suburban. zeitschrift für kritische stadtforschung
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Labour Geography ist kritische Intervention: Kommentar zu Yannick Ecker, Tatiana López und Nicolas Schlitz „Wichtiger denn je! Ein Plädoyer für eine tiefere Auseinandersetzung mit Arbeit in der kritischen Stadtforschung“
Der Beitrag argumentiert, dass die Labour Geography ihre Kraft als kapitalismuskritische Intervention verliert, wenn sie nicht mit bestehenden kritisch-gesellschaftstheoretischen Auseinandersetzungen sowie entsprechenden begrifflichen Bestimmungen von Gewerkschaften, Arbeit und Stadt verbunden wird. Anstatt Labour Geography und Stadt als konsensuale Horizonterweiterung zu verzeitlichen, also als vor allem „neues“, aber vermeintlich unstrittiges Forschungsfeld zu verstehen, plädiert der Beitrag dafür, das Ringen um gesellschaftliche Emanzipation als ein widersprüchliches Verhältnis zwischen (Selbst-)Ermächtigung und (Selbst-)Unterwerfung von Arbeiter*innen zu begreifen und damit insgesamt als durchaus mühsame (wissenschafts-)politische Auseinandersetzung
Mike Davis: Erinnerungen an einen Giganten der Großzügigkeit: Kommentar zu Mike Davis‘ „Festung L.A.“ (2006 [1990])
Mike Davis (1946-2022) war ein einzigartiger öffentlicher Intellektueller, der wissenschaftliches, aktivistisches und populäres Denken in so unterschiedlichen Forschungsbereichen wie Stadt, Arbeiterbewegung, Marxismus, städtische politische Ökologie, Geschichte, Pandemien und viele andere mehr beeinflusste. Er war ein überlebensgroßer Mensch, ein Selfmade-Renaissance-Mann, ein Kämpfer, der Verbindungen herstellte. Er war auch ein Freund. Ich habe ihn so in Erinnerung
Zwischen radikaler Stadtanalyse, Aktivismus und kultureller Intervention: Kommentar zu Mike Davis‘ „Festung L.A.“ (2006 [1990])
Im Abgleich mit vergleichbaren Tendenzen in deutschen Städten wirkte die politische Rezeption von City of quartz als Keimzelle für zunächst lose Zusammenkünfte aktivistischer, künstlerischer und stadterforschender Initiativen in Frankfurt am Main und Berlin
In the compulsion of the nation: Land dispossession under India’s neoliberal authoritarian urbanism
Mit der Wahl der Bharatiya Janata Party (BJP) vollzog sich in Indien eine Abkehr vom inklusiven Neoliberalismus hin zu einer Vertiefung des neoliberalen Projekts durch Sozialabbau und der Verbreitung einer hindunationalistischen Ideologie. Dieser Aufsatz entwickelt zunächst das Konzept des neoliberalen autoritären Urbanismus, der eine spezifische Phase kapitalistischer Raumproduktion bezeichnet, welche kapitalistische Verhältnisse über autoritäre, nationalistische und antidemokratische Elemente ausweitet. Anschließend wird der Frage nachgegangen, inwieweit sich Indiens autoritär-populistischer Wandel in seiner Enteignungspolitik und der Hinwendung zu marktbasierten Enteignungsinstrumenten niederschlägt und diese prägt. Am Beispiel der Wiederentdeckung von Land Pooling Schemes (LPS) werden drei Befunde diskutiert: (1) Die Abkehr von materiellen und rechtlichen Zugeständnissen für die Agrarbevölkerung. (2) Die Verschleierung der gewaltvollen Dimension der Urbanisierung über die Ausweitung ökonomischer Zwänge. (3) Die Ausweitung einer diskursiven Inklusion der enteigneten Landeigentümer_innen, welche widerstreitende Interessen zwischen Agrar- und urbanen Kapitalfraktionen zugunsten einer nationalen Einheit teilweise einzufangen sucht. Insgesamt zeigt sich, wie die indische Enteignungspolitik mit LPS eine potenziell hegemoniefördernde Funktion einnimmt, indem sie durch die Ausweitung und gleichzeitige Verschleierung von Zwang die landbesitzende Agrarbevölkerung nicht nur zum Verkauf ihres Landes und zur Teilnahme an städtischen Verwertungsprozessen aufruft, sondern sie gleichermaßen ideologisch und materiell untrennbar an das Schicksal der urbanen Nation zu binden sucht.With the election of the Bharatiya Janata Party (BJP), India saw a shift from inclusive neoliberalism to a deepening of the neoliberal project through social cuts and the spread of a Hindu nationalist ideology. This essay first develops the concept of neoliberal authoritarian urbanism, which denotes a specific phase of capitalist spatial production that extends capitalist relations through authoritarian, nationalist, and anti-democratic elements. The paper then traces India’s authoritarian populist transformation through the example of its expropriation policies and turns to market-based instruments of dispossession, such as Land Pooling Schemes (LPS). The article discusses three findings: (1) The move away from material concessions in dispossession policies. (2) The concealment of coercion through the extension of economic compulsion. (3) The proliferation of a narrative of reconciliation that seeks to capture conflicting interests between agrarian and capital factions in favor of national unity. Overall, the article shows how India’s politics of dispossession and the turn towards LPS assumes a potentially hegemony-supporting function. Through the extension and simultaneous concealment of coercion, LPS not only call upon the landowning agrarian population to sell their land and participate in urban processes of utilisation, but equally seeks to tie them ideologically and materially to the fate of the urban nation
Keine Angst vor der Vergangenheit? Rezension zu Birgit Knauer (2022): Gesunde Stadt. Die Assanierung der Stadt Wien (1934-1938). Basel: Birkhäuser; Harald Bodenschatz (Hg.) (2022): Städtebau für Mussolini. Auf der Suche nach der neuen Stadt im faschistischen Italien. Berlin: DOM Publishers.
Die Arbeit von Harald Bodenschatz (2011) und seinen Mitautor:innen zum Städtebau im faschistischen Italien hat vor zehn Jahren Wegweisendes in der Städtebauhistoriographie geleistet. Nun wurde das seit Jahren vergriffene Buch neu aufgelegt und behutsam erweitert. Es hat viele Folgestudien inspiriert. Eine davon ist die Arbeit der Denkmalpflegerin Birgit Knauer (2022), die sich mit der „Assanierung“ der Stadt Wien im Austrofaschismus auseinandersetzt. Die Werke zeigen, wie Städtebau durch diktatorische Regime benutzt wurde, um Repression auszuüben oder Konsens herzustellen, und als wirtschaftspolitisches Programm der beschleunigten industriellen Entwicklung sowie zur volkswirtschaftlichen Erholung in und nach Krisenzeiten diente. Dabei spielen Propaganda, Geschichtsbilder, Zukunftsverheißungen und nicht zuletzt europäische Netzwerke eine Rolle
Resistance to what? Urban contention in authoritarian Russia: Commentary on Daniela Zupan, Matthias Naumann, Gala Nettelbladt and Kristine Beurskens „Was heißt hier Widerstand? Widerständige Praktiken im Kontext von autoritärem Urbanismus“
Im Zuge der sich entfaltenden Debatte über autoritären Urbanismus und den Widerstand dagegen wurde es bislang weitgehend versäumt, konzeptionell zu klären, worum es bei diesem Phänomen genau geht. Mein Argument in diesem Kommentar ist, dass wir unter autoritärem Urbanismus Praktiken und Instrumente zur Steuerung des urbanen Raums verstehen sollten, welche zur Aufrechterhaltung autoritärer Ordnung beitragen. Anhand von Befunden aus Russland prüfe ich, ob urbane Konflikte dort in die Kategorie „Widerstand gegen autoritären Urbanismus“ fallen, und behaupte, dass sie in der Mitte zwischen offenen Forderungen nach einem grundlegenden Wandel der städtischen Politik und Infrapolitik zu verorten sind.The unfolding debate on authoritarian urbanism and resistance to it largely avoided the conceptual clarification of what exactly this phenomenon is about. In this comment, I argue that authoritarian urbanism should be conceptualised as practices and tools for governing the urban space that help to maintain the autocratic order. I draw on the evidence from Russia to check if urban contention there fits into the category of „resistance to authoritarian urbanism“ and posit that it occupies the middle-ground between an open call for fundamental change in urban governance and infrapolitics
Editorial
Autoritärer Urbanismus operiert mit lauten ebenso wie mit leisen Formen; er kommt mal offen, mal schleichend, mal gar getarnt daher; er wird manchmal als solcher erkannt, verkannt oder bleibt unerkannt. Autoritärer Urbanismus ist von widersprüchlichem und changierendem Charakter. Er ändert nicht nur häufig sein Gesicht und seine Arbeits- und Funktionsweisen, sondern bewegt sich zumeist auch im Spannungsfeld zwischen autoritären und demokratischen, zwischen liberalen und illiberalen Praktiken; er tritt nie in Reinform auf, sondern ist stets komplex und widersprüchlich. Akteure, die in autoritären Kontexten agieren und versuchen, Widerstand zu leisten, sind mit eben jenen Spanungsfeldern konfrontiert, innerhalb derer sie nicht nur handeln, sondern auch fühlen und sich durch Widersprüche navigieren. Diese Spannungsfelder nimmt unser Themenschwerpunkts in diesem Heft in den Blick. Wir fragen: (Ab) wann sind städtische Dynamiken und Prozesse autoritär? Wie manifestiert und materialisiert sich Autoritarismus in und durch Städte? Und was bedeutet Widerstand im Kontext von autoritärem Urbanismus
Festung L.A. (2006 [1990])
Kapitel aus: Davis, Mike (2006 [1990]): City of Quartz – Ausgrabungen der Zukunft in Los Angeles. Berlin: Assoziation A, 257-304. Aus dem Amerikanischen von Jan Reise
Authoritarian urbanism: on the normativity of a research field
Angesichts zunehmender autoritärer, illiberaler und populistischer Strömungen weltweit, nicht zuletzt auch innerhalb etablierter Demokratien, hat die Auseinandersetzung mit Autoritarismus in der interdisziplinären Stadtforschung in den letzten Jahren an Gewicht gewonnen. Diese erneute Popularität nimmt der Beitrag zum Anlass, um sich mit der Aktualität und Gewordenheit des Forschungsfeldes zu autoritärem Urbanismus auseinanderzusetzen. Der Beitrag rekonstruiert, was unter autoritärem Urbanismus verstanden und beforscht wurde und wie sich das im Lauf der Zeit entwickelt hat. Dabei arbeitet er verfestigte Vorannahmen und normative Zuschreibungen in der Beschäftigung mit autoritärem Urbanismus heraus, zeigt, wie diese entstanden sind und die Debatten seither beeinflussen, und diskutiert, wie diese einem besseren Verständnis von autoritärem Urbanismus entgegenstehen.Against the background of surging authoritarian, illiberal and populist forces around the globe, not least within established democracies, recent years have seen rising engagement with authoritarianism in interdisciplinary urban studies. The article takes these developments as a starting point to engage with the development and actuality of the field of research on authoritarian urbanism. In order to adequately understand and critically reflect common understandings and perceptions as well as the underlying assumptions on which they are based, it reconstructs how authoritarian urbanism has been framed and researched over time. Doing so it identifies a normative understanding of authoritarian urbanism as a central feature of the field. It reconstructs the origins of this normativity, how it continues to influence the field, and discusses how it impedes gaining a better understanding of authoritarian urbanism
Precarious alliances between subaltern resistances and urban civil society: Commentary on Daniela Zupan, Matthias Naumann, Gala Nettelbladt and Kristine Beurskens „Was heißt hier Widerstand? Widerständige Praktiken im Kontext von autoritärem Urbanismus“
In diesem kurzen Beitrag möchte ich das verdächtig in Vergessenheit geratene Thema Klasse – und soziale Differenz im weiteren Sinne – wieder in die Diskussion über Widerstand einbringen. Ausgehend von über zehn Jahren der Forschung zu verschiedenen urbanen wie auch ländlichen Widerstandsbewegungen gegen die neoliberale Vermarktlichung und die damit einhergehende autoritäre Politik in der kleinen Kaukasusrepublik Georgien, entwickle ich hierfür drei kurze Argumente: Ich behaupte erstens, dass unterschiedliche soziale Klassen zu unterschiedlichen Formen des Widerstands greifen beziehungsweise sich unterschiedliche Mittel und Wege leisten können. Zweitens behaupte ich, dass die Frage nach Klassenunterschieden empirisch und konzeptionell auch entscheidende Fragen nach Allianzen und Solidarität zwischen verschiedenen Widerstandsbewegungen aufwirft. Mein drittes Argument ist, dass die Erforschung der komplizierten Allianzen zwischen Widerstand aus den Reihen der urbanen Mittelschicht und subalternem Widerstand in und jenseits der Stadt ein anderes Licht auf die Rolle der Stadt als Bollwerk gegen Autoritarismus wirft oder vielleicht sogar deren dunklere Seite offenbart.In this brief article I try to reintroduce suspiciously forgotten topic of class and more broadly social difference when discussing resistance. I develop three brief arguments drawing on an over a decade long research on various urban and rural resistances to neoliberal marketisation and accompanying authoritarian politics in a small Caucasian state of Georgia. First, I argue that different classes pursue or afford to pursue different forms of resistances. Second, I argue that inquiring into class difference opens empirically and conceptually significant questions about alliances and solidarities across various resistances. Finally, I argue that inquiring into complicated alliances between urban middle-class based resistances and subaltern resistances in and beyond cities, recasts a different light, or perhaps even reveals a darker side of the role of cities in serving as strongholds against authoritarianism