suburban. zeitschrift für kritische stadtforschung
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Outdoor play during the Corona crisis: Children’s and families’ changing every-day geographies during the early weeks of the pandemic
Mit der Sperrung von Spielplätzen und Parkanlagen bei zeitgleicher Schließung aller Einrichtungen der Kinderbetreuung zu Beginn der Coronapandemie wandelten sich Bedeutung und Nutzung des öffentlichen Raums. Maßnahmen und Empfehlungen wie das Abstandhalten, die Schließung von Schulen und Betreuungseinrichtungen und das Arbeiten von zu Hause veränderten den Kinder- und Familienalltag von einem Tag auf den anderen. Viele sonst alltäglich genutzte öffentliche Freiräume standen nicht mehr zur Verfügung; das „Austoben“ auf dem Spielplatz fiel ebenso weg wie Treffen mit Freund_innen oder Großeltern im Park. In unserem Artikel betrachten wir die pandemiebedingten Einschränkungen im Alltag von Kindern und Familien sowie individuelle Kompensationsstrategien: Wie haben sich die Wohn- und Freiraumpraktiken von Kindern verschoben und wie hat sich das im Raum niedergeschlagen? Was bedeutet der an die Wohnung angrenzende private und öffentliche Freiraum für die Kinder und ihre Familien? Welche Bedarfe an öffentlichen und wohnungsnahen Freiräumen ergeben sich in Zeiten der Pandemie und darüber hinaus? Mithilfe narrativer Landkarten analysieren wir Bewegungsradius, Tagesrhythmus und Freiraumpraxis von Kindern. Befragt werden Kinder zwischen acht und zwölf Jahren sowie deren Eltern in zwei kleineren Großstädten in Westdeutschland.During the early weeks of the pandemic in Europe (mid-March to May), childcare facilities as well as public playgrounds were closed along with other institutions of public life. Even though the restrictions were not as drastic in Germany as elsewhere, many taken for granted outdoor activities became impossible from one day to the next. Thus, lockdown posed a severe challenge to families, incisively changing their routines and everyday geographies as well as the dynamics of public space. In our contribution, we will explore the pandemic-related restrictions in the everyday life of children and families and their compensation strategies. Using the method of narrative maps, we have analyzed the everyday geographies and daily routines of 8 to 12 year old children during lockdown in two German cities. We put forward the hypothesis that the use and appropriation of close-to-home and private outdoor space such as backyards, balconies, sidewalks and allotment gardens increased during lockdown to compensate for the inaccessibility of other outdoor spaces
Kinderräume in der Coronakrise? Eine kritische Betrachtung aktueller Studien zur Situation in Deutschland
Kinder stehen seit Beginn der Pandemie in Zusammenhang mit Kinderbetreuung, der Übertragung des Virus, der Bewältigung des homeschooling im Fokus öffentlicher und wissenschaftlicher Debatten. Im Zuge dessen wird Kindheit in der Krisenzeit auf – selbstverständlich wichtige – Themen wie psychosoziale Risiken, Bildung und Gewalt häufig reduziert. In diesem Beitrag wird die Berücksichtigung der spezifischen Räume von Kindern in den wissenschaftlichen Studien, die bislang in der Corona-Krise aus und zur Situation in Deutschland veröffentlicht wurden, diskutiert. Schwerpunktmäßig bezieht sich der Beitrag auf die COPSY-Studie (2021, 2020), die KiCo-Studie (2020) sowie auf die Studie „Kindsein in Zeiten von Corona“ (2020) des Deutschen Jugendinstituts (DJI). Es zeigt sich, dass Räume von Kindern, die jenseits der Institutionen der Kindertagesbetreuung und Schule im Alltag von Kindern eine wesentliche Rolle spielen, wie unter anderem Wohnräume, Freizeiträume, öffentliche Räume und urbane Räume, in den genannten Studien bislang nur verkürzt aufgegriffen oder gänzlich ausgeblendet werden. Zudem werden Kinder dabei vereinzelt in Zusammenhang mit Migration und sozioökonomischen Benachteiligungen ihrer Familien stigmatisiert. Ferner wird analysiert, inwiefern die Stimmen der Kinder in den Studien beachtet und Kinder selbst in die Forschung einbezogen wurden. Im Beitrag greife ich abschließend das Potential einer kritischen Stadtforschung auf, nämlich auf der Basis ihrer theoretischen und methodologischen Perspektiven die räumlichen Bezüge und Verortungen von Kindern herauszuarbeiten und das Wissen sowie die subjektiven Positionen von Kindern sichtbar zu machen. Damit treten Kinder als Akteur_innen und Gestalter_innen ihres Alltags hervor – eine Perspektive, die in der Corona-Krise in Politik und Öffentlichkeit bislang zu kurz gekommen ist
From children’s domains to the kingdom of norms: Reflections on playgrounds in Mexico City and global perspectives
In verschiedenen städtischen Kontexten weltweit brachte das 20. Jahrhundert den Übergang von der Stadt-als-Spielplatz, die von Kindern angeeignet und gelebt wird, zum Rückzug der Kinder auf speziell für sie gestaltete Spielplätze. Die gegenwärtige Verbreitung von Spielgeräten ähnlicher Bauart und Materialien in vielen Städten entspricht bestimmten Vorstellungen sowohl der Kindheit als auch der Stadt. Dieser Beitrag wählt einen interdisziplinären Ansatz, um diese Repräsentationen von Kindheit und Stadt und die Interaktion zwischen ihnen zu diskutieren. Mit besonderem Fokus auf Spielplätze in Mexiko-Stadt diskutiert der Aufsatz das Verhältnis zwischen diesen und der Entstehung eines globalen Bildes von Kindheit. Es wird untersucht, inwieweit der Bau von Spielplätzen tatsächlich auf die Förderung des kindlichen Spiels abzielt und ob Spielplätze heute noch räumliche Bezüge und Territorien für Kinder darstellen (können). Der Artikel setzt sich kritisch mit dem Begriff des öffentlichen Raums auseinander und zeigt, wie dieser dazu dienen kann, eine neoliberale Transformation der Stadt voranzutreiben.The transition from a city-as-playground, appropriated and lived by children, to children’s withdrawal into playgrounds specifically designed for them during the 20th Century, has been shown in a variety of urban contexts around the world. The current proliferation of children’s playground equipment of similar design and materials in many cities corresponds to a representation of both childhood and the city. This paper adopts an interdisciplinary approach to discuss these representations of childhood and the city, and the interaction between them. With a particular focus on playgrounds in Mexico City, it interrogates their link with the conformation of a global image of childhood. It examines whether the construction of playgrounds aims to enhance children’s play, and whether they still constitute spatial references and territories for contemporary children. It critically addresses the concept of public space to show how it can be used to enhance a neoliberal approach to the city
Vom Fangspiel auf der Straße zum Tanzvideo auf TikTok – Wards Plädoyer für kindliche Freiräume Reloaded: Kommentar zu Colin Ward „Das Kind in der Stadt (Auszüge)“ (2021 [1978])
Wards Ausführungen zum Verlust von Freiräumen und zur Stadt als Lernraum lesen sich erstaunlich aktuell: Sie finden sich fast deckungsgleich in Debatten um Bildungslandschaften wieder, die ebenfalls auf die Erschließung des Potenzials städtischer Frei- und Lernräume abzielen. Gleichzeitig zeugt die Aktualität davon, dass die Diagnose von zunehmend durchgetakteten kindlichen Lebenswelten weniger Ausdruck von tatsächlichen Veränderungen städtischer Räume ist, als vielmehr davon, dass die eigene Kindheit in der Erinnerung erscheint als „verlorenes Paradies, das man wiedergewinnen möchte“ (Ward 1978: 2). Angesichts Wards Feststellung, dass Kinder sich „jedes übriggebliebene Fleckchen der Stadt ihren eigenen Zwecken nutzbar machen“ (1978: 211), für die Erwachsene gar keinen Blick haben, wird in Frage gestellt, ob Freiräume überhaupt von Erwachsenen bereitgestellt werden können. Der Beitrag plädiert dafür, den kindlichen Freiräumen, die sie heute vor allem in der digitalen Welt finden, mit derselben Faszination zu begegnen, wie einst Ward den scheinbar banalen Orten in der Stadt
Shrinkage and urban restructuring as central topics of research on cities in East Germany: Commentary on Matthias Bernt and Andrej Holm „Die Ostdeutschlandforschung muss das Wohnen in den Blick nehmen“
Ostdeutschland beziehungsweise ostdeutsche Städte sind kein „Nischenthema“ „ohne weitere Relevanz“. Ostdeutsche Städte haben immer wieder die Aufmerksamkeit der Stadtforschung auf sich gezogen - davon zeugen die Diskurse zur postsozialistischen Transformation der 1990er Jahre und die zu Schrumpfung und Stadtumbau seit den 2000er Jahren. Diese fanden nicht nur Beachtung in Westdeutschland, sondern auch in der internationalen wissenschaftlichen Community, was bis heute anhält.East Germany or East German cities are not a "niche topic" "without further relevance". East German cities have repeatedly attracted the attention of urban research, as evidenced by the discourses on post-socialist transformation in the 1990s and on shrinkage and urban redevelopment since the 2000s. These have not only attracted attention in West Germany, but also in the international scientific community, which continues to this day
On the Future of East German Studies: Kommentar zu Matthias Bernt und Andrej Holm „Die Ostdeutschlandforschung muss das Wohnen in den Blick nehmen“
In diesem Kommentar bestärkt Felix Ringel die von Bernt und Holm formulierten Thesen zum Scheitern der deutschen Ostdeutschlandforschung und fragt, erstens, nach den Gründen dieses Scheiterns und, zweitens, ob ein Ausweg aus diesem Scheitern durch eine bewusst ‚ostdeutsche‘ Ostdeutschlandforschung geschafft werden kann. Ein derartiger strategischer Essentialismus könnte helfen, ostdeutsche Themen als solche wahrzunehmen und zu erforschen, und damit der spezifischen Problemlage Ostdeutschlands und deren Lösung wissenschaftlich mehr Raum zu geben. Doch aus theoretischen Gründen muss dieser Essentialismus in Zukunft auch wieder überkommen werden
Focus on the East: A reply
Die Kommentare zu unserem „Plädoyer für eine neue politisch-institutionelle Perspektive auf ostdeutsche Städte“ lassen sich grob in zwei Argumentationslinien einteilen: Das ist zum einen eine Perspektive, die Zweifel an unserem politökonomisch-institutionellen Ansatz sowie der Eignung von Ostdeutschland als eigenständigem Forschungsgegenstand anmeldet, sowie zweitens eine Gruppe an Argumenten, die unseren Ansatz unterstützt – aber nach den forschungspolitischen Konsequenzen fragt. Beide Linien lassen sich dabei nicht eindeutig bestimmten Autor_innen zurechnen. In unserer Replik können wir natürlich nicht auf alle Anregungen eingehen. Wir beschränken uns daher auf die Themen, die in mehreren Kommentaren aufgegriffen wurden
Southern cities in the context of climate- and development finance: Reregulation, disciplining and depoliticization
Dieser Aufsatz untersucht die Verschiebung von Finanzialisierungsprozessen unter dem Vorzeichen von klima- und entwicklungspolitischen Agenden auf das Terrain der Stadt. Mit der Fokussierung von Finanzmärkten auf ökologisch nachhaltige Projekte sowie deren Involvierung in entwicklungspolitische Handlungsstrategien hat sich das Engagement von Finanzmärkten nicht nur sektoral, sondern auch geographisch verbreitet und vertieft. Die globale Governance von Klima- und Entwicklungspolitik zielt verstärkt auf Städte in sogenannten „emerging markets“. Die damit einhergehenden organisatorischen, diskursiven und regulativen Verschiebungen werden in kritischen Teilen der Wirtschaftsgeographie (Bracking 2015a; Ouma/Johnson/Bigger 2018), der Entwicklungsforschung (Mader 2017; Mawdsley 2018) und der Nachhaltigkeitsforschung (Asiyanbi 2017) randständig auch ihrer städtischen Dimension diskutiert. Die neue Bedeutung der Stadt als Akteur, Objekt und Ort von klima- und entwicklungspolitischen Interventionen, die auf Vertiefung und Ausweitung von Kapitalflüssen aufbauen, ist jedoch in gegenwärtigen stadtpolitischen und Stadtforschungsdebatten noch nicht ausreichend erfasst.
Ziel unseres Beitrags ist es, die beschriebenen Entwicklungen nachzuzeichnen und ihre Wirkung im Kontext finanzialisierter Stadtentwicklungsdynamiken herauszuarbeiten. Theoretisch nehmen wir Bezug auf Ansätze der politischen Ökonomie und politischen Ökologie, um zu beleuchten, inwiefern die Verknüpfung von klima- und entwicklungspolitischen Agenden auf dem Terrain der Stadt Prozesse der Reregulierung, Disziplinierung und Entpolitisierung befördert. Abschließend leiten wir daraus eine Agenda für zukünftige Forschung ab.This paper examines how shifts in climate and development finance and related global action agendas become manifest at the urban scale. In recent years, the increasing focus of financial markets on environmentally sustainable projects has gone hand in hand with their heightened engagement in global development strategies. These entangled shifts have widened the scope of financial market activity, in terms of economic sectors but also geographically, particularly as global climate and development policies are increasingly targeting cities in so called „emerging markets“. Parts of economic geography (Bracking 2015a; Ouma/Johnson/Bigger 2018), development studies (Mader 2017; Mawdsley 2018), and environmental studies (Asiyanbi 2017; Bigger 2018) have critically discussed the related organizational, discursive, and regulatory shifts. Yet these literatures have only paid marginal attention to their urban dimension. Concomitantly, urban research has not sufficiently reflected the new relevance of Southern cities as actors, objects, and sites of intervention for climate and development agendas, which build on the deepening and expansion of global capital flows.
Our aim in this paper is to trace relevant dynamics in climate and development finance and to analyse their effects on cities and urban development. Theoretically, this paper builds on political economy and political ecology perspectives to show how the increasing entanglement of climate and development finance on the terrain of the city advances processes of reregulation, disciplining, and depoliticisation. Our conclusion proposes an agenda for future research
Kein Einzelfall: Über den Tod von Adel B., der während eines Polizeieinsatzes in Essen-Altendorf erschossen wurde
Im Sommer 2019 wird Adel B. im Essener Stadtteil Altendorf bei einem Polizeieinsatz erschossen. Zuvor hatte er angekündigt, sich selbst töten zu wollen. In der Presse wird er als „Deutscher mit algerischen Wurzeln“ beschrieben. Sein Wohnort Altendorf gilt als problematisches und gefährliches Viertel und wird entsprechend polizeilich bearbeitet. Polizei und Stadtpolitik in Essen bagatellisieren die Erschießung als Einzelfall, polizeiinterne Ermittlungen gegen einen Polizisten erkennen Nothilfe. Angehörige, Nachbar*innen und Aktivist*innen dagegen organisieren Proteste und fordern „Gerechtigkeit für Adel“. Wir argumentieren, dass sich in der Erschießung des Bewohners eines ‚Problemquartiers‘, eines Mannes mit zugeschriebenem Migrationshintergrund, der sich in einer psychischen Notsituation befand, verschiedene polizeiliche Selektivitäten auf fatale Weise verbinden. Basierend auf eigenen qualitativen Forschungen in Altendorf rekonstruieren wir, wie sich hier alltägliche und institutionalisierte Rassismen zu einem spezifischen sozialen Klima verdichten. Wir beleuchten, wie in dieser lokalen Konstellation rassistische Polizeipraktiken verleugnet werden. Gleichzeitig plädieren wir dafür, dass kritische Stadtforschung an der Dokumentation, Sichtbarmachung und Kritik rassistischer Polizeigewalt aktiv mitarbeiten sollte, um die öffentliche Anerkennung der Existenz institutionalisierter polizeilicher Rassismen zu stärken und dadurch daran mitzuwirken, die Artikulationsräume für Betroffene zu verbreitern.