suburban. zeitschrift für kritische stadtforschung
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The end of care-less capitalism (as we knew it)? Kommentar zu Stefan Höhne und Boris Michel „Das Ende des Städtischen? Pandemie, Digitalisierung und planetarische Enturbanisierung“
Die Pandemie hat uns die Auswirkungen der Globalisierung vorgeführt. Die Coronakrise hat uns zugleich die Unumgehbarkeit lokaler, alltäglicher physischer wie psychischer Sorgearbeiten – entlohnter wie unentlohnter – spüren lassen. Sie intensiviert die Carekrise und die kapitalistische Krise und muss daher auch in diesen Zusammenhang gestellt werden. Der folgende Beitrag nimmt diesen Zusammenhang auf und diskutiert die Reorganisation von Reproduktions- und Sorgearbeit mit Blick auf die feminisierte unsichtbare Arbeit im privaten Wohnraum, die potenziellen Veränderungen, die sich durch plattformvermittelte Sorgedienstleistungen ergeben, und ausblickend Überlegungen für eine Sorgende Urbanisierung.
Editorial
Mit der Planung des Schwerpunkts dieser Ausgabe haben wir bereits begonnen, als Covid-19 noch kein Thema war. Eine Sammlung von Beiträgen, die das Thema Stadt und Digitalisierung aus kritischer Perspektive beleuchten, erschien uns längst überfällig. Mit dem Titel „digital war besser“ zitieren und remixen wir den Titel einer älteren Ausgabe der Testcard, wie wir erst kurz vor Drucklegung feststellten. Zugleich bekennen sich mit dem Titel zumindest Teile der Redaktion als Tocotronic-Fans (1995 schrieb die Hamburger Band mit ihrem Debutalbum „Digital ist besser“ ein Manifest für die deutschsprachige Popmusik der 1990er-Jahre). Vor allem aber dient das Zitat mit seiner bewussten Verschiebung in die Vergangenheit als Auftaktprovokation für ein kritisches Nachdenken über gegenwärtige Diskussionen um Stadt in Verbindung mit Schlagwörtern wie ‚digitale Revolution‘, ‚digitale Gesellschaft‘ oder ‚digitaler Kapitalismus‘. ‚Smart Cities‘, ‚Informational Cities‘ oder ‚Cyber Cities‘ gelten als Trends der gegenwärtigen Stadtentwicklung. Zahlreiche Alltagserfahrungen – das wissen wir nicht erst seit der Pandemie allzu gut! – werden einer ‚Digitalisierung‘ unterworfen und digitale Technologien schreiben sich in die Regierung des städtischen Raums ein. Beispiele hierfür reichen von ‚Smart Homes‘ über ‚smarte‘ Straßenbeleuchtungen oder Verkehrsinfrastrukturen, Gesichtserkennung an Bahnhöfen, Apps zur Bewertung städtischer Orte und Dienstleitungen, digitale Sharing-Angebote, auf die Nachbar_innenschaft bezogene soziale Netzwerke, die sogenannte Gig Economy, die Überlagerung von virtueller und realer Welt in einer augmented reality, bis hin zu digital vernetzten Infrastrukturen
Geographic Artistic Urban Research: A three-step procedure to explore a multiplicity of spatial knowledges
Um urbane Problemlagen in ihrer Vielschichtigkeit zu beforschen, bedienen sich Kunst und Wissenschaft jeweils spezifischer Vorgehensweisen. Trotz wiederkehrender gegenseitiger Bezugnahmen sind systematische Überlegungen zu Anschlussstellen an künstlerische Vorgehensweisen im (sozial)wissenschaftlichen Kontext nach wie vor rar. Die Erkenntnispotenziale von Aufarbeitungs- und Artikulationsformen der bildenden und darstellenden Künste werden jedoch zunehmend – beispielsweise in der kritischen Stadtforschung – thematisiert. Dabei werden erste Forschungspraxen entwickelt, die künstlerische und wissenschaftliche Vorgehensweisen in transdisziplinären Projektkonstellationen integrieren. Anliegen dieses Textes ist es, anknüpfend an einen Beitrag von Cecilie Sachs Olsen und Sabeth Tödtli zum partizipatorischen Potenzial künstlerischer Stadtforschung, einen theoretisch begründeten methodologischen Ansatz geographisch-künstlerischer Forschungspraxis zu entwickeln, um Stadt aus kritischer Perspektive anders sehen, verstehen und mitgestalten zu können. Dazu werden Henri Lefebvres Theorie zur sozialen Produktion des Raums und Julian Kleins Konzept von künstlerischer Forschung zusammengeführt. Das zentrale Ergebnis dieser Zusammenführung ist ein Drei-Schritt-Verfahren, das (1) die Vielfalt ästhetischer und semiotischer Wahrnehmungen sozialräumlicher Situationen versammelt; (2) deren Beziehungen hinterfragt und spielerisch neu denkt; sowie (3) diese in einer Weise präsentiert, die dazu einlädt, an der Auseinandersetzung mit pluralen, scheinbar inkommensurablen Wahrnehmungs- und Sichtweisen auf Stadt teilzuhaben. Die theoretischen Überlegungen werden am Beispiel ausgewählter Projekte des Architekturkollektivs raumlabor-berlin aus den Jahren 2006 bis 2017 illustriert.Art and science use specific approaches to explore urban problems and challenges in their complexity. Despite recurring mutual references, systematic reflections about connections between artistic approaches in (social) scientific contexts are still rare. However, the epistemological potential of visual and performing arts and their ways of investigating and articulating is increasingly taken up, e.g. in critical urban research. We see a development of research practices, which integrate artistic and scientific approaches in transdisciplinary projects. Drawing on a contribution of Cecilie Sachs Olsen and Sabeth Tödtli on the participatory potential of artistic urban research, this text aims to develop a theoretically grounded methodological approach to geographic-artistic research practice, which allows to see, interpret and co-create different urban spaces from a critical point of view. For this, we bring Henri Lefebvre’s theory on the social production of space and Julian Klein’s concept of artistic research together. The central focus of this confluence is a three-step process that (1) assembles the diversity of aesthetic and semiotic perceptions of socio-spatial situations, (2) questions and playfully rethinks their many relationships, and (3) presents them in a way that invites participation through the exploration of plural ways of perceiving and seeing the city. Our theoretical considerations are illustrated with examples from selected projects from the architects’ collective raumlabor-berlin created between 2006 and 2017
Kitchen technology is political! : Studying the Thermomix from a feminist perspective on human-technology-relations
Aktuell werden digitalisierte Küchengeräte als Lösung für die Unvereinbarkeit von Reproduktions- und Erwerbsarbeit mobilisiert, eine Herausforderung, die nach wie vor zum größten Teil Frauen zu bewältigen haben. Der Artikel fragt, inwiefern häusliche Technologien vergeschlechtlichte Reproduktionsarbeit verändern können und wie sich Mensch-Technik-Beziehungen in räumlichen Praktiken ausdrücken. Der Wohnraum mit den darin stattfindenden sozialen Praktiken wird dabei im Sinne Feministischer Stadtforschung und Feministischer Technikforschung als zentraler Aushandlungsort von Geschlechterverhältnissen und als Schauplatz von Technisierung betrachtet. Am Beispiel der zunehmend digitalisierten Küchenmaschine Thermomix bin ich in einer qualitativen Fallstudie der Frage nachgegangen, welche Bedeutung die Technologie für vergeschlechtlichte Praktiken im Haushalt hat. Mit Blick auf die räumliche Verortung der Küchentechnologie und symbolische Bezüge zu ihr wird deutlich, wie vergeschlechtlichte Mensch-Technik-Beziehungen Arbeit und Wohnen mitgestalten und so einerseits Geschlechterungleichheiten manifestieren und andererseits neue Sichtbarkeiten ermöglichen.Digital kitchen devices promise a solution to the incompatibility of gainful employment and unpaid reproduction work, a challenge still mostly affecting women. This article asks how domestic technologies affect gendered reproduction work and how human-technology-relations are expressed in spatialized practices. According to feminist urban research and feminist technoscience, the home and domestic practices are considered central to the negotiation of gender relations and as significant site of technization. In my research on the digitalized food processor „Thermomix“ I ask about the meaning of the technology for gendered practices in the household. Through its spatialization and symbolic references the kitchen technology and its use show how gendered human-technology-relations help organize work and the domestic, therefore manifesting gender inequality but also enabling new kinds of visibility
Community narratives among children and youth in marginalized neighborhoods: Strategies in dealing with stigmatizing discourses at Mehringplatz in Berlin Kreuzberg
Das Quartier am Mehringlatz in Berlin-Kreuzberg ist seit vielen Jahren einer immensen Stigmatisierung ausgesetzt. Die Diskurse rund um den Stadtteil zeichnen sich durch eine (Re‑)Produktion rassistischer und diskriminierender Bilder aus. Diese ignorieren soziale Ungleichheiten und strukturelle Benachteiligungen infolge gesellschaftlicher Machtverhältnisse. Vor allem die Kinder und Jugendlichen aus dem Stadtteil werden dabei eigenen Repräsentationen beraubt. Daher bleiben ihnen kaum Möglichkeiten, die vorgefertigten Bilder und die ihr innewohnende Gewalt aufzubrechen. Der vorliegende Beitrag geht der Frage nach, welche Strategien die Kinder und Jugendlichen im Umgang mit diesen Darstellungen des Quartiers entwickeln und wie sie diesen für sie so wichtigen Raum selbst wahrnehmen. Der Artikel basiert auf den Ergebnissen einer ethnographischen Studie.For many years, the Mehringplatz neighborhood in Berlin-Kreuzberg has been subject to immense stigmatization. The discourses about the district are characterized by a (re‑)production of racist and discriminatory images, ignoring social inequalities and structural disadvantages as results of social power relations. Especially children and young people of the district are deprived of their own representations. Hence, they have hardly any possibility to break up the prefabricated images and the violence inherent to them. This article asks, which strategies the children and teenagers develop in reaction to these images and how they themselves perceive this important space. This text is based on the results of an ethnographic study
Mini-Munich takes place.: Negotiation of urban space in the context of generational orders
Eins der vielen Ziele der Spielstadt Mini-München ist es, Kindern und Jugendlichen, die Prozesse einer Stadt zugänglich machen. Alle zwei Jahre werden in den ersten drei Wochen der Sommerferien in der Modell-Stadt Einrichtungen und Strukturen einer realen Stadt nachgebaut und für die Gestaltung durch Kinder und Jugendlichen geöffnet. Dieser Beitrag möchte einen Einblick in den pädagogischen Ansatz Mini-Münchens geben und anhand eines konkreten Beispiels aus der Spielstadt Denkanstöße zu der Frage liefern, welchen Blick eine kritische Stadtforschung auf das Phänomen Spielstadt werfen kann.
Die Analyse des Spielstadt-Projekts zeigt, dass Kinder in der Auseinandersetzung mit der Planung einer mini-städtischen Infrastruktur ethische Vorstellungen von sozialer Gerechtigkeit und Naturschutz reflektieren. In ihrer Aushandlung greifen sie auch auf gesellschaftliche Diskurse urbaner Ethiken zurück. Gleichzeitig fällt es ihnen schwer, diese Ideen im tatsächlichen städtischen Raum umzusetzen, da dieser ein Raum von generationaler Ordnung und Machthierarchien bleibt, dessen Aneignung oftmals der Zustimmung Erwachsener bedarf.Making the processes of a city accessible to children and adolescents is one of the many aims of Mini Munich. Every two years during the first three weeks of the summer holidays, facilities and structures of a real city are recreated in the model-city and opened up to the creative possibilities of children. This article aims to give an insight into the pedagogical approach of Mini Munich and to provoke thoughts about how critical urban research could view model-city projects like Mini Munich.
The analysis of Mini Munich shows that children in dealing with the planning of mini-urban infrastructure reflect ethical notions of social justice and nature protection. In their negotiation, they also draw on societal discourses of urban ethics. At the same time, they have a hard time to implement their ideas in the real urban space, because it remains a space of generational order and hierarchies of power, which appropriation often requires the approval of adults
(Un)gefragte Expert_innen: kindliche Erfahrungen im nachhaltigen Urbanismus: Rezension zu Pia Christensen / Sophie Hadfield-Hill / John Horton / Peter Kraftl (2018): Children living in sustainable built environments. New urbanism, new citizens. Abingdon/New York: Routledge.
Das rezensierte Buch setzt sich mit den Alltagen von Kindern in nachhaltig gebauten Gemeinden auseinander. Durch verschiedenste Beispiele aus den Lebenswelten der Kinder in diesen Gemeinden wird ersichtlich, welche Rollen und Räume Kindern zugeschrieben werden und welche sie sich selber erobern. Hierbei schlägt das interdisziplinäre Autor:innenteam vielfältige Brücken zur new wave der geografischen Kindheitsforschung und zeigt auf, wie diese neuen Impulse in der Feldforschung fruchtbar gemacht werden können
„Es geht darum, Mittel und Wege zu finden, daß die Stadt dem Kind zugänglicher, verwertbarer und sinnvoller erscheint“: Kommentar zu Colin Ward „Das Kind in der Stadt (Auszüge)“ (2021 [1978])
Das Buch Das Kind in der Stadt (1978) des Schriftstellers, Architekten, Sozialhistorikers, Ethnographen und Anarchisten Colin Ward ist eine Hommage an Kinder in der Großstadt. Der Autor nimmt hierbei zwei Positionen ein: diejenige des Forschers und diejenige des gesellschaftspolitischen Aktivisten. Als Forscher untersucht er die Entwicklung von Großstädten unter der Fragestellung, wie sie den Lebensraum von Kindern beeinflussen. Dabei betrachtet er das Kind nicht als Opfer großstädtischer Entwicklungen, vielmehr richtet sich sein Fokus auf das aktive Handeln von Kindern, sich ihre städtische Umwelt trotz aller Einschränkungen eigensinnig anzueignen. Der Aktivist Ward wiederum fordert, aus den Erkenntnissen Konsequenzen zu ziehen und stellt Projekte vor, die er als gelungene „exemplarische Modelle“ (1978: 198) würdigt. Dies sind Modelle, die zum einen in Eigenregie von Kindern und Erwachsenen geplant und realisiert werden, und zum anderen nicht nur Kindern zugutekommen, sondern der gesamten Ortsgesellschaft dienen
Wahrnehmung und Darstellung von Räumen der Kindheit: Rezension zu Jürgen Hasse / Verena Schreiber (Hg.) (2019): Räume der Kindheit – Ein Glossar. Bielefeld: transcript.
Die Rezension bespricht das 2019 von Jürgen Hasse und Verena Schreiber herausgegebene Glossar Räume der Kindheit. Das Buch widmet sich auf insgesamt 420 Seiten in 63 Beiträgen unterschiedlicher Autor*innen solchen Orten und Räumen aus sozial-, kultur- und geisteswissenschaftlichen Perspektiven, die außerhalb der üblichen (akademischen) Wahrnehmung liegen. Das kaleidoskopartigen Vorgehen birgt das Potenzial, wertvolle Impulse in der kritischen Kindheitsforschung zu liefern und regt dazu an, in den Dialog mit den Glossareinträgen zu treten.