suburban. zeitschrift für kritische stadtforschung
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Superblock für alle? Das Konzept der Superblocks zwischen Mobilitätswende und neoliberalen Stadtpolitiken in Offenbach am Main
Städte sind im Zuge der Klimakrise unter anderem mit der Aufgabe konfrontiert, Verkehr und Mobilität sozial-ökologisch zu transformieren. Dazu werden immer häufiger neuartige Mobilitätskonzepte eingesetzt, etwa das Konzept der Superblocks aus Barcelona. Seit kurzem diskutieren auch in Offenbach am Main verschiedene Akteur_innen die Idee, den Stadtteil Nordend im Stile eines Superblocks umzugestalten. Auf der Grundlage von sechs Expert_inneninterviews untersuchen wir, welche Rolle das Superblock-Konzept in neoliberalen Stadtpolitiken und Entwicklungsprozessen Offenbachs spielt und inwiefern es sich in diese eingliedert oder ihnen entgegensteht. Wir argumentieren, dass die Umsetzung des Superblock-Konzepts zwar die Möglichkeit bietet, die Lebens- und Aufenthaltsqualität der zum Großteil einkommensschwachen Bevölkerung zu verbessern. Im Kontext einer neoliberalisierten und vom Austeritätsparadigma bestimmten Stadtpolitik ist allerdings zu erwarten, dass die bereits stattfindende Aufwertung des Viertels vorangetrieben wird
Querying the future: Comment on Johann Braun and Anke Schwarz „Regression als Aufbruch? Kritische Geographien rechter Zukunftsentwürfe“
In meinem kurzen Beitrag stütze ich mich auf meine ethnographische Forschung, um aufzuzeigen, wie extrem rechte Aktivist*innen versuchen, die „liberale Frage“ anzugehen und ein Bild der Zukunft zu zeichnen. Ich argumentiere, dass die Inspiration durch den Faschismus und insbesondere durch faschistische Zeitvorstellungen für diese Bestrebungen von zentraler Bedeutung ist.In my short contribution, I draw on my ethnographic research to show how far-right activists strive to address “the liberal question” and imagine future. I argue that the inspirations from fascism, and more specifically fascist conceptions of time, are central to these endeavors
Exploring emancipatory moments in participatory urban planning: Differential spatial production as a starting point in the tension between institutionalized participation and theories of conflict-oriented planning
Stadtgeographische Arbeiten kritisieren partizipative Planungsverfahren oft für ihre postpolitische Ausrichtung. Die Beiträge sind jedoch häufig empirisch zu unspezifisch, um alltägliche Auseinandersetzungen im Rahmen solcher Planungsverfahren zu erfassen, verbleiben bei pauschaler Kritik an den Partizipationsformaten und laufen so Gefahr, zur Normalisierung der postpolitischen städtischen Kondition beizutragen. Aktuelle planungstheoretische Modelle, wie beispielsweise die agonistische Planung, werden derweil unzureichend in der alltäglichen Planungspraxis angewandt.
Vor diesem Hintergrund leitet der Beitrag auf Basis von Lefebvres Ansatz differentieller Raumproduktion einen empirischen Zugang her, der eine Blickverschiebung auf alltägliche emanzipatorische Momente in Beteiligungsverfahren anregt. Drei methodologische Kategorien zur schrittweisen Nuancierung des Blicks werden vorgeschlagen: (1) thematische und organisatorische inhaltliche Vorstrukturierungen der Partizipationsformate, (2) Umgang mit sozialen Selektivitäten kommunikativer Planung, (3) Bewusstsein für die Kontingenz urbaner Raumproduktion. Veranschaulicht werden diese Kategorien anhand von Partizipationsangeboten für das Entwicklungsgebiet Bayerischer Bahnhof in Leipzig.Studies of urban geography often criticize participatory planning procedures for their post-political orientation. However, these contributions often lack the empirical precision to capture everyday contestations within such planning processes. They tend to offer blanket criticism of participation formats, which runs the risk of normalizing the post-political urban condition. Meanwhile, current planning theory models, particularly agonistic planning, are insufficiently applied in everyday planning practice.
Against this backdrop, the article presents an empirical approach based on Lefebvre’s concept of differential spatial production. This concept encourages shifting the perspective toward everyday emancipatory moments in participation processes: (1) the thematic and organizational structuring of participation format content, (2) addressing the social selectivity of communicative planning, and (3) recognizing the contingency of urban spatial production. These categories are illustrated using the participation process of the Bayerischer Bahnhof development area in Leipzig
Unscheinbarer Aufbruch? Wie rechte Zukünfte durch TikTok präfiguriert werden: Kommentar zu Johann Braun und Anke Schwarz „Regression als Aufbruch? Kritische Geographien rechter Zukunftsentwürfe“
Zunehmend erfolgreiche rechte Mobilisierungen stellen gegenwärtig eine zentrale Herausforderung für den sozialen Zusammenhalt dar, bedrohen heterogene Gesellschaften und befördern gewaltvolle Exklusionsdynamiken. Es ist wichtig zu verstehen, warum Erzählungen und Narrative von rechts vielfach angenommen und als überzeugende Angebote für die Zukunft interpretiert werden. Vor diesem Hintergrund suchen Johann Braun und Anke Schwarz mit ihrem Debattenbeitrag „Regression als Aufbruch? Kritische Geographien rechter Zukunftsentwürfe“ in einer Analyse rechter Zukunftsentwürfe nach raum- und zeitsensiblen Ansätzen der Stadt- und Humangeographie. In meinem Kommentar mit Fokus auf digitale Plattformpolitiken plädiere ich dafür, die alltäglichen, teils unscheinbaren und kollektiv produzierten Vorstellungen zu betrachten, die Zukunft stetig präfigurieren. Anhand der rassistischen Praxis um den Begriff „Talahon“ zeige ich, wie TikTok in diesem Sinne als Aushandlungsraum fungiert, in dem rechte Vorstellungen von Zukunft zwischen Desinformation, rassistischem Humor und dem Wunsch nach Räumen imaginierter Normalität von Exklusion artikuliert, geformt und propagiert werden. Die einschlägigen TikTok-Videos bieten vielfältige Identifikationsmöglichkeiten und erscheinen als zukünftige Realität plausibel und vielversprechend. Das verdeutlicht, dass nuanciertere Betrachtungen rechter Mobilisierungen erforderlich sind
Editorial
Ein aktueller Blick auf die globale politische Landschaft ergibt ein beunruhigendes Bild: Autokratische Tendenzen, Nationalismus, Faschismus und rechter Populismus sind auf dem Vormarsch. In dieser Situation ist es wichtiger denn je, dass wir als kritische Stadtforschende unsere Stimme erheben und uns den regressiven Tendenzen entgegenstellen. Zu analysieren sind die Ursachen und Mechanismen des Rechtsrucks und dessen Auswirkungen auf die Städte und ihre Bewohner_innen. Dabei ist es wichtig, dass wir uns nicht von den Anfeindungen einschüchtern lassen, sondern unsere Forschungsergebnisse weiterhin öffentlichkeitswirksam kommunizieren. Zudem wird es wichtig sein, sich mit anderen kritischen Wissenschaftler_innen und Aktivist_innen zu vernetzen und uns gemeinsam zugunsten derjenigen einzusetzen, die durch Kapitalismus, durch Rassismus, durch Gender- und Sexualitätsregime, durch Ableismus sowie durch andere hegemoniale Strukturen marginalisiert werden. Als Zeitschrift für kritische Stadtforschung bieten und verteidigen wir einen Raum für Debatten, Analysen und Interventionen, die Ausdruck einer solchen politischen Praxis sind
Planned urban inequality: When “affordable” housing exacerbates exclusion: Review of Yuca Meubrink (2025): Inclusionary housing and urban inequality in London and New York City: Gentrification through the back door. New York: Routledge.
Die politischen und stadtplanerischen Antworten auf die derzeitige Wohnungskrise müssen vor dem Hintergrund der Transformation des Staates seit den 1980er Jahren und der fortschreitenden Finanzialisierung des Wohnungswesens analysiert werden. Genau das macht Yuca Meubrink in einer akribischen und lesenswerten Analyse der Planungspraxis inclusionary housing anhand von Beispielen aus New York und London. Meubrink stellt diese in den Kontext von Austeritätspolitik und beschreibt, wie die Projekte entstehen, wo sie lokalisiert sind und für wen sie (un-)zugänglich sind. Sie arbeitet heraus, dass die Praxis, die viele als positive Antwort auf die Wohnungskrise ansehen, Gentrifizierung „durch die Hintertür“ verstärkt, anstatt die Wohnungsnot zu verringern.The political and urban planning responses to the current housing crisis must be analyzed against the backdrop of the transformation of the state since the 1980s and the ongoing financialization of the housing sector. This is precisely what Yuca Meubrink does in a meticulous and readable analysis inclusionary housing planning practices, using examples from New York and London. Meubrink places them of in the context of austerity policies and describes how the projects come about, where they are located, and for whom they are (in)accessible. She argues that the practice, which many see as a positive response to the housing crisis, actually reinforces gentrification “through the back door” rather than alleviating the housing shortage
Rechte Raumutopien zwischen Wiedergeburt und Verunmöglichung: Kommentar zu Johann Braun und Anke Schwarz „Regression als Aufbruch? Kritische Geographien rechter Zukunftsentwürfe“
Zukunft in der Rhetorik der Rechten darf in der Analyse nicht einzig auf den Gehalt als Geste, als (populistisches) Instrument im Dienste (radikal) rechter Inhalte reduziert werden. Dass deren nativistisch und exklusivistisch kontaminierte Aufbruchsgesten sich nur vorgeblich auf realisierbare Zukünfte richten, zeigt der Diskussionsbeitrag, indem (palin-)defensive Züge von AfD-Zukunftsrhetorik herausgearbeitet und exemplarisch die Visionen der Partei für großstädtisches Wohnen betrachtet werden, durch die diese hindurchscheinen. Der offensichtliche Schulterschluss mit Kapitalfraktionen, deren Geschäftsmodelle von fortschrittlichen Zukunftsvisionen (i. S. d. Debattenaufschlags) bedroht werden, setzt ebenfalls auf die Verunmöglichung alternativer, unerwünschter Zukünfte und die Exklusion ihrer Vertreter:innen. Vermittelt durch rassistische und sozialchauvinistische Gesellschaftsbilder, treten so Zukünfte in den Debattenraum, deren Implikationen schon auf das Hier und Jetzt wirken und daher in ihren präfigurativen Effekten ernst zu nehmen sind. Faschismustheorien können helfen, diese ambivalenten Funktionen rechter Zukunftsbilder kritisch einzuordnen
Propulsion or Progress? The Limits of Reactionary Futurism: Comment on Johann Braun and Anke Schwarz „Regression als Aufbruch? Kritische Geographien rechter Zukunftsentwürfe“
Dieser Essay erkundet die Unterscheidung zwischen reaktionären und progressiven Zukunftsentwürfen und betont dabei den vorwärtstreibenden Charakter rechter Agenden, wie sie im Project 2025 und in reaktionär-spekulativen Narrativen sichtbar werden. Mit Bezug auf Rahel Jaeggis Konzept von Fortschritt als Lernprozess und Regression als „Verrat am Möglichen“, kritisiert der Beitrag die Pseudoverwerfungen von rechtem world-building, die exkludierende Hierarchien und ökologische Verwüstungen verstärken. Progressive Spekulation begrüßt stattdessen radikale Offenheit und Transformation und betont die Fähigkeit spekulativer Fiktion zur Imagination von Zukünften, die Herrschaftsstrukturen durchbrechen.This essay explores the distinction between reactionary and progressive futurities, emphasizing the far-right’s propulsive agenda, as exemplified by Project 2025 and reactionary speculative narratives. Drawing on Rahel Jaeggi’s concepts of progress as a learning process and regression as a “betrayal of the possible”, it critiques the pseudo-ruptures of far-right worldbuilding, which reinforce exclusionary hierarchies and ecological devastation. In contrast, progressive speculation invites radical openness and transformative change, foregrounding speculative fiction’s unique capacity to imagine futures that transcend oppressive structures
Von Sexarbeit, Sichtbarkeit und Stadtentwicklung: Rezension zu Jenny Künkel (2020): Sex, Drugs & Control. Das Regieren von Sexarbeit in der neoliberalen Stadt. Münster: Westfälisches Dampfboot.
In der Rezension wird Jenny Künkels Buch Sex, Drugs & Control. Das Regieren von Sexarbeit in der neoliberalen Stadt besprochen. Künkels empirische Studie untersucht die Regulierung von Sexarbeit in Hamburg, Berlin und Frankfurt am Main und betont dabei die Bedeutung von Sichtbarkeit als zentrales Moment in der Kontrolle und Marginalisierung von Sexarbeiter*innen. Ein besonderer Fokus liegt auf der Positionierung von Migrant*innen im Sexgewerbe und deren spezifischer Marginalisierung im Kontext neoliberaler Stadtpolitik. Die Autorin bietet eine kritische Perspektive auf gängige Verdrängungsmechanismen, indem sie die Rolle von städtischen Aufwertungsprozessen im Kontext von Gentrifizierung und sozialer Marginalisierung untersucht. Künkel greift auf theoretische Ansätze von Marx, Foucault, Poststrukturalismus und Assemblage zurück, um die komplexen Netzwerke aus materiellen und diskursiven Kräften zu beleuchten, die die Lebensrealitäten von Sexarbeit(-er*innen) formen