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Eine Frage des Geschmacks? Adelungs Sprachnormtheorie im Kontext des zeitgenössischen Geschmacksdiskurses
Die Forschung hat bisher regionale, funktionale und kulturkritische Aspekte in Adelungs Sprachnormtheorie zentral gesetzt und demgegenüber den hier zu behandelnden Aspekt weitgehend vernachlässigt. Dies ist umso erstaunlicher, als der Geschmacksbegriff in der Sprachnormtheorie Adelungs, und zwar durchgängig in den frühen wie späten Schriften, eine zentrale Rolle spielt.
Im Folgenden möchte ich mich bei der Skizzierung der Auffassungen Adelungs zum Geschmacksbegriff im Rahmen seines „Hochdeutsch“-Konzepts eng an die Chronologie seiner Schriften halten und dabei deutlich machen, dass schon das Ausgangsmaterial, d.h. seine frühen Schriften, die zentrale Differenzierung in eine subjektive und objektive (im Sinne einer sozialen Tatsache) Dimensionierung dieser Kategorie bieten. Sie lassen sichtbar werden, dass die Kategorie des Geschmacks nicht nur die Basis für Adelungs eigenes Sprachwerturteil bildet, sondern ein wesentliches Definitionsmerkmal seiner „Hochdeutsch“-Konzeption ist
Rezension von: Andresen, Melanie (2022): Datengeleitete Sprachbeschreibung mit syntaktischen Annotationen. Eine Korpusanalyse am Beispiel der germanistischen Wissenschaftssprachen. Tübingen: Narr Francke Attempto (Korpuslinguistik und interdisziplinäre Perspektiven auf Sprache, 10). € 88,00 ISBN 978-3-8233-8514-1 [Rezension]
Die Arbeit von Andresen befasst sich in 11 Kapiteln (einschließlich des Anhangs) mit syntaktischen Annotationen in germanistischen Wissenschaftssprachen und untersucht Dissertationen aus der Literaturwissenschaft und der Linguistik. Kernpunkt des Werkes ist das methodische Verfahren bei der Erstellung und Analyse syntaktisch annotierter Korpora. Die Autorin geht den Fragen nach, welches Potenzial datengeleitete Forschung bietet und welche Möglichkeiten der Einsatz automatischer syntaktischer Annotationen bei der Sprachbeschreibung eröffnet
Über das Zerpflücken von Komposita. Semantische Beziehungen im komplexen Wort
"Der Laie hat für gewöhnlich, sofern er ein Liebhaber von Gedichten ist, einen lebhaften Widerwillen gegen das, was man das Zerpflücken von Gedichten nennt, ein Heranführen kalter Logik, Herausreißen von Wörtern und Bildernaus diesen zarten blütenhaften Gebilden. Dem gegenüber muß gesagt werden,daß nicht einmal Blumen verwelken, wenn man in sie hineinsticht. Gedichte sind, wenn sie überhaupt lebensfähig sind, ganz besonders lebensfähig und können die eingreifendsten Operationen überstehen. Ein schlechter Vers zerstört ein Gedicht noch keineswegs ganz und gar, so wie ein guter es noch nicht rettet. Das Herausspüren schlechter Verse ist die Kehrseite einer Fähigkeit, ohne die von wirklicher Genußfähigkeit an Gedichten überhaupt nicht gesprochen werden kann, nämlich der Fähigkeit, gute Verse herauszuspüren. Ein Gedicht verschlingt manchmal sehr wenig Arbeit und verträgt manchmal sehr viel. Der Laie vergißt, wenn er Gedichte für unnahbar hält, daß der Lyriker zwar mit ihm jene leichten Stimmungen, die er haben kann, teilen mag, daß aber ihre Formulierung in einem Gedicht ein Arbeitsvorgang ist und das Gedicht eben etwas zum Verweilen gebrachtes Flüchtiges ist, also etwas verhältnismäßig Massives, Materielles. Wer das Gedicht für unnahbar hält, kommt ihm wirklich nicht nahe. In der Anwendung von Kriterien liegt ein Hauptteil des Genusses. Zerpflücke eine Rose und jedes Blatt ist schön." (Brecht 1971, S. 123)
Ich vermag Brecht nicht in allem zu folgen. „Zerpflücke eine Rose und jedes Blatt ist schön.“ Bestimmt – aber zum Schluss hat man keine Rose mehr. Zumindest keine schöne. Das Kompositum jedoch bleibt bei der semantischen Sezierung intakt. Gewiss will der Autor, der anstatt der analytisch-syntaktischen Darstellung die Benennung wählt, seinem Leser mit der Einheit des komplexen Wortes eher eine holistische Erfahrung bereiten – und diese ist im Falle des Kompositums wieder hergestellt, sobald die Einzelheiten der Zergliederung in den Hintergrund treten
Genderinklusive Umformulierung von Pressetexten: Anmerkungen zu einer Korpusstudie des IDS
In einer Pressemitteilung vom 7.10.2024, die inzwischen auch über Spiegel-Online verbreitet worden ist, teilt das Leibniz-Institut für Deutsche Sprache mit, dass „Genderinklusive Sprache in Pressetexten […] weniger als 1% der Wörter“ betreffe
Deutsch im Wandel. Bericht von der 61. Jahrestagung des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache, Mannheim, 11. - 13. März 2025
Kreativität als gemeinsame Hervorbringung – über die interaktive Herstellung einer Aufführung in Theaterproben
LDV-Info 1
Die Arbeitsstelle Linguistische Datenverarbeitung (LDV) innerhalb der Abteilung Zentrale Wissenschaftliche Dienste (ZWD) am Institut für deutsche Sprache (IdS) hat die Aufgabe, maschinenlesbare Textkorpora zur gesprochenen und geschriebenen deutschen Sprache der Gegenwart einschließlich der Korpusaufbereitungen (Register, KWIC-Indizes, etc.) bereitzustellen und Textverarbeitungs- und Analyseprogramme zu entwickeln.
Korpora und Programme dienen in erster Linie zur Unterstützung der grammatischen und lexikographischen Arbeitsvorhaben des IdS. Sie stehen darüber hinaus auch der germanistischen Sprachwissenschaft im In- und Ausland zur Verfügung. Um potentielle externe Interessenten mit den Diensten vertraut zu machen, die die Arbeitsstelle LDV anbieten kann, haben wir uns entschlossen, eine Informationsschrift unter dem Titel LDV-INFO herauszugeben, die in unregelmäßiger Folge über Möglichkeiten der maschinellen Textverarbeitung, über Programmbibliotheken und Korpora sowie deren Auswertungsmöglichkeiten und über unsere Rechenanlage berichtet.
Im LDV-INFO 1 möchten wir uns Ihnen verstellen und Sie über das "Mannheimer Korpus 1", das "Freiburger Korpus" sowie einige Auswertungsprogramme informieren, die an unserem Institut zur Verfügung stehen
Phrasenkomposita im gesprochenen Deutsch an der Schnittstelle von Wortbildungs- und Gesprächsforschung
Phrasenkomposita wie Wir-machen-lange-auf-Tag werden im vorliegenden Beitrag erstmals hinsichtlich ihres Gebrauchs im gesprochenen Deutsch untersucht. Durch die Kombination von Untersuchungsmethoden aus der Wortbildungs- und Gesprächsforschung wird in unserer auf dem FOLK-Korpus basierenden Studie der Frage nachgegangen, welche Rolle der Bildungstyp in der gesprochenen Sprache spielt und inwiefern sich Charakteristika des mündlichen Gebrauchs (kommunikative Einbettung, intersubjektive Aushandlung von Bedeutung) herausarbeiten lassen. Indem die Ergebnisse unserer Studie explizit zu einer umfassenden Untersuchung von Phrasenkomposita in der medialen Schriftlichkeit in Bezug gesetzt werden, wird eruiert, ob sich die in der gesprochenen Sprache verwendeten Phrasenkomposita von den in der Schriftsprache gebrauchten Bildungen unterscheiden. Insgesamt deuten die Ergebnisse der Pilotstudie darauf hin, dass die Kombination von Wortbildungs- und Gesprächsforschungsperspektive für beide Disziplinen gewinnbringend ist
Pragmatische Aspekte der Bedeutung von Sprichwörtern aus dem kognitiven Feld SCHWEIGEN am Beispiel des Sprachenpaares Deutsch – Spanisch
Anhand des onomasiologisch angeordneten deutsch-spanischen SCHWEIGEN / CALLAR -Korpus aus dem Forschungsprojekt FRASESPAL1 wird im ersten Teil des Aufsatzes auf die Konzeptualisierung des Schweigens mittels Phraseologismen und Sprichwörtern und deren Unterschiede auf denotativer und nichtdenotativer Ebene eingegangen. Die Notwendigkeit der pragmatischen Analyse in der kontrastiven Parömiologie soll im zweiten Teil der Arbeit gezeigt werden. Untersuchungsgegenstand sind die Sprichwörter Reden ist Silber, Schweigen ist Gold und En boca cerrada no entran moscas, die als interlinguale funktionale Äquivalente im Deutschen und Spanischen gelten.
Durch die Analyse werden für die kontrastive Parömiologie zu beachtende Unterschiede im textuellen Verhalten, in der Art der illokutiven Funktionen, in der sozialen Funktion, in den kognitiven Konzepten und in der Typologie der Modifikationen beider Sprichwörter aufgedeckt. Darüber hinaus werden die argumentativen und kommunikativen Funktionen beider Sprichwörter vor dem Hintergrund einer Differenzierung zwischen konzeptioneller Schriftlichkeit und Mündlichkeit anhand einer Vielzahl von Beispielen näher bestimmt