suburban. zeitschrift für kritische stadtforschung
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Young urbanites between improvisation and exploitation: Abidjan\u27s call box workers as nodal points in extractive operations of digital capitalism
Dieser Artikel nimmt die Handy-Guthabenökonomie in Abidjan in der Côte d’Ivoire zum Ausgangspunkt, um städtische Wertschöpfungsprozesse im digitalen Kapitalismus zu problematisieren. Mithilfe von Konzepten der Infrastruktur und der ökonomischen Praxis zeigt der Artikel, wie soziale Beziehungen, die auf den ersten Blick außerhalb des Arbeitsprozesses stehen, funktional für Wertschöpfungsprozesse werden. Die empirische Grundlage bilden leitfadengestützte Interviews mit rund 30 Männern im Alter zwischen 18 und 35 Jahren, die in der Guthabenökonomie Abidjans arbeiten. Die Analyse arbeitet die Verschränkung von Formen der Zirkulation mit ökonomischen Praktiken heraus. Diese konstituieren (mit) den Guthabenverkauf und damit auch die Kommunikationsinfrastrukturen. Der Artikel verdeutlicht, inwiefern die Befragten ihre Tätigkeit als symbolisches Kapital beim Übergang ins Erwachsenenalter einsetzen. Gleichzeitig nutzen Unternehmen die unbezahlte Arbeit der Guthabenverkäufer für die Erschließung neuer Märkte und zur Wertschöpfung. Im Sinne einer strategischen Kosmopolitisierung der Stadtforschung zeigt der Artikel abschließend Anknüpfungspunkte für die Debatte um digitale Arbeit in der Plattform-Metropolis auf.This article takes the mobile phone economy in Abidjan, Côte d\u27Ivoire as a starting point to problematize urban value creation processes in digital capitalism. To what extent do credit vendors become nodes of urban infrastructures? Can forms of exploitation also be identified in the appropriation practices of new technologies? The article links the debate on platform urbanism with studies on urban infrastructures and is based on a case study on the precarisation of young adults in Abidjan\u27s credit economy between 2015 and 2017, using empirical evidence from indepth interviews with about 30 men between 18 and 35 years. In the analysis, I show the entanglement of forms of circulation in practices of selling credit and the functionality of cabines as platforms for visibility policies. Airtime sellers can establish their reputation as "public characters", but the call boxes also serve as platforms for visibility policies and marketing. Finally, I draw attention to closure processes that are emerging in the course of the current platformisation of the communication infrastructure. In the past, companies have used the improvisation and appropriation of digital technologies by credit vendors as nodes in urban neighborhoods to expand markets. Today, the daily work of the credit sellers threatens to become superfluous, which makes the question of social reproduction in platform urbanism even more acute
Smart Childhoods: When young people become the focus of urban governance
Mit der Smart-City-Vision wird die Hoffnung verbunden, drängende ökologische, ökonomische und soziale Krisen in Städten zu überwinden und in eine ressourcenschonende und lebenswerte Stadt der Zukunft überzuleiten. Dabei fällt auf, dass Smart-City-Initiativen gezielt Kinder und junge Menschen adressieren. Anknüpfend an Ansätze der Gouvernementalitäts- und geographischen Kindheitsforschung gehen wir der Frage nach, wie die nahezu unhinterfragten Glaubenssätze einer von Innovationsoptimismus geprägten Stadt Vorstellungen von Kindheit verändern und ihre gesellschaftliche Inwertsetzung vorantreiben. Wir untersuchen erstens diskursanalytisch, wie Smart-City-Leuchtturmprojekte der EU in die Alltagswelten von Kindern investieren und diese als Experimentierfelder smarter Stadtentwicklung nutzen. Am Beispiel einer Fallstudie des Smart-City-Projektgebiets Wien-Simmering diskutieren wir zweitens, wie der smarte Stadtumbau auf das Alltagsleben von Kindern und Jugendlichen Einfluss nimmt und ihre Bedürfnisse be- und aufgreift. Unsere Ergebnisse zeigen, dass junge Menschen als smarte Bürger_innen in die Pflicht genommen werden, stadtentwicklungspolitische Zielsetzungen mitzutragen und entsprechende Handlungsweisen in ihren Alltag zu implementieren. Dies schafft neue Abhängigkeitsverhältnisse, die kritisch betrachtet werden müssen.The smart city vision comprises the hope of overcoming pressing ecological, economic and social urban crises, as well as the aspiration to transition to a resource-saving and livable city of the future. It is conspicuous that smart city initiatives specifically address children and young people. Drawing on approaches from governmentality and geographical childhood studies, we explore how the practically unchallenged ideal of a city shaped by innovation optimism changes notions of childhood and drives its social valorization. First we use discourse analysis to examine how EU smart city lighthouse projects invest in children\u27s immediate environment and use it as a laboratory for smart urban development. We then discuss how smart city refurbishment influences the everyday lives of children and young people and how it adresses their needs. For this we will draw on a case study of the smart city project Vienna Simmering. Our results show that young people, as smart citizens, are obliged to support urban development policy objectives and to implement the corresponding courses of action into their everyday lives. This results in new relationships of dependency that need to be critically examined
The COVID-19 pandemic does not mean the end of the urban (but perhaps the beginning of a better understanding of our world): Kommentar zu Stefan Höhne und Boris Michel „Das Ende des Städtischen? Pandemie, Digitalisierung und planetarische Enturbanisierung“
„Das Ende des Städtischen?“ ist der Titel des Debattenaufschlags von Stefan Höhne und Boris Michel, der die möglichen sozialräumlichen Folgen der Covid-19-Pandemie diskutiert. Obwohl diese Frage von den Autoren im Stil einer Hypothese formuliert ist, verdient sie es, problematisiert zu werden, da sie aus meiner Sicht einen ungeeigneten Ausgangspunkt darstellt: Wäre es nicht wesentlich produktiver – anstatt sich zu fragen, ob „das Städtische“ vor dem Ende steht –, das Szenario einer möglichen Auflösung einer bestimmten sozialräumlichen Konfiguration (und nicht des Städtischen selbst) zu diskutieren? Ist das „Ende des Städtischen“ nicht ein übermäßig dramatisches und im Grunde genommen unrealistisches Wort? Wäre es also nicht fruchtbarer, eine (wahrscheinliche) akute Krise der gegenwärtigen kapitalistischen sozialräumlichen Konfiguration zu postulieren?
“The end of the urban?” is the title of a paper by S. Höhne and B. Michel discussing the possible socio-spatial consequences of the COVID-19 pandemic. Although this question is formulated by the authors in the style of a hypothesis, it still deserves to be problematised, since it is a bad starting point: Would not it be much more productive after all, instead of wondering whether “the urban” is close to its end, to discuss the scenario of a possible dissolution of a certain socio-spatial configuration (and by no means of the urban itself)? By the way, would not the ‘end of the urban’ be an overly dramatic and basically unrealistic word? All in all: Would not have been more fruitful for the debate to postulate a (probable) acute crisis in the current capitalist socio-spatial configuration
Das Ende des Ländlichen? Covid-19 als Krise ländlicher Räume: Kommentar zu Stefan Höhne und Boris Michel „Das Ende des Städtischen? Pandemie, Digitalisierung und planetarische Enturbanisierung“
Die Ausbreitung von Covid-19 und deren Auswirkungen werden in Medien, wie auch im Beitrag von Stefan Höhne und Boris Michel, vor allem als ein Phänomen der Großstädte verstanden. Demgegenüber erscheinen die geringe Siedlungsdichte, die Nähe zur Natur und die überschaubaren sozialen Kontakte in ländlichen Räumen als eine Alternative zum riskanten Leben in Großstädten. Dieser Einschätzung möchte ich mit der folgenden Replik widersprechen und argumentieren, dass die aktuelle Pandemie nicht nur mit einer Krise der Stadt, sondern auch mit Krisen ländlicher Räume verbunden ist. Zugespitzt ist zu fragen, ob aktuell nicht nur ein „Ende des Städtischen“ (Höhne/Michel 2021), sondern auch ein Ende des Ländlichen festzustellen ist. Die aktuellen Krisen ländlicher Entwicklung begannen, ähnlich wie in Städten, weit vor dem Ausbruch der globalen Pandemie und betreffen unter anderem das Arbeiten, das Wohnen, die Infrastrukturversorgung sowie Fragen politischer Repräsentation in ländlichen Räumen.Die Ausbreitung von Covid-19 und deren Auswirkungen werden in Medien, wie auch im Beitrag von Stefan Höhne und Boris Michel, vor allem als ein Phänomen der Großstädte verstanden. Demgegenüber erscheinen die geringe Siedlungsdichte, die Nähe zur Natur und die überschaubaren sozialen Kontakte in ländlichen Räumen als eine Alternative zum riskanten Leben in Großstädten. Dieser Einschätzung möchte ich mit der folgenden Replik widersprechen und argumentieren, dass die aktuelle Pandemie nicht nur mit einer Krise der Stadt, sondern auch mit Krisen ländlicher Räume verbunden ist. Zugespitzt ist zu fragen, ob aktuell nicht nur ein „Ende des Städtischen“ (Höhne/Michel 2021), sondern auch ein Ende des Ländlichen festzustellen ist. Die aktuellen Krisen ländlicher Entwicklung begannen, ähnlich wie in Städten, weit vor dem Ausbruch der globalen Pandemie und betreffen unter anderem das Arbeiten, das Wohnen, die Infrastrukturversorgung sowie Fragen politischer Repräsentation in ländlichen Räumen
Lokale urbane Welten sichtbar machen: Kommentar zu Stefan Höhne und Boris Michel „Das Ende des Städtischen? Pandemie, Digitalisierung und planetarische Enturbanisierung“
Die aktuelle Gesundheitskrise zeigt die Diskrepanz zwischen den Sichtweisen auf gesellschaftliches Zusammenleben, wie sie sich in offiziellen Politiken einerseits und im städtischen Alltag der Vielen, der lokalen urbanen Welten, ausdrücken. Stadtforschung sollte diese Diskrepanz als Solche zu ihrem Ausgangspunkt machen. Anstatt das Städtische aus der Perspektive der Einheit des Haushalts, des Büros oder des Erwerbs von Eigentum zu denken sollten wir die gelebten Verbindungen und städtischen Zwischenräume in den Blick nehmen. Ausgehend von zwei Regulierungsfeldern aktueller Coronapolitiken – der Arbeitszeit und der Kontaktbeschränkungen – skizziert der Beitrag drei Zugangsebenen, mit denen wir das Städtische vom Standpunkt der Vielen aus begreifen können: die Prekarisierung und Multiplizität von Arbeit. die Verletzlichkeit und Interdependenz in der Organisation städtischen Alltags sowie die Analyse der (neuen) Präsenz von Staatshandeln. Damit steht am Ende kein ‚ja‘ oder ‚nein‘ zur Enturbanisierung. Stattdessen plädiert der Beitrag dafür, zu analysieren, inwieweit diese Frage inhärenter Teil einer Krisenerzählung ist und welche sozialen Dynamiken der lokalen urbanen Welt darin eingeschlossen sind, aber nicht als solche benannt werden.The current health crisis shows the discrepancy between the view on social urban life expressed in official policies and the urban everyday life of the many, the local urban worlds (Bhan et al. 2020; Blokland/Feltran in preparation). Urban research should take this discrepancy as such as a starting point. Instead of thinking of the urban in terms of the unit of the household, the office or property purchases, we should focus on the lived connections and urban interstices. Starting from two regulatory fields of current Covid19-policies, that of working time and that of contact restriction, the paper outlines three perspectives to understand the urban from the standpoint of the many: the focus on precarisation and multiplicity of labour; on vulnerability and interdependence in the organisation of urban everyday life, and on an analysis of the (new) presence of state action. Thus, at the end, there is no yes or no to an end of urbanisation, but the contribution pleads for an analysis of the extent to which this question is an inherent part of a crisis narrative, and which underlying social dynamics of the local urban world are thereby included, but not named as such
Towards a digital supplement of the analog urban life? Kommentar zu Stefan Höhne und Boris Michel „Das Ende des Städtischen? Pandemie, Digitalisierung und planetarische Enturbanisierung“
In meinem Kommentar möchte ich auf die Symptomanalyse und These der Autoren mit zwei Gegenbeobachtungen und -thesen antworten: (1) Wir haben es mit einer Neuformierung sozialer Interaktionen zu tun, die maßgeblich von Digitalisierung geprägt ist. (2) Wir beobachten eine Restrukturierung des öffentlichen Raums und dessen, was als Öffentlichkeit konzipiert wird. Dabei haben wir es weniger mit dem Ende des Städtischen als mit einer potenziellen Transformation des Städtischen zu tun, dessen Merkmale wir noch nicht voraussehen können.In my comment I respond to the authors\u27 analysis and thesis with two opposing observations and hypotheses: According to this (1) we are seeing a new form of social interactions, which is largely shaped by digitization, (2) we observe a restructuring of the public space and of what is conceived of as a public. Rather then observing the end of the urban we are witnessing a potential transformation of the urban whose characteristics we cannot yet foresee
Die Stadt als „Werkzeug“ – ein neuer Ansatz für die Stadtforschung? Rezension zu Uwe Prell (2020): Die Stadt. Eine Einführung für die Sozialwissenschaften. Opladen/Toronto: Barbara Budrich.
Das Buch bietet eine Einführung und eine theoretische Reflexion über die Stadt, die mit zwei grundsätzlichen Fragen beginnt: Was ist eine Stadt? Wie lässt sich das bisher über sie gesammelte Wissen sinnvoll unter einem Blickwinkel zusammenfassen? Der Autor sucht Antworten darauf im theoretischen und im praktischen Feld der Stadtforschung. Innovativ ist vor allem sein Versuch, diese Fragen anhand von Bedeutungfacetten des Begriffs „Stadt“ in verschiedenen Sprachen klären zu wollen. Das Buch bietet einen vielseitigen, aber selektiven Einblick in die heutige Forschung inklusive vieler bedenkenswerter, aber nicht immer überzeugender Ansätze
Raum- und Wissensgeschichte urbaner Problemzonen: Rezension zu Christiane Reinecke (2021): Die Ungleichheit der Städte. Urbane Problemzonen im postkolonialen Frankreich und der Bundesrepublik. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
Christiane Reineckes herausragende Monografie Die Ungleichheit der Städte analysiert, wie in Frankreich und Deutschland in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit urbanen Problemzonen umgegangen wurde. Entstanden ist eine beeindruckende kritische Stadtgeschichte, die man auch als Plädoyer an die Stadtforschungsdisziplin zu mehr Selbstreflexion lesen kann. So sind es neben Kommunalpolitiker_innen und Aktivist_innen ausgerechnet Sozialwissenschaftler_innen, die im Zentrum von Reineckes vergleichender Analyse stehen – und deren Rolle sich als weit mehr als nur die des_der außenstehenden Beobachter_in herausstellt.NO ENGLISH / BOOK REVIE
(Un-)besetzte Räume: Rezension zu Friederike Landau / Lucas Pohl / Nikolai Roskamm (Hg.) (2021): [Un]Grounding. Post-foundational geographies. Bielefeld: transcript.
Die vorliegende Rezension gibt einen Überblick über Aufbau und zentrale Themen des Sammelbandes [Un]Grounding. Post-foundational geographies, der an einer Schnittstelle zwischen Postfundamentalismus und Raumtheorie angesiedelt ist. Neben Einblicken in einzelne Beiträge des Bandes, enthält die Rezension auch Überlegungen zu den Möglichkeiten und Grenzen postfundamentalistischer Einmischungen und kritischer Theorie in Verbindung mir Fragen rund um Raum und Stadt.
Peripheries and Centralities of the Geographies of Covid-19: Reflections on Roger Keil\u27s lecture on January 26, 2021, and the current sub\urban debate on the “end of the urban”.
Wo das Virus konzentriert auftritt, dort findet sich das Periphere in der Stadt und in der Gesellschaft, so die These von Biglieri, De Vidovich und Keil (2020). Keil (2021a) konkretisiert diese entlang der drei Dimensionen räumliche, institutionelle und soziale Peripherie. Aus dieser Perspektive können auch für Deutschland die mitunter tödlichen gesellschaftlichen Ungleichheiten der Pandemie, die entlang von class, race und gender verlaufen, entschlüsselt werden. Um die Geographien von Covid-19 zu verstehen, reicht diese Perspektivensetzung jedoch nicht aus. Um Ungleichheiten nicht ungewollt fortzuschreiben, müssen auch Dimensionen von Zentralität bzw. Zentralisierung, etwa im Kontext von Verstädterung, Mobilität, Primat der Wirtschaft und Governance, berücksichtigt werden.Biglieri, De Vidovich and Keil (2020) emphasize that “where the virus is concentrated, you find the peripheral, in the city and in society.” In a talk on January 26th Keil 2021 substantiates this perspective coining spatial, institutional and social peripheries as important dimensions. This is an important perspective, also for Germany, in order to understand the deadly inequalities, which run along the categorize class, race, gender. However, focusing on peripheries is not sufficient to understand the Geographies of Covid-19. Two additional aspects must be taken into account: first, right-wing political attitudes and the political geography of corona-deniers, and second, the relationality of center and periphery in areas such as urbanization, mobility, economy and governance. Periphery is not alone a distant place in space and society. Peripherization is a political process in the center that assigns people a place and tends to keep them there