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Linguistische Sprachkritik im Geiste linguistischer Aufklärung
Vor dem Hintergrund sprachkritischer Zweifelsfragen mit gesellschaftspolitischem Impetus und dem Umstand, auf bestimmte, „vorbelastete“ Ausdrucksmuster in Kommunikationssituationen angemessen reagieren zu müssen, wird im folgenden Beitrag ein Vorschlag unterbreitet, welche Verfahren der sprachreflektierende Sprachbenutzer anwenden kann, um sich bewusst für bestimmte Formulierungsstrategien entscheiden zu können. Damit wird die inhaltliche Beurteilung dem Akteur überlassen, und die Linguistik expliziert ausschließlich mögliche Operationalisierungen im Paradigma des „Semantischen Kampfes“ mit dem Fokus auf Bezeichnungskonkurrenzen sowie auf Bedeutungs- und Sachverhaltsfixierungsversuchen. Das Procedere wird an umstrittenen Formulierungen zur sog. Sterbehilfe exemplifiziert
Sprachkritik zwischen „political correctness" und anderen Klippen
Die 1991 ins Leben gerufene Aktion „Unwort des Jahres” zeigt mit ihren von Jahr zu Jahr steigenden Teilnehmerzahlen, daß es in der deutschen Bevölkerung ein hohes Interesse an öffentlicher Sprachkritik gibt, das förmlich nach wissenschaftlich unterstützter Aufmerksamkeit ruft. Denn ein nicht geringer Teil „volkslinguistischer” Kritik an Phänomenen des gegenwärtigen Sprachgebrauchs ist von problematischen alten und neuen Vorurteilen geprägt, die durch die Unwort-Aktion selbst nicht beseitigt werden können. Die Konzentration der Aktion auf sprachliche Fehlgriffe, die den Prinzipien sachlicher Angemessenheit und humanen Miteinanders zuwiderlaufen, führt die Unwort-Suche selbst an die Grenzen wissenschaftlich und politisch vertretbarer Sprachkritik, hinter der auch neue Programme der Sprachlenkung lauern, so etwa die „political correctness” oder die weitverbreitete Fixierung auf nur-formale Korrektheit. Obwohl sich die Unwort-Aktion selbst nur der Sensibilisierung sprachlichen Bewußtseins verschrieben hat, bergen ihre Urteile immer wieder das Risiko, als letztinstanzliche Entscheidungen mißverstanden zu werden. Es wäre darum erwünscht, die sprachliche Aufklärungsarbeit in weiteren publikumswirksamen Unternehmungen zu vertiefen
Fuhrhop, Nanna; Reinken, Niklas; Schreiber, Niklas (Hrsg.): Literarische Grammatik. Wie Literatur- und Sprachwissenschaft voneinander profitieren können. Heidelberg: Universitätsverlag Winter 2023. (ISBN 978-3-8253-9504-9. 201 Seiten, € 42,00.) [Rezension]
Deutsch, עברית, English, Pусский. Ein sprachenpolitischer Blick auf die Schulwebseiten jüdischer Grundschulen in Deutschland
Gender-Inclusive Language in the Corporate Communication of German Companies: Authentic Corporate Activism or Pinkwashing?
Commitment to gender equality and diversity has long been a stated priority for large companies, and one visible way to signal this commitment is through gender-inclusive language. Public debates around such language use increasingly surface regarding companies’ communication with stakeholders, including employees, customers, and shareholders. In particular, the adoption of newer forms of gender-inclusive language that move beyond the traditional binary framework is often interpreted as a form of political positioning. Critics contend that these practices are unnecessary or serve merely to polish a company’s image, lacking genuine engagement with gender equality. If accurate, this critique implies that the practice reflects not authentic corporate activism but rather a form of CSR-washing – specifically, pinkwashing. We examine whether major publicly listed German DAX companies engage in pinkwashing by employing explicit gender-inclusive markers (e.g., the asterisk in Kund*innen ‘customers’) in their corporate communication without accompanying commitment to other gender-equality measures. To address this question, we employ a mixed-method approach that combines manual linguistic annotations of personal nouns with quantifiable economic data on the representation of women on executive and supervisory boards. Our findings show that companies that perform poorly on increasing women’s representation on their executive and supervisory boards do not use gender symbols on their company websites in 2023. Furthermore, they do not introduce gender symbols in their annual shareholder letters from 2015 to 2022 before achieving improvements in women’s representation on their executive boards. These results suggest that German companies do not use gender-inclusive language as a form of pinkwashing, but rather as a symbolic complement to broader gender-equality initiatives. Whether such patterns will persist amid growing political resistance to DEI efforts, particularly in international contexts, remains to be seen
Valenzalternation im Vergleich: Antikausativa im Deutschen, Französischen und Ungarischen
In seiner Typologie der inchoativ-kausativen Verbalternation argumentiert Haspelmath für eine Präferenz des antikausativen Typs in europäischen Sprachen. Im vorliegenden Beitrag werden auf dieser Basis Alternationspaare im Deutschen, Französischen und Ungarischen betrachtet. Dafür wird die Liste von Verben bzw. metasprachlichen Konzepten verwendet, die Haspelmath entlang einer Spontaneitätsskala anordnet. Diese von Haspelmath angewendete und in der Sprachtypologieforschung weit verbreitete Methode der metasprachlichen Konzeptliste als Vergleichsgrundlage wird kritisch hinterfragt und in ihrer Anwendbarkeit überprüft. Als Datengrundlage werden dabei neben Elizitierungen und Wörterbüchern auch Korpusabfragen herangezogen. Die Untersuchung liefert dadurch kritische Einblicke in das Spannungsverhältnis zwischen großflächiger typologischer Untersuchung und tiefergehender einzelsprachlicher Betrachtung sprachstruktureller Phänomene. Während die einzelsprachlichen Ergebnisse des Deutschen und die diachronen Befunde des Ungarischen in der generellen Tendenz die haspelmathsche These der Spontaneitätsskala stützen, zeigt eine genauere einzelsprachliche Untersuchung des Französischen, dass die haspelmathsche morphologische Typologie der Alternationspaarbildung um einen weiteren Typ, den antikausativ-labilen, erweitert werden muss. Die vorgelegten Daten liefern so auch interessante neue Ergebnisse für die arealtypologische Betrachtung Europas
Ärztinnen und Pfleger, Biologen oder Chemikerinnen: Alternierende Doppelformen als Mittel genderinklusiver Sprache in Die Zeit
Dieser Beitrag untersucht alternierende Doppelformen wie Ärztinnen und Pfleger, die sich im Deutschen als Strategie genderinklusiver Sprache herausgebildet haben. Die Konstituenten solcher Doppelformen zeichnen sich durch unterschiedliche lexikalische Basen aus und sind geschlechtsübergreifend intendiert. Dadurch ermöglicht die Analyse zugleich einen empirischen Einblick in die im Deutschen bislang kaum untersuchten geschlechtsübergreifenden Feminina. Als Korpusgrundlage dienen Ausgaben der Wochenzeitung Die Zeit aus den Jahren 2000 bis 2023, verfügbar im Deutschen Referenzkorpus (DeReKo). Seit 2018 setzt Die Zeit gezielt alternierende Doppelformen als Teil ihrer genderinklusiven Sprachstrategie ein. Mittels regulärer Ausdrücke und manueller Bereinigungen wurden 975 alternierende Doppelformen extrahiert. Ab 2018 nimmt ihre Verwendung signifikant zu – allerdings bleibt ihre Häufigkeit deutlich hinter der von regulären Doppelformen wie Leserinnen und Leser (11.249 Tokens) zurück, die über beide Zeiträume hinweg signifikant häufiger verwendet werden. Durch ihre Flexibilität tragen alternierende Formen jedoch wesentlich zur Versprachlichung vielfältiger sozialer Gruppen bei und erzeugen mit einer Typen-Token-Ratio von 0,89 eine hohe lexikalische Vielfalt im Korpus. Zusätzlich zeigen manuelle Annotationen, dass geschlechtsübergreifende Feminina in Texten mit alternierenden Doppelformen leicht identifizierbar sind, was sie für eine systematische Analyse zugänglich macht. Eine kontextgeleitete Auswertung im Rahmen der Membership Categorization Analysis (MCA) verdeutlicht, dass alternierende Doppelformen soziale Kategorien mitkonstituieren und somit der sprachlichen Konstruktion gesellschaftlicher Diversität dienen.This article examines alternating pair forms such as Ärztinnen und Pfleger (‘doctors [f.] and nurses [m.]’), which have emerged as a gender-inclusive language strategy in German. These pair forms are characterized by their use of different lexical bases and are intended to be gender-inclusive. This analysis also provides an empirical insight into the rarely studied feminine generics in German. The corpus used for this study comprises issues of the weekly newspaper Die Zeit from 2000 to 2023, which are available in the German Reference Corpus (DeReKo). Since 2018 Die Zeit has deliberately employed alternating pair forms as part of its gender-inclusive language strategy. Regular expressions and manual adjustments were used to extract 975 alternating pair forms. Their usage has increased significantly since 2018. However, they remain markedly less frequent than regular pair forms like Leserinnen und Leser (‘female and male readers’; 11,249 tokens), which are used significantly more often across both periods. Due to their flexibility, alternating pair forms contribute substantially to the expression of diverse social groups and account for a high lexical variety in the corpus (TTR = 0.89). Additionally, manual annotations reveal that generic feminine forms are easily identifiable in texts containing alternating pair forms, making them accessible to systematic analysis. A context-driven examination within the framework of Membership Categorization Analysis (MCA) illustrates that alternating pair forms co-construct social categories and thus serve as a linguistic means of representing social diversity
Sprachenrecht und Sprachstrategien der Schweiz
Mehrsprachigkeit und kulturelle Vielfalt gehören zum Wesen der Schweiz. Es versteht sich deshalb von selbst, dass die Kantone als in jeder Hinsicht gleichwertige Partner kooperieren, immer auf gleicher Augenhöhe. Dem entsprechen der föderalistische Staatsaufbau, der gegenseitige Respekt, der sich wie ein roter Faden durch alle Bereiche staatlichen Handelns zieht, und eine besondere Sorgfalt bei der Gestaltung des Sprachenrechts. Dieses ist deshalb so wichtig, weil die rechtliche Gleichbehandlung der Sprachgemeinschaften und deren gutes Verhältnis untereinander für den Zusammenhalt des Landes von zentraler Bedeutung sind. Sprache ist nun aber ein identitätsstiftender Faktor par excellence, und leider ist es so, dass sie sich leicht instrumentalisieren lässt, d.h. es besteht eine latente Versuchung, mit dem Argument Sprache selbst in Dingen, wo es überhaupt nicht um Sprache geht, Leute hinter sich zu scharen und Keile zwischen die Sprachgemeinschaften zu treiben. Damit die Sprachenfrage in der Schweiz nicht zu einer zentrifugalen Kraft wird, ist sie Gegenstand besonderer Pflege. Das erklärt die verhältnismäßig große Zahl sprachenrechtlicher Bestimmungen auf der Ebene der Verfassung, der Gesetze, Verordnungen und Weisungen
Bayerisches Wörterbuch (BWB). Hrsg. von der Kommission für Mundartforschung, Bayerische Akademie der Wissenschaften. Bearbeitet von Josef Denz, Felicitas Maria Erhard, Edith Funk, Anthony R. Rowley, Andrea Schamberger-Hirt und Michael Schnabel. Bd. III. Prä – törmisch. Berlin [u. a.]: De Gruyter, Akademie Forschung, 2019. XIII S., 1884 Sp. (Bayerisch-Österreichisches Wörterbuch. II. Bayern) ISBN 978-3-11-066984-8
Vorstellung des Bayerischen Wörterbuchs von Ludwig M. Eichinger
Language Policies for а Global Era: The Changing Face of Language Politics in Scandinavia
In den letzten Jahren wurde in den Medien und in der Wissenschaft viel über die Gefahr berichtet, dass wir uns als Folge der Globalisierung auf dem Weg zu sprachlicher Konvergenz befinden. In diesem Zusammenhang wird oft Skandinavien erwähnt, wo die umfassenden Englischkenntnisse, gepaart mit dem wachsenden Einfluss des Englischen in einer Vielzahl von Bereichen, dazu geführt haben, dass von Englisch als Zweit- statt Fremdsprache gesprochen wird, d.h., dass das Englische dort zur Bewältigung verschiedener Alltagssituationen benötigt wird. Andere Kommentatoren sagen sogar vorher, dass diese Entwicklung letztlich in einem vollständigen Sprachwechsel zum Englischen resultieren werde, sollten keine Maßnahmen zum Schutz der jeweiligen Nationalsprachen beschlossen werden. Ziel dieses Beitrags ist es, die Reaktionen auf die vermeintliche Gefahr des Englischen in den skandinavischen Ländern zu untersuchen, insbesondere in Schweden und Norwegen. Während Norwegen über wesentlich mehr Erfahrung in Bezug auf Sprachpolitik und Sprachplanung verfügt, war es ironischerweise Schweden, welches zuerst eine Antwort auf diese „Bedrohung“ entwickelte.In recent years, much has been made in the media and in academic circles of the risk that the world is heading towards linguistic convergence as а result of globalisation. А region offen cited as an example is Scandinavia, where the widespread knowledge of English, coupled with its advanced infiltration in many domains of language use, has led commentators to point out that this language has become а second, as opposed to а foreign, language, that is, а language which is needed for Scandinavians to complete functions of their everyday lives. Others have gone further, predicting an eventual outright shift to English if measures are not taken to protect the respective national languages. The aim of this paper is to examine the response to the perceived threat from English in the countries of the Scandinavian peninsula, namely Sweden and Norway. While the latter has considerably more experience in matters of language policy and planning, it was ironically the former which took the lead in developing а response to the ‘threat’