suburban. zeitschrift für kritische stadtforschung
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Nachhaltiges Wohnen auf dem Dorf? Kommentar zu Lisa Vollmer und Boris Michel „Wohnen in der Klimakrise. Die Wohnungsfrage als ökologische Frage“
Dörfer, Kleinstädte und ländliche Regionen spielen in den kritischen Sozialwissenschaften bislang nur eine untergeordnete Rolle. Noch weniger Beachtung findet die Verknüpfung von ökologischer und Wohnungsfrage in ländlichen Kontexten. Die angloamerikanische kritische Humangeographie bietet für die Untersuchung ländlicher Umbrüche zahlreiche konzeptionelle und empirische Anregungen, die in der deutschsprachigen Forschung bisher jedoch kaum rezipiert wurden. Der Beitrag schließt an die kritische rural geography an und plädiert für ein \u27Recht auf das Dorf\u27, das die ökologische und die Wohnungsfrage miteinander verbindet. Jenseits von romantisierender \u27Landlust\u27 und dystopischen Schrumpfungsszenarien kann das \u27Recht auf das Dorf\u27 eine Orientierung für eine sozial-ökologische Transformation ländlicher Räume darstellen
Wohnen in der Klimakrise: Die Wohnungsfrage als ökologische Frage: Aufruf zur Debatte
Die Verbindung der sozialen und der ökologischen Frage ist eine der zentralen Herausforderungen linker Politik und kritisch-engagierter Wissenschaft heute. Dafür, wie wenig das bisher gelingt, sind die öffentlichen und wissenschaftlichen Diskussionen um die Wohnungsfrage gute Beispiele. Dieser Aufruf ist eine Einladung an den kollektiven Wissensschatz aus Wissenschaft und Aktivismus, die unterschiedlichen Aspekte der ökologischen Wohnungsfrage, die bisher stark fragmentiert behandelt werden, in einzelnen Beiträgen weiter auszuführen und auf ihren strukturellen Zusammenhang mit der sozialen Wohnungsfrage hin zu beleuchten
Climate-just living? Energy-efficient refurbishment in low-income neighbourhoods: Kommentar zu Lisa Vollmer und Boris Michel „Wohnen in der Klimakrise. Die Wohnungsfrage als ökologische Frage“
Sowohl aktuelle städtische Klimapolitik, als auch klimaaktivistische Bewegungen weisen energetischer Gebäudesanierung einen hohen Stellenwert zu. Hinweise auf die sozialräumlichen Implikationen verstärkter energetischer Sanierung finden sich jedoch zumeist weder auf städtischer, noch auf klimaaktivistischer Seite. Sowohl aktuelle städtische Klimapolitik, als auch klimaaktivistische Bewegungen weisen energetischer Gebäudesanierung einen hohen Stellenwert zu. Hinweise auf die sozialräumlichen Implikationen verstärkter energetischer Sanierung finden sich jedoch zumeist weder auf städtischer, noch auf klimaaktivistischer Seite. Gleichzeitig wächst in vielen Mieter_inneninitiativen die Skepsis gegenüber energetischer Sanierung und damit einhergehenden Belastungs- und Verdrängungseffekten. Am Beispiel der Stadt Kiel und dem einkommensschwachen Stadtteil Gaarden diskutiert dieser Beitrag die Konfliktfelder, die durch eine stadtpolitisch motivierte, aber privatwirtschaftlich umzusetzende energetische Sanierung entstehen. Diesen Konfliktfeldern liegen strukturelle Probleme zugrunde, die im Rahmen aktueller und zukünftiger energetischer Sanierungsbemühungen existierende Verarmungs- und Verdrängungsdynamiken auf Quartiersebene verstärken. Dieser Beitrag plädiert daher für die konzeptionelle Verknüpfung sozialer und ökologischer Bedürfnisse im Sinne klimagerechten Wohnens sowohl auf akademischer als auch auf aktivistischer Seite.Both, current urban climate policy and climate activist movements assign a high priority to energy-efficient building refurbishment. However, the socio-spatial implications of increased energy refurbishment are mostly absent from both urban policy and climate activist demands. At the same time, many tenant initiatives are increasingly skeptical about energy-efficient refurbishment and the associated burdening and displacement effects. Using the example of the city of Kiel and the low-income district of Gaarden, this article discusses the areas of conflict that arise from energy-efficient refurbishment motivated by urban policy but which must be implemented by the private sector. These areas of conflict are based on structural problems that reinforce existing impoverishment and displacement dynamics at neighborhood level in the context of current and future energy-related refurbishment efforts. This contribution therefore advocates the conceptual linkage of social and ecological needs in the sense of climate-just housing, both on the academic and the activist side
Eine Frage der Flächengerechtigkeit! Kommentar zu Lisa Vollmer und Boris Michel „Wohnen in der Klimakrise. Die Wohnungsfrage als ökologische Frage“
Die derzeitige Wohnungskrise hat eine sozial-ökologische Kernproblematik. Dabei ist die sozial ungerechte und ökologisch problematische Verteilung von Wohnfläche meist unsichtbar und wird weder in wissenschaftlichen noch in aktivistischen Kontexten ausreichend als Frage der Flächengerechtigkeit problematisiert. Denn Wohnraum und Fläche in einer Stadt sind keine endlos verfügbaren Güter: Wenn einige Menschen auf viel Raum leben, bleibt für andere Menschen weniger Fläche übrig. Und die Menschen, die am wenigstens für eine Verknappung von Wohnraum verantwortlich sind, leiden am meisten darunter. Dieser Artikel arbeitet zunächst den Begriff der Wohnflächengerechtigkeit heraus, wobei auf die Ungleichverteilung von Wohnfläche und deren gesellschaftliche Implikationen unter derzeitigen Wohnungsverteilungsmechanismen Bezug genommen wird. Anschließend wird der Verbrauch von (Wohn-)Fläche aus ökologischer Perspektive problematisiert. Der Artikel diskutiert scheinbare und transformationsorientierte Lösungs- und Handlungsansätze. Abschließend fordert er in der kritischen Stadtforschung und in aktivistischen Kontexten eine stärkere Debatte um eine Wohnflächengerechtigkeit, deren Verwirklichung gleichermaßen eine soziale wie ökologische Dimension hat
The disciplining of everyday water use: Review of Schwarz, Anke (2017): Demanding Water. A Sociospatial Approach to Domestic Water Use in Mexico City. Stuttgart: Franz Steiner Verlag.
In Demanding Water. A Sociospatial Approach to Domestic Water Use in Mexico City sucht Anke Schwarz nach dem Verhältnis von städtischem Raum und Alltagspraktiken der Wassernutzung in Mexico City. Sie widmet sich dabei der häuslichen Perspektive mit ihren subjektiven Erfahrungen, Wahrnehmungen und den damit verwobenen sozialräumlichen Praktiken der Wassernutzung und bietet somit eine wichtige erweiternde Perspektive zu bestehenden, überwiegend makroperspektivischen Studien zur Gouvernmentalität von Wasser im Globalen Süden. Überzeugend gelingt es Anke Schwarz, die Handlungs- und Wahrnehmungsebenen miteinander zu verknüpfen und die Alltagspraktiken, eingebettet in den Kontext eines hochpolitischen urbanen Raums, zu verorten und zu interpretieren. Am Beispiel des Wassermanagements in Mexico City zeigt dieses Buch, wie auf der Mikroebene des Haushalts und im alltäglichen Kontext individualisierende und disziplinierende Mechanismen neoliberaler Gouvernementalität das politische Mobilisierungspotential von Gesellschaften entscheidend einschränken
Mieter_innenbewegungen der Gegenwart: Postidentitär und postautonom: Rezension zu Lisa Vollmer (2019): Mieter_innenbewegungen in Berlin und New York. Die Formierung politischer Kollektivität. Wiesbaden: Springer VS.
Die angespannte Lage am Wohnungsmarkt hat in vielen Städten eine neue Welle von Verdrängungsprozessen induziert und insbesondere die Situation einkommensschwacher Haushalte häufig prekär werden lassen. Angesichts dieser Entwicklungen haben sich vielerorts mietenpolitische Bewegungen konstituiert, die sich für eine Abkehr von einer neoliberalisierten und zunehmend finanzialisierten Wohnungsversorgung einsetzen. Lisa Vollmer nimmt in ihrer Forschungsarbeit zwei solcher Bewegungen in den Blick und fragt danach, wie sich politische Kollektivität in den alltäglichen Praktiken von Mieter*innen in Berlin bzw. New York formiert
Editorial
Es ist eine denkwürdige Zeit um das Erscheinen dieser Ausgabe von sub\urban, zum Jahresende 2020. Denkwürdig ist sie angesichts der Auswirkungen der COVID-19-Pandemie, die uns, wenn auch ganz verschieden, so doch nachhaltig in unserem Tun und Sein beeinflussen. Gleichsam wird sowohl in Fragen der Vorsorge und der medizinischen Versorgung als auch bei der sozialen Einbettung und der ökonomischen Lage deutlich: Verschiedene Menschen und Gruppen sind unterschiedlich von der Situation betroffen. Deutlich ist dabei auch, dass der Umgang mit der Pandemie bisherige Ungleichheiten auf lokaler wie globaler Ebene verschärft
Conjuncture(s) and the shifting boundaries of the city: The repetition of narrative interviews as method: an experiment in the Monte Laa neighborhood in Vienna, Austria
Der Aufsatz schlägt die Wiederholung narrativer Interviews als Methode vor, um zu erfassen, wie sich die Grenzen des Stadtraums im Alltag der Bewohner_innen kontinuierlich verschieben. Theoretischer Ausgangspunkt ist ein konjunkturelles Verständnis von Stadt und Wohnen. Diesem Verständnis nach drücken sich stets variierende Machtverhältnisse in transnationalen und globalen Kontexten im lokalen Handeln aus: an konkreten Orten und zu bestimmten historischen Momenten. Der Aufsatz diskutiert exemplarisch das Wiener Neubaugebiet Monte Laa. In diesem wurden 2011 und 2018 narrative, wohnbiographische Interviews mit denselben Bewohner_innen durchgeführt. Anhand des Vergleichs der beiden Interviewserien wird diskutiert, wie sich konjunkturelle Veränderungen im Wohnalltag ausdrücken. Die Wiederholung der Interviews veranschaulicht, wie sich im über die Zeit veränderten Wohnalltag in Monte Laa zunehmend rassistische Diskurse in Österreich und in anderen Ländern Zentral- und Osteuropas belegen lassen. Wohnen wird hierbei als potenziell multiskalare Praxis verstanden. Anhand der Interviews wird aufgezeigt, wie sich die Stadt und ihre Grenzen in der Wohnpraxis der Bewohner_innen immer wieder neu definieren.The article proposes the repetition of narrative interviews as a method to seize the ever shifting boundaries of urban space in everyday residential practices. I take a conjunctural understanding of the city and of location as entry point. Such understanding sees varying power relations in transnational and global contexts as always articulated in localized practices: in concrete places and at specific historical moments. The article takes the newly developed Monte Laa neighborhood in Vienna as an example. Narrative, biographical interviews were conducted with the same residents in 2011 and 2018. In comparing the two interview series, I discuss how historical conjunctures “condense” in localized, everyday live. The repetition of the interviews highlights how racist discourses in Austria and in other countries of Central and Eastern Europe have been influencing residential practices. Thereby, housing is framed as a potentially multi-scalar practice. The article focuses on how changing residential practices create new trans-local and transnational relationships. Thus, in everyday life urban space and its boundaries are redefined again and again
Organisiert gegen einen profitorientierten Wohnungskonzern: Fünf Jahre berlinweite Vernetzung der Deutsche-Wohnen-Mieter*innen
In Berlin organisieren sich seit fünf Jahren Mieter*innen des profitorientierten Konzerns Deutsche Wohnen in einer Vernetzung. Den Widerstand gegen spezifische Verwertungsstrategien eines renditegetriebenen Vermieters zu organisieren, darin besteht die Stärke der berlinweiten Struktur und ihrer lokaler Initiativen. Überwiegend organisieren sich hier Menschen außerhalb linker Zirkel und Szeneviertel. Ihre mannigfaltigen Aktivitäten haben mit den Weg bereitet für die Popularität der Forderung nach einer Enteignung profitorientierter Wohnungskonzerne. Auf Phasen erfolgreicher Organisierung folgen Phasen der Stagnation, der Wiederbelebung und des erneuten Abschwungs. Der vorliegende Text reflektiert diese fünfjährigen Organisierungserfahrungen und knüpft damit an die Strategiedebatten um Basisorganisierung an, die von Claudia Kratzsch und Robert Maruschke 2016 in s u b / u r b a n angestoßen wurden
Ererbte Transformation: Kommentar zu Matthias Bernt und Andrej Holm „Die Ostdeutschlandforschung muss das Wohnen in den Blick nehmen“
Matthias Bernt und Andrej Holm weisen zu Recht darauf hin, dass es einer Forschung zu ostdeutschen Städten als konzeptionell eigenständigem Feld bedarf, die die spezifische Verräumlichung des tiefgreifenden gesellschaftlichen Transformationsprozesses nach 1990 ins Zentrum stellt. Dabei betrachten sie insbesondere das Feld des Wohnens als produktiv, um Kenntnis über die Struktur und Wirkung dieses Prozesses zu erlangen. Allerdings bleiben sie vage dabei, wie eine solche spezifisch auf Ostdeutschland gerichtete Wohnungsforschung zu konzipieren wäre und in welcher Weise die Besonderheiten und Parallelitäten ostdeutscher Entwicklungen zu den Transformationen von Wohnungs- und Stadtentwicklungspolitik in Westdeutschland, aber auch international, in Bezug zu setzen wären.Matthias Bernt and Andrej Holm rightly point out that research on cities in East Germany should be established conceptually within urban research and focus on the spatialization of the profound societal transformation that took place in East Germany after 1990. To do so, research on housing seems to be especially productive to understand how these transformations were reflected in the production and restructuring of urban space and how it affected individual lives as well. However, Bernt/Holm only roughly sketch their concept of a Housing research for East Germany leaving open a number of conceptual and methodological questions. Also it remains to be discussed in what way research might relate idiosyncrasies but also parallels of the transformation of housing and urban development in East Germany to national and international trends