suburban. zeitschrift für kritische stadtforschung
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The City, the Countryside and the AfD: On the Production of the Urban and the Rural within the Process of Urbanisation
Im Beitrag entwickeln wir einen kritischen Blick auf die Geographie der Wahlergebnisse der Alternative für Deutschland (AfD) bei den Bundestagswahlen 2017. Wir hinterfragen Erklärungsmuster, die in einem starren Stadt-Land-Gegensatz verhaftet bleiben und die komplexe Prozesshaftigkeit der Urbanisierung ignorieren. Dagegen gehen wir mit Henri Lefebvre und Theodor W. Adorno vom Urbanen und Ruralen als sozialen Verhältnissen aus, die sich im übergeordneten Prozess der Urbanisierung in dialektischer Weise scheiden sowie räumlich im Spannungsverhältnis von Zentrum und Peripherie materialisieren. Beispielhaft illustrieren wir diesen Prozess in der Diskussion von drei unterschiedlichen Orten, an denen die AfD bei den Bundestagswahlen besonders erfolgreich war: dem Landkreis Vorpommern-Greifswald als Fall einer umfassenden Peripherisierung, dem Quartier Pforzheim-Haidach als peripheres Zentrum und dem Stadtteil Mannheim-Schönau als zentrale Peripherie. Der Beitrag versucht damit eine räumliche Perspektive auf aktuelle Erfolge des Rechtspopulismus zu entwickeln wie auch Stadt-Land-Verhältnisse konzeptionell neu zu erfassen.In this paper, we discuss the geography of the electoral success of the right-wing party Alternative for Germany (AfD) in the national elections to the German parliament in September 2017. We oppose the view that the urban-rural divide is a sufficient explanation for the geographic electoral patterns. By critiquing the simplistic reduction to differences between ‘the city’ and ‘the countryside,’ the paper proposes a critical theorization of the urban and the rural as social relationships. The emergence of urban-rural divides needs to be dialectically conceptionalized within the process of urbanization, which materializes in space within the field of tension between the center and the periphery. This theorization, drawing on the works of Henri Lefebvre and Theodor W. Adorno, is exemplified in a discussion of three different locations where the AfD was especially successful: the rural administrative district of West Pomerania-Greifswald, and the urban neighborhoods Mannheim-Schönau and Pforzheim-Haidach. We aim to develop with the paper a spatial perspective on the current rise of rightwing populism as well as a critical understanding of urban-rural divides
Wo ist die Rente im Erbe der Rent-Gap-Theorie? Kommentar zu Neil Smiths „Für eine Theorie der Gentrifizierung: ‚Zurück in die Stadt‘ als Bewegung des Kapitals, nicht der Menschen“ (2019 [1979])
Vierzig Jahre nach Neil Smiths Aufsatz „Towards a Theory of Gentrification. A Back to the City Movement by Capital, not People“ scheinen Verdrängungsprozesse aktueller denn je, und die Abschöpfung von Rente hat mit den zunehmend finanzorientierten Formen der Kapitalakkumulation eine neue Dimension erlangt. Es ist also nicht verwunderlich, dass beide Begriffe nicht nur in die Stadtforschung, sondern auch in die politischen Auseinandersetzungen um den Zugang zu Wohnraum weiterhin Eingang finden. Die beiden Begriffe stoßen dennoch auf sehr ungleiche Resonanz: Während bei der Gentrifizierungsdiskussion eine ununterbrochen rege Theoriebildung stattgefunden hat, ist bei der Grundrententheorie seit Jahren kaum Bewegung zu vermelden. Der Kommentar zeichnet nach, warum und wie aus Sicht der Autorin die Rententheorien weiterentwickelt werden sollten
Für eine Theorie der Gentrifizierung: „Zurück in die Stadt“ als Bewegung des Kapitals, nicht der Menschen
Gentrifizierung wird vorrangig unter Verweis auf Konsumentensouveränität erklärt, aber Daten zur Zahl der Vorstädter, die in die Stadt zurückziehen, werfen Zweifel an dieser Hypothese auf. Tatsächlich ist Gentrifizierung ein erwartbares Ergebnis der weitgehend ungehinderten Funktionsweise des Grundstücks- und Wohnungsmarktes. Die wirtschaftliche Entwertung des in innerstädtische Quartiere aus dem 19. Jahrhundert investierten Kapitals bei gleichzeitigem Anstieg der potentiellen Höhe der Grundrente eröffnet die Möglichkeit profitabler Stadterneuerung. Auch wenn die deutlich sichtbaren sozialen Merkmale heruntergekommener Quartiere abschreckend wirken mögen, können die hintergründigen ökonomischen Merkmale durchaus für eine Sanierung sprechen. Ob Gentrifizierung eine fundamentale Neuordnung des urbanen Raums bedeutet, hängt nicht davon ab, wo die neuen Bewohner herkommen, sondern davon, wie viel Produktivkapital aus dem suburbanen Raum in die Stadt zurückkehrt
Worker instead of Anarch: The Identarian Movement Receives Ernst Jünger
Im Beitrag wird aufgezeigt, wie Ernst Jünger von führenden Vertretern der „Identitären Bewegung“ rezipiert wird: Die „Identitären“ setzen sich äusserst intensiv mit Jüngers Frühwerk auseinander, wobei insbesondere zwei Aspekte grosse Beachtung erhalten – einerseits dessen Forderung nach einer nationalistischen Revolution, andererseits dessen Aufruf zur Bildung einer Stadtguerilla. Nach Auffassung der neurechten Gruppierung liefert der Schriftsteller damit die Ideen, welche dem Aktivismus den „rechten“ Weg weisen.The article shows how Ernst Jünger is received by leading representatives of the "Identitarian Movement": The "Identitarians" deal extremely intensively with Jünger\u27s early work, paying particular attention to two aspects - his call for a nationalist revolution on the one hand, and his call for the formation of an urban guerilla on the other. In the view of the new right-wing group, the writer thus provides the ideas which point the "right" way for activism
Wo steht die kritische Stadtgeographie? Rezension zu Bernd Belina / Matthias Naumann / Anke Strüver (Hg.) (2018): Handbuch Kritische Stadtgeographie. Münster: Westfälisches Dampfboot.
Das Handbuch Kritische Stadtgeographie ist Leser*innen dieser Zeitschrift schon aus einer 2015 erschienen Rezension der Erstauflage dieser Veröffentlichung bekannt (Beurskens, 2015). Es spricht für die wachsende Bedeutung der kritischen Stadtgeographie, dass auch die 2016 erschienene zweite Auflage des Buches bald vergriffen war und 2018 eine dritte, korrigierte und stark erweiterte Auflage neu herausgekommen ist. Mit dem Buch reagieren die Herausgeber*innen, Bernd Belina, Matthias Naumann und Anke Strüver, auf ihre Beobachtung einer Leerstelle in der Geographielehre im Bereich dieses Themenfeldes. […] Was ist neu an der dritten Auflage? Das aktualisierte Handbuch wurde um 23 Kapitel auf 66 erweitert und deckt damit ein breiteres Themenspektrum ab. Einzelne Beiträge wurden überarbeitet. Ein zweiseitiges Vorwort skizziert die vorgenommenen thematischen Ergänzungen und begründet diese durch die Weiterentwicklung der Disziplin (S. 11). Eine wünschenswerte Veröffentlichung als E-Book steht auch in der Neuauflage weiterhin aus
Eine neue Kartographie des Möglichen: Rezension zu Nikolai Roskamm (2017): Die unbesetzte Stadt. Postfundamentalistisches Denken und das urbanistische Feld. Basel/Berlin: Birkhäuser Verlag.
Der postfundamentalistische Ansatz, der in dem Buch von Nikolai Roskamm entfaltet wird, ist ein weiterer Blickwinkel auf die Stadt: als ein hybrides und unvollständiges Konstrukt. Der Titel des vorliegenden Bandes „Die unbesetzte Stadt“ signalisiert eine interessante Idee, die aus unterschiedlichen Theorieperspektiven und in unterschiedlichen Kontexten beleuchtet wird. Der Untertitel „Postfundamentalistisches Denken und das urbanistische Feld“ benennt dabei eine spezifische Denkhaltung, die die theoretische Abhandlung durchzieht. Schlüsselbegriffe wie Antagonismus, Konflikt, Kontingenz, unstabil, unbesetzt, unvollständig etc., erscheinen für diesen Ansatz konstitutiv
Gleichgeschaltete Räume? Rezension zu Winfried Süß / Malte Thießen (Hg.) (2017): Städte im Nationalsozialismus. Urbane Räume und soziale Ordnungen (Beiträge zur Geschichte des Nationalsozialismus, Bd. 33). Göttingen: Wallstein.
„The new fear of the black man“: Moral panics as a reaction to refugees in the district of Tübingen, Germany
Moralpanik bezeichnet eine Dynamik, im Zuge derer eine Gruppe als homogen, ‚fremd‘, ‚deviant‘ und Gefahr für die moralische Ordnung der Gesellschaft konstruiert wird. Der Artikel arbeitet am Beispiel von politischen Deutungskämpfen um Kriminalität und die Landeserstaufnahmeeinrichtung (LEA) Sigmaringen sowie um Vergewaltigungen in Tübingen typische Elemente der Moralpaniken im Bereich Flucht und Migration heraus: lange Äquivalenzketten, ein Generalverdacht gegenüber bestimmten Gruppen, raunende Sprache, die retrospektive Konstruktion einer vom Verfall bedrohte Idylle, der Rekurs auf einen vermeintlichen gesunden Menschenverstand, dem eine naive politische Korrektheit gegenübergestellt wird, sowie die Behauptung eines permissiven und hilflosen Agierens der Justiz- und Sicherheitsbehörden. Soziale Medien wie Facebook, so wird gezeigt, tragen insbesondere durch (teils strategische) Interventionen rassistisch auftretender Accounts zu einer raschen Ausweitung von Moralpaniken bei.The concept of moral panic describes a dynamic in which a specific group is constructed as homogenous, alien, deviant and danger to the moral order of society. The article presents two case studies of moral panics surrounding the arrival of refugees in Germany: 1) Public debates around crime and the refugee shelter in Sigmaringen and 2) discussions about rape and refugees in Tübingen. Typical elements of the moral panics in both cases are long chains of equivalence, a generalised suspicion against targeted groups, the retrospective construction of an endangered idyll, the reference to a supposed common sense in opposition to a naive political correctness as well as the claim of permissive and helpless legal and police authorities. Social media such as Facebook facilitates a quick diffusion of moral panics. Strategic interventions of openly racist accounts play an important role in this dynamic
Research priorities in times of the rise of right-wing parties: Kommentar zu Robert Feustels „Substanz und Supplement. Mit Rechten reden, zu Rechten forschen?“
Der Fokus unserer Forschung zum Populismus sollte nicht auf dem harten Kern rechter Parteien liegen, sondern auf jenen, die diese Parteien nur aus Protest wählen oder gar nicht mehr wählen. Wir sollten auch nicht den Fehler machen, die Unterstützung rechter Parteien als irrational und postfaktisch darzustellen. Kern unserer Forschung sollten jene ungleichen wirtschaftlichen und sozialen Strukturen sein, die zum Aufstieg rechter Parteien führen.The focus of our research on populism should not be on the inner circle of right wing parties, but on those that vote for these parties as a matter of protest or refuse to vote at all. We should also avoid the mistake of representing the support of right-wing parties as irrational and post-factual. At the core of our resarch should be those unequal economic and social structures that have led to the rise of right-wing parties in the first place
Cities on Sale: Processes of disappropriation and practices of re-appropriation in Spain
In Spanien zwingen die Wirtschaftszweige Tourismus und Immobilienspekulation zu einer Debatte um die Erosion der Demokratie im Schoß der Europäischen Union, wo sich seit dem Beitritt des Landes die Strategie etabliert hat, dessen Rolle als Produktionsraum für Tourismus zu betonen. Verstärkt seit der Finanzkrise 2008 hat die Tourismusbranche eine gewaltige Transformation erlebt, in deren Zuge Städte zu Hauptreisezielen und -anziehungspunkten geworden sind. Durch bereits vorhandene Raumvermarktungsstrukturen aus dem Immobiliengeschäft haben sich die Möglichkeiten der Tourismusbranche, sich Stadtraum anzueignen, vervielfältigt. Mit der Stadt als Ware werden ganze urbane Zentren in ‚Themenparks in Lebensgröße‘ umgewandelt und die Stadt samt all ihren Lebensressourcen konsumiert. Analysiert wird, inwieweit sich anhand dieser Situation neue Formen eines intra-territorialen Kolonialismus zwischen Touristen bzw. Stadteliten und Bürgern aufzeigen lassen. Ziel des Textes ist es, Möglichkeiten für eine Wiederaneignung dieser Stadträume anzuvisieren, die darauf basieren, Aspekte der Nutzung und des kulturellen Verständnisses dieser Orte neu zu bestimmen.The thriving economic sectors of tourism and real estate speculation in Spain elicit a debate as to the phenomenon of democratic erosion in the European Union. As today’s EU strategy pushes Spain to embrace its role as a tourism producer, Europe is being divided into countries that send consumers and those that receive them. The resulting pressure on the tourism industry to come up with new possibilities has led to a substantial transformation in cities, turning them into mere leisure destinations. Seizing this opportunity, the same financial and legal structures that dragged Spain into recession in 2008 are now striking deals with an industry that shares their goal of leveraging the lucrative potential of urban space. With metropolis becoming a commodity, entire city centres are emerging as “life-size theme parks”, stripped of all the vital resources needed to make them inhabitable.The purpose of this paper is to analyse the threat posed by this new way of consuming urban areas to boost tourism. This trend, spurred by the cities’ own political and financial elites, could be seen as a new form of intra-territorial colonialism within the European Union. Therefore, the goal of this paper will be to suggest ways of reappropriating urban spaces by resignifying their purpose and cultural conception, drawing on some of Spain’s efforts to resist this overthrow such as the city of Malaga’s La Casa Invisible (The Invisible House) and the #MálagaNoSeVende (#MalagaIsNotForSale) campaign