GenderOpen - Repositorium für die Geschlechterforschung
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„Einige, die wenig von der Geschichte wissen …“ Lucrezia Marinellas La Nobiltà (1600/1601) – Frauengeschichte als Gegengeschichte
Dieser Beitrag behandelt Lucrezia Marinellas (1571–1653) – für ihre Zeit bemerkenswerte – Problematisierung der Unsichtbarmachung von weiblichen Leistungen in der Geschichte bzw. der Geschichtsschreibung und deren soziale Folgen für die Frauen. Der Artikel bietet die Übersetzung einiger einschlägiger Passagen aus Lucrezia Marinellas Traktat La Nobiltà (1600/1601) ins Deutsche. Er diskutiert Marinellas Versuch, Frauen aktiv und widerständig in das Rekonstruktionsgeschehen der Geschichte einzuschreiben, als kritische Gegengeschichte, die das Ziel verfolgt, über die Re-Lektüre der Vergangenheit emanzipativ-transformativ auf die Gegenwart einzuwirken, in der sie entsteht. Marinellas Auseinandersetzung mit der Geschichte bzw. Geschichtsschreibung aus feministischer Perspektive will ein dem patriarchalen Kanon gegenüber kritisches und für die Frauen ermächtigendes Potenzial entfalten. Thematisiert werden Marinellas historiografisch-methodologische sowie ihre sozialphilosophischen Überlegungen zur (Un-)Sichtbarmachung von Frauen in der Geschichte
(Re-)Produktion, Dekonstruktion und Rekonstruktion am Beispiel literaturdidaktischer Überlegungen
Ausgehend davon, dass es lohnenswert sein könnte, im Kontext fachdidaktischer Überlegungen nicht ausnahmslos einzelne Differenzverhältnisse zu reflektieren, sondern auch deren komplexes Ineinanderwirken konsequent einzubeziehen, wird in diesem Beitrag zunächst danach gefragt, was sichtbar werden kann, wenn Fachdidaktik und Intersektionalität als miteinander verschränkt gedacht werden. Dabei wird auf das Konzept der Blickregime (Foucault 1973, hooks 2003, Said 1991, Haraway 1995) sowie aufbauend darauf auf das des Zu-Sehen-Gebens (Schade/Wenk 2011) und das des Vor-Stellens (Meyer 2016) eingegangen, da diese Konzepte vielversprechend für ein Nachdenken über intersektional informierte fachdidaktische Belange erscheinen. Anschließend wird anhand literaturdidaktischer Überlegungen zu einem Jugendroman (Schnellbächer/Öneren 2016) und einem Theaterstück (Erpulat/Hillje 2010) nachgezeichnet, inwiefern sich Momente der (Re-)Produktion, der Dekonstruktion und der Rekonstruktion für ein fachdidaktisches Nachdenken fruchtbar machen lassen und weshalb ein solches Nachdenken und damit schlussendlich auch eine intersektional informierte Fachdidaktik in derartigen Zusammenhängen virulent werdende Dilemmata nicht etwa ausblenden, sondern (auch im unterrichtlichen Geschehen) zum zentralen Gegenstand machen sollte (Simon 2021)
Empirische Intersektionalitätsforschung im Spannungsfeld zwischen Rekonstruktion, Dekonstruktion und Reproduktion von sozialen Ausschlüssen
Die Rezeption und Weiterführung des Intersektionalitätskonzepts erfährt gegenwärtig eine erhöhte wissenschaftliche Aufmerksamkeit, u.a. in den Sozialarbeitswissenschaften. Dennoch bleiben viele methodologische und forschungspraktische Fragen weiterhin offen. Eine intersektionale Perspektive weist auf die komplexen Bedingungen der Forschungspraxis hin, die auch im Zusammenhang mit den machtvollen Mechanismen der Reproduktion von einseitigen Zuschreibungen wie z.B. ,be-hindert‘ und ,migriert‘ bzw. ,geflüchtet‘ steht. Die essentialistische Konstruktion von gesellschaftlich marginalisierten Menschen als scheinbar homogene Untersuchungsgruppen rückt so gleich zu Beginn des Forschungsprozesses in den Fokus der notwendigen Reflexionsarbeit der Forschenden. In diesem Beitrag möchten wir Potenziale und zentrale Herausforderungen der Rekonstruktion von sozialen Ausschlüssen und der Dekonstruktion bestehender Kategorisierungspraxen aus unserer intersektionalen Forschungspraxis anhand von zwei aktuell laufenden Promotionsprojekten beleuchten, um zur empirischen Exploration und Weiterentwicklung der deutschsprachigen Intersektionalitätsforschung beizutragen
When good intentions aren’t enough: Intersectional invisibilities in academia and the decolonial turn
The decolonial turn resonates not only in gender studies but across the humanities and arts. While research and teaching increasingly align with decolonization and intersectional perspectives, we understand this as more than intellectual tasks, rather as a call for transformative action with tangible symbolic and material consequences. Taking into account transnational feminist discourses, this article explores what we can do in practice in an institutional context that fosters structures of coloniality and invisibilization of knowledge otherwise in academic knowledge production. Addressing this issue requires an understanding of marginalizing structures on a meta-level and keeping an eye on a less observed micro-level: our own part in the process of academic knowledge production, understanding these dynamics as part of a broader interconnected framework of decolonial actions that emphasizes communal responsibility and comprehensive partnerships
Mehr Professuren für Gender-MINT! Bestandsaufnahme, Perspektiven und Forderungen von Professor*innen in MINT-Gender Studies in Deutschland
Um den technologischen und gesellschaftlichen Herausforderungen der Gegenwart gerecht zu werden, bedürfen die MINT-Disziplinen dringend eines kritisch-reflexiven, diversitätssensiblen Korrektivs. Die vorliegende qualitative Studie liefert eine umfassende Bestandsaufnahme des Ist-Zustandes im Bereich Gender Studies in MINT und schlägt Maßnahmen für eine nachhaltige Integration von gender- und diversitätsrelevanten Inhalten in den MINT-Disziplinen vor. Sie identifiziert drei Desiderata: eine bessere Verankerung und Akzeptanz der Geschlechterforschung in MINT auf institutioneller Ebene, einen Stellenausbau für Professuren mit der Denomination Gender Studies in MINT und die Eröffnung langfristiger Perspektiven für Stelleninhaber*innen in diesem Bereich
Eine Reflexion von Formaten des Praxistransfers
Die Bedeutung der Vermittlung von Forschungsergebnissen in Politik und Praxis hat in den letzten Jahren vor dem Hintergrund der reflexiven Wende in vielen Disziplinen erheblich an Bedeutung gewonnen. Der Beitrag ordnet diese Entwicklung aus forschungsethischer und intersektionaler Perspektive ein und schlägt die intersektionale Mehrebenenanalyse nach Winker und Degele als einen Reflexionsrahmen für Transferformate vor. Anschließend werden drei konkrete Formate des Forschungstransfers mit diesem Analysezugang betrachtet und in ihrer Zielrichtung reflektiert: Fact Sheets/ Broschüren, Fokusgruppendiskussionen und Stadtspaziergänge zu lokalen Migrationsgeschichten. Der Beitrag schließt mit Gedanken zur besseren Einbindung und vertieften Reflexion von Transferformaten in wissenschaftliche Forschungsprojekte
Ein Weg zu neuen Fragenstellungen. Zur Operationalisierung von Geschlechtlichkeiten in der empirischen Sozialforschung
Der Beitrag ordnet methodenkritisch und geschlechtertheoretisch die jüngsten Entwicklungen bei der Konstruktion neuer Geschlechtsabfragen in der standardisierten empirischen Sozialforschung ein. Dabei wird festgestellt, dass geschlechtertheoretische Konzeptspezifikationen in der Regel fehlen. Um die Analysepotenziale für die Geschlechterforschung, welche in quantitativen Datenbasen ruhen, auszuschöpfen, sollte der Zweck der Erhebung von Geschlechtlichkeiten reflektiert und vor der Operationalisierung mehrdimensionale Konzeptspezifikationen im Einklang mit zeitgenössischen Theorien von Geschlechtlichkeiten erarbeitet werden. Zudem sind Reifizierungseffekte auch in standardisierten Forschungsprozessen zu analysieren. Dafür bedarf es aufgrund der fortschreitenden Etablierung neuer Items einer Intervention von Geschlechterforscher*innen
Rethinking Institutional Responses to Gender-Based Violence in Academia as Forms of Care in the Nordic Context
This article explores institutional responses to gender-based violence (GBV) in three Nordic higher education institutions (HEIs) through the concept of institutional care processes (Tronto 2013). The care framework provides insights into the challenges and opportunities in HEIs' efforts to address GBV. The article presents three detailed case studies conducted in 2022 on the implementation of anti-GBV policies and practices in HEIs in Finland, Iceland, and Sweden. By reframing institutional responses as forms of care, a gap in the care processes was identified. The care work was often driven by "driving-spirits" but lacked recognition, value, and structures for long-term capacity building. While HEIs fulfill their duty to care by identifying needs and assigning responsibility for meeting them, there was a lack of adequate working conditions in place to ensure sustainable care provision could be done
Doing Family under Difficult Conditions : Getrenntlebende und alleinerziehende Eltern in der Corona-Pandemie
In the Corona pandemic families were suffering a lot from restrictions. Schools and other institutional childcare were closed and many parents had to work from home. This was particularly challenging for single parents reconciling work and family life and we will focus on this group. In our qualitative longitudinal research project “Mothers and Fathers in the Corona Pandemic” we conducted three waves of interviews with 11–20 (partly single) fathers and mothers. Our leading question was “How did single parents manage the challenges of the pandemic?” Our analysis focuses on the role of ex-partners and further supporting networks. We see how the quality of these supporting structures can influence stress for single parents. We also analyse how stereotypes of fatherhood and motherhood influence the stress single parents faced and show that especially traditional concepts of motherhood could lead to a breakdown of their own health and emotional system
Orientierung an Empowerment und Powersharing als Konkretisierungsmöglichkeit intersektionaler Perspektiven in der (Offenen) Kinder- und Jugendarbeit
Analyse und Reflexion von Herrschaftsverhältnissen in Sozialer Arbeit sind zunehmend mit dem Ansatz der Intersektionalität verbunden. Im Beitrag wird untersucht, inwiefern intersektionale Perspektiven mit Blick auf Handlungsmöglichkeiten konkretisiert werden können. Dabei sind Empowerment und Powersharing im Feld der (Offenen) Kinder- und Jugendarbeit ausschlaggebend. Anhand von Expert*inneninterviews mit Fachkräften sowie einer theoretischen Untersuchung werden Rahmenbedingungen und Praxen systematisiert. So lassen sich Safer Spaces und eine Kombination aus Empowerment und Powersharing als Möglichkeit verstehen, Intersektionalität zu übersetzen. Gleichzeitig werden Widersprüche einer intersektionalen Veränderungsperspektive im Zusammenhang mit der kapitalistisch-nationalstaatlichen Rahmung sowie Normalisierungsfunktion Sozialer Arbeit deutlich