suburban. zeitschrift für kritische stadtforschung
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Rückschritte in längst überwunden geglaubte Ausbeutungs- und Unsicherheitsmuster: Kommentar zu Matthias Bernt und Andrej Holm „Die Ostdeutschlandforschung muss das Wohnen in den Blick nehmen“
Dieser Kommentar nimmt den Aufschlag von Bernt und Holm zum Anlass, die institutionellen Rahmenbedingungen der Landentwicklung Ostdeutschlands zu hinterfragen und damit die konstituierenden Prozesse einer Ungleichartigkeit der Lebensverhältnisse aufzuzeigen. Drei Prozesse finden Erwähnung: (1) Wert- und Preisänderungen von Wohnbestand und Bauland; (2) Akkumulation landwirtschaftlicher Nutzfläche, besonders der ehemaligen Subsistenzwirtschaft; (3) Kapitalbeteiligung nicht landwirtschaftlicher Investoren an landwirtschaftlichen Unternehmen durch renteerism und Spekulation. Im Anschluss wird argumentiert, dass die Analyse der seit der Wiedervereinigung entstandenen Besitz- und Eigentumsverhältnisse durch eine Betrachtung der Akkumulationsprozesse von Grund und Boden im ländlichen Raum ergänzt werden muss, um ein vollständiges Verständnis der Situation und des aus ihr resultierenden Abwertungsgefühls zu ermöglichen
Rückkehr nach Rostock: Rezension zu Steffen Mau (2019): Lütten Klein. Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft. Berlin: Suhrkamp. Zusammengelesen mit Didier Éribon (2016 [2009]): Rückkehr nach Reims. Berlin: Suhrkamp. (Übers. aus dem Französischen Tobias Haberkorn).
Steffen Mau gelingt es, eigene Erinnerungen und Erfahrungen in der DDR und zu Zeiten der Wende bis zur Aktualität so mit theoretischen und empirischen Erkenntnissen zu verflechten, dass vor dem inneren Auge der Leser*in konturierte Bilder entstehen: vom Alltag in der DDR-Großwohnsiedlung der 1970er und 80er Jahre, von den Umbrüchen in Ostdeutschland ab 1989 und den zahlreichen Problemen, mit denen sich die Menschen in Ostdeutschland durch die politische Transformation und den Anschluss der DDR an die BRD auseinandersetzen mussten und die bis heute Spuren in den individuellen wie sozialen Bezügen hinterlassen haben
City of Alienation: Review of Rowland Atkinson (2020): Alpha City. How London Was Captured by the Super-Rich. Verso.
Bei einem Spaziergang durch London, durch die wohlhabendsten als auch die ärmeren Stadtviertel, sieht man die vielen leerstehenden Wohnungen – 125.000, um genau zu sein –, die von Investoren gekauft und zu einem Symbol für die kaputte Wohnungspolitik einer zunehmend ungerechten, fast schon hobbesianischen Gesellschaft geworden sind. Rowland Atkinsons Alpha City (2020) befasst sich eingehend mit der Frage, wie vermögende Privatpersonen als Inkarnationen des Kapitals – zumeist von ‚offshore‘ – das urbane Gefüge Londons veränderten, indem sie andere verdrängten, die Stadt zu ihrer ‚Hauptstadt‘ – ihrer ‚Alpha-Stadt‘ – machten, und was genau dies für die Verdrängten bedeutet.
Walking around London, through both the wealthiest and the most shady areas of the city, one sees the many vacant flats—125,000, to be precise—, which have been bought by investors and have become a symbol of the broken housing policy of an increasingly unjust, almost hobbesian society. Rowland Atkinson\u27s Alpha City looks in depth at how wealthy individuals, as incarnations of capital—mostly from \u27offshore\u27—, have transformed the urban fabric of London by displacing others, making the city their "capital"—their "alpha city"—and what this means for the displaced
Urban Citizen Walkers: Methodological reflection on collaborative walking in the city
Als kollaboratives Experiment haben wir im Sommer 2019 Menschen unterschiedlicher Herkunft, die seit kurzem oder schon lange in Berlin leben, zu einer Stadterkundung eingeladen. Darin betrachten wir als Urban Citizen Walker die Stadt aus der Perspektive des Ankommens, mit dem Blick des Sich-Zurecht-Findens, in alltäglichen Momenten der Aneignung. Uns interessiert vor allem der postmigrantische Blick, mit dem Menschen sich die Stadt vor dem Hintergrund ihrer subjektiven Erfahrungen erschließen und konkrete Möglichkeiten zu besetzender räumlicher Nischen ausloten. Die Methode des kollaborativen Gehens ermöglicht es, die Blickrichtung zu verändern, sich die unbekannte Stadt zu erschließen, bekannte Orte wieder zu erkunden und diese im Idealfall gemeinsam neu zu besetzen.
In unserem Beitrag gehen wir der Frage nach, wie das Gehen als Methode der kritischen Stadtforschung weiterentwickelt werden kann. Dazu werden wir einige theoretische und methodologische Aspekte des Gehens vor allem aber das von uns entwickelte Format der kollaborativen Stadterkundung vorstellen. Wir möchten die Potentiale dieser Methode als eine Teilhabe an der alltäglichen Produktion von und damit eine mögliche Voraussetzung für Urban Citizenship zu diskutieren.As a collaborative experiment, in the summer of 2019 we invited people of different origins who have lived in Berlin for a short or long time to explore the city. As Urban Citizen Walkers, we look at the city from the perspective of arrival, with a view to finding one\u27s way around, in everyday moments of appropriation. We are particularly interested in the post-migrant perspective with which people open up the city against the background of their subjective experiences and explore concrete possibilities for occupying spatial niches. The method of collaborative walking makes it possible to change the perspective, to explore p the unknown city, to re-search familiar places and, ideally, to give them new common meaning.
In our article we explore the question of how walking can be further developed as a method of critical urban research. To this end, we will present some theoretical and methodological aspects of walking, but especially the format we have developed for collaborative urban exploration. We want to discuss the potentials of this method as a participation in the everyday production of, and thus a possible precondition for, urban citizenship.
 
More than Baugruppen and alternative housing projects: Kommentar zu Lisa Vollmer und Boris Michel „Wohnen in der Klimakrise. Die Wohnungsfrage als ökologische Frage“
In Tübingen gibt es jahrzehntelange Erfahrungen mit alternativen Wohnformen und progressiver Wohnraumpolitik. Die Initiative „Neustart Tübingen“ unternimmt aktuell den Versuch, bestehende Leerstellen in der existierenden Breite an Projekten zu schließen. Angelehnt an in der Schweiz entwickelten und bereits umgesetzten Ideen soll eine Nachbarschaft entstehen, die einer breiten Gesellschaft sozial und ökologisch nachhaltiges Wohnen und Leben ermöglicht.Tübingen has decades of experience with alternative forms of housing and progressive housing policy. The "Neustart Tübingen" initiative is currently attempting to close existing gaps in the existing range of projects. Based on ideas developed and already implemented in Switzerland, the aim is to create a neighbourhood that enables a broad society to live in a socially and ecologically sustainable way
Editorial
Die Natur ist in der Stadt präsent – schon immer, nicht erst neuerdings. Im Dualismus ‚Natur‘/‚Gesellschaft‘, als Widerpart des Städtischen konstruiert, wird ihr häufig eine von außen hereinbrechende, durch Menschen nur schwer beherrschbare eigene Kraft und Dynamik zugeschrieben. Mit unserem Themenschwerpunkt „Die Natur der Stadt. Urbane politische Ökologien“ intervenieren wir in die Debatte um diesen Dualismus. Eine solche Intervention ist von hoher Aktualität
Logic of Emergence: Constituting Covid-19 through modes of coping
Die unzähligen und weitreichenden Bezüge der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der Covid-19-Infektion stehen nun schon einige Zeit im Zentrum sozialwissenschaftlicher Aufmerksamkeit. Ergänzend zu prägnanten unmittelbaren Diagnosen der Effekte und Blindstellen bei der Bewältigung richten wir das Augenmerk auf strukturelle Einstellungen im Vorfeld der Pandemie. Die aktuelle Krise entfaltet sich teils in der Realisierung solcher Voreinstellungen. Mit der kritischen Sozialepidemiologie führen wir eine Perspektive ein, die darauf verweist, dass Gesundheit eine soziale Frage ist. Mit Hilfe der Perspektive des worldings verfolgen wir, wie bestimmte Logiken und Regierungsweisen der Krise sich im Moment der Krise materiell entfalten, dabei an Kontexte angepasst werden, sich verändern und dabei ganz konkrete Welten der Krisenbewältigung erschaffen. Unter der Klammer „Logik des Ausbruchs“ zeigen wir die Verschränkung von zwei Momenten – die Klassifikation als Feind sowie die Zurichtung als Sicherheitsproblem – die richtungsweisend für die gesellschaftliche Interaktion mit dem neuartigen Virus sind. In dem wir die aktuelle Bearbeitungsweise der Krise als eine strukturell voreingestellte, machtgeladene, aber letzten Endes nur eine von vielen anderen möglichen dekonstruieren, öffnen wir den Blick für Bedingungen einer solidarischen Politik des Lebens, die wir abschließend knapp skizzieren. Damit liefert der Artikel einen Beitrag zu einer Geographie der Gesundheit, die im Sinne einer Sozialepidemiologie zweiter Ordnung nicht nach der Verbreitung und Bekämpfung von Viren und Seuchen fragt, sondern nach den Topologien der Macht, die den Ausbruch strukturieren
Urban Metabolisms: Embodied Political Ecologies of Food
Essen (als Nahrungsmittel) und essen (als Tätigkeit) sind in urbanen Kontexten des Globalen Nordens im Laufe der letzten Dekade zu gesellschaftspolitisch relevanten sowie wissenschaftlich zunehmend beachteten Themen geworden, die als Bestandteile routinisierter Alltagspraktiken auf gesellschaftliche und biosozial verkörperte Ungerechtigkeiten verweisen. Aufbauend auf Sapana Doshis Vorschlägen für eine „embodied urban political ecology“ stellt dieser Beitrag den menschlichen Körper in den Mittelpunkt, um Gesundheits- und Umweltgerechtigkeit anhand des sozio-ökonomisch und -kulturell beeinflussten Zugangs zu gutem Essen sowie der biosozialen Materialisierungsprozesse von essen zu adressieren.Within the last decade, food (as product) and food consumption (as practice) have become increasingly acknowledged as relevant topics in urban spaces of the Global North, both in terms of social relevance and academic recognition. Food and food choices are integral to everyday routines and refer to social and embodied biosocial injustices. Building on Sapana Doshi’s proposals for an “embodied urban political ecology”, this article focuses on the human body and embodiment in order to address transcorporeal relations between city and ecology through socio-economically and culturally influenced access to good food and the biosocial materialization processes of food consumption
‘Rampant cities‘ and ‘tamed wilderness’: Social-ecological perspectives on staging ‘urban wilderness’ in Natur-Park Schöneberger Südgelände
Aus sozial-ökologischer Perspektive kann ‚neue Wildnis’ als Ausdruck dynamischer gesellschaftlicher Naturverhältnisse auf Basis materialer Hybridität von Natur und Gesellschaft gelesen werden; zugleich wird hiermit das Trennungsverhältnis zwischen diesen beiden Polen über die Gegenwart hinaus in zukünftige, werdende ‚Natur/en‘ diskursiv verlängert. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob und inwiefern ‚neue Wildnisse‘ in der Stadt als sozial-ökologische, offene Räume aufgefasst werden können, in denen Trennungsstrukturen aufgebrochen werden können und ein Beitrag zu nachhaltiger Entwicklung geleistet werden kann. Wir nähern uns dieser Fragestellung auf Grundlage einer qualitativen Interviewstudie von Naturverständnissen und Naturschutzbegründungen in Bezug auf den Natur-Park Schöneberger Südgelände in Berlin. Die Ergebnisse zeigen, dass ‚wilde‘ und offene Naturentwicklung im Südgelände zwar auf einem Teil der Flächen stattfinden kann, der Fokus des Naturschutzes jedoch auf der Konservierung der als hybrid inszenierten ‚Wildnis‘ liegt. Das Gegensatzverhältnis zwischen den Sphären Gesellschaft und ‚Natur‘ wird oft nur scheinbar aufgebrochen, stattdessen wird an vielen Stellen das jeweils ‚Andere‘ inszeniert. Am Beispiel des Südgeländes lässt sich jedoch auch zeigen, dass ‚neue Wildnisse‘ in der Stadt mithin zur (normativen) Verständigung über gesellschaftliche Naturverhältnisse und deren Transformation einladen und somit als Möglichkeitsräume für künftige nachhaltige Entwicklungsprozesse sichtbar und offen bleiben können.From a social-ecological perspective, ‘urban wilderness’ can be conceptualized as an expression of societal relations to nature that is dynamic and based on material hybridity of nature and society. However, the dichotomy between these two poles is being extended beyond present conditions into prospective and emerging ‘nature/s’ through discourse. The question arises if and to what extent concepts of ‘urban wilderness’ can be understood as social-ecological and open spaces breaking up dichotomous structures and contributing to sustainable development in cities. We approach this research question based on a qualitative interview study investigating conceptions of nature and reasons for nature conservation concerning ‘Natur-Park Schöneberger Südgelände’ in Berlin. Results show that in some areas of the Südgelände the woodlands are developing in an undisturbed manner based on nature’s own dynamics. Notably, the main focus of nature conservation is on staging and conserving ‘wilderness’ as hybrid. Thus, dichotomous structures between society and nature seem to be permeable but are rather confirmed as contrasting ‘others’. Nevertheless, the Südgelände can be seen as an example for ‘urban wilderness’ as a starting point for (normative) negotiations about societal relations to nature and their transformation and can therefore remain visible and open as potential space for future sustainable development processes