suburban. zeitschrift für kritische stadtforschung
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Weder ein Ende der Arbeit, noch der Fabrik: Rezension zu Moritz Altenried (2022): The digital factory. The human labor of automation. Chicago/London: University of Chicago Press.
Mit The digital factory. The human labor of automation legt Moritz Altenried eine umfangreiche Studie zu neuen Formen plattformvermittelter Arbeit vor, die für zukünftige Forschungsvorhaben der Stadtforschung und Arbeitssoziologie zu dem Thema wegweisend ist. Die Studie stützt sich auf eine Perspektive, die über Begriffe wie digitale Taylorisierung und multiplication of labor sowie eine raumsensible Theoretisierung gleich auf mehrfache Weise für die Problemstellungen digitalisierter Arbeitsformen geschärft ist. Anhand von diversen Beispielen, wie der Logistikarbeit der letzten Meile, der Gaming-Industrie, Crowdwork-Plattformen und der Infrastrukturarbeit von Kommentarmoderator_innen, entwickelt Altenried auf Basis eigener ethnographischer Forschung und Interviews einen Begriff der digitalen Fabrik. Diese empirisch gesättigte Studie leistet so einen theoriegenerativen Beitrag zur Fassung von Arbeitsformen, die auf Arbeiter_innen weltweit zugreifen können, ohne sie räumlich zu versammeln oder in ihrer Subjektivität zu homogenisieren. Die vorliegende Rezension würdigt diesen Beitrag, regt jedoch auch eine Diskussion der in theoretischer Hinsicht eiligen Analyse an
Die Frankfurter Sommerschule „Kritische Wohnungsforschung“: Perspektiven, Vernetzung und Empowerment für neue Formen der Wissensproduktion und Wohnungspolitik
Mit der Sommerschule „Kritische Wohnungsforschung. Theorie und Praxis einer progressiven Wohnungspolitik“ haben Wissenschaftler*innen des Instituts für Humangeographie der Goethe-Universität Frankfurt am Main ein interaktives und im Zweijahresrhythmus stattfindendes Format etabliert, das progressive Debatten rund um Wohnungsmarktentwicklungen und -politik fördert. Bisher gibt es – trotz der gesellschaftspolitischen Relevanz der Wohnungsfrage – nur wenige Plattformen, über die längerfristig produktive und inspirierende Verbindungen zwischen Wissenschaft, Aktivismus, Verwaltung und Politik gestärkt und neu geknüpft werden können und auf denen sich die jeweiligen Akteur*innen austauschen können. Dementsprechend groß war das Interesse, auf das das Angebot der Sommerschule gestoßen ist. Daher wurde das Programm der ersten, digital stattfindenden Sommerschule bei der zweiten Ausrichtung für einen anderen Personenkreis mit einem inhaltlich ähnlichen Fokus wiederholt. Zum zweiten Mal fand die Sommerschule im September 2022 statt. Dieser Kurzbericht spiegelt wider, was die Sommerschule ausmacht, und dokumentiert schlaglichtartig, welche inhaltlichen Schwerpunkte bisher gesetzt wurden
Was heißt hier Widerstand? Widerständige Praktiken im Kontext von autoritärem Urbanismus
Autoritärer Urbanismus prägt zahlreiche Städte, dennoch bleibt er nicht ohne Gegenwehr. Mit diesem Debattenaufschlag fragen wir nach den Möglichkeiten von Widerstand in autoritären urbanen Kontexten: Wie lässt sich Widerstand konzeptionell fassen, was können die kritische Stadtforschung sowie die Protest- und Bewegungsforschung beitragen, welche konzeptionellen und empirischen Erweiterungen sind notwendig? Der Aufschlag lädt damit ein zur Auseinandersetzung mit der Komplexität und Vielseitigkeit von widerständischen Praktiken in Städten unter autoritären Bedingungen
Schillernde Praktiken: Widerständiges in der neoliberal-autoritären Stadt: Kommentar zu Daniela Zupan, Matthias Naumann, Gala Nettelbladt und Kristine Beurskens „Was heißt hier Widerstand? Widerständige Praktiken im Kontext von autoritärem Urbanismus“
Widerstand ist nicht immer offener Protest – gerade im Kontext autoritärer Praktiken und städtischer Gewalt. Nicht immer werden gleich ganze Plätze über Monate besetzt oder füllen Tausende laut die Straßen. Die autoritäre Stadt bedeutet gleichsam nicht unbedingt Militärposten und Straßensperren. Zwei Argumente möchte ich gerne in die Debatte einbringen. Erstens möchte ich, statt zu fragen, was wirklich als Widerstand gelten kann (im Sinne einer Typisierung) nach den sich verändernden Machtverhältnissen im Kontext eines authoritarian urbanism fragen. Mich interessiert der Prozess, in dem Politik entsteht, die Dynamik der Machtverhältnisse, die eben nicht statisch oder eingefroren sind. Zweitens ist es aus meiner Sicht nicht leicht, die Trennung zwischen „stillen“ Mikropraktiken und tatsächlichem Protest zu ziehen. Es gibt kein Entweder-oder
“Belgrade Waterfront” mega-project: Reimaging the city through authoritarian planning
Dieser Artikel beleuchtet die autoritäre Stadtentwicklung in einem spezifischen Übergangskontext am Beispiel der Umsetzung des urbanen Megaprojekts „Belgrade Waterfront“. Die groß angelegte Sanierung einer Brachfläche in der serbischen Hauptstadt wird als Joint Venture zwischen der Republik Serbien und dem in Abu Dhabi ansässigen Investor Eagle Hills durchgeführt. Der Beitrag analysiert dieses urbane Megaprojekt als Beispiel eines staatlich gesteuerten regulatorischen Eingriffs mit einem Sonderrechtsstatus, der die Interessen privater Investor*innen über die Prinzipien der repräsentativen Demokratie stellt. Dabei setzt das Projekt auf die Produktion vermeintlich spektakulärer Stadtlandschaften, um Planungsgenehmigungen und öffentliche Akzeptanz sicherzustellen, nationale und internationale Beziehungen auf städtischer Ebene zu verräumlichen sowie neue politisch-ökonomische Regime zu naturalisieren.This paper highlights authoritarian urban development in a specific transitioning context. It focuses on the implementation of the urban megaproject “Belgrade Waterfront”. The large-scale brownfield redevelopment project in the Serbian capital is a joint venture between the Republic of Serbia and Abu Dhabi-based investor Eagle Hills. The paper analyzes this urban megaproject as an example of a state-controlled regulatory intervention with a special legal status, which places the interests of private investors above the principles of representative democracy. In doing so, the project relies on the production of supposedly spectacular urban landscapes to secure planning approvals and public acceptance, to spatialize urban relations at the national and international levels, and to naturalize new political-economic regimes
Commodification, fragmentation, externalisation: Restructuring of urban space and labour in technology-driven experiments with housework
Vor dem Hintergrund des wachsenden Drucks auf die gesellschaftliche Organisation der Sorgearbeit und des überschüssigen Risikokapitals ist das Feld der sozialen Reproduktion zum zentralen Schauplatz der Akkumulation durch technologiegetriebene Experimente geworden. Eine Folge ist die zunehmende Kommodifizierung, Fragmentierung und Auslagerung reproduktiver Tätigkeiten wie Kochen oder Einkaufen. In der Bereitstellung solcher häuslichen Tätigkeiten als plattformvermittelte Dienstleistungen führen Unternehmen neue Logiken der Kontrolle und Koordination ein, die die Räumlichkeit, Sichtbarkeit und Bedingungen von Arbeit transformieren. In diesem Beitrag überdenken wir diese Transformationen aus der Doppelperspektive der sozialen Reproduktion und der Logistik. Statt unsere Analyse auf den Arbeitsprozess zu beschränken, der mit einer gegebenen Plattform einhergeht, fokussieren wir die multiplen Arbeitsorte, die mit der Auslagerung von Hausarbeit in das städtische Gefüge verbunden sind. Wir veranschaulichen diese Perspektive anhand zweier qualitativer Fallstudien zu gastronomischen Lieferdiensten und zum Online-Lebensmitteleinzelhandel.Against the backdrop of the increasing pressure on the societal organisation of care-work and excess venture capital, the field of social reproduction has become a primary site for accumulation by technology-driven experimentation. One consequence is the increasing commodification, fragmentation and externalisation of reproductive tasks such as cooking or grocery shopping. Companies offering domestic work as platform-mediated services on demand introduce new logics of control and coordination that transform the spatiality, visibility and conditions of labour. In this paper we rethink these transformations from the perspectives of social reproduction and logistics. Instead of limiting our analysis to the labour process associated with a given platform, we focus on the transformation of multiple sites of labour connected to the outsourcing of housework into the urban fabric. We explore this perspective using two qualitative case studies of food delivery services and online food retailing
Come on, let’s be friends: Deregulation, precarious employment and masculinity in Georgia
Männertreffen gehören fest zum Stadtbild in Tbilisi, der Hauptstadt der Republik Georgien. Sie dominieren das soziale Leben der Nachbarschaften. Männer treffen sich fast täglich auf den Straßen ihres Viertels, um Neuigkeiten auszutauschen, Kontakte zu pflegen und ihren sozialen Status auszuhandeln. Hier entstehen starke soziale Netzwerke. Die Männertreffen auf den Straßen sind ein Raum, an dem Männlichkeitsideale verhandelt werden und sich Möglichkeiten für kurzzeitige informelle Beschäftigungsverhältnisse ergeben. Meistens heuern lokale Handwerker hier Gehilfen an, die gleichzeitig auch Freunde, Bekannte und Nachbarn sind. Anhand der Männertreffen in einem Altstadtviertel zeige ich, wie Männer ihren sozialen Status aushandeln und Arbeit beziehungsweise Gehilfen suchen. Die hier etablierten Netzwerke sorgen für Sicherheit auf einem unregulierten Arbeitsmarkt.Male meetings are an integral part of the cityscape in Tbilisi, the capital of the Republic of Georgia. They dominate the social life of most neighbourhoods. During everyday meetings, men spread news, maintain social contacts and negotiate their social status. Strong social networks are established here. The meetings are furthermore a place to establish male ideals and sometimes informal employment is offered. Usually, local craftsmen hire friends, acquaintances, or neighbours. Throughout the analysis of male meetings in an historic neighbourhood I show how men negotiate social status and look out for employment and employees. The networks established during male gatherings provide a certain social security on an unregulated labour market
Historiografien der Extreme: Mike Davis, Reyner Banham und das Schreiben über Los Angeles: Kommentar zu Mike Davis‘ „Festung L.A.“ (2006 [1990])
Mike Davis schrieb zeitlebens aus einer zutiefst kritischen, durch Aktivismus geschulten Perspektive heraus zu raumpolitischen Entwicklung in Los Angeles. Sein Blick auf die Stadt hätte kaum weiter von dem eines weiteren präsenten Autors im Feld abweichen können: dem des britischen Architekturtheoretikers Reyner Banham. Banham veröffentliche 1971 das Buch Los Angeles: The architecture of four ecologies, dem folgte 1972 die BBC Fernsehdokumentation Reyner Banham loves Los Angeles. Banhams Buch, wie auch die Sendung, zeugten von einer großen Faszination und lesen sich heute als ein Loblied auf die so „andere“, un-europäische Stadt. Was Banham nicht zu sehen schien, so die These, rückte für Davis umso mehr in den Vordergrund: die Rassen- und Klassenkonflikte, die Polizeigewalt und die radikale Gentrifizierung vieler Stadtviertel. Der Beitrag nimmt die Relektüre von „Fortress L.A.“ deswegen zum Anlass, die Potenziale, Limitationen und Problematiken beider Annäherungen an eine historische Stadtforschung über Los Angeles herauszuarbeiten und zu fragen: Wie können Forscher_innen heute produktive Fragen an eine Stadt der Extreme stellen
„Es wäre ein verlegerisches Verbrechen, Mikes Bücher nicht zu übersetzen und herauszugeben.“: Kommentar zu Mike Davis‘ „Festung L.A.“ (2006 [1990])
Ein Gespräch mit Rainer Wendling vom Verlag Assoziation A zu City of quartz und seiner Bedeutung für die deutschsprachige Stadtforschung und -bewegung