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Szenarien der Schriftlich-mündlich-Schere im Standard
Anhand von ca. 98 Stunden Fernsehnachrichten aus den Jahren 1989 und 2019/20 wird gezeigt, dass die grammatischen Systeme des gesprochenen und des geschriebenen Standarddeutschen nicht deckungsgleich sind. Als zentraler Grund dafür wird angenommen, dass sich das Standarddeutsche in seiner gesprochenen Form für einen Teil der Population zur Erstsprache entwickelt hat. Daher können im Gesprochenen Wandelprozesse ablaufen, die im Schriftlichen durch die strenge, konservative Kodifikation noch nicht sichtbar sind bzw. normativ stärker blockiert werden. Besonderes Augenmerk gilt hierbei der Phonologie-Morphologie-Schnittstelle: Der Vergleich mit Non-Standard-Varietäten legt nahe, dass die Abspaltung nicht durch die unterschiedliche Medialität oder rein phonologisch motiviert ist, sondern einen genuin morphologischen Wandelprozess darstellt, der nicht auf den Standard beschränkt ist. Ergänzend zur diachronen und vertikalen Einordnung wird die Rolle situativer und intraindividueller Variation als Ausgangspunkt für die Auseinanderentwicklung der beiden Standardausprägungen genauer analysiert
Sprachliche Emergenz und der Gebrauch von ABER als Kontingenzmarker
Der Artikel dokumentiert Ergebnisse einer Studie zum Gebrauch von ABER in der Interaktion, die Hinweise dafür liefern, dass Vorkommen von konnektivem ABER in (potenziell) turnfinaler Position, die in der bisherigen Literatur als sog. trail off conjunctions beschrieben worden sind, sich sinnvoller in die größere Funktionsklasse der Kontingenzmarkierung mit ABER einordnen lassen. Die Analysen erfolgen im Rahmen eines gebrauchsbasierten Ansatzes, orientieren sich hinsichtlich des Zusammenspiels von Konnektivität und Kontingenz an Hoppers Emergenz-Konzept und sind methodisch dem Programm der Interaktionalen Linguistik verpflichtet
Tarnschriften als Widerstandsgattung der diskursiven Disruption
Das Aufeinanderprallen heterogener Diskurse wird in den verschiedenen Strängen der Diskursforschung unterschiedlich konzeptualisiert. Vereinfachend kann man von synthetisierenden Positionen verschmelzender Diskurse einerseits und differenzbasierten Positionen heterogener Dis-Kurse andererseits sprechen. Letztere Position, die weit über letztlich lösbare intra- und extradiskursive Konflikte hinausgeht, lässt sich auf Jean-Francois Lyotards Überlegungen zur Inkommensurabilität von Diskursen beziehen: Ausgehend von der Einsicht, dass jeder Diskurs über bestimmte innerdiskursive Regeln verfügt und dass diese Regeln beim Aufeinandertreffen heterogener Diskurse in Konflikt geraten, stellen sich Fragen nach den Möglichkeiten und Grenzen des Umgangs verschiedener Diskurse miteinander und ihrer potentiellen Inkommensurabilität. Die Herausforderungen des Aufeinandertreffens heterogener Diskurse lassen sich im „Dritten Reich“ und in Bezug auf das Genre der Tarnschrift umfassend und produktiv untersuchen. In diesen Tarnschriften prallen heterogene Diskurse in einem begrenzten Textraum aufeinander, da der Tarntext den Regeln des herrschenden NS-Diskurses und der darin eingebettete Tarntext den Regeln der Widerstandsdiskurse entsprach. Dieses textuelle Nebeneinander von kommunikativen Äußerungen unterschiedlicher Diskurse erlaubt es, Verfahren der diskursiven Unterbrechung, Irritation und Inkommensurabilität zu analysieren. Ausgehend von einer an Lyotards Überlegungen orientierten Perspektive sollen daher Tarnschriften als Gattung der diskursiven Störung analysiert und reflektiert werden.Clashes of heterogeneous discourses are conceptualized differently within the various strands of discourse research. To simplify, one can speak of synthesizing positions of merging discourses on the one hand and difference-based positions of heterogeneous discourses on the other. The latter position, which goes far beyond intra- and extradiscursive conflicts that can ultimately be resolved, can be related to Jean-Francois Lyotard's reflections on the incommensurability of discourses: Starting from an understanding that every discourse has certain inner-discursive rules and that when heterogeneous discourses meet, these rules come into conflict, questions arise about the possibilities and limits of how different discourses deal with each other and their potential incommensurability. The challenges of the encounters between heterogeneous discourses can be comprehensively and productively examined during the 'Third Reich' and in relation to the genre of resistance 'Tarnschrift'. In these camouflage writings, heterogeneous discourses collide in a confined textual space, as the camouflage text corresponded to the rules of the prevailing Nazi discourse and the camouflaged text embedded in it corresponds to the rules of resistance discourses. This textual juxtaposition of communicative expressions of different discourses allows us to analyse procedures of discursive disruption, irritation and incommensurability. Starting from a perspective based on Lyotard's considerations, camouflage writings are therefore to be analysed and reflected upon as a genre of discursive disruption
Textmusterwissen und Kenntnis von Kommunikationsmaximen. Voraussetzung, Gegenstand und Ziel einer kommunikationsbezogenen Sprachberatung
Das im Alltag übliche Verfahren der Sprachbewertung besteht in der Regel darin, daß stückhaft und willkürlich geurteilt wird. Linguistisch gestützte Sprachbewertung im Rahmen von Sprachberatung sollte den Sprachteilnehmer aber in den Stand versetzen, mit dem Gesamtkomplex Sprache im Sinne gelingender, glückender Kommunikation umzugehen, d.h. Kommunikation als Handeln zu betrachten, das sich immer in Situationen und vorwiegend in Texten vollzieht und sich demzufolge auch nach deren Bedingungen zu richten hat. Der bisher dominierenden, auf kleinere Einheiten als den Text gerichteten nicht situationsbezogenen und einsträngigen Bewertung soll eine komplexe Vorstellung von Bewertung gegenübergestellt werden, die sich am zentralen Kriterium der Adäquatheit orientiert. Es wird gezeigt, daß man mit einem entfalteten, differenzierten Adäquatheitsbegriff, der alle Aspekte der Kommunikation umfaßt, über ein leistungsfähiges Gefüge von Bewertungskriterien verfugt. Im Zentrum der Überlegungen steht die Beobachtung, daß Adäquatheitskriterien je nach Textsorte verschieden gewichtet sind und daß man die solcherart gewichteten Kriterien als Bestandteile von Textmustern vorfindet. Textmuster enthalten neben den spezifischen Adäquatheitskriterien auch allgemeinste Regeln für kommunikatives Handeln, Maximen in der jeweils für die betreffende Textsorte zutreffenden Auswahl und Wichtung. Beispiele für Textmuster und ihre spezifischen Angemessenheitskriterien werden gegeben. Eine Auswahl von Maximen wird angeführt und erläutert
Bedeutungsaspekte des schillernden Ausdrucks populistisch. Eine Korpusanalyse zu Kontinuitäten und Dynamiken in der Verwendung des Adjektivs populistisch im medialen Diskurs in Deutschland
Wie das Land, so das Sprichwort. Interkulturelle und sprachlich-stilistische Aspekte in deutschen und arabischen Sprichwörtern. Eine kontrastive Untersuchung
Mit der kontrastiven Untersuchung von Phraseologismen, bzw. Sprichwörtern, greift die Untersuchung eine Thematik auf, die in der neueren Linguistik große Beachtung gefunden hat. Die Übersetzbarkeit der Sprichwörter ist ein in der Translationswissenschaft viel diskutiertes Problem. Eigentlich ist die Übersetzung selbst als wissenschaftliches Problem bisher nicht umfassend und befriedigend gelöst.
In der Untersuchung geht es um die kontrastive Phraseologie und dabei im Besonderen um das Problem und die Schwierigkeiten der Übersetzbarkeit von arabischen Sprichwörtern ins Deutsche. Ziel ist es, Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Sprichwörtern in den konfrontierten Sprachen – anhand von Beispielen aus ägyptisch-arabischen Texten der Prosaliteratur der Gegenwart und deren Übersetzungen ins Deutsche – sichtbar zu machen. Die arabischen Werke stammen von verschiedenen zeitgenössischen Autoren. Es wird versucht, die Frage zu beantworten, bis zu welchem Grad die verschiedenartigen Sprichwörter der arabischen Originale in ihrem kommunikativen Wert in der deutschen Zielsprache äquivalent wiedergegeben werden können und dabei ihre Funktionen in der Zielsprache wahren können. Im Vordergrund steht auch die Frage, inwiefern Kultur, Sitten und Gebräuche einen Einfluss auf die Sprichwörter ausüben und inwieweit das Eigene und das Fremde miteinander übereinstimmen. Somit werden die wesentlichen sprachlichen Charakteristika der Sprichwörter betont
ChatGPT, what is a 'Glasanwalt'? - Linguistic strategies in a large language model's interpretation of novel compounds
This study presents a large language model, GPT-4o, with a dataset of artificial German noun-noun compounds that consist of two simplex noun constituents, each associated with a typical interpretation pattern. The task is to derive plausible interpretations. We find that GPT-4o performed very well, displaying stable compositional reasoning strategies. As expected from linguistic literature, typical patterns of the constituents were clearly preferred, with a tendency to favor patterns typical for the head constituent