Artikel Care-Praktiken und Elemente einer Care-Ökonomie aus, die widersprüchliche Entwicklungen jenseits von Idealisierungen oder Romantisierungen aufzeigen. Eine Erkenntnis der geschilderten Feldforschung ist, dass transformative Praktiken in Care-Ökonomien die kapitalistische Differenzierung zwischen produktiver und reproduktiver Arbeit irritieren. Jedoch sind Aushandlungen über die Arbeitszeiten und die Inwertsetzung der (un-)sichtbaren Arbeit in der Care-Ökonomie Gegenstand von Widersprüchen und Konflikten.The paper discusses the potential of care economies in rural areas in eastern Germany. Individual projects of care economies, I argue, assign an experimental role to rural areas in East Germany in finding alternative ways of working and living. Based on a collaborative project, the article analyzes care practices and elements of a care economy, which highlight contradictory developments beyond idealizations or romanticizations. One finding of the field research is that transformative practices in care economies irritate the capitalist differentiation between productive and reproductive labor. However, negotiations about working hours and the valorization of (in)visible labor within the care economy are subject to contradictions and conflicts
More important than ever! A call for a deeper engagement with labour in critical urban research
In politisch-ökonomischen Ansätzen der kritischen Stadtforschung nehmen die Arbeit als Quelle der Mehrwertproduktion, der Arbeitsplatz als Ort der Ausbeutung und die Urbanisierung als Prozess der Reproduktion von Klassenverhältnissen theoretisch die Hauptbühne ein. Praktisch zeigt sich diese theoretische Inklusion von Arbeit und Klassenverhältnissen jedoch häufig als unvollständig und widersprüchlich, da Kapital und Staat ontologisch priorisiert werden. Wir nehmen jüngere städtische Arbeitskämpfe zum Anlass für ein Plädoyer, Arbeiter_innen, ihre Arbeit, soziale Reproduktion, organisatorische Praxis und damit einhergehende Raumproduktionen stärker in der Stadtforschung mitzudenken: Herausforderungen wie die Pandemie und die Klimakrise spitzen städtische Konflikte um Fragen der sozialen Reproduktion – etwa um öffentliche Infrastrukturen wie Krankenhäuser, Wohnen und ÖPNV – zu einem Zeitpunkt weiter zu, da die Arbeiter_innenschaft so urban ist wie noch nie. Es ist daher wichtiger denn je, Stadt, Raum und Arbeit stärker zusammenzudenken.In political economy approaches to critical urban studies, labour as a source of surplus value production, the workplace as a site of exploitation, and urbanization as a process of reproducing class relations theoretically take the main stage. Practically, however, this theoretical inclusion of labour and class relations is often shown to be incomplete and contradictory, as capital and the state are ontologically prioritized. We take recent urban labor struggles as an opportunity to make a case for thinking more about workers, their labour, social reproduction, organizational practices, and associated productions of space in urban studies: challenges such as the pandemic and the climate crisis further exacerbate urban conflicts over issues of social reproduction - for example, over public infrastructures such as hospitals, housing, and public transportation - at a moment when the workforce is more urban than ever before. It is therefore more important than ever to integrate research on the city, space and labour
Uwe – Felsberg-Melsungen, 2016: Photo walk with a contract worker in an industrial logistics warehouse in Kassel
Die Logistikbranche ist in letzter Zeit ins Zentrum vieler politischer sowie wissenschaftlicher Diskussionen gerückt. Diese wirtschaftlichen Aktivitäten, die den Verkehr von Gütern von ihrem Produktionsort zu ihrem Verkaufsort effizient und zu den niedrigstmöglichen Kosten organisieren, werden von Arbeitgeber- und Arbeitnehmer-Interessenverbänden einerseits als eine technologieintensive und zukunftsfähige Branche beschrieben, andererseits als exemplarisch für die dramatische Prekarisierung der europäischen Arbeitswelten. Der folgende Magazinbeitrag stellt einen Fotospaziergang mit einem deutschen Leiharbeiter vor, der in der Logistikhalle eines deutschen Herstellers von Energieerzeugungsgeräten tätig war. Er analysiert, wie durch eine Videomontage dieser auf dem Spaziergang entstandenen Fotos mit eingeblendeten Interviewaussagen die Zuschauer_innen dazu aufgefordert werden, die Bilder mit einem „zivilen Blick“ zu betrachten.The logistics industry has recently become the focus of many political as well as scientific discussions. These economic activities, which efficiently and at the lowest possible cost organise the movement of goods from their point of production to their point of sale, are described by employers\u27 and workers\u27 interest groups on the one hand as a technology-intensive and sustainable industry, and on the other hand as the exemplary case of dramatic precarisation of European working environments. The following contribution presents a photo walk with a German temporary worker who worked in the logistics warehouse of a German manufacturer of power generation equipment. It analyses how a video montage invites the viewers to look at the pictures with a ‘civil gaze’
Editorial
Im Gegensatz zu Themen wie Konsumption, Reproduktion oder städtischer Alltag spielen das Verhältnis von Stadt und Lohnarbeit und die städtische Formation von Arbeitsverhältnissen, Arbeitskämpfen und Arbeitsorten in der Stadtforschung nur eine vergleichsweise geringe Rolle. Dieser sub\urban Themenschwerpunkt hat einerseits mit einem Unbehagen darüber zu tun, dass diese Themen in der Stadtforschung bis heute einen geringen Stellenwert haben, andererseits mit einem Wandel der Arbeitsverhältnisse in vielen Städten der Welt. Unser Schwerpunkt stellt daher neuere Arbeitsverhältnisse, Arbeitskämpfe und -orte ins Zentrum, um ihnen neue Sichtbarkeit zu verschaffen, zum Beispiel neuen Formen der Erwerbsarbeit wie Plattformarbeit und Logistik in der Stadt