GenderOpen - Repositorium für die Geschlechterforschung
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Über das Verhältnis von utopischen Vorgriffen und realen Eingriffen : Ein Kommentar zum widersprüchlichen Erbe sozialistischer Feminismen für die Gegenwart
Ausgehend von dem Sammelband "Die Neuordnung der Küchen. Materialistisch-feministische Entwürfe eines besseren Zusammenlebens" (2023) des Kollektivs kitchen politics diskutiert der Beitrag die vermehrte Bezugnahme auf sozialistische Texte und das widersprüchliche Erbe sozialistischer Utopien in der Gegenwart. Die Autor*innen interessiert vor allem die Herausforderung, vergangene utopische Vorgriffe und reale Eingriffe einzuordnen und ihre Nicht-Institutionalisierung, ihr Wieder-Abbrechen und ihr Vergessen politisch und geschichtsphilosophisch zu begreifen – oder zumindest die Ambivalenzen davon zu thematisieren: Geht es um ein Scheitern dieser Versuche, dessen Bedingungen verstanden werden müssen, um heutige Perspektiven eines besseren, eines solidarischen Zusammenlebens möglich zu machen? Oder geht es etwa darum „die Geschichte so zu erfassen, wie sie in dem Moment erlebt wurde, in dem sie stattfand, und dabei die messianischen oder utopischen Momente dieser verlorenen Schlachten und gescheiterter sozialer Veränderung einzufangen“ (kitchen politics 2023c, 89)? Und was bedeutet das für aktuelle Bezugnahmen
Being in labour – Gebären als Arbeit im gegenwärtigen Kapitalismus
Dieser Beitrag wendet einen marxistisch-feministischen Arbeitsbegriff auf die Tätigkeit des Gebärens an. Ziel ist es, aus einer gesellschaftstheoretischen Perspektive neue Erkenntnisse über die Organisation und die Praktiken des Gebärens in Gegenwartsgesellschaften zu generieren. Diese Perspektive führt zu drei zentralen Ergebnissen: (1) Sich verschlechternde Bedingungen für Gebärende, Hebammen und Gynäkolog*innen sowie sich verändernde Geburtspraktiken werden erklärbar, wenn Gebären als Teil der abgewerteten Reproduktionsarbeit im Kapitalismus identifiziert wird. (2) Über den Arbeitsbegriff können bezahlte und unbezahlte Geburten in ihren Wechselwirkungen untersucht werden. (3) Eine marxistischfeministische Perspektive auf Geburten macht widerständige Momente sichtbar und kann so einen Beitrag zu einer emanzipatorischen Gesellschaftstheorie leisten. Wir schlussfolgern, dass sich der Arbeitsbegriff aus marxistischfeministischer Perspektive adäquat auf das Gebären anwenden lässt und dadurch zum einen neue gesellschaftstheoretische Erkenntnisse sichtbar werden, zum anderen das Verständnis von Prozessen rund um die Geburt vertieft wird
Migration und Geschlecht. Eine Reflexion über die paradigmatischen Grundlagen gendersensibler Migrationsforschung
Der Beitrag bietet einen Überblick über soziologische und sozialwissenschaftliche Ansätze der gegenwärtigen Forschungslandschaft im Feld Migration und Geschlecht. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben, zeichnet er profilbildende Debatten der gendersensiblen Migrationsforschung nach und legt Wechselbezüge zwischen Geschlechter- und Migrationsforschung offen. Zunächst werden die historischen Ursprünge der gendersensiblen Migrationsforschung insbesondere im Hinblick auf die sozialwissenschaftliche Forschung zum europäischen Kontext skizziert und grundlegende Impulse aus der Geschlechterforschung diskutiert. In einem zweiten Schritt werden exemplarisch entlang verschiedener Forschungsansätze, dem Doing-Migration-Ansatz, Queer Diaspora Studies sowie Geschlecht im Kontext von citizenship und Postkolonialen Studien, einige der zentralen Leitlinien der aktuellen gendersensiblen Migrationsforschung vorgestellt. Schließlich werden einige der künftigen Herausforderungen für eine gendersensible Migrationsforschung diskutiert, zu denen etwa die De-Naturalisierung der Forschungsgegenstände, ihre gesellschaftstheoretische Einbettung sowie die Reflexion vielfältiger Positionalitäten gehören
‘No woman’s land’: A study of women’s land rights in context of neoliberal dispossession and gender relations in India
Given the complex web of socio-cultural factors, intersectional features of gender identity and the recent trajectories of a lack of land resources, the rise of alternative gainful employment, and a feminization of agriculture, this paper investigates whether land rights are the ultimate panacea for women’s autonomy. Land can be a source of women’s empowerment albeit the patriarchal Indian society restricts women’s right to property. Women in India are not a homogenous category. They are defined by their intersectional identities of caste, class, ethnicity, stages in their life course and subjectivities regarding demands for land. A more nuanced approach to women’s land rights is proposed in view of the agrarian crisis, restricted social validity of women’s land claims and other factors. Research has been conducted including an analysis of various feminist and intersectional debates concerning land rights in India, government reports, legal judgements, and religious text, among others
Zwischen Provokation und Repression – gesundheitliche Selbsthilfe im Schatten von Erinnerungskultur
Dieser Beitrag greift Missverständnisse gegenüber der Frauengesundheitsbewegung innerhalb von Erinnerungskultur auf. Ziele von gynäkologischer Selbstuntersuchung (Self-Help) scheinen im feministischen Diskurs, aber auch in der Geschlechterforschung jüngerer Zeit als unpolitische Übung gesundheitlicher Selbstbildung fehlgedeutet zu werden. Um dies als geschichtliches Missverständnis zu markieren, erscheint es vielversprechend, historische Dokumente der Neuen Frauenbewegung mit späteren aktivistischen Zeugnissen zu verbinden. In einem derartigen Fokus wird es möglich, Hinweise auf politische Gehalte in feministischen Publikationen retrospektiv zu entziffern. Aspekte menstrueller Extraktion, die jene Praktik als Ersttrimester-Abtreibungen – und somit als strafrechtlich untersagte Handlungen – nachvollziehbar machen würden, sind besonders in den frühen Jahren der Neuen Frauenbewegung von Aktivistinnen in schriftlichen Dokumenten dezidiert ausgelassen worden. Das Wissen zu dieser Technik als feministischer Selbsthilfeansatz, um frühe Schwangerschaften abzubrechen, wurde in Selbsthilfe-Workshops geteilt und der vorliegende Beitrag zeigt, wie es sich international jenseits von Publikationen in der Vertraulichkeit feministischer Netzwerke verbreiten konnte. Gynäkologische Selbsthilfe wird dabei als politische Aktionsform verdeutlicht, um zu fragen, ob feministische Erinnerungskultur dieses Politikum durch eine verengte eigene Perspektive aus dem Blick verloren hat
The influence of grammatical gender on the conceptualization of the world: A systematic literature review
Many recent studies on grammatical gender and linguistic relativity overlook the neuter, simplifying the issue to a binary gender system. This study critically and systematically reviews research from the past decade, following the PRISMA protocol. The findings reveal a significant downward trend in the number of studies conducted over the past four years and a bias toward German and English. Additionally, languages with threegender systems are often inaccurately represented by excluding the neuter, limiting generalizability. These implications affect both research on linguistic relativity and genderrelated disciplines. The lack of attention to neuter gender and the recent reduction in the number of studies raise concerns about the comprehensiveness of current research approaches and highlight the need for more inclusive and refined methodologies moving forward
Die Pflicht, up-to-date zu sein. Adressierungen (werdender) Eltern durch Schwangerschafts- und Erziehungsapps
Software-Apps sind inzwischen zentraler Bestandteil des alltäglichen Lebens. Vor dem Hintergrund dieser umfassenden Digitalisierung des Sozialen fragt der Beitrag danach, welche Selbstverhältnisse und generationalen Beziehungen durch Erziehungs- und Schwangerschaftsapps konstruiert und adressiert werden, welche normierenden Effekte diese Apps haben und welche Themen ausgeklammert werden. Der Beitrag beruht auf einer qualitativen Analyse von 55 Inhaltsbeschreibungen von Schwangerschafts- und Erziehungsapps aus App-Stores. Wir zeigen, dass neben hetero- und geschlechternormativen Adressierungen Schwangere und Eltern als vorausschauende Subjekte adressiert werden, die im Sinne einer antizipatorischen Risikologik insbesondere mit einem Regime des Upto- Date- bzw. Alert-sein-Müssens und einer ‚Pflicht zum Wissen‘ konfrontiert sind. Der Handlungsdruck, der auf diese Weise erzeugt wird, geht zugleich mit dem Versprechen einher, diese Aufgaben an die App abgeben zu können
Fachdidaktische Verortungen und ein exemplarisches Lehr- und Lernsetting
In dem Beitrag werden Möglichkeiten für eine intersektionale Ausrichtung der Fachdidaktik Biologie erörtert. Zunächst wird der Status quo betrachtet, schlaglichtartig werden aktuelle Entwicklungen in der Fachwissenschaft Biologie sowie im Fachkanon der Biologiedidaktik beleuchtet. Anschließend wird der Frage nachgegangen, wie Themenstellungen von Diskriminierung und sozialen Ungerechtigkeiten kompetenzorientiert in die Fachspezifik implementiert werden können. Konkretisiert wird dies exemplarisch anhand eines didaktischen Lehr- und Lernsettings zum humanbiologischen Thema Menstruation
: Wie Interventionsseminare die Beliefs von angehenden Deutschlehrkräften verändern
Beliefs, die durch verschiedene Faktoren determiniert sind, haben Auswirkungen auf das professionelle Handeln einer Lehrkraft. Während Studien zu Beliefs von Lehrkräften zu einzelnen Heterogenitätsfacetten vorliegen, stellen intersektionale Betrachtungen weiterhin ein Desiderat dar. Der Beitrag zeigt anhand qualitativer und quantitativer Daten, dass intersektional ausgerichtete diversitätssensibilisierende Interventionsseminare und Schulpraxiserfahrung in der universitären Lehre positive Auswirkungen auf die Beliefs angehender Lehrkräfte haben, die auf Masterniveau Deutsch für das Lehramt an Gymnasien studieren. Insbesondere nicht oder wenig religiöse Studierende, die ein mehrsprachiges Umfeld besitzen, zeigen positive(re) Einstellungen zu Mehrsprachigkeit, interkultureller Bildung und sexueller Vielfalt. Die Daten zeigen aber auch, dass Interventionsseminare auf die bei den Studierenden tief verankerten rassistischen Wissensbestände und Einstellungen in der kurzfristigen Frist keine Effekte haben, dieses Faktum aber deren Einstellungen zu Weltoffenheit, Toleranz und Akzeptanz nicht behindert
Von Seesternen und Sexspielen – Lustformen in queerer Pornografie
Sexualität ist voller ambivalenter Kräfte. Als Diskurs sexueller Begegnungen transformiert queere Pornografie kulturelle Vorstellungen von Sexualität. In diesem Beitrag untersuche ich das Potenzial der inszenierten Lust als kollektive Praxis und Kritik an der binären sexuellen Ordnung und Orientierung sowie an normativen Körperbildern. Folglich analysiere ich zwei queere Pornofilme explorativ und diskutiere dabei die dargestellten (Un-)Möglichkeiten einer lustvollen Sexualität. Wie werden marginalisierte Körper inszeniert? Wie unterlaufen die Bilder die binäre, hetero- und homonormative Geschlechterund Sexualordnung und erweitern dadurch das Wissen? Aus meiner Analyse geht hervor, dass in den Pornos Sexualität jenseits von binären Körpern und Lüsten imaginiert und Geschlecht als Quelle der Erregung am Set und im Kinosaal infrage gestellt werden. Sexualität wird als Körperpraxis inszeniert und mittels sexueller Kommunikation sowie einem vielfältigen Spektrum erogener Körperzonen und nichtnormativer Fantasien neu definiert. Darin liegt meines Erachtens ein aufklärerisches, subversives und affektives Potenzial