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Das neue Amtliche Regelwerk der deutschen Rechtschreibung im Zeichen von Norm und Schreibwandel – Antagonismus oder Synthese?
Die Neuausgabe des Amtlichen Regelwerks der deutschen Rechtschreibung ist mit der Zustimmung der staatlichen Stellen aller sechs im Rat für deutsche Rechtschreibung vertretenen Länder und Regionen am 01. Juli 2024 in Kraft getreten. Eine Übergangsfrist von maximal drei Jahren zur Umsetzung modifizierter Regeln und Schreibungen wurde vereinbart. Das Regelwerk (ARW) hat die Aufgabe, Regeln und Normen der deutschen Rechtschreibung festzulegen. In Zeiten sich immer schneller vollziehenden Sprach- und Schreibwandels durch gesamtgesellschaftlich bedingte Faktoren wie Globalisierung und Internationalisierung scheint es im Sinne der Schreibgemeinschaft jedoch geboten, auch die Normen für verbindliche Regeln und Schreibungen kontinuierlich zu hinterfragen, um nicht hinter dem Anspruch und dem Auftrag an den Rat zurückzubleiben, Norm und aktuellen Schreibgebrauch so weit wie möglich in Einklang zu bringen. Andererseits ist im Statut des Rats festgelegt, dass Änderungen des Regelwerks nur „im unerlässlichen Umfang“ erfolgen sollen. Die empirische Schreibbeobachtung kann ein Gradmesser dafür sein, wie dies in der praktischen Umsetzung zu interpretieren ist und inwieweit Änderungen von Schreibungen und vor allem Modifikationen von Regeln dieser Vorgabe entsprechen. Im Folgenden sollen daher die wichtigsten Änderungen vorgestellt und erläutert werden, die für die Neuausgabe 2024 vorgenommen wurden – auf Anfrage verschiedener Multiplikatorinnen und Multiplikatoren, die das aktuelle Regelwerk umsetzen und/oder vermitteln
Spielend kooperieren lernen. Perspektiven für die Spracherwerbsforschung
In diesem Artikel plädieren wir für eine Integration multimodaler Interaktionsanalyse in die gebrauchsbasierte Spracherwerbsforschung. Letztere geht davon aus, dass Sprache durch Input und Interaktion gelernt wird, fokussiert sich aber bislang auf die distributionellen Eigenschaften des Inputs. Die detaillierte Analyse der Sprachgebrauchs-Ereignisse selbst eröffnet zwei relevante Forschungsrichtungen. (A) Die Frage, inwieweit der Einbezug multimodaler Informationen im Input dem Kind zusätzliche Informationen für Form-Funktionsbeziehungen liefert. (B) Die Erforschung des Lernens von Partizipation in größeren Handlungszusammenhängen. Dies impliziert einen stärkeren Fokus auf die Rolle des Kindes als Agens in gemeinsamen Handlungen. Wir formulieren erste Grundzüge eines „Interactional Acquisition Support Systems“ (IASS), in dem die stützenden Informationen der Erwachsenen den Kindern in ihrem Erwerb interaktionaler Fähigkeiten helfen
Verbbasierte Konstruktionen in der Interaktion. Formale und funktionale Variation
Die Forschung zu besonders häufigen Verben in der Mündlichkeit hat gezeigt, dass einzelne Verblemmata meist Teil unterschiedlicher, teilverfestigter Einheiten sind, die oft spezifische Gesprächsfunktionen haben. Hinter jeder dieser verbbasierten Konstruktionen steht zudem ein formales und funktionales Variationsspektrum. Der Beitrag argumentiert anhand von Fallstudien, dass für die empirische Erschließung der Vielfalt der hinter einem abstrakten Verblemma stehenden Konstruktionen ebenso wie für die Bestimmung der Variabilität einzelner Konstruktionen ein Bottom-up-Vorgehen sinnvoll ist. Außerdem wird diskutiert, welche theoretischen Modellierungen des (synchronen oder diachronen) Zusammenhangs zwischen unterschiedlichen Varianten sich an die empirischen Ergebnisse anschließen lassen
Linguistische Wikipedistik und Wikipedaktik revisited (2018–2023)
Dieser Beitrag gibt einen Überblick über zwei dynamische Forschungsfelder, die in den letzten fünf Jahren intensiv ausgebaut wurden: Die Linguistische Wikipedistik umfasst Arbeiten aus der Linguistik, die sich mit der Online-Enzyklopädie Wikipedia und Wikis im Allgemeinen als Untersuchungsgegenstände beschäftigen. Als disziplinäre Facetten dieses Forschungsfeldes werden in diesem Beitrag neben korpuslinguistischen Zugängen auch text-, interaktions- und diskursanalytische Ansätze sowie genderlinguistische Forschungsergebnisse der Linguistischen Wikipedistik überwiegend aus der Germanistischen Linguistik vorgestellt. Im Fokus der Wikipedaktik steht die Zielsetzung, das didaktische Potenzial der Wikipedia und Wikis als Reflexionsgegenstände, Lehr-Lern-Plattformen sowie Orte digitaler Partizipation und Emanzipation in Vermittlungskontexten zu nutzen.This paper provides an overview of two dynamic fields of research that have been intensively developed over the last five years: Linguistic Wikipediology comprises work in linguistics that deals with the online encyclopaedia Wikipedia and wikis in general as objects of study. In addition to (corpus) resources, text-, interaction- and discourse-analytical approaches as well as gender-linguistic research results from Linguistic Wikipediology, predominantly from German Linguistics, are presented. The focus of the second field – namely Wikipedactics – is to use the didactic potential of Wikipedia and wikis as objects of reflection, teaching-learning platforms and spaces of digital participation and emancipation
Verständlichkeit in der medizinischen Kommunikation: eine empirische Studie zur Textsorte "Aufklärungsbogen”
Seit einigen Jahrzehnten wird in der Forschung die Frage nach der Gesundheitskompetenz der Bevölkerung als zentrale Voraussetzung für angemessene Gesundheitsversorgung gestellt (vgl. Sørensen et al. 2012: 1). Spezifische Untersuchungen im deutschen Kontext (Schaeffer et al. 2017, 2018, 2021) zeigen bestehende Defizite im Wissens- und Kompetenzbereich, die ein relevantes Hindernis für angemessene Information und Entscheidung durch Betroffene im medizinischen Bereich darstellen (vgl. dazu die einführenden, auch historischen Überlegungen von Becker (2001)). Von besonderer Bedeutung ist dabei die Verständlichkeit von medizinischen Texten (i.w.S. auch als mündliche Kommunikate: vgl. zum Kommunikationsbereich insgesamt Busch/Spranz-Fogasy (Hg., 2015)). Im Einklang mit dem „Nationalen Aktionsplan Gesundheitskompetenz“ (Schaeffer et al. 2018) und vergleichbaren Bemühungen im internationalen Kontext werden in der letzten Zeit zahlreiche Versuche unternommen, unter Einsatz leistungsstarker Übersetzungssysteme und Großer Sprachmodelle Systeme für effiziente und inhaltlich angemessene Vereinfachung von solchen Kommunikationsprodukten u. a. als interlinguale Übersetzung in Leichte oder Einfache Sprache (vgl. Gutermuth 2020) zu entwickeln (vgl. u.v. a. Deilen et al. 2023, 2024a, 2024b, Ondov et al. 2022, Ahrens et al. 2022, Goldsack et al. 2023, allgemeiner zur Vereinfachung Hansen-Schirra et al. 2020a, 2020b, Maaß et al. 2021). Im Rahmen unseres interdisziplinären Projekts „Wissen im Kontext“ versuchen wir, eine Annäherung an die Thematik der angemessenen Gesundheitskommunikation über eine parallele Erfassung von Sprach- und Wissensvoraussetzungen in verschiedenen kommunikativen Konstellationen (vgl. grundständig Hoffmeiester/Hundt/Naths 2021) zu bewerkstelligen und somit eine flankierende theoretische Reflexion zu den Bemühungen um die Verbesserung der Gesundheitskommunikation zu entwickeln (vgl. Iakushevich/Ilg/ Schnedermann (Hg.2021))
Pragmatische Marker mit sagen. Funktion - Verfestigung - Phonetik
Sagen ist das häufigste lexikalische Verb im gesprochenen Deutsch. Es tritt in zahlreichen verfestigten Wendungen mit besonderen Gesprächsfunktionen auf – beispielsweise um Aussagen abzuschwächen, Aufmerksamkeit zu steuern, Wissen anzuzeigen oder das Thema zu wechseln. Die Studie dokumentiert und systematisiert den Gesamtbestand dieser Ausdrücke aus interaktionslinguistischer und konstruktionsgrammatischer Perspektive. Im Fokus stehen der Zusammenhang ihrer verschiedenen Gesprächsfunktionen, ihre lautliche Reduktion sowie der Grad ihrer formalen Verfestigung bis hin zur Univerbierung
A woman becomes poeta laureata. A disruptive event in the literary discourse of the early German Enlightenment; Christiana Mariana von Ziegler and Sidonia Hedwig Zäuneman
Die Dichterinnen Christiana Mariana von Ziegler und Sidonia Hedwig Zäunemann wurden (1733 und 1738) für ihre berühmten poetischen Werke mit dem Lorbeerkranz gekrönt. Diese Ehrungen wurden von den Universitäten Wittenberg und Göttingen verliehen, obwohl Frauen damals nicht zum Universitätsstudium zugelassen waren. Ziegler und Zäunemann schrieben Gedichte von sehr hoher Qualität in der deutschen Sprache der damaligen Zeit. Beide Frauen versuchten, andere Frauen zum Dichten zu motivieren. In diesem Beitrag möchten wir den literarischen Diskurs rund um die Ehrung der beiden Dichterinnen vorstellen und die disruptiven Potenziale, die diese Ereignisse und die Frauen selbst hervorriefen, betrachten.The female poets Christiana Mariana von Ziegler and Sidonia Hedwig Zäunemann were crowned (in 1733 and 1738) with the laurel wreath for their famous poetic works. These honours were given by the universities of Wittenberg and Göttingen even though women were not admitted to universities at the time. Ziegler and Zäunemann wrote poetry of very high quality in the German language of the period. Both women tried to motivate other women to write poetry. In this paper we would like to present the literary discourse around the laureation of the two female poets and consider the disruptive potentials these events and the women themselves evoked
Deutschsprachige Minderheit und sprachpolitische Akteure des Deutschen in Georgien
Im Zentrum des Beitrags stehen Personen der deutschsprachigen Minderheit in Georgien sowie die Rolle des Deutschen, die sie für die sogenannte traditionelle Minderheit einnimmt. Dabei handelt es sich um Nachfahren von ethnisch Deutschen aus deutschsprachigen Gebieten, die seit dem Ende des 18. Jahrhunderts in mehreren Einwanderungsphasen in den Südkaukasus eingewandert sind. Mit Hilfe soziolinguistischer Methoden hat die Autorin 2017 in Georgien formale, leitfadengestützte Interviews mit zwei Generationen dieser Nachfahren aufgezeichnet, transkribiert und ausgewertet. Auf der Basis dieser Interviews, werden nachstehende Sprachkontaktkonstellationen deutscher Varietäten wie Schwäbisch und Standarddeutsch sowie unterschiedliche Akteursgruppen vorgestellt, die die deutsche Sprache und Kultur in Georgien erhalten und fördern wollen.The article focuses on people from the German-speaking minority in Georgia and the role of German for this so-called traditional minority. These are descendants of ethnic Germans from German-speaking areas who have immigrated to the South Caucasus in several immigration phases since the end of the 18th century. Using sociolinguistic methods, the author recorded, transcribed and analysed formal, guided interviews with two generations of these descendants of the immigrants in Georgia in 2017. Based on these interviews, the article presents the following language contact constellations of German varieties such as Swabian and Standard German as well as various groups of actors who wish to preserve and promote the German language and culture in Georgia
Tracing the shift to “objectivity” in German encyclopedias of the long nineteenth century
This paper presents experiments on tracing the shift toward "objectivity" in encyclopedias of the long nineteenth century, as discussed by scholars, via query of surface features (personal pronoun, exclamation points, and interjections) and emotion analysis. We report a decline in these personal and emotive, and thus less "objective", textual characteristics