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Erfahrungsexpertise als Bestandteil pädagogischer Professionalisierung. Eine explorative Studie zur Entwicklung von Qualitätskriterien für die Beteiligung von Erfahrungsexpert:innen in hochschulischen Bildungsangeboten
Neben der theoretischen und der praktischen gewinnt die erfahrungsbasierte Professionalisierung in der hochschulischen Ausbildung pädagogischer Fachkräfte zunehmend an Bedeutung. Insbesondere Bildungsfachkräfte bringen als Erfahrungsexpert:innen ihre reflektierten Behinderungs- und Sonderinstitutionserfahrungen in hochschulische Bildungsangebote ein und leisten damit einen Beitrag zur Professionalisierung angehender pädagogischer Fachkräfte. Trotz des wachsenden Interesses und des kontinuierlichen Ausbaus entsprechender Lehrformate fehlt bislang eine systematische theoretische Fundierung der erfahrungsbasierten Professionalisierung durch Bildungsfachkräfte sowie deren Einordnung in professionalisierungstheoretische Ansätze. Auch eine empirisch gestützte Klärung von Qualitätskriterien für die Konzeption und Evaluation erfahrungsbasierter Bildungsangebote im Hochschulkontext steht bislang aus.
Die vorliegende Dissertation verfolgt das Ziel, dieses Desiderat zu schließen, indem erfahrungsbasierte Professionalisierung als eigenständige Dimension pädagogischer Professionalisierung neben der theoretischen und der praktischen Professionalisierung konzeptionell verortet wird. Auf der Grundlage strukturtheoretischer und kompetenztheoretischer Professionsansätze sowie unter Rückgriff auf Konzepte der Genesungsbegleitung werden die Begriffe Erfahrung, Erfahrungswissen und Erfahrungsexpertise präzisiert und auf die Tätigkeit von Bildungsfachkräften im Hochschulkontext übertragen.
Der empirische Teil der Arbeit zielt darauf ab, Gründe für die Beteiligung von Bildungsfachkräften an der hochschulischen Professionalisierung sowie Qualitätskriterien für die Konzeption und Evaluation entsprechender Bildungsangebote zu identifizieren. Hierzu wurde ein qualitatives Forschungsdesign gewählt, das leitfadengestützte Interviews mit Bildungsfachkräften, Hochschullehrenden und Studierenden pädagogischer und sozialer Studiengänge umfasst. Die Auswertung erfolgte mittels einer inhaltlich-strukturierenden Qualitativen Inhaltsanalyse.
Die Ergebnisse zeigen, dass erfahrungsbasierte Bildungsangebote von Bildungsfachkräften aus sehr unterschiedlichen Gründen in die hochschulische Professionalisierung eingebunden werden. Zugleich wird deutlich, dass die Konzeption entsprechender Bildungsangebote komplex ist und im Sinne eines meaningful involvement zahlreiche Aspekte zu berücksichtigen sind. Dies betrifft insbesondere die reflektierte Einbettung der Bildungsangebote in hochschulische Lehrveranstaltungen, die Klärung von Rollen und Verantwortlichkeiten sowie den Umgang mit den für die Beteiligung notwendigen Ressourcen. Darüber hinaus verdeutlicht die Untersuchung den Zusammenhang zwischen den im jeweiligen Bildungsangebot zentralen Beteiligungsgründen und den im Rahmen der Konzeption zu berücksichtigenden Gestaltungsaspekten.
Die Dissertation leistet damit einen theoretischen, begrifflichen und empirischen Beitrag zur wissenschaftlichen Fundierung erfahrungsbasierter Professionalisierung durch Bildungsfachkräfte sowie zur Weiterentwicklung entsprechender Bildungsangebote im Hochschulkontext
Wahlfreiheiten und Bedürfnisbefriedigung zwischen Care- und Erwerbsarbeit. Eine qualitative Studie über die Begründungszusammenhänge der Verortung von Ingenieurinnen mit Sorgeverantwortung im öffentlichen Dienst und ihre Folgen
Im Kontext überdauernder geschlechterdifferenzierender Rollenzuschreibungen sowie komplementärer Organisationsformen der privaten und Erwerbssphäre und insbesondere des privatwirtschaftlichen Ingenieurwesens erweist sich für Ingenieurinnen die Vereinbarkeit von Care- und Erwerbsaufgaben als besonders problematisch. In der Fachliteratur wird ferner eine Geschlechtssegregation zwischen dem privatwirtschaftlichen (Ingenieure) und öffentlichen (Ingenieurinnen) Sektor beschrieben. Diese Ausgangslage begründete diese Qualifikationsarbeit: Lenken die Kultur- und Strukturverhältnisse der privatwirtschaftlichen und öffentlichen Erwerbssphäre maßgeblich die Erwerbsbiografien von Ingenieurinnen mit Care-Verantwortung angesichts der Vereinbarkeitsproblematik? Sind ihre beruflichen Wahlfreiheiten und Handlungsspielräume aufgrund der gegebenen Verhältnisse eingeschränkt?
Während des offengehaltenen Forschungsprozesses wurde ein Bündel an Bedürfnissen entlarvt, die den individuellen doppelten Lebensentwurf formen und somit auch die konkrete berufliche Positionierung erklären. Es handelt sich dabei um die Bedürfnisse nach Regeneration, sozialer Einbindung, wirtschaftlicher Sicherheit, Inhalt, Dynamik und Autonomie. Jede individuelle berufliche Positionierung entsteht als Folge dieser persönlich gewichteten Bedürfnisse.
Das Alleinstellungsmerkmal dieser Qualifikationsarbeit ist beschrieben durch den haushalts-wissenschaftlichen Blick, der den Familienhaushalt als sozioökonomische Einheit versteht, welche Individuen und ihre Erwerbsbiografien miteinander verbindet. Dieser Mechanismus nimmt ebenfalls Einfluss auf die individuelle berufliche Positionierung, womit sich zeigt, wie komplex diese begründet ist – nämlich durch genuine und Familienhaushalt-abhängige Bedürfnisse. Diese Perspektive bleibt individualsoziologischen und -psychologischen Ansätzen allzu oft verborgen, womit sie unzulänglich bleiben müssen.
Tatsächlich wurde die Erwerbstätigkeit im öffentlichen Dienst im Sample als Strategie erkannt, um das Vereinbarkeitsdilemma zu moderieren. Der Vorsprung des öffentlichen Sektors gegenüber der Privatsphäre begründet sich dadurch, dass er in der Regel strukturierte und verpflichtende Maßnahmen vorhält, die Zeit für Care-Arbeit schützen, während solche im privat-wirtschaftlichen Ingenieurwesen häufig fehlen oder unterlaufen werden. Doch auch der nur scheinbar geschlechtsneutrale öffentliche Dienst stützt sich auf das sogenannte Normalarbeitsverhältnis und fußt damit kulturell wie strukturell auf der Logik der dualistischen Arbeitsteilung, die Personen mit Care-Verantwortung benachteiligt.
Daneben wurden weitere erwerbsbiografisch wirksame Strategien ausgemacht – die der paarspezifischen Arbeitsteilung sowie Verhaltensmuster der Resilienz und Selbstausbeutung und Achtsamkeit und Renitenz. Diese vermögen es allerdings nicht, die Vereinbarkeitsproblematik aufzulösen, sodass es trotz der angewandten Strategien bis auf einer TN keiner weiteren im Sample zu gelingen scheint, ihr Gesamt an persönlichen Bedürfnissen, die sie durch die Erwerbs- und Care-Arbeit zu stillen versucht, zu befriedigen. Für das Sample zeigte sich, dass im Konfliktfall Familienhaushalt-abhängige Bedürfnisse genuine dominieren. Dieser Mechanismus greift insbesondere für die alleinerziehenden Ingenieurinnen des Samples, als spezifischer Haushaltsstrukturtyp – sie machen unter den gegebenen Verhältnissen hinsichtlich ihrer genuinen Bedürfnisbefriedigung besonders gravierende Abstriche.
Insgesamt zeigt sich die Blindheit des Erwerbssektors gegenüber der Care-betonten privaten Sphäre – obwohl die Erwerbssphäre auf der Haushaltsproduktion basiert. Diese Ignoranz äußert sich hierzulande neben der ggf. mehrdimensioniert verfehlten Bedürfnisbefriedigung von Personen mit Care-Verantwortung in einer Care-Krise in Form eines seit Jahrzehnten zu verzeichnenden Geburtenrückgangs, eines massiven Fachkräftemangels in der bezahlten Care-Arbeit sowie dem damit verbundenen Pflegenotstand. Die Verhältnisse der Erwerbssphäre werden flankiert von dazu analogen politisch determinierten Rahmenbedingungen, wie etwa einer unzureichend ausgebauten institutionellen Betreuungsinfrastruktur, die gesellschaftliche Normen festigen und reproduzieren können. Manifeste geschlechts-dualistisch und komplementäre Kultur- und Strukturzusammenhänge sowie die damit verbundenen Machtverhältnisse begründen unterschiedliche Lebenswirklichkeiten, (berufliche) Wahlfreiheiten und Möglichkeiten zur Bedürfnisbefriedigung von Müttern und Vätern bzw. Personen mit und ohne Care-Verantwortung. Gestützt wird dieses Gefüge wohl durch die Strahlkraft unseres kapitalistisch ausgerichteten Wirtschaftssystems. Die gegenwärtigen Verhältnisse vermögen es offensichtlich nicht, mit der gesellschaftlichen Dynamik Schritt zu halten, denn die Vorstellung einer paritätischen Stellung zwischen Frauen und Männern nimmt in der Gesellschaft zu. Eine umfassende Umstrukturierung selbiger im Sinne einer Care-Ökonomie kann Abhilfe schaffen
Bilderbuch und Emotionen. Theoretische und anwendungsbezogene Perspektiven auf emotionale Aspekte der Bilderbuchrezeption mit Kindern im Vor- und Grundschulalter
Diese Arbeit untersucht das emotionale Potenzial von erzählenden Bilderbüchern: hinsichtlich ihrer Darstellung von Emotionen, der emotionalen Rezeption durch Kinder und ihrer Anwendbarkeit in Gesprächen über Emotionen mit Kindern. Ziel ist es, Möglichkeiten der Darstellung von Emotionen in Bilderbüchern zu analysieren, emotionale Prozesse bei der Rezeption von Bilderbüchern sowie die emotionale Auseinandersetzung mit Figuren zu konzeptualisieren und diese Erkenntnisse in die Anwendung in Form von Bilderbuchgesprächen mit Kindern zu übertragen.
Im ersten Teil wird untersucht, wie Bilderbücher Emotionen mithilfe multimodaler Darstellungsformen präsentieren und wie Kinder diese wahrnehmen und verarbeiten können. Die Analyse, die anhand verschiedener Bilderbücher erfolgt, stützt sich auf entwicklungspsychologische und literaturwissenschaftliche Ansätze und nutzt ein Emotionsmodell, um verschiedene Präsentationsstrategien zu differenzieren.
Der zweite Teil widmet sich der emotionalen Auseinandersetzung von Kindern mit Bilderbüchern. Auf Grundlage psychologischer und literaturwissenschaftlicher Theorien werden Emotionen bei der Rezeption kategorisiert und Möglichkeiten diskutiert, wie Kinder sich mit Figuren im Bilderbuch in Verbindung setzen können. Darauf aufbauend wird ein Modell entworfen, das emotionale Aspekte der Bilderbuchrezeption konzeptualisiert.
Im dritten Teil werden die theoretischen Erkenntnisse auf die Praxis der Bilderbuchgespräche mit Kindern angewendet. Dabei wird gezeigt, wie emotionsfokussierte Gespräche die emotionale Entwicklung von Kindern fördern können und emotionale Anteile der Rezeption vertieft und reflektiert werden können.
Der theoriebildende, interdisziplinäre Ansatz der Arbeit verbindet Bilderbuchforschung, Emotionspsychologie, Kognitionspsychologie und Entwicklungspsychologie, um einen systematischen Blick auf die Rolle von Emotionen bei der Bilderbuchrezeption zu bieten
Naturwissenschaftliche Bildung in Straßenschulen und ihr Potenzial zur Erfüllung des Sustainable Development Goals „Quality Education“
In der vorliegenden Dissertation wurde das Potential des naturwissenschaftlichen Bildungsangebots von Straßenschulen zur Realisierung des Sustainable Development Goals „Quality Education“ für ihre Schülerschaft untersucht. Straßenschulen sind Bildungsprojekte, in denen Straßenjugendliche unter Berücksichtigung ihrer besonderen (Bildungs-)Bedürfnisse und Lebenslagen Schulabschlüsse nachholen können. Als Straßenjugendliche werden dabei Jugendliche und junge Erwachsene in instabilen Wohnsituationen bezeichnet. Diese Gruppe umfasst in Deutschland laut verschiedenen Studien mindestens 37.000 Personen. Notwendig sind Straßenschulen vor allem deswegen, weil Straßenjugendliche überdurchschnittlich häufig die Schule ohne Schulabschluss verlassen. Die hohen Schulabbruchsquoten können als Hinweis interpretiert werden, dass ihr Recht auf hochwertige Bildung im deutschen Regelschulsystem nicht vollumfänglich realisiert wird. Nach erfolgtem Schulabbruch äußern viele Straßenjugendliche den Wunsch, einen Schulabschluss nachzuholen. Dies gelingt jedoch aus diversen Gründen im Regelschulsystem nach erfolgtem Schulabbruch nur selten, weswegen alternative Bildungsprojekte – wie die besagten Straßenschulen – notwendig sind. Folglich bieten sich Straßenschulen als Untersuchungskontext an, um diverse Forschungsdesideraten nachzukommen. Hierzu gehören insbesondere die Fragen, wie erfolgreich solche besonderen Bildungsprojekte sind und welche Anforderungen an Bildungsangebote für Straßenjugendliche zu stellen sind.
In der vorliegenden Dissertation wurden besagte Forschungslücken aus einer naturwissenschaftlichen Perspektive bearbeitet. Von Interesse war dabei, inwiefern naturwissenschaftliche Bildung an Straßenschulen angeboten wird, wie erfolgreich Straßenschulen mit ihrem (naturwissenschaftlichen) Bildungsangebot sind und welchen Anforderungen das naturwissenschaftliche Bildungsangebot von Straßenschulen gerecht werden muss. Zur Beantwortung dieser Fragen wurde ein mehrgliedriges Forschungsvorgehen gewählt. Der erste Schritt bestand darin, systematisch nach Straßenschulen in Deutschland zu suchen, wobei zwölf Bildungsprojekte identifiziert werden konnten. Im Anschluss fand eine umfangreiche Datenerhebung statt. Zuerst wurden anfängliche Telefonate geführt, in denen der Aufbau der Bildungsprojekte beschrieben wurde, und die Inhalte der Telefonate in Notizen festgehalten. Zudem wurden Statistiken zu den in den Straßenschulen erworbenen Bildungsabschlüssen gesammelt. Das Herz der Datenerhebung bildete jedoch eine zweistufige Delphi-Erhebung. In der ersten Delphi-Welle wurden Experteninterviews mit zehn der zwölf Straßenschulen geführt. Hierbei wurden vierzehn naturwissenschaftlichen Lehrkräften und zehn verantwortlichen Personen interviewt. Ergänzt wurden die Interviews durch eine Dokumentensammlung, bestehend aus den pädagogischen Konzepten und den Websites der zehn Straßenschulen. Diese Daten wurden mit einer qualitativen Inhaltsanalyse hinsichtlich verschiedener Aspekte – unter anderem den Anforderungen an die naturwissenschaftlichen Bildungsangebote der Straßenschulen – ausgewertet. Aufbauend auf den Ergebnissen der Inhaltsanalyse wurde für die zweite Delphi-Welle ein Fragebogen erstellt. Im Fragebogen sollten die naturwissenschaftlichen Lehrkräfte und verantwortlichen Personen der Straßenschulen die Erkenntnisse der ersten Delphi-Welle erneut bewerten. Insgesamt nahmen an der Fragebogen-Erhebung 20 naturwissenschaftliche Lehrkräfte und 18 verantwortliche Personen von elf der zwölf gefundenen Straßenschulen teil. Die Fragebögen wurden im Anschluss statistisch ausgewertet.
Durch die Analyse der erhobenen Daten konnten die drei Forschungsfragen ausführlich beantwortet werden. Es zeigte sich, dass zehn der zwölf Straßenschulen naturwissenschaftlichen Unterricht anbieten und dass dieser insbesondere auf die Abschlussprüfungen in den jeweiligen Fächern vorbereiten soll. Zudem konnte herausgearbeitet werden, dass Straßenschulen sowohl im Allgemeinen als auch im naturwissenschaftlichen Sinne erfolgreich sind. Diesbezüglich wurde jedoch deutlich, dass die alleinige Nutzung von traditionellen Erfolgsvariablen dem besonderen Kontext der Straßenschulen nicht gerecht wird und weitere Erfolgsaspekte berücksichtigt werden sollten. Mit Hilfe der Delphi-Studie konnten außerdem Anforderungen an naturwissenschaftliche Bildungsangebote in Straßenschulen identifiziert werden. Diesbezüglich wurde der hemmende Einfluss der schulischen Vergangenheit und der momentanen Lebenslage der Jugendlichen auf ihre Lernprozesse im naturwissenschaftlichen Unterricht an Straßenschulen deutlich. Straßenschulen haben jedoch verschiedene Wege gefunden, um auf die ungünstigen Lernvoraussetzungen der Jugendlichen zu reagieren. In diesem Zusammenhang ist insbesondere das Ergebnis hervorzuheben, dass eine hohe sozio-emotionale Qualität in naturwissenschaftlichen Bildungsangeboten in Straßenschulen von Bedeutung ist.
Die Ergebnisse der Forschungsarbeit zeigen, wie gelingende (naturwissenschaftliche) Bildungsangebote für Straßenjugendliche aussehen können. Aufbauend auf den Forschungsergebnissen wurde in diesem Zusammenhang diskutiert, welche Rolle Straßenschulen und ihre Expertise im Regelschulsystem spielen könnten, um dem Recht der Jugendlichen auf hochwertige (naturwissenschaftliche) Bildung im Bildungssystem vollumfänglich nachzukommen
Die professionelle Haltung pädagogischer Fachkräfte zu außerfamiliärer Betreuung und familiärer Rollenaufteilung bei Kindern unter drei Jahren
Die institutionelle Bildung, Betreuung und Erziehung von Kindern unter drei Jahren wird auch noch 11 Jahre nach dem politisch verankerten Rechtsanspruch auf Kindertagesbetreuung ab dem ersten Lebensjahr politisch und öffentlich kontrovers diskutiert. Hinter der mitunter emotional geführten Debatte steht die Befürchtung, dass eine frühkindliche außerfamiliäre Betreuung mit negativen sozialen und emotionalen Folgen einhergeht. Die gesellschaftliche Haltung zu früher außerfamiliärer Bildung befindet sich in einem Spannungsfeld, welches durch biographische Einflüsse, vielfältige Familienverhältnisse sowie regionale und allgemeine politische Rahmenbedingungen geprägt wird. Deutlich wird dies u.a. dadurch, dass die frühe außerfamiliäre Bildung auch knapp 33 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung regionale Unterschiede zwischen Ost und West verzeichnen lässt. Vorstellungen von außerfamiliärer Bildung, Familie und Kindheit lassen sich in der professionellen Haltung pädagogischer Fachkräfte als Teil der Orientierungsqualität verorten. Es wird davon ausgegangen, dass solche Haltungen als Bezugspunkte pädagogischen Handelns die Interaktionen mit Kindern und Eltern prägen. Bislang ist wenig über die professionelle Haltung pädagogischer Fachkräfte mit Bezug zu außerfamiliärer Betreuung von unter Dreijährigen und deren regionale Variationen zwischen Ost und West bekannt.
Die Dissertation stellt zwei Veröffentlichungen vor: Die erste Veröffentlichung untersuchte anhand einer schriftlichen Befragung von N=320 pädagogischen Fachkräften deren Leitbilder zu außerfamiliärer Betreuung von unter Dreijährigen, familiärer Rollenaufteilung und Berufstätigkeit von Eltern. Innerhalb der Stichprobe konnte eine Gruppe mit egalitärem Leitbild sowie eine komplementär-ambivalente Gruppe identifiziert werden. Variationen dieser Leitbilder mit sozioökonomischen, biografischen und institutionellen Variablen wurden untersucht. Des Weiteren zeigte sich eine deutliche Differenz zwischen den empirisch gefundenen Leitbildern und der persönlich präferierten Rollenaufteilung der Fachkräfte. Aufbauend auf diesen Ergebnissen verglich die zweite Veröffentlichung N=303 pädagogische Fachkräfte aus Ost- und Westdeutschland hinsichtlich ihrer Einstellungen zu Eintritt und Umfang außerfamiliärer Betreuung im Bereich Kinder unter drei Jahren (U3-Bereich). Fachkräfte aus ostdeutschen Bundesländern bevorzugten eine signifikant längere Betreuungsdauer im zweiten und dritten Lebensjahr. Hinsichtlich des Eintrittsalters und der Betreuungsdauer im ersten Lebensjahr zeigten sich keine regionalen Unterschiede.
Die Dissertation leistet eine Einordnung der Ergebnisse mit Blick auf das Zusammenspiel biografischer, gesellschaftlicher und politischer Gegebenheiten. Der Manteltext umfasst über die Inhalte der Veröffentlichungen hinaus interdisziplinäre Perspektiven aus der Psychologie und Soziologie und integriert zusätzliche Ergebnisse, die aufgrund von Beschränkungen des Seitenumfangs in den Veröffentlichungen nicht berücksichtigt wurden
Heterogenität und Differenzierung in der Gemeinschaftsschule – eine Perspektive von Lehrkräften
Ab dem Schuljahr 2015/2016 wurde eine dreijährige, längsschnittlich angelegte Interviewstudie mit Lehrkräften zum Begriffsverständnis von Heterogenität und Differenzierung im Unterricht der Gemeinschaftsschule durchgeführt.
Auf der Grundlage von 62 Interviews wurde das Verständnis von Heterogenität entlang verschiedener Heterogenitätsebenen untersucht: der Lernausgangslage in Bezug auf den Lernstand in Deutsch und Mathematik, der Intelligenz, des Anspruchs auf ein sonderpädagogisches Bildungsangebot sowie der Lern- und Leistungsmotivation. Innere Differenzierungsmaßnahmen stellen eine mögliche Reaktion auf diese Heterogenität dar. In diesem Zusammenhang wurde das Datenmaterial hinsichtlich der im Unterricht eingesetzten Differenzierungsmaßnahmen der Lehrkräfte analysiert. Darüber hinaus wurden sowohl die Auswahlkriterien für diese Maßnahmen als auch deren evaluative Effekte untersucht. Ergänzend erfolgte eine Analyse aller Ergebnisse im Hinblick auf längsschnittliche Veränderungen.
Die Ergebnisse deuten auf ein umfassendes Begriffsverständnis von Heterogenität seitens der Lehrkräfte hin sowie auf deren Umgang mit dieser durch Differenzierungsmaßnahmen
Entscheidungsprozesse zur Gestaltung gesunder Kommunen aus der Perspektive der systematischen Interventionsplanung
Hintergrund und Ziel: Kommunen sind zentrale Lebenswelten für Gesundheitsförderung, da in gesunden Kommunen idealerweise gesundheitsförderliche Lebensbedingungen geschaffen und gesunde Verhaltensweisen der Bevölkerung gefördert werden. Die Gestaltung gesunder Kommunen hängt oftmals von Entscheidungen von Akteur:innen aus Kommunalpolitik und -verwaltung (sog. „Change Agents“) ab. Da Gesundheitsförderung jedoch eine freiwillige Aufgabe der Kommunen ist, müssen die Change Agents dafür sensibilisiert werden, diese häufiger zu priorisieren. Trotz der Bedeutung von Change Agents für gesunde Kommunen wurde bislang wenig zu den vorgelagerten politischen Prozessen und den Bedingungsfaktoren für Entscheidungen geforscht.
Ziel der Dissertation ist es daher, Entscheidungsprozesse, die zu Umweltveränderungen führen, aus der Perspektive der systematischen Interventionsplanung zu untersuchen. Drei Fragestellungen leiten die Arbeit: 1) Welche Rolle spielen Entscheidungsprozesse auf der Umweltebene und welche Bedeutung kommt Change Agents sowie ihrem Entscheidungsverhalten aus der Perspektive der systematischen Interventionsplanung zu?, 2) Welche (individuellen) Einflussfaktoren beeinflussen die Entscheidungen der Change Agents?, sowie 3) Mit welchen Erhebungsinstrumenten kann die kommunale Umwelt erfasst werden und inwiefern können die Ergebnisse aus solchen Erhebungen zur Sensibilisierung von Change Agents beitragen?
Methodik: Der Dissertation liegen unterschiedliche forschungsmethodische Zugänge zugrunde. Neben konzeptionellen Arbeiten bzw. Projektbeschreibungen (Publikationen 1 und 2 zu Fragestellung 1) wurden qualitative und quantitative Forschungsmethoden (Publikation 3 und 4 zu Fragestellung 2) eingesetzt sowie eine Übersichtsarbeit (Publikation 5 zu Fragestellung 3) durchgeführt.
Ergebnisse: In Publikation 1 wird die systematische Planung und Umsetzung kommunaler Bewegungsförderung unter Berücksichtigung der Entscheidungsprozesse skizziert. Publikation 2 stellt EUBeKo als Beispielprojekt für verhältnisorientierte kommunale Gesundheits- und Bewegungsförderung vor. In Publikation 3 werden 23 Einflussfaktoren auf das Entscheidungsverhalten der kommunalen Change Agents identifiziert und ein Modell des Entscheidungsverhaltens entwickelt. In Publikation 4 werden die sieben individuellen Einflussfaktoren detailliert analysiert. Publikation 5 stellt zwölf vielversprechende Erhebungstools zur Erfassung der kommunalen Umwelt am Beispiel der Bewegungsumwelt älterer Menschen dar.
Schlussfolgerungen: Die Dissertation zeigt auf, wie Umweltveränderungen in Kommunen geplant und umgesetzt werden können, und fokussiert als eine der ersten Arbeiten Change Agents aus Kommunalpolitik und -verwaltung im Kontext der Gesundheitsförderung. Sie schafft ein grundlegendes Verständnis für Entscheidungsprozesse und das Entscheidungsverhalten der Change Agents. Die Ergebnisse verdeutlichen die Notwendigkeit einer tieferen Auseinandersetzung mit
kommunalpolitischen Prozessen, um verhältnisorientierte kommunale Gesundheitsförderung erfolgreich umzusetzen. Es besteht weiterer Forschungsbedarf u. a. dazu, welche Strategien eingesetzt werden können, um Entscheidungen der Change Agents zugunsten der Gesundheitsförderung zu beeinflussen
Gesund und sicher durch den Sommer - Konzept für eine Veranstaltung zum Thema Hitzeschutz bei Senior:innen
Der vorliegende Beitrag beinhaltet ein Konzept für die Durchführung einer Veranstaltung zum Thema Hitzeschutz bei Senior:innen mit dem Namen „Gesund und sicher durch den Sommer“ wurde aus Mitteln des Projekts Transfer Together des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) von der Abteilung Prävention und Gesundheitsförderung der Pädagogischen Hochschule Heidelberg entwickelt.
Ziel dieses Konzepts ist es, jeder Person - egal ob fachfremd oder Expert:in - die Möglichkeit zu bieten, eine etwa zweistündige Veranstaltung zum Thema Hitzeschutz für und mit Senior:innen durchführen zu können. Durch die Veranstaltung sollen die teilnehmenden Senior:innen die gesundheitlichen Folgen von Hitze kennenlernen und Tipps erhalten, wie sie sowohl an heißen Tagen als auch vorbeugend gut für ihre Gesundheit sorgen können.
Die Präsentationsfolien zur Veranstaltung sind im PDF-Format beigefügt. Die PowerPoint-Version erhalten Sie auf Anfrage bei den Autor:innen unter [email protected]
Erlebnispädagogik in der Ausbildung von Sonderpädagog*innen : eine interviewbasierte Bestands-, Bedarfs-, Bedürfnisanalyse bezogen auf die Erlebnispädagogik im Rahmen der Ausbildung von Sonderpädagog*innen
Erlebnispädagogische Ansätze gewinnen in der sonderpädagogischen Praxis zunehmend an Bedeutung, da sie zentrale Entwicklungsprozesse wie die Förderung sozialer Kompetenzen, die Persönlichkeitsentwicklung sowie die aktive Teilhabe von Schüler*innen mit Förderbedarf am schulischen und sozialen Leben wirkungsvoll unterstützen können (Hildmann, 2009; Kinne & Theunissen, 2013; Michl, 2021). Doch inwiefern werden sonderpädagogische Lehrkräfte in ihrer Ausbildung tatsächlich auf die Durchführung erlebnispädagogischer Lernprozesse vorbereitet?
Diese Masterarbeit untersucht, inwieweit erlebnispädagogische Inhalte gegenwärtig in der sonderpädagogischen Lehrkräfteausbildung in Baden-Württemberg verankert sind, welcher Bedarf aus Sicht schulischer Akteur*innen besteht und welche konkreten Bedürfnisse berufstätige Sonderpädagog*innen an eine erlebnispädagogische Ausbildung formulieren.
Die Studie basiert auf einer dokumentenanalytischen Auswertung der Modulhandbücher jener Hochschulen des Landes mit sonderpädagogischem Studienangebot sowie auf leitfadengestützten Expert*inneninterviews mit im Schuldienst tätigen Sonderpädagog*innen der sieben verschiedenen Fachrichtungen (n=7). Ziel ist es, neben einer Bestandsaufnahme auch praxisgeleitete Impulse für eine zukunftsorientierte Weiterentwicklung der sonderpädagogischen Lehrer*innenbildung zu entwickeln.
Die Ergebnisse zeigen eine deutliche Diskrepanz zwischen dem geringen curricularen Stellenwert erlebnispädagogischer Inhalte in der Hochschulausbildung und ihrem hohen praktischen Nutzen im schulischen Alltag. Die befragten Lehrkräfte formulieren klare Anforderungen an eine zukunftsgerichtete erlebnispädagogische Ausbildung: praxisnah, erfahrungsbasiert, reflexionsfördernd, methodisch vielfältig und mit spezifischen Bezügen zu unterschiedlichen Förderschwerpunkten.
Ausgehend von diesen Befunden leitet die Arbeit konkrete Empfehlungen zur Weiterentwicklung der sonderpädagogischen Lehrer*innenausbildung ab, um professionelles erlebnispädagogisches Handeln systematisch zu stärken und auf die vielfältigen Anforderungen des Schulalltags vorzubereiten
Entwicklung und Evaluierung eines bedürfnisorientierten Lernplans mit KI-Technologie für Migrant:innen und Flüchtlinge
Vor dem Hintergrund der zunehmenden Digitalisierung von Bildungsprozessen widmet sich diese Arbeit der zentralen Frage, wie e-Learning Programme gestaltet werden können, um die spezifischen Potenziale digitaler Lernumgebungen optimal ausschöpfen und die Effektivität von Lernprozessen in ihrer Gesamtheit steigern zu können. Das übergeordnete Ziel besteht darin, Gestaltungsprinzipien für e-Learning Kontexte aus verschiedenen theoretischen Konzepten zu identifizieren und diese exemplarisch an einem e-Learning Programm für Migrant:innen und Flüchtlinge zu evaluieren. Unter Berücksichtigung weit verbreiteter Prinzipien des Behaviorismus, Kognitivismus und Konstruktivismus sowie der Cognitive Load Theory und Cognitive Theory of Multimedia Learning wird diskutiert, inwieweit die zentralen Theoreme auf digitale Lernprogramme übertragbar oder welche Anpassungen für eine effektive Integration notwendig sind. Ausführlich behandelt wird die zentrale Forderung, Lerninhalte an die individuellen Bedürfnisse und kognitiven Kapazitäten anzupassen, um nachhaltige Lernerfolge im digitalen Zeitalter zu schaffen – unabhängig von Kontext, Zielgruppe und technischer Ausstattung. Entscheidend ist, dass digitale Werkzeuge nicht nur als Mittel zum Zweck genutzt, sondern gezielt zur Förderung von Kompetenzen eingesetzt werden. Eine kontinuierliche kritische Reflexion, ob der Einsatz von Technologien tatsächlich einen Mehrwert für den Lernprozess der Lernenden schafft, ist dabei unabdingbar. Ebenfalls wird der Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) kritisch beleuchtet und das Potenzial sowie die Risiken für e-Learning Programme werden diskutiert. Dabei wird auf Expert:innen- Interviews Bezug genommen, die sich umfassend mit den Themen rund um e-Learning, KI und deren Auswirkungen auf Lernprozesse befassen. Im Hinblick auf die Zielgruppe von Migrant:innen und Flüchtlingen wird vor dem Hintergrund aktueller Zahlen und Fakten untersucht, inwiefern e-Learning Programme überhaupt ein sinnvolles Instrument für Bildungs- und Integrationsprozesse dieser Personengruppe darstellen.
Die finalen Ergebnisse zeigen, dass e-Learning viel mehr als nur Lernen mithilfe digitaler Medien ist und je nach Kontext unterschiedlich aufbereitet werden muss. Grundsätzlich lassen sich (digitale) Lernformate zwischen informellen und formalen sowie zwischen geleiteten (z. B. Massive Open Online Courses oder Webinare) und selbstgesteuerten Strukturen (z. B. Podcasts oder Foren) unterscheiden. Aufgrund des Untersuchungsgegenstandes wurden konkrete Gestaltungskomponenten für den informellen Lernkontext mit Fokus auf arbeitssuchenden Erwachsenen ausformuliert. Besonders für angeleitete Lernprogramme sind folgende Elemente von großer Bedeutung: Eine strukturierte und authentische Lernumgebung, interaktive Komponenten, der Einsatz von Multimedia, Möglichkeiten zur Reflexion sowie die kollaborative Nutzung dezentraler Wissensressourcen. KI kann in diesem Zusammenhang effektiv eingesetzt werden, um personalisierte Lernpfade zu erstellen, die auf die Bedarfe der Individuen angepasst sind. Das e-Learning Programm e-VELP zeigt exemplarisch auf, wie sich KI-Technologie einsetzen lässt, um bedürfnisorientierte Lernpläne für Migrant:innen und Flüchtlinge zu erstellen.In the context of growing digitalization of educational processes, this thesis addresses the central question of how e-Learning programs can be designed to optimally leverage the potential of digital learning environments and increase the overall effectiveness of learning processes. The overarching goal is to identify design principles for e-Learning contexts from various theoretical concepts and test their practical application by a critical examination of an e-Learning program for migrants and refugees. After introducing widely accepted learning principles such as Behaviorism, Cognitivism, and Constructivism, as well as Cognitive Load Theory and Cognitive Theory of Multimedia Learning, the thesis then discusses the extent to which these central theorems are transferable to digital learning programs, or which adjustments are necessary for an effective integration. The thesis also focuses on the central demand to adapt learning content to individual needs and their cognitive capacities to create sustainable learning outcomes in the digital age regardless of context, target group, and technical resources. Therefore, digital tools should not just be used to achieve goals but should also be used intentionally to build skills and regularly reviewed to ensure they truly benefit the learner’s education. The role of Artificial Intelligence (AI) is also critically examined, discussing both the potential benefits and risks of e-Learning programs. This includes expert interviews that provide comprehensive insights into e-Learning, AI, and their impact on learning processes. The study investigates, based on current data and insights, the extent to which e-Learning programs represent a meaningful tool for educational and integration processes, which is particularly important for the study group of migrants and refugees.
The results show: e-Learning is much more than just learning through digital media and needs to be adapted depending on the learning format. In general, a distinction can be made between informal and formal structures, as well as between guided (e.g. Massive Open Online Courses or webinars) and self-directed setups (e.g. podcasts or forums). The following design elements are of great importance, in particular for guided learning programs: A structured and authentic learning environment, interactive components, the use of multimedia, opportunities for reflection, and the collaborative use of decentralized knowledge resources. In this context, AI can be effectively used to create personalized learning paths tailored to individual needs. The e-Learning program e-VELP exemplifies how AI technology can be leveraged to develop need- based learning plans for migrants and refugees. This is particularly important as the program is set up in an informal learning context which required the development of specific design components