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Linguistisch-theoretische Modellierung von Sprachwandel: Zyklischer Sprachwandel im Deutschen
Das Modell des Sprachwandelzyklus, das seit über 100 Jahren in der historischen Linguistik genutzt wird, erweist sich bis heute als fruchtbar. Der Beitrag beleuchtet exemplarisch vier Sprachwandelzyklen in der Geschichte des Deutschen - den Negationszyklus, den Subjekt-Kongruenz-Zyklus, den Komparativzyklus und den Komplementiererzyklus - einschließlich der syntaxtheoretischen Analyse des jeweiligen Wandels und demonstriert auf dieser Grundlage den Nutzen linguistisch-theoretischer Modellierung von Sprachwandel. Dieser liegt insbesondere in der Gewinnung übergeordneter Generalisierungen über unterschiedliche Phänomenbereiche hinweg, die Regularitäten des Wandels erkennen lassen, heuristischen Wert für die Entdeckung weiterer Sprachwandelzyklen haben und zur Identifikation von Ursachen des Wandels beitragen
Irrelevanzkonditionale als emergente Konstruktionsfamilie
Gegenstand dieses Beitrags sind Irrelevanzkonditionale als Beispiel unauffälligen und doch nachweisbaren Sprachwandels im heutigen Deutsch. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass einige Mitglieder der irrelevanzkonditionalen Konstruktionsfamilie Merkmale emergenter Grammatik samt Phänomenen konstruktioneller Gradienz im Übergang zu interrogativ(ähnlich)en Nachbarkonstruktionen aufweisen. Aufgrund neuerer Forschungsergebnisse bietet der Beitrag einen Überblick über die (synchronische) Evidenz für die betreffenden Wandelvorgänge. Entgegen der Annahme, dass Irrelevanzkonditionalgefüge eine permanente, zwischen Diskurs und Syntax stagnierende Grammatikalisierungsbaustelle bilden, zeigen sich bei den Subordinatoren Schematisierungen samt teilspezifizierten Sub-konstruktionen, die die betreffenden Satzverbindungen als hypotaktisch ausweisen. Abschließend werden einige weiterführende (vor allem diachronische) Forschungsdesiderata benannt
Cemeteries as semiotic landscapes: The construction of (im)migrant spaces in Canada and Germany
This article focuses on gravestone inscriptions from cemeteries in Canada and Germany. We consider these inscriptions as publicly visible written communication and draw on frameworks from linguistic/semiotic landscape and historical sociolinguistics. Based on a qualitatively and ethnographically rooted analysis of both language and images on selected (multilingual) gravestones, and drawing on positioning theory and the concept of space, we argue that specific (im)migrant spaces and imagined communities are constructed through the ways in which heritage language is used and images are linked with (im)migrant places and identities. Overall, this research explores the complex interplay of socio-historical, linguistic, and semiotic aspects through which gravestone inscriptions come to index (im)migrant spaces
"Which article is correct?” Is generative AI a suitable tool for learners of German as a Foreign or Second Language?
In unserem Beitrag gehen wir der Frage nach, ob Generative KI ein geeignetes Hilfsmittel für DaF- / DaZ-Lernende ist. Dazu evaluieren wir in einer empirischen Studie die Qualität automatisch generierter Antworten auf Fragen zu einem notorisch herausfordernden Bereich deutscher Grammatik: die Artikelverwendung. Wir greifen auf ein Sprachberatungskorpus zurück und entnehmen daraus authentische Fragen zum Artikelgebrauch im Deutschen, die wir durch GPT-4o beantworten lassen. Die Antwortqualität kontrastieren wir mit der von Antworten menschlicher Sprachberaterinnen und Sprachberater. Die Grundlage für die Messung der Antwortqualität bilden zum einen Einschätzungen von Grammatikexperten und zum anderen von erfahrenen DaF- / DaZ-Lehrenden.In our article, we explore the question of whether generative AI is a suitable tool for learners of German as a foreign language. To this end, we conduct an empirical study to evaluate the quality of automatically generated answers to questions in a notoriously challenging area of German grammar: article usage. We draw on a language consulting corpus, have authentic questions answered by GPT-4o and contrast their quality with answers given by human language consultants. The basis for measuring the quality of the answers are, on the one hand, assessments by experts for German grammar and, on the other hand, by experienced teachers of German as a foreign language
Sprachwandel – wie sich die deutsche Sprache verändert: ein kurzer Projektbericht aus der Abteilung Grammatik des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache (IDS)
Untersuchungen des Sprachgebrauchs liefern keine normativen Erklärungen, geben aber unter anderem Auskunft darüber, was - je nach Medium(schriftlich/mündlich) -oder ausgerichtet an weiteren außersprachlichen Merkmalen von Sprecherinnen und Sprechern wie zum Beispiel Region, Lebensalter (tendenziell) üblich beziehungsweise unüblich ist. So können Forschungsergebnisse zum Wandel (insbesondere mikro-diachronisch) als Korrektiv für - bisweilen zu stark pauschalisierende - Urteile z. B. aus einer sprachkritischen oder normativen Perspektive dienen, Erklärungen liefern, warum Sprecherinnen und Sprecher an bestimmten Stellen vom kodifizierten Standard abweichen, was aktueller und angemessener Sprachgebrauch in diversen Kontexten ist (besonders relevant für Deutschlernerinnen und -lerner) und einen Beitrag zum Konzept des Gebrauchsstandards im Deutschen leisten
Deutsch im Wandel
Dass Sprache einem permanenten Wandel unterliegt, gilt in der Forschung als unbestritten. Sichtbar werden größere Entwicklungslinien jedoch meist erst im längeren zeitlichen Abstand. Untersuchungen zu jüngeren Wandelphänomenen stehen daher vor der Herausforderung, Variation und situativen Gebrauch von tatsächlichen Veränderungen abzugrenzen. Auch unterscheidet sich die Erforschung neuerer Entwicklungen grundlegend von der früherer Sprachstufen: Produktions- und Kommunikationsbedingungen haben sich durch Technologien so verändert, dass Innovationen sich anders und schneller verbreiten. Neue Korpora nicht-professioneller schriftlicher und gesprochener Sprachverwendung bieten ein breiteres Bild der Sprachwirklichkeit und Befragungen eröffnen Zugänge zu Datentypen, die für ältere Sprachstufen nicht vorliegen. Mit wachsender Orientierung an Reproduzierbarkeit und nachhaltiger Archivierung werden auch bei synchronen Daten Grundlagen für künftige diachrone Analysen geschaffen. Der Band bietet Einblicke in aktuelle deskriptive, theoretische und methodische Arbeiten zur Sprachwandelforschung in den deutschen Varietäten der Gegenwart und jüngeren Vergangenheit. Schwerpunkte bilden u.a. Untersuchungen zu übergreifenden Linien des Sprachwandels, Datenquellen und methodische Zugänge, gegenwartssprachliche Reflexe historischen Wandels sowie theoretische Modellierungen von Wandelprozessen
,na dann\' als multifunktionaler Mehrwortausdruck in der gesprochenen Sprache: Eine korpuslinguistische Untersuchung
Alleinstehendes na dann wurde in der bisherigen linguistischen Forschung lediglich als Beendigungssignal sowie als Anzeige von Unkooperativität beschrieben. Anhand einer korpuslinguistischen Untersuchung zeige ich weitere Verwendungsmöglichkeiten von na dann: Alleinstehendes na dann kann sowohl gesprächsorganisatorische Funktionen haben (ein Thema/eine Handlung abschließen oder eröffnen), als auch einen gewissen Stance (ermutigend-zustimmend oder resignativ-skeptisch) markieren. Bei der Bestimmung der jeweiligen Funktion müssen sowohl der Kontext, die jeweilige sequenzielle Position sowie intonatorische Merkmale beachtet werden. Als Datengrundlage dient das Forschungs- und Lehrkorpus für Gesprochenes Deutsch. Die insgesamt 50 Fälle umfassende Kollektion wurde sowohl konversationsanalytisch als auch phonetisch-phonologisch untersucht.
Die Untersuchung trägt nicht nur zu einem besseren Verständnis von gesprochener Sprache bei, sondern auch zu grundlegenden Modalitäten von Gesprächen – etwa des Stancetakings –, da na dann unter anderem zur Wahrung des Gesichts der Beteiligten eingesetzt werden kann.In previous linguistic research, stand-alone na dann has been described only as a termination signal and as an indication of uncooperativeness. Based on a corpus linguistic study, I will show further potential uses of na dann: Stand-alone na dann can have both conversational organizational functions (concluding or opening a topic/action), as well as marking a certain stance (encouraging-approving or resigned-sceptical). To determine the respective function, one must take into account the context, the respective sequential position and intonational characteristics. The Research and Teaching Corpus of Spoken German (FOLK ) serves as the data basis. The collection, comprising a total of 50 cases, was examined both conversation-analytically and phonetically-phonologically.
The study contributes not only to a better understanding of spoken language, but also to fundamental modalities of social interaction – such as stancetaking – as na dann can be used, among other things, to save the face of the participants
Europäische Sprachenpolitik und ihre Umsetzung in Deutschland am Beispiel des Onlinezugangsgesetzes
Plattdeutsch als amtlich zugelassene Verwaltungssprache? Eine Diebstahlsanzeige online auf Niederdeutsch war noch vor wenigen Jahren undenkbar. Doch der Status des Niederdeutschen hat sich erheblich gewandelt. Mit der Zeichnung der Europäischen Sprachencharta erkannte der deutsche Staat Platt 1999 als Sprache an; daraus folgt nun, dass die Verwendung der Regionalsprache in ausgewählten amtlichen Domänen als Option angeboten wird.
Eine umfassende Vereinheitlichung und Reform aller Verwaltungsverfahren, gekoppelt an Forderungen wie Vereinfachung, Beschleunigung, Vernetzung und Digitalisierung, bestimmt in Deutschland aktuell die Agenda auf allen Ebenen staatlichen Handelns – von der kommunalen bis hin zur europäischen Dimension. Als zentrales Steuerungsinstrument wirkt dabei das Onlinezugangsgesetz (OZG).
Am Beispiel der Regionalsprache Niederdeutsch wird hier erstmals eine Beschreibung der vielfältigen Herausforderungen vorgenommen, die mit einer Domänenverschiebung einhergehen. Schriftlichkeit, überregionale Verständlichkeit und die Möglichkeit zum Aufbau von Terminologien sind zentrale Merkmale, die es zu erfüllen gilt, wenn die Regionalsprache ihrem neuen Status gerecht werden soll.
Am konkreten Textbestand der „Online-Wache“ erfolgt ein struktureller Abgleich zwischen den Einträgen in der Ausgangssprache Deutsch und der Zielsprache Niederdeutsch. Bei der Vitalitätsprüfung zeigt sich, dass in allen Fällen sprachangemessene und adäquate Lösungen gefunden wurde. Deutliche Unterschiede lassen sich bei der Auswahl, Frequenz und Verwendung der genutzten Wortbildungsmuster erkennen. Auch sind niederdeutsche Einträge erheblich häufiger verborientiert als die deutschen Vorgaben.Low German as an official language of governmental administration?
A few years ago, an online theft report in Low German was still unimaginable. But the status of Low German has altered substantially. By signing the European Language Charter in 1999 the German state accredited Low German as a language; one outcome of this is the fact that the use of the regional language is being provided as an option in a number of official domains.
In Germany, currently all kinds of governmental action are affected by extensive steps of harmonization and reformation, necessitating simplification, acceleration, interconnectivity, and digitalization. Such claims affect each and every level of administration, from local to European dimensions. The essential controlling tool for this effort is the OZG.
The example of Low German reveales a wide range of challenges rising from the shifting of domains. Literality, supra-regional comprehensibility, and the potential of establishing terminologies, are central features that have to be performed, if the regional language is up to make the grade with its new status.
The entries in the „online guard house“ are taken as the basis for a structural comparison between the items in German as the source language, and Low German as the target language. This test of vitality shows that all solutions found were adequate to the propositions as well as to the texture of the Low German language. Distinct differences regard the choice, frequency and use of the selected word formation patterns. Moreover, compared to the source forms given in German, Low German entries are more frequently governed by verbs
„Ich spüre so einen Aufschwung gegenüber der Sprache“ – Die Situation der niedersorbischen Sprache und Potenziale ihrer Revitalisierung
Der Beitrag stellt eine wissenschaftliche Situationsanalyse für die niedersorbische Sprache vor, die im Vorfeld eines Dialogprozesses erstellt wurde, in dem gemeinsam mit der interessierten Zivilgesellschaft, lokalen Akteur:innen, sorbischen/wendischen und staatlichen Institutionen und Interessenvertretungen, eine Sprachplanungsstrategie für die sorbische Sprache erarbeitet werden soll. Ziel der Studie ist es, den aktuellen Zustand der Sprachvitalität zu erfassen, Potenziale für eine Revitalisierung zu erkunden und Ansatzpunkte für Revitalisierungsmaßnahmen zu identifizieren. Kern der Analyse ist die Erfassung der ‚objektiven‘ und ‚subjektiven‘ ethnolinguistischen Vitalität (EV). Um die subjektive Wahrnehmung der Ist-Situation der niedersorbischen Sprache von verschiedenen sprachpolitischen Akteur:innen zu erfassen, wurden in dieser Studie offene, leitfadengestützte Interviews eingesetzt. Diese erlauben es, auch solche Aspekte zu identifizieren, die nicht mit den sonst üblichen standardisierten Befragungsmethoden erfasst werden können. Als Ergebnis wurden die momentanen Besonderheiten der Sprache und ihrer Sprachgemeinschaft sowie die institutionelle Unterstützung analysiert und in Beziehung gesetzt. Niedersorbisch befindet sich gegenwärtig in einer postvernakulären Phase und wird durch eine Lern- und Neusprechenden-Gemeinschaft getragen. Die qualitative Vorgehensweise eröffnet den Zugang zu wahrgenommenen, positiven Entwicklungen wie verbesserter Spracheinstellungen, sporadisch wieder aufgegriffener Familientransmission oder einer vermehrten Sichtbarkeit der Sprache.This article presents a scientific analysis of the situation of the Lower Sorbian language, which was prepared in the run-up to a dialogue process in which a language planning strategy for the Sorbian language is to be developed in collaboration with interested civil society, local actors, Sorbian/Wendish and state institutions and interest groups. The aim of the study is to assess the current state of language vitality, explore potential for revitalisation, and identify starting points for revitalisation measures. The core of the analysis is the assessment of ‘objective’ and ‘subjective’ ethnolin-guistic vitality (EV). In order to capture the subjective perception of the current situation of the Lower Sorbian language within various language policy stakeholders, open, guided interviews were used in this study. These allow aspects to be identified that cannot be captured using the standardised survey methods that are otherwise commonly used. As a result, the current characteristics of the language and its language community as well as institutional support were analysed and correlated. Lower Sorbian is currently in a post-vernacular phase and is supported by a community of learners and new speakers. However, the qualitative approach opens up access to perceived positive developments such as improved language attitudes, sporadic resumption of family transmission, or increased visibility of the language