suburban. zeitschrift für kritische stadtforschung
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Radikale Kritik kapitalistischer Urbanisierung: Beitrag zur Debatte „Was ist Stadt? Was ist Kritik?“
Zehn Jahre sub\urban sind ein Grund zum Feiern. Die kritische interdisziplinäre Stadtforschung in deutscher Sprache hat dank sub\urban einen Ort, an dem wir die mannigfaltigen Prozesse diskutieren und theoretisieren können, die Städte auf allen räumlichen Maßstabsebenen prägen. Kein Grund zum Feiern ist hingegen, dass viele dieser Prozesse dazu beitragen, dass wir in Verhältnissen leben, „in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“ (Marx 1976: 385). Noch immer gilt, dass es radikaler Kritik bedarf, um diese „Verhältnisse umzuwerfen“ (ebd.). Noch immer bedarf es dafür eines Verständnisses des Kapitalismus in seiner je konkreten Ausprägung und in seiner Verwobenheit mit sich wandelnden Herrschaftsformen von Patriarchat, Rassismus und Nationalismus, Homo-, Queer- und Transfeindlichkeit sowie all den anderen Formen des hierarchisierenden Ausschlusses, die für so viele Menschen das Leben zur Hölle machen (Arruzza/Bhattacharya/Fraser 2020; Brown 2018; Federici 2012; Harvey 2017). Radikale Kritik hinterfragt diese im Zeitverlauf sich wandelnden und zwischen Räumen sich unterscheidenden herrschenden Verhältnisse, betreibt mithin Aufklärung über sie, um sie in emanzipatorischer Weise zu verändern, ja zu überwinden
Gebaute Umwelten als Objekte des Begehrens: Kommentar zu Jan Hutta und Nina Schuster „Infrastrukturen städtischer Intimität“
In ihrem Debattenaufschlag verweisen Jan Hutta und Nina Schuster auf Brian Larkin, um hervorzuheben, dass Infrastrukturen mehr als nur „technische Objekte“ sind, sondern dass diese „auch auf der Ebene von Fantasie und Begehren operieren“ und somit die „Träume von Individuen und Gesellschaften“ verkörpern können. Mein Kommentar greift diesen Gedanken auf, um ihn über einen psychoanalytischen Ansatz weiter zu verfolgen. Einen solchen Ansatz skizziere ich über eine raumsensible Lesart von Jacques Lacans Konzept des Begehrens. Demnach kennzeichnet sich ein Objekt des Begehrens durch eine „intime Distanz“, die es unmöglich macht, einem solchen Objekt zu nahe zu kommen bzw. es zu verinnerlichen. Ausgehend hiervon widmet sich mein Kommentar zwei fiktionalen Erzählungen – Patricia Highsmiths Kurzgeschichte Das schwarze Haus und J.G. Ballards Roman High-Rise – in deren Zentrum ein Gebäude zu einem Objekt des Begehrens bzw. zu einer Infrastruktur städtischer Intimität wird. Schließlich argumentiere ich, dass ein Fokus auf die Eingebundenheit gebauter Umwelten in Begehrensstrukturen es erlaubt, nachzuvollziehen, wieso bestimmte Bauten mehr von Gewicht zu sein scheinen als andere sowie den prekären und konfliktbehafteten Beziehungsweisen nachzugehen, durch die Subjekte an derlei Infrastrukturen des Begehrens gebunden sind
(Homo-)sexual pleasure beyond the metropolis: The intimate queering of spaces in Aachen
Bereits seit Jahrzehnten beschweren sich queere Aachener_innen darüber, dass ihnen die lebendigere Subkultur der 1980er und 1990er Jahre fehle. Die wenigen queeren Räume in der Innenstadt sind heute institutionalisiert und konzentrieren sich meist auf soziale Arbeit oder ehrenamtliches Engagement – distanziert von Elementen der Lust und sexueller Begegnung. In den vergangenen 50 Jahren lassen sich jedoch zahlreiche Beispiele für Raumproduktionen finden, die auf eine belebte Klappenkultur und eine Sexualisierung von Räumen hinweisen. In Parkanlagen, öffentlichen Toiletten auf Bahnhöfen oder in Hochschulgebäuden sowie über Dating-Apps haben Männer, die Sex mit anderen Männern suchten, trotz – oder gerade wegen des erzkatholischen Glaubens in der Stadt Aachen – immer wieder neue Cruising-Orte für sich kreieren können. Die Schaffung dieser Räume, die Verbreitung des Wissens über sie, ihre Nutzung – der gesamte Prozess um das cruising herum war in Aachen, ebenso wie in vielen anderen (Groß-)Städten, aufgrund gesetzlicher Regelungen und sozialer Normen jahrzehntelang versteckt, tabuisiert, schambehaftet und geächtet. Dieser Beitrag deckt diese (zumindest für die Mehrheitsgesellschaft) verborgene und unbekannte Welt der Aachener Klappen-Kultur auf. Der Artikel stützt sich auf Archivrecherchen und Interviews mit queeren Zeitzeugen verschiedener Generationen. Diese kombinierte Methodik bietet Einblicke in die Vergangenheit, Gegenwart und erwartete Zukunft von Aachens intimen Raumproduktionen. Ziel dieser Untersuchung ist es, queere sexuelle Lust in einer Stadt außerhalb des deutschen LSBTIQ+-Mainstreams zu kartieren, sichtbar zu machen und über seine Entwicklung innerhalb des vergangenen halben Jahrhunderts zu reflektieren.For decades, queer residents of Aachen have been complaining about the loss of a more vibrant subculture from the 1980s and 1990s. Today, the few queer spaces in the inner city reflect an institutionalized landscape, which mostly focuses on social work and volunteering, and is distanced from elements of pleasure and sexual encounter. However, numerous examples of spatial productions over the last 50 years can be found which point to an animated culture of cruising at so-called Klappen and a sexualization of spaces. In parks, public restrooms at train stations or in university buildings and via dating apps, men seeking sex with other men have been able to create new cruising spaces for themselves despite – or perhaps even because of – the traditionally catholic faith in the city of Aachen.
The creation of these spaces, the spread of knowledge about them, their usage – the entire process around cruising in Aachen – just as in many other (big) cities – was hidden for decades, tabooed, shamed and endangered by the realities of society, its social norms and legislation. This article reveals the world of Klappen-culture in Aachen, which has been hidden and unknown (at least for the mainstream). The article uses archival research and interviews with witnesses of different generations. The mixed methodology provides insights into the past, present and expected future of Aachen\u27s intimate spatial productions. The aim of this exploration is to map queer sexual desire in a city beyond the German LGBTIQ+ mainstream, to make it visible, and to reflect on its development within the last half century
Städtische Care-Infrastrukturen zwischen Küche, Kinderspielplatz und Kita: Kommentar zu Jan Hutta und Nina Schuster „Infrastrukturen städtischer Intimität“
In der Stadtforschung gelangt meist nur ein Bruchteil städtischer Care-Praktiken in den Fokus der Analyse. Mit dem Konzept der städtischen Care-Infrastruktur nehme ich Interdependenzen und Vulnerabilitäten von Stadtbewohnenden zum Ausgangspunkt und hinterfrage die machtvollen Grenzziehungen zwischen öffentlichen Räumen (der Produktion) und private Räumen (der Reproduktion). Eine infrastrukturelle Perspektive und ein erweitertes Care-Verständnis schärfen dabei den Blick für die weit verzweigten Netzwerke, Beziehungen und Praktiken innerhalb der Stadt, die individuelles wie gesellschaftliches Leben hervorbringen und erhalten. Zudem wird deutlich, wie sich Care-Praktiken, Care-Beziehungen und kollektive/widerständige Care-Erfahrungen selbst in städtischen Infrastrukturen sedimentieren und diese zu transformieren vermögen
Sexy Schwule, tragische Lesben und queer-feministische Spaßbremsen: Rezension zu Carolin Küppers / Martin Schneider (Hg.) (2018): Orte der Begegnung, Orte des Widerstands. Zur Geschichte homosexueller, trans*geschlechtlicher und queerer Räume. Hamburg: Männerschwarm.
Von den klandestinen Bars der Nachkriegszeit, der Klappe und ihrer Renaissance, den Folgen des Ausverkaufs der Städte und der Digitalisierung des Datings für die rosa Quartiere bis hin zur Frage, wie eigentlich safer spaces für alle gestaltet werden können: Der vorliegende Sammelband illustriert in einem vielfältigen interdisziplinären Kaleidoskop, wie queere Kulturen urbane Räume und ihre Geschichte geformt haben und von ihnen geformt wurden. Diese Rezension stellt es vor und wirbt dafür, die Stadt mit einer queeren Brille zu erforschen
Editorial
Es ist praktisch ein Allgemeinplatz – im Alltagswissen genauso wie in der Stadtforschung – Anonymität als konstitutiv für städtische Beziehungen und Interaktionen zu betrachten. Was aber passiert, wenn wir stattdessen Intimität zum Ausgangspunkt machen? Diese Frage haben Jan Hutta, Nina Schuster und Ben Trott für unseren aktuellen Themenschwerpunkt aufgegriffen
The brain of the smart city: The subcutaneous existence of cybernetic logics in the command and control center: the example of India
Ausgangspunkt des Beitrages ist die Beobachtung, dass sogenannte command and control center im Zuge von Smart-City-Vorhaben zu wichtigen Bausteinen der Stadtentwicklung werden – nicht nur in der von uns untersuchten „Smart City Mission“ in Indien, sondern weltweit. Die Idee der Vermessung, Lesbarmachung und Steuerung von Städten in einem zentralen Raum wird vielfach als neue und zeitgemäße Antwort auf die Herausforderungen der Städte im „digitalen Zeitalter“ präsentiert – nicht zuletzt von globalen Beratungsfirmen und lokalen Eliten. Wir zeigen, dass diese Ansätze auf Logiken aufbauen, die bereits in der Mitte des 20. Jahrhunderts in der Kybernetik entworfen worden sind. Eine solche historische Einordnung ermöglicht es, die Übersetzungen und Materialisierungen dieser Logiken in spezifischen Kontexten sowie die dabei auftretenden Brüche herauszuarbeiten. Gleichzeitig trägt die Perspektive dazu bei, die von Technologieanbietern und Beratungsfirmen propagierte Alternativlosigkeit smarter Stadtentwicklungspolitik aufzubrechen und diese damit einer Kritik zugänglich zu machen.The starting point of this contribution is the observation that so-called Command & Control Centers are becoming important building blocks of urban development in the course of Smart City projects – in the Smart City Mission in India, which we investigated, but also worldwide. The idea of surveying, making legible and controlling cities in a single central room is presented as a new and contemporary answer to the challenges of cities in the "digital age" – not least according to global consultancies and local elites. However, we show that these approaches are based on logics that were already formulated in the mid-20th century as part of what is known as cybernetics. Such a historical perspective makes it possible to work out the translations and materializations of these logics in specific contexts as well as the ruptures that occur within them. At the same time, it breaks up the supposedly ahistorical and apolitical character of this urban development and opens up a view for alternative paths
Smart and/or participatory? : A critical look at Smart City Cologne
Smart-City-Konzepte versprechen einfache Lösungen für eine Vielzahl komplexer sozioökologischer Probleme und Herausforderungen. Die vielfältigen Visionen von Smart Cities basieren auf der Vorstellung, digitale Technologien seien der Hauptantrieb für positive soziale und ökologische Veränderungen. Der Kern dieses Ansatzes ist, dass Effizienzsteigerungen aufgrund von Digitalisierung neue Möglichkeiten für Städte schaffen, wirtschaftliches Wachstum, Nachhaltigkeit und Klimaschutz miteinander zu vereinen. Zudem verspricht die Digitalisierung der Stadt auch eine zunehmende Demokratisierung durch neue, digitale Partizipationsmöglichkeiten sowie onlineunterstütze Bottom-up-Prozesse. Vorliegende empirische Studien zur Smart City kritisieren jedoch die dominierende Top-down-Implementierung, die prägende Rolle privatwirtschaftlicher Akteur_innen sowie den technokratischen Charakter vieler Projekte, obwohl diese ganz explizit als bürger_innenorientiert formuliert sind und umfangreiche Partizipationsmöglichkeiten versprechen. Der vorliegende Beitrag untersucht vor diesem Hintergrund die Rolle der Bürger_innenbeteiligung in Smart-City-Konzepten anhand des Entstehungs- und Implementierungsprozesses der SmartCity Cologne (SCC). Auf der Grundlage semi-strukturierter Expert_inneninterviews sowie einer umfassenden Dokumentenanalyse legt der Beitrag dar, wie die Smartifizierung der Stadtentwicklung in Köln konzeptionell verankert ist, wie sie lokal ausgehandelt und implementiert wird und welche Rolle dabei die Bürger_innenbeteiligung spielt. Der Schwerpunkt der empirischen Untersuchung liegt auf der Diskrepanz zwischen der nach außen kommunizierten bedeutsamen Rolle der Bürger_innen bei der SCC und der tatsächlich erfolgten Bürger_innenbeteiligung bei der Konzeption der SCC sowie bei der Umsetzung einzelner Teilprojekte. Theoretisch-konzeptionell basiert der Beitrag auf Sherry Arnsteins Arbeit zu Partizipationsprozessen sowie aktuellen Erweiterungen ihres Ansatzes im Kontext von Smart City und verbindet diese mit der Debatte um die post-politische Stadt.Smart City concepts promise simple solutions to a variety of complex socio-ecological problems and challenges. The various visions of the Smart City are based on the idea that digital technologies are the main driver for bringing about positive social and ecological changes. At its core, the smart approach strives for increases in efficiency through the digitalization of various areas and sectors - especially in urban administration, energy, and transport. As such, smartness is seen to create new opportunities for cities to combine economic growth, sustainability and climate protection. In addition, the digitalization of the city comes with the promise of increased urban democracy. New digital participation opportunities and bottom-up processes in the Smart City are framed with an “everyone can participate” rhetoric. In this context, the paper examines the role of participation and civic involvement within Smart City platforms by analyzing the process by which the Smart City was founded and implemented in Cologne. The empirical investigation focuses on the supposed discrepancy between aspiration and reality. Theoretically and conceptually, the article links the post-political city debate with questions about the significance of civic participation in socio-ecological transformation processes. Based on semi-structured expert interviews and extensive document analysis, the article explains how the smartification of urban development in Cologne is conceptually anchored and locally negotiated and implemented
The Diagnosis of Crisis in Critical Urban Research: Kommentar zu Stefan Höhne und Boris Michel „Das Ende des Städtischen? Pandemie, Digitalisierung und planetarische Enturbanisierung“
Höhne und Michel (2021) beschreiben Symptome einer „Krise der Städte“, die im Zuge der Coronapandemie deutlicher zum Vorschein kommen. Mit ihren Thesen legen sie nahe, dass es auf ein Ende des Städtischen – as we know it – hinauslaufen könnte. Im Grunde genommen bezeichnen viele der Thesen Entwicklungen, die schon vor der Pandemie zu beobachten waren. Gerne gehe ich auf die Einladung ein, über die Krisendiagnostik einer sich als kritisch verstehenden Stadtforschung zu reflektieren. Anstoß nehme ich daran, dass die Perspektive der Krisendiagnostik im Debattenaufschlag ungeklärt bleibt. Aus wessen Sicht wird hier eine Krise diagnostiziert und mit welchem Zweck? „Kritisch“ im von mir vorgeschlagenen Sinne ist eine Stadtforschung, die sich in der Krise zu verorten und (Ent-)Scheidungen herbeizuführen weiß. Dieser Beitrag argumentiert für eine kritische Stadtforschung als konsequente Fortsetzung des Erbes der Frankfurter Schule. Er baut auf Kernideen aus „What is Critical about Critical Urban Theory?“ von Neil Brenner (2009) auf.Höhne and Michel (2021) describe symptoms of a “crisis of cities” that have become clearer throughout the pandemic. In their diagnosis, they suggest that this crisis could lead to an end of the urban – as we know it. Several of the theses describe developments that could be observed already prior to the pandemic. I am pleased to accept this invitation to reflect on the diagnosis of crisis in critical urban research. My key point is that I take issue with the perspective of the diagnosis remaining unclear. Whose position is taken up and what is the purpose of making the diagnosis of such crisis? The contribution proposes that urban research is “critical” insofar as it is capable to position itself within a crisis and it is able to make distinctions and help bring about decisions. Throughout I argue for critical urban research in the legacy of the Frankfurt School and build on key ideas of Neil Brenner’s (2009) article “What is Critical about Critical Urban Theory”.  
Afflictions of Urbanism: Kommentar zu Stefan Höhne und Boris Michel „Das Ende des Städtischen? Pandemie, Digitalisierung und planetarische Enturbanisierung“
In meinem Kommentar expliziere ich die Referenz zum Diskursraum der „planetarischen Urbanisierung“ und erweitere die Debatte um zwei eher historisch angelegte Überlegungen. Dabei beschäftige ich mich mit der Konzeption von „Dichte als Gefahr“ und berichte von dem Wiedererstarken des Biopolitischen in Zeiten der Pandemie. Beide Themen – Dichte und Biopolitik – sind Kernbereiche der klassischen Stadtplanung. Sie suchen in der aktuellen Pandemiekrise den gesellschaftlichen und politischen Diskurs heim und werden zentrale Denkfiguren einer den urbanistischen Bereich überschreitenden generellen Regierungstechnik. Ich schlage vor, die durch die aktuelle Krise hervorgerufene (oder zumindest beschleunigte) geisterhafte Wiederkehr der klassischen urbanistischen Motive als Anzeichen einer voranschreitenden „planetarischen Urbanisierung zu werten